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Liebe
Kolleginnen und Kollegen,
im
Heft 44 (1997) der "Mitteilungen des Deutschen
Germanistenverbandes", das sich mit dem Stand der
"Medienwissenschaft"
und der "Medienerziehung" beschäftigt1,
findet sich ein interessanter mediendidaktischer Aufsatz von Wolfgang
Zacharias (Kulturrat im Kulturreferat der Stadt
München),
der sich mehrfach auch in verschiedenen Veröffentlichungen zu
kunst-
und kulturpädagogischen Fragen geäußert hat. Zacharias
stellt fest:
"Es
geht [heute
in unserem Alltag, in unserer Lebenswelt,] wohl
nicht mehr hierarchisch [zu]: hier die erste, primäre
Wirklichkeit
und dort die sekundäre oder zweite, mediale Wirklichkeit. Es geht
um unterschiedliche Wirklichkeiten, die in [ihrer] Summe [unsere]
Lebenswelt
mehr oder weniger subjektiv konstituieren" - "subjektiv" soll
heißen:
in jeweils biographisch-individueller "Mischpraxis".
Der
Autor greift in
diesem Zusammenhang ein Begriffspaar der kulturtheoretischen
Diskussion der letzten Jahre auf, die "Doppelfigur" "Oikos und
Cyberworld".
Zu "Oikos" wird als Merkmalensemble assoziiert "natürlich,
gefühlvoll,
sinnlich, materiell, einmalig, körperlich, stofflich, live" - das
ist, wie wir bemerken, eine v.a. aus der Generation der Jugendlichen
stammende
Interpretation der Alltagswelt: mit ihrer deutlichen Betonung des
sinnlichen
und des Erlebnis-Aspekts ist das die Skizze einer Gegenwelt zur
einerseits
strikt funktional konzipierten, andererseits immer
unübersichtlicher
werdenden Welt der Gegenwart. Zu "Cyberworld" wird assoziiert:
"virtuell,
digital, multimedial, elektronisch, fiktiv, technologisch, telematisch,
cool". Die letzte, deutlich den Jugendlichen abgelauschte Kennzeichnung
- "cool" - verrät die Faszination, die von dieser "Techno-" und
"Tele"-Welt
ausgeht und die im Widerspruch zu stehen scheint zur Zukunftsangst und
-ungewissheit, die doch mit dieser Welt - zumindest auch - zu verbinden
ist.
Aus
dem
Nebeneinander der beiden unvereinbar scheinenden Ebenen der
Lebenswelt ergibt sich für Wolfgang Zacharias die Konsequenz,
"sich
auf die Suche nach einer zeitgemäßen kunst- und
kulturpädagogischen
Programmatik und Praxis zu machen, die den [...] prognostizierten
'Wandel
der Wirklichkeiten' akzeptiert und einbezieht". Er sieht es als die
"Aufgabe
kulturell-ästhetischer Bildung" an, "neue Balancen zwischen
sinnlich-materiellen
und digital-virtuellen Erfahrungen", also zwischen "Oikos-" und
"Cyberworld"-Erfahrungen,
zu schaffen.
Ich
denke,
daß wir hier wesentliche Aufgaben auch des gegenwärtigen
und künftigen Deutschunterrichts vor uns haben. Und wir
praktizieren
ja schon seit einiger Zeit einen Deutschunterricht, der den
ganzheitlichen
"Oikos"-Aspekt berücksichtigt, indem wir uns den
produktionsorientierten,
handlungsbezogenen Unterricht als Selbstverständlichkeit zueigen
gemacht
haben. Nicht ganz so gut sieht es mit unserem Deutschunterricht aus,
sofern
er sich unbedingt und ohne Verzögerung auch der anderen komplexen
Aufgabe widmen sollte, die Schülerinnen und Schüler in der
virtuellen
Welt des WorldWideWeb und der elektronischen Kommunikation nicht allein
zu lassen, sich vielmehr selber in dieser Wirklichkeit zu bewegen, d.h.
sich darum zu bemühen, die vielfältigen Angebote und
Möglichkeiten
des Internet - in den Bereichen Sprache, Medien und Literatur - zu
nutzen
und sie mit der Lebenswirklichkeit der Schüler zu vermitteln.
(Dieser Satz galt im Jahr 1997, als der Vortrag vor Deutschlehrern
gehalten wurde - leider gilt er auch noch im Jahr 2006, trotz der
mittlerweile vielleicht zufriedenstellenden technischen Ausstattung der
Schulen in der Bundesrepublik und trotz des in den 9 Jahren seit 1997
immens angewachsenen didaktisch nutzbaren Angebots in den digitalen
Medien.)
Doch:
weder der
produktions- und handlungsorientierte noch der "telematische"
Deutschunterricht ist ja mein Thema, sondern etwas solchen neuen
Zielsetzungen
gegenüber durchaus konservativ, ja, scheinbar gegenläufig
Anmutendes.
Basis unseres Deutschunterrichts ist und bleibt doch, auch und gerade
in
der neuen Situation zwischen Cyberworld und sinnlichem Oikos, in Zeiten
zunehmender Erlebnisorientierung und Individualisierung,
- zum einen eine schlichte Tatsache, die
Tatsache, dass wir im Unterricht
- in unterschiedlichen Rollen - als 15, 20 oder 30 Menschen, also als
eine
Gruppe, zusammenkommen und zusammen sind,
- und zum anderen die sich aus dieser
Tatsache ergebende Notwendigkeit,
dass
wir uns in diesem Kreis um wechselseitige Verständigung
bemühen,
und das heißt: um gemeinsames, aber nicht über einen Kamm zu
scherendes Verstehen.
Das
hermeneutische Geschäft bleibt uns erhalten, aber es wird
komplexer
und schwieriger, und zwar deshalb, weil es heute um das geht, was Jürgen
Habermas im
Titel eines seiner letzten Bücher "Die Einbeziehung
des Anderen"
genannt hat. Die Bemühung um die vielfältig
Anderen im Unterricht wird uns und unsere pädagogischen
Fähigkeiten
in der verstärkt multikulturellen Gesellschaft der Zukunft noch
mehr
herausfordern als bereits heute, und das erfordert didaktische und
methodische
Konsequenzen, die bisher, wie ich meine, noch nicht genügend
reflektiert
sind. Damit komme ich zu meinem Thema: Verstehen und Verständigung
im Gespräch im Rahmen einer Gruppe individueller, sehr
unterschiedlicher
Schüler ist meiner Meinung nach nur möglich, wenn
"Gespräch"
nicht "Geschwätz" heißt, obwohl gerade heute angesichts der
plural zusammengesetzten Schülerschaft die Versuchung zur
Beliebigkeit
bloßen Meinungsaustauschs besonders nahe liegt. "Hauptsache,
möglichst
viele sind dran gewesen!" Nein, "möglichst viele" -
natürlich,
aber "dran gewesen" - das reicht nicht aus! Stattdessen muss es im
Unterricht
zu spannenden Auseinandersetzungen kommen, nicht nur, weil wir als
Lehrer
uns freuen, wenn der Unterricht spannend wird, sondern weil
Auseinandersetzungen
von der Ausgangssituation her unumgänglich sind. Dabei ist uns
unsere
gute alte Konsensorientierung im Weg, vor allem weil es wirklich - Hand
aufs Herz - sehr selten vorgekommen ist, dass der zustandegekommene
Konsens
nicht auf unserer Linie lag, sondern auf der irgendeines Schülers,
einer Schülerin, deren Problemlösung der Gruppe plausibler
erschien
als unsere eigene, zu Hause fleißig vorbereitete. Wir brauchen
Streit
- nun wirklich nicht manifest, sondern im Rahmen einer ausgebildeten,
auszubildenden Streitkultur und
mit
Hilfe eines ausgebildeten, auszubildenden begrifflichen
Instrumentariums, das uns und unsere
Schüler in die Lage versetzt,
sowohl klar und präzis zu benennen, worum es jedem in der Sache
geht,
als auch die individuellen Verständnisnuancen zum Ausdruck zu
bringen,
so dass insgesamt ein differenziertes
Bild der Pluralität der Meinungen
in der Schülergruppe - samt
Lehrer/Lehrerin - entsteht.
Ich
habe manchmal
den Eindruck, als richteten wir uns bei unseren literarischen
Verständnisbemühungen im Unterricht noch immer, mehr oder
weniger
bewusst, nach dem literaturwissenschaftlichen Modell, das Emil Staiger
vor immerhin knapp 60 Jahren, 1939, formuliert hat, als er in der
Einleitung
zu "Die Zeit als Einbildungskraft des Dichters" schrieb: "dass wir
begreifen,
was uns ergreift, das ist das eigentliche Ziel aller
Literaturwissenschaft".
Dass es möglich ist, mit dieser Devise zu bedeutenden Ergebnissen
zu kommen, hat in der Wissenschaft z.B. Emil Staiger selbst bewiesen,
und
im Unterricht, auf entsprechend reduziertem Niveau, gelangen auf diesem
Weg, z.T. abhängig von den mäeutischen Künsten des
Lehrers/der
Lehrerin, immerhin / manchmal / die besten unserer Schülerinnen
und
Schüler / zu luziden Einsichten. Es kann uns aber gar nicht um die
Initiation des Verstehensvorgangs durch irgendein Ergriffenwerden
gehen,
vor allem deshalb nicht, weil für die meisten unserer Schüler
der erste Leseeindruck der der Befremdlichkeit der Texte ist und das
Befremdetsein
in einer Schülergruppe von ca. 20 Schülerinnen und
Schülern
in bis zu 20 Varianten auftreten kann. Wir sollten darin die Chance
sehen,
möglichst alle Varianten ins Spiel zu bringen, ihre Verbalisierung
und darin ihre Klärung zu fördern.
Im
Rahmen dieser
Zielsetzung stellt sich dann die Frage:
Welche
Methode,
welches Instrumentarium,
welche Terminologie
hilft mir und meinen Schülerinnen und
Schülern,
individuelle und damit divergente Ergebnisse, die
veranlasst durch
meine Aufgabenstellungen entstanden sind,
in ihrer Divergenz
und gleichzeitig fokussiert auf den gemeinsamen
Gegenstand des
Verstehens
(z.B. einen Text)
zu sammeln und zu bündeln?
Ich
denke, dass
dies auf der Basis der modernen Semiotik zu leisten
ist. Darum nun ein in 12 Punkten kurz gehaltener "Kurs in Semiotik"
- ich hoffe, dass meine Ausführungen trotz der Kürze
zumindest
andeuten können, welche Möglichkeiten in der Inanspruchnahme
der - gar nicht mehr so neuen - Essentials der Semiotik, der
Zeichentheorie,
liegen .
1Mitteilungen
des
Deutschen Germanistenverbandes, 44. Jg. H. März 1997 (Aisthesis
Verlag Bielefeld), S. 55 ff. Zurück zum Textbeginn
1.
Blicken
wir uns um:
Was nehmen wir mit unseren fünf Sinnen wahr?
Wir sehen eine Tafel, ein Stück Kreide, ein Fenster, ca. 20
Menschen,
draußen am Himmel eine Wolke, Sie hören meine Stimme usw.
Das
sind z.T. Naturdinge/Naturphänomene (die Wolke, in gewissem Sinne
auch die Stimme und die Menschen), z.T. instrumentelle Dinge, die also
für einen bestimmten Zweck geschaffen sind und so ihre Funktion
haben
(Tafel, Kreide, Fenster). Dieselben Entitäten kann ich aber auch
als Zeichen verstehen,
zwar im Zusammenhang mit ihrer natürlichen "Bestimmung" bzw.
instrumentellen
Verwendung, aber nicht in Abhängigkeit davon:
-
das geschlossene
Fenster als Zeichen für kühle Witterung,
- die Tafel als Zeichen für die Tatsache, dass es sich bei dem
Raum, in dem wir uns befinden, um einen Klassenraum handelt,
- die Kreide als Zeichen eines bestimmten Unterrichtsstils,
- von außen gesehen bzw. gehört: meine Stimme als Zeichen,
dass hier wohl ein Vortrag stattfindet,
- die Wolke als Zeichen dafür, dass ich in der Mittagspause beim
Gang zum Restaurant an meinen Schirm denken muss usw.
Im
Prinzip kann
alles ein Zeichen sein, dann nämlich, wenn
etwas für etwas anderes steht. In diesem Sinne sind Zeichen
Elemente
eines Designationsvorgangs: etwas wird durch etwas anderes
bezeichnet.
Außerdem gehört zu jedem Zeichen der Kommunikationsvorgang,
in dem mit dem einen das andere gemeint ist. So wird
die Tafel als Zeichen
für "Klassenraum" ja doch wohl nur z.B. im Rahmen eines Situationskontextes
stehen,
in dem die Frage nach dem Charakter dieses Raumes gestellt worden ist,
z.B. "In was für einem Raum befinden wir uns denn hier?"
Die
Konsequenz:
Wenn alles Zeichen sein kann, lässt sich "Welt"
als "Semiosphäre" verstehen - ein wichtiger Begriff der
modernen Kultursemiotik.
2.
Offensichtlich
gibt
es mehrere Klassen von Zeichen: Wenn wir die natürlichen
Zeichen einmal beiseitelassen, können wir bei den künstlichen
die Zeichen, die nur sekundär als solche
benutzt werden (Kreide,
Tafel,
Fenster), von denen unterscheiden, die ausdrücklich zum Zweck des
Designierens hergestellt oder bereitgestellt werden. Bei diesen
wiederum
unterscheidet man klassischerweise zwischen ikonischen, indiziellen und
symbolischen Zeichen:
2.1
Ein ikonisches
Zeichen, ein Bildzeichen verweist auf das
Designierte aufgrund einer Ähnlichkeit, allgemeiner: aufgrund
einer
Korrespondenz der Merkmale, vereinfachend gesagt: ein ikonisches
Zeichen
bildet das ab, was es meint - wobei i.a. unklar bleibt, was genau das
Gemeinte
ist. Bildzeichen werden deshalb als "schwache Zeichen" bezeichnet.
2.2
Beispiele
für Index-Zeichen, hinweisende Zeichen sind
z.B. der auf einen Gegenstand zeigende Finger, die die Windrichtung
anzeigende
Windfahne, natürlich die Verkehrszeichen und in gewisser Weise
auch
- im Rahmen der Sprache - die Demonstrativpronomina ("diese Tafel").
2.3 Symbolische
Zeichen sind willkürliche Zeichen, deren
Beziehung zum Gemeinten durch eine Regel festgelegt ist. Hierher
gehören
v.a. die sprachlichen Zeichen. Der Lautfolge bzw. Buchstabenfolge
T-a-f-e-l
hört oder sieht man nicht an, was sie bedeutet; sie bekommt ihre
Bedeutung
aufgrund ihres Stellenwerts im Rahmen eines mehr oder weniger
feststehenden Kodes bzw.
des gesamten Zeichensystems Sprache, noch anders akzentuiert: im Rahmen
ganz bestimmter Konventionen. Diese Konventionen bieten eine
weitgehende
Verlässlichkeit der Designation und Kommunikation, so dass
sprachliche
Zeichen als "starke Zeichen" gelten.
3.
Die
Konventionen
der Sprachzeichen regeln deren Bedeutung durch eine
tendenziell eindeutige Zuordnung von Zeichen und Bezeichnetem -
man hat sich in der Semiotik i.a. auf das Begriffspaar Signikant
und
Signifikat geeinigt. Das klassische zweistellige semiotische
Dreieck
(nach Saussure) sieht so aus:

Das
strukturalistische Zeichenkonzept im Anschluss an de Saussure kennt
zwar als drittes Element den Referenten, das Zeichenobjekt in
der
außersprachlichen Realität, aber der Signifikant steht
niemals
für einen Referenten, sondern immer nur für das Signifikat.
Der konkrete, jeweils singuläre Gegenstand in
einer bestimmten
Kommunikationssituation - z.B. diese Tafel - kann nichts an der grundsätzlich
vereinbarten Bedeutung des sprachlichen Zeichens "Tafel" ändern -
höchstens im Rahmen eines längerfristigen historischen
Prozesses.
Die Bedeutung eines Wortes wie "Tafel" gilt, wie gesagt, als durch
Vereinbarungen
geregeltes ideelles Konstrukt. Nicht irgendein jeweiliger Referent
gehört
zum Zeichen, sondern nur die grundsätzliche Tatsache der Referenz
auf
Wirkliches.
4.
Das
ist die strenge
Lehre der strukturalistischen Zeichentheorie, die
die Sprache statisch, fast überzeitlich als System betrachtet und
untersucht. Die neuere Semiotik, u.a. seit den bahnbrechenden
Darlegungen Umberto
Ecos, setzt an die Stelle des Referenten im semiotischen Dreieck
das
Element des Interpretanten -

und
mit diesem
Begriff, mit dem, was er meint und was sich mit ihm bewerkstelligen
lässt, wird die Semiotik für uns eigentlich erst interessant.
Was ist mit "Interpretant" gemeint?
Gemeint
ist: Jedes
Zeichen bekommt seine Bedeutung erst durch den Kontext oder Ko-Text
anderer Zeichen, die als Interpretanten fungieren. Nehmen
wir ein konstruiertes Beispiel, nachdem ich das Wort "Tafel"
bereits
zur Exemplifizierung herangezogen habe: Nehmen wir also an, wir hier in
einem Klassenraum denken bei "Tafel" im Augenblick wirklich an solche
Objekte
wie diese Wandtafel. Da hören wir von draußen, vom Pausenhof
her, aus einem Schülergespräch den Satz "Ja, die Tafel hat DM
1,20 gekostet." Wir werden da nicht auf die Idee kommen, es handele
sich
bei der gehörten Äußerung um erste Ansätze, die
teure
Medienausstattung der Schulen an den immer ärmlicher werdenden
kommunalen
Geldsäckel anzugleichen. Um zu verstehen, was da draußen
gemeint
war, werden wir - vielleicht nach anfänglichem Stutzen -
problemlos
den Kontext wechseln und von "Schule/Klassenraum/Medium Tafel" zu
"Schule/Pausenhof/statt
Pausenbrot Süßigkeitenverzehr/Tafel Schokolade"
überspringen.
Der jeweilige Situationskontext mit all seinen konkreten
Gegebenheiten
und Gegenständen "in praesentia" und unser "im Kopf" gespeicherten
Wissen darüber dienen als komplexer Interpretant bzw. als Interpretantenbündel
und determinieren
das Signifikat des Signifikanten "Tafel". Die Interpretanten,
selber
Zeichen, d.h. Signifikant und Signifikat, bilden kein System,
keinen
fest geordneten Code, vielmehr existieren sie in einem ständig
bewegten
Fluss kommunikativer, kultureller Handlungen, deren Spielregeln immer
neu
vereinbart werden müssen in dem unabschließbaren Prozess -
wie
die Semiotiker sagen - der Semiose, der Bedeutungszuschreibung,
des Aushandelns der Signifikate.
5.
Die
Bedeutung eines
Zeichens geht von seinen Interpretanten aus, d.h.
also, zugespitzt gesagt: Es gibt letztlich keine feststehenden
Bedeutungen - jedenfalls gilt die von der klassischen
strukturalistischen Semiotik
behauptete normative Kraft des Kodes in der unumstößlichen
Zuordnung
von Signifikant und Signifikat als überholt. Natürlich sind
Kodierungen
- im Sinne fester Zuordnungen - in einem bestimmten Umfang möglich
und v.a. im Interesse einer auf die Zuverlässigkeit des
alltäglichen
Sprachgebrauchs angewiesenen Kommunikation erstrebenswert - "Monosemierung"
lautet hier das Stichwort: Bemühung um "Vereindeutigung". Darum
kümmern
sich auch Wörterbücher wie der "Wahrig", und zwar indem sie
z.B.
bei Homonymen wie "Tafel" die möglichen Kontexte antizipieren und
auflisten: Zu "Tafel" lese ich (zusammengefasst): "Tafel: 1. breites
Brett,
größere Platte aus verschiedenen Materialien 1.1 z.B.
Wandtafel,
1.2 Platte mit Inschrift, 1.3. aufgehängtes Brett mit Anzeigen,
1.4
Brett oder Gerät mit Schaltern, 1.5 z.B Stück Schokolade, 2.
gedeckter Speisetisch, 3. festliche Mahlzeit, 4. Tabellensammlung, 5.
ganzseitige
Illustration". Sie hören die jeweils antizipierten Kontexte
heraus!
Dennoch:
Wenn
ernstgenommen wird, dass die Lebenswelt als "Semiosphäre"
zu denken ist, als ein gigantisches Konglomerat
durcheinanderschwirrender
Kontexte, wenn akzeptiert wird, dass immer zwar nicht die "Lebenswelt"
in toto, aber Ausschnitte aus ihr - Kulturen, Subkulturen, der
Sprachgebrauch
bestimmter Institutionen, Instanzen, Moden und Machtgefüge - als
"Semiosphären" mittleren Umfangs einen konkreten
Kommunikationsvorgang einrahmen und
formen,
dann wird das Übergewicht der Größe "Interpretant"
über
die Größe " Kode" plausibel
Das
bedeutet: Polysemie,
Vieldeutigkeit der sprachlichen Zeichen,
also nicht nur in der Literatur, ist der Ausgangstatbestand, Monosemie,
verstanden als definitive Eindeutigkeit, ist Utopie oder gar Illusion -
Umberto Eco spricht von dem "Mythos der Eindeutigkeit des Zeichens";
als
regulative Idee mag das Ziel der Monosemie ihren Sinn behalten.
6.
In
unserem Unterricht sollten wir uns zwar immer der nicht zu
beseitigenden Polysemie bewusst sein und dieses Bewusstsein bei den
Schülerin
wachhalten, wir werden uns im konkreten Fall dann aber doch der
regulativen
Idee der Monosemie bedienen und versuchen, das Signifikat der
in
der Kommunikation gebrauchten Signifikanten weitestgehend
einzugrenzen.
Die Bedeutung eines Zeichens geht von seinen Interpretanten aus, sagt
die
Semiotik:

Das
bedeutet
für unseren exemplarischen Signifikanten "Tafel" im
Situationskontext unseres Aufenthalts in einem Klassenraum: Die
Interpretanten
- z.B. - "Klassenraum", "Unterricht", "Visualisierung" und/oder
"Einrichtung"
bzw. "Schulmöbel" erzeugen ein Bündel semantischer
Merkmale,
die z.B. /in Form einer Platte/, /senkrecht, frontal aufgestellt/,
/beschreibbar/
oder /zum Beschreiben dienend/ heißen können und zusammen
das
Signifikat von "Tafel", immer bezogen auf unsere Situation, ausmachen -
die Liste ist natürlich nicht vollständig und im einzelnen
wohl
auch angreifbar. Der Fachausdruck für die Bedeutungsmerkmale
lautet
"Sem" (Plural "Seme"); ein Signifikat ist demzufolge ein
Sem-Bündel. Das Wort "Tafel" wird, wenn seine Bedeutung so
eingegrenzt
ist, zum Semem, d.h. seine Bedeutung im Rahmen des geltenden
Kommunikationskontextes
ist durch die deutlich feststellbare Dominanz eines bestimmten Sems
oder einer bestimmten kleinen Gruppe von Semen festgelegt und damit
identifizierbar.
7.
Man
unterscheidet
in der Semiotik Kontexte und Ko-Texte. Der Kontext
eines
sprachlichen Zeichens - das ist das situativ präsente Ensemble von
Gegebenheiten - Personen, Gegenständen, räumlich-zeitlichen
Bestimmungen
usw., wobei zur "Situation" im weiteren Sinne die gesamte Lebenswelt
der
an der Kommunikation Beteiligten gehören kann, die erwähnte "Semiosphäre".
Die kontextuellen Interpretanten sind Zeichen, die zum Ausgangs-Zeichen
und zueinander in nachbarschaftlicher Beziehung stehen. Ihre
Beziehung
ist eine Kombinations-Beziehung.
Der Ko-Text
eines sprachlichen Zeichens - das sind die
jeweils in der näheren oder ferneren sprachlichen
"Umgebung"
präsenten, also hörbaren oder lesbaren Äußerungen,
Texte, Textteile, die als Interpretanten fungieren. Auch hier handelt
es
sich um eine nachbarschaftliche, eine Kombinations-
Beziehung.
Auch hier kann sich der Ko-Text ausweiten, unter dem Gesichtspunkt der Intertextualität
tendenziell
bis zum Corpus aller Texte eines Kulturkreises.
Seit
Saussure
unterscheidet die Semiotik zwischen solchen nachbarschaftlichen
Beziehungen der Zeichen untereinander einerseits und ihren verwandtschaftlichen
Beziehungen andererseits. So sind im phonetischen Bereich

die
Signifikanten
"Band, Land, Hand, Tand, Wand usw." miteinander verwandt,
sofern sie nämlich alle den Reim auf "-and/a-n-d" haben, also nach
der gleichen Kombinationsregel gebildet sind, und sofern sie
eine
differierende Auswahl aus den unterschiedlichen
Anlaut-Konsonanten
getroffen haben. Die Identität des Wortes "Band" und damit des
Signifikanten
"Band" beruht phonetisch auf der Differenz zu den nicht
ausgewählten
Wörtern "Hand", "Land", "Sand" usw. - das Wort steht in Opposition
zu
ihnen, sagt man.
Die
Semiotik
überträgt nun dieses Prinzip der Differentialität
auch auf die Ebene der Signifikate. Die
bedeutungsmäßige,
semantische Identität des Wortes "Band" beruht dann auf dem
Unterschied
z.B. zu "Tuch", zu "Schal", zu "Schmuckstück" usw.; anders gesagt,
"Band" bedeutet soviel wie
Nicht-Tuch"/"Nicht-Schal"/"Nicht-Schmuckstück"/
Nicht- Zierat" usw. Eine solche Negativ-Beschreibung betont das Prinzip
der Selektion der Zeichen im Rahmen der Gruppen oder Reihen,
in
denen sie gemeinsam stehen, ebendieser Begriff der Reihe oder
des "Paradigma" - so heißt es bei Saussure -
betont
den Verwandtschaftscharakter.
8.
F.
de Saussure hat
die nachbarschaftlichen Beziehungen von Zeichen untereinander,
also auch der sprachlichen, als syntagmatische Ebene oder Achse
und die verwandtschaftlichen als paradigmatische
Ebene
oder Achse bezeichnet, die sich in graphischer Darstellung als die
beiden Koordinaten eines Koordinatensystems einander zuordnen lassen.
Das
sieht dann so aus, wenn wir als Beispiel zwei Verse -
einen
Satz - aus einem bekannten Mörike-Gedicht nehmen:
"Frühling
lässt sein
blaues Band / Flattern durch die Lüfte..."
Auf
der syntagmatischen
Achse finden wir - in nachbarschaftlicher
Beziehung der einzelnen Sprachzeichen und gleichzeitig in einer durch
syntaktische
Regeln gesteuerten Ordnung - den Satz, der sich auf die beiden
Eingangsverse
des Gedichts verteilt. Schauen Sie sich in den Spalten der
Grafik
die Reihen oder Paradigmen an, in die ich jeweils -
hypothetisch
- bedeutungsmäßig verwandte Wörter eingetragen habe -
"verwandt"
möglicherweise auch im Sinne eines Gegensatzes: auf diese Weise
kann
deutlich werden:
Der Satz, so wie er da zu lesen ist, ist entstanden in einem komplexen
Vorgang einerseits der Selektion im Rahmen von 9 Paradigmen,
einer Selektion zwischen
neunmal - ja, wievielen parallelen Möglichkeiten und dem sich an
die
Selektion anschließenden Vorgang der Kombination und
Verzahnung
der einzelnen semantischen Entscheidungen untereinander, geregelt durch
syntaktische Grundmuster, so dass sich ein kohärentes Ganzes
ergibt.
Als Leser vollziehe ich diese der Textproduktion
zugrundeliegenden
Vorgänge nach. Auch ich muss selegieren, wenn ich verstehen will,
was mit "Frühling" gemeint ist: "Frühling" (wohlgemerkt ohne
Artikel) bedeutet (eben) "Nicht-Der-Frühling", aber auch
"Nicht-Der
Lenz", "Nicht-Das-Frühjahr", "Nicht-Der-Mai" usw. Wenn ich in
dieser
Weise vorgehe, mache ich faktisch die im vorgefundenen Text
gefällten
Selektionseintscheidungen zeitweise rückgängig und erprobe
andere
Möglichkeiten; ich springe von der syntagmatischen Ebene des auf
der
Zeitachse verlaufenden Satzes auf die senkrecht dazu stehende
paradigmatische
Ebene und führe dort semantische Ersatzproben durch. (Wir
kennen
das Verfahren, wenden es aber v.a. in syntaktischen Zusammenhängen
an, auf der Unterstufe und dann nie wieder.)
Was
in dieser
Grafik in einer Spalte als ein Paradigma
dargestellt ist, entpuppt sich bei näherem Hinsehen als eine
Vielzahl
von Paradigmen; "Frühling" steht jeweils zu einem ihrer Elemente
in
Opposition:

Die Opposition "Frühling - Frühjahr" ordnet die
beiden
Signifikanten zwei unterschiedlichen Kontexten zu, einmal dem Kontext
bzw.
dem Interpretanten /(erlebte) Natur/ ("Frühling"), einmal eher -
wie
ich dem Paul'schen Wörterbuch entnommen habe - dem Kontext
/Landwirtschaft/
("Frühjahr"). (Falls Sie auf andere Ideen kommen sollten, zeigt
das,
dass unterschiedliche Interpretanten wählbar sind, von denen weder
der eine noch der andere falsch sein muss!). "Frühling" (ohne
Artikel
und in syntaktischer Verbindung mit "lässt" + Infinitiv) steht in
Opposition zu "Der Frühling" und evoziert durch die
Personifikation
(wobei "Frühling" als Name fungiert) einen mythologischen und -
für
uns, vielleicht nicht für unsere Schüler - einen
kunstgeschichtlichen
Kontext, könnte in Opposition zur weiblichen Frühlings-Figur
der "Primavera" einen betont männlichen Akzent bekommen usw.
9.
"Paradigmatisierung"
wäre eine sinnvolle Bezeichnung für
dieses Verfahren - wenn sich der Begriff nicht so abschreckend
anhören
würde. Der Name tut nichts zur Sache, Wichtig ist vielmehr die
Einsicht,
dass wir beim "normalen", klassischen Interpretieren genau auch dies
tun:
Wir treten zum Text, der uns vielleicht im weitesten Sinne "ergreift",
in Distanz, werfen einen verfremdenden Blick auf ihn und fragen uns
u.a.,
was es bedeutet, dass an einer bestimmten Textstelle genau dieses Wort
und nicht das andere oder jenes andere steht. Allerdings tun wir dies
im
allgemeinen, wie es so schön heißt, "divinatorisch", mit
unserer
lektüreerfahrenen Sensibilität, trotz aller
Intellektualität
in einer nie ganz zu klärenden Verschmelzung unseres Horizontes
mit
dem des Textes (oder, wie wir meinen, des Autors) - ein Abglanz davon
dann
die Horizontverschmelzung Schüler-Text. Die von mir beschriebenen
methodisch organisierten, expliziten Rückprojektionen von der
syntagmatischen
Ebene des Textes auf die paradigmatische Ebene der semantischen Reihen,
das probeweise Rückgängigmachen der an sich gefällten
Entscheidung
und deren Überprüfung durch das Abwägen von Alternativen
könnten für uns und unsere Schülerinnen und Schüler
einiges zur Präzisierung und Nachprüfbarkeit unseres Umgangs
mit Texten beitragen. Und es handelt sich um ein Verfahren, das
die Schüler, nachdem es eingeübt ist, selbsttätig und in
wechselseitiger Unterrichtung - in entsprechenden Unterrichtsphasen -
anwenden
können, ohne dass wir sie ständig gängeln müssen.
10.
Wie
fruchtbar "Paradigmatisierungen"
sein können, wird vielleicht
durch diese graphische Darstellung
einer methodischen Beschäftigung mit dem gesamten Text des
Mörike-Gedichts
noch deutlicher:
Die
8 Paradigmen
sind nach Kontexten geordnet. Der Kontext /Natur, Naturphänomene/
springt zwar vielleicht am ehesten in die Augen: in der Darstellung
oben
rechts sind die entsprechenden Signifikanten grün markiert. Aber
zu
einer eingehenden Beschäftigung mit einem Gedicht gehört ja
wohl
zunächst die Klärung der Rollen der sprechenden, der
angesprochenen
und der be-sprochenen Personen und ihrer wechselnden Beziehungen (oben
links). Die Personen ebenso wie die räumlichen und zeitlichen
Relationen
konstituieren im wesentlichen den situativen Kontext (also die ersten
drei
Felder links); Signifikanten auf der syntaktischen Ebene - wie z.B.
Tempus-Signale
- dürfen hier natürlich nicht außer Acht gelassen
werden.
Die Zeit-Struktur: nach erinnerter Vergangenheit ("wieder") und
antizipierter
Zukunft ("balde") die erfüllte Gegenwart (Präsens: "du
bists"),
die aber sofort wieder in die Vergangenheit entgleitet (Perfekt: "hab
ich
vernommen"). Die Struktur des Raums und der Wahrnehmungsbereiche:
visuell
und olfaktorisch und von oben nach unten wahrgenommen: die Lüfte -
das Land - Veilchen / dann eine Zäsur / dann, akustisch
wahrgenommen,
und zwar in der Abfolge räumlich fern - räumlich nahe -
zeitlich
fern: ein Harfenton". Interessant ist es, das im gesamten Gedicht
durchgehaltene und variierte Prinzip der Personifikation der
Naturphänomene und damit
einen der Tradition nachempfundenen panentheistisch-mythologischen
Kontext
zu beobachten. Schließlich, im Feld unten rechts: ein buntes Bild
der phonetischen Paradigmen; eine interessante Aufgabe: deren
Zusammenspiel
mit den semantischen Paradigmen zu verfolgen.
11.
Ich
zeige noch
einmal das semiotische Dreieck,

diesmal
mit dem
Beispiel "Frühling" aus dem ersten Vers in Mörikes
Gedicht. Der Unterschied zum Beispiel "Tafel" vorhin: Diesmal haben wir
in Gestalt des vollständigen Satzes den unmittelbaren, in sich
abgerundeten
Ko-Text des Signifikanten, die Interpretanten, die dieser erste Satz
des
Gedichts bietet, die allesamt natürlich ihre eigenen näheren
und fernen Ko-Texte und Kontexte haben und von diesen her zu verstehen
wären - so denke ich z.B., dass für das "blaue Band", das der
Frühling "durch die Lüfte flattern lässt", als Kontext
wahrscheinlich
die zeitgenössische Hutmode der 1820er Jahre heranzuziehen
wäre
usw. Das nebenbei. Eine genauere Sem-Analyse
des ganzen Satzes ergibt folgendes Bild:
Außer
vielen
jeweils nur einmal auftretenden Semen erkenne ich
in dem Satz vier wiederkehrende Seme (also:
Bedeutungsmerkmale),
die sämtlich schon im ersten Wort angelegt sind, nämlich
/Naturphänomen/
(in "Frühling" und in "Lüfte"), /Neubeginn/ (in
"Frühling"
und in "wieder"), /Person/ (in "Frühling" ohne Artikel und in
"lässt"
+ Infinitiv + Akkusativobjekt) und /mythisch/ (ebenfalls in
"Frühling"
ohne Artikel und in "Lüfte", wenn "Luft" als eines der vier
klassischen
Elemente angesehen wird). Solche wiederkehrenden, rekurrenten Seme
werden
"Klasseme" genannt (sie bilden eine Klasse von Semen, eine
Gruppe).
Ein Ensemble mehrerer einander zugeordneter Klasseme, wie hier das der
Klasseme /Natur/, /Neubeginn/ und /mythische Person/, konstituiert auf
einer weiteren, höheren semantischen Ebene eine sog. Isotopie -
ein gedankliches Konzept. Bereits im ersten Satz des Gedichts
liegt
also eine komplexe Isotopie vor, die im weiteren Verlauf des
Gedichts
immer wieder neu aufgegriffen und weiter entfaltet wird. Sie lässt
sich auf den Nenner bringen "universaler, schöpfungsähnlicher
Neubeginn des Lebens in der ganzen Natur". Dieser Formulierung
hören
Sie an, dass in sie auch die anderen Klasseme - /Aktivität/,
/Bewegung/,
/Lebendigkeit/ und /frische Farbe des Himmels/ - integriert worden
sind.
12.
Bin
ich nun doch -
trotz meiner Beteuerung der unhintergehbaren Polysemie
der Texte bzw. der Kommunikation - bei einem braven Konsens angelangt?
Es könnte deshalb so scheinen, weil auf dem einsträngigen
Weg,
den ich zum Schluss eingeschlagen habe, die Verfahren des Umgangs
mit
Texten, auf die es mir ankommt, umwegloser zu demonstrieren waren.
Jürgen Link hat vor 20 Jahren in seinem an sich auch heute in
ihrer
systematischen Brauchbarkeit unüberholten Einführungswerk
"Literaturwissenschaftliche
Grundbegriffe" (UTB) formuliert: „Unverständnis eines Textes (z.B.
im Deutschunterricht) beruht auf mangelndem Einblick in die Struktur
der
zugrundeliegenden Isotopie." Heute würden wir nicht mehr von "der"
und
schon gar nicht alt-strukturalistisch von "der zugrundeliegenden" Isotopie
eines Textes sprechen. Wir wissen, nach unserer Auseinandersetzung mit
der Rezeptionstheorie, dass jeder gedruckte Text Fragment ist und erst
in der Lektüre "fertig" ist. Erst das in offenen Gesprächen,
wie z.B. im Unterricht, stattfindende Verstehen von Texten oder
allgemeiner:
Kommunikaten bringt das Salz in die Suppe und versalzt die
Suppe
dann, wenn sie - z.B. für den Unterricht vom Lehrer, der Lehrerin
- als Einheitsbrei gekocht worden ist. Ich bin sicher, dass Ihre
näher
oder ferner angesiedelten Kotexte und Kontexte - und erst recht die der
Schülerinenn und Schüler - aus dem Mörike-Gedichteingang
und auch aus der "Tafel" etwas anderes machen würden als die
meinen,
aber ich denke, das könnte sich im Gespräch, im kultivierten
"Streit", gerade durch die Anwendung der soeben vorgestellten semiotischen
Verfahren herausstellen und bewähren.
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Machen Sie die Probe aufs Exempel:
1. "Es ist irgendwie verdammt makaber, in einem
Strenesse-Mantel
im Bahnhof zu schlafen, aber egal"
[gemeint ist der Kölner Hauptbahnhof direkt am Dom, und ein
Strenesse-Mantel
ist ein "verdammt" teures Stück!] -
das ist ein Satz
aus dem Tagebuch einer 16jährigen
Schülerin des Jahres 1996.
Eine Beschäftigung unter anderem mit diesem Satz - anhand der
oben vorgestellten Verfahren - ermöglichen die
Materialien
zu den Tagebuch-Einträgen.
Zur Ergänzung:
2. Den
Kultur-Begriff
der neueren Kultursemiotik
und deren Diskurs-Begriff
erläutert ein kurzer Anhang (Ausgangspunkt:
Ausführungen
von Roland Barthes).
3. Ein weiter Anhang zeigt eine
Folge von vier
aufeinander aufbauenden
Grafiken, die einen Überblick zu geben versuchen über
eine
Theorie
der Pragmatischen und der Literarischen
Kommunikation
- wichtig für Überlegungen zur Integration von
Sprach-
und Literaturunterricht!
Wenn Sie Interesse an einem
Download
der Texte und Materialien
haben: hier ist die Möglichkeit!
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© Dieter Schrey 1997/2006
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