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Interpretationsskizze zu
Georg Trakl, Die schöne Stadt

In den 7 Strophen (jeweils 4 Verse, umarmender Reim, je 4 Trochäen) kommen sieben Örtlichkeiten der "schönen Stadt" (Salzburg, die Heimatstadt Trakls?) in den Blick:

1. Plätze (Buchen),
2. Kirchen,
3. Brunnen (Bäume),
4. Tore,
5. Kirchen-Stufen,
6. Gärten,
7. (Häuser/)Fenster.

Sie werden in den vier Strophen (II/III, IV, VII), in denen vor allem von Sichtbarem die Rede ist, jeweils im letzten Takt des 1. und 4. Verses genannt (so daß sich rührende Reime ergeben). In den Strophen, die von Hörbarem bzw. Nicht-Hörbarem reden (V/VI, I), sind die Benennungen der Örtlichkeiten im Stropheninneren versteckt (die rührenden Reime sind hier dem Schweigen, den Klängen und dem Singen gewidmet).

Es deutet sich ein symmetrischer Gedichtaufbau an: Die mittlere Strophe wird dadurch markiert, daß Mädchen "an den Toren" aus der Stadt hinausschauen ("ins farbige Leben") und auf von draußen Kommendes warten, während alle anderen Vorgänge "innerstädtisch" sind, in Str. II/III (Kirchen/Brunnen) im visuellen Bereich, in Str. V/VI (Kirchen/ Gärten) im akustischen.

Str. I nimmt eine Sonderstellung ein: sie beschäftigt sich mit "Schweigen" (der Plätze und Buchen), das sichtbar ist ("sonnig": Synästhesie!). Zugleich wird, neben Sehen und Hören, durch die "Schwüle" der Buchen ein weiterer Wahrnehmungssinn angesprochen - wie auch in der letzten Strophe, wo vom "Duft von Weihrauch, Teer und Flieder" die Rede ist. Die Sonderstellung der letzten Strophe ergibt sich auch dadurch, daß hier (hinter den "Blumen an den Fenstern") irgendwelche (mögliche) Betrachter der Stadtbilder aufzutreten scheinen, die allerdings mit "silbern flimmernden" "müden Lidern" diese Rolle nicht ausfüllen können.

Im übrigen fehlt im Text ein ruhender Betrachter, der die flüchtig wechselnden Bilder zusammenzuhalten vermöchte. Die Ordnung der Dinge im Gedicht ist weder in der Orientierung an festen Gegebenheiten der Außenwelt noch in einem erkennbaren inneren Fluchtpunkt begründet, sondern lediglich in ihrer poetischen Anordnung.

Diese poetische Anordnung zeigt nun bei näherem Hinsehen eine fast völlig aus den Fugen geratene Welt:

- Die Grenzen zwischen Mensch und Welt verschwimmen, und zwar dadurch, daß einerseits die Personen depersonalisiert sind ("Marschtakt hallt", "Instrumente singen", die "Lider flimmern" und die "Lippen beben") und andererseits die Dinge personalisiert ("des Todes reine Bilder" schauen wie die Mädchen, Standbild-Rösser "tauchen auf", "Blütenkrallen drohn", "Instrumente singen" wie die "jungen Mütter", die Plätze und Buchen "schweigen").

- Ein fester Wertungsstandpunkt existiert nicht: Auch die Grenzen zwischen positiv und negativ konnotierten, den hellen und den dunklen Charakterisierungen der Menschen und Dinge verschwimmen ("sonnig - tief", "Blau und Gold", "braun erhellt", "Tod - rein, groß, schön", "scheu - farbig", "hell, schön, jung - leise", "heimlich - blumig", "Weihrauch, Teer und Flieder", "silbern - müde"). Auf diese Weise bildet sich ein in sich widersprüchliches oder aber als indifferent anzusehendes Geflecht von Merkmalzuschreibungen.

- Die Menschen, von denen die Rede ist, sind offensichtlich von einer heillosen Unsicherheit und Ruhelosigkeit getrieben und aus dem Gleis ihrer traditionellen Rollen geworfen. Die Nonnen, "versponnen" und "traumhaft" durchaus in Übereinstimmung mit der Tradition, "hasten" nervös vorbei oder hin und her. Die "Knaben" spielen zwar, wie seit Jahrhunderten üblich, aber "wirr von Träumen". Mit ihren "bebenden feuchten Lippen" entsprechen die traditionell "scheuen" Mädchen den hastenden Nonnen und wirren Knaben, ebenso die "flimmernden Lider" - wessen? Die mit Kirchen (II/V) und mit Musik (V/VI) zusammenhängenden Vorgänge (v.a. in VI) nehmen weniger deutlich an der allgemeinen Unruhe teil (im "zitternden Flattern" und im "Schwirren").

- Trakls späteres Thema "Verfall" scheint nur andeutungsweie in den ersten drei Strophen und in der letzten Strophe durch (in den Motiven des Traums, des Schweigens, der Müdigkeit).

- Das, was alle Einzelheiten in der "schönen Stadt" miteinander verbindet, ist eine schwüle, bedrohliche, angsterregende Atmosphäre und die langsam-schwerfällig-schwermütige, auch leicht eintönige (ohne Ausnahme!) trochäische Musik der Zweisilbenwörter mit ihren allgegenwärtigen starken Assonanzen und zahlreichen Alliterationen (z.B. "-onn-", "schw-", "gro- - Kro-", "-aun", "-aben", "-ittern - -attern").

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