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Brief von Clara an ihre Freundin Vera
 

Liebe Vera,

Zuerst muß ich mich mal wieder für das lange Ausbleiben eines Briefes meinerseits entschuldigen. Ich hoffe, Du und Deine Familie, Ihr seid wohlauf und wir haben bald die Gelegenheit uns zu sehen.
Wie Du aber sicher schon annimmst, ist dies nicht allein der Grund, warum ich dir schreibe. Ich bin in großer Sorge um meinen Liebsten Nathanael, der nun schon seit längerem wieder bei seiner Mutter, Lothar und mir wohnt. Damit Du mich verstehen kannst, muss ich erst mal weiter ausholen.
Vor einiger Zeit erreichte mich ein Brief, der zwar an mich adressiert war, aber nach genauerem Betrachten eigentlich an Lothar gerichtet war. Ich las ihn trotzdem.
Nathanael beschrieb darin in lebendigsten Formen ein schreckliches Erlebnis während seiner Kindheit, das ihn bis heute nicht in Ruhe lässt.
Als es für ihn als Kind Zeit war ins Bett zu gehen, erzählte ihm seine Mutter immer das Märchen vom Sandmann, der kommt, wenn die Kinder schlafen gehen müssen. Da ihn die Auskunft seiner Mutter über diesen Mann nicht zufrieden stellte, fragte er ein alte Frau. Diese aber erzählte ihm die schauerliche Geschichte vom Sandmann, der den Kindern die Augen raubt, um sie seinem eigenen Nachwuchs zu verfüttern.
Wie es sich ergab , kam zu dieser Zeit jeden Abend der Advokat Coppelius ins Haus der Familie, um mit Nathanaels Vater gemeinsam alchemistische Versuche durchzuführen. Diesen hielt er dann, dank seiner blühenden jungen Phantasie, für den Sandmann in Person. Und letzten Endes verursachte der Tod seines Vaters, der bei einem dieser alchemistischen Versuche auf schreckliche Weise ums Leben gekommen ist, ein Kindheitstrauma.  Seinem Gemütszustand nach zu urteilen, hat er diese Erlebnisse bis heute nicht verarbeitet.
Was nun schließlich diese furchtbare Geschichte wieder in ihm geweckt hat, ist seine Begegnung mit einem Mann, der dem Coppelius zum Verwechseln ähnlich sieht und dessen Name dem des Coppelius auch sehr nahe kommt.
Auf Lothars und meinen Antwortbrief hin ist er nun nach Hause gekommen und es schien mir zunächst, als hätte er damit auch die dunklen Geister der Vergangenheit besiegt. Doch er hat sich in seinem ganzen Wesen verändert.
Tagsüber verfällt er in düstere Träumereien und in letzter Zeit fällt es mir schwer in ihm meinen einst so geliebten Nathanael zu finden. Er behauptet, jeder Mensch diene nur zum Spiel der grausamen Mächte und müsse sich demütig seinem Schicksal hingeben.
So frage ich mich schließlich, was aus dem vernünftigen, auf die Wissenschaften vertrauenden Nathanael geworden ist.

Ich schreibe Dir diesen Brief, weil ich langsam nicht mehr weiter weiß, was mir noch zu tun bleibt, um ihm zu helfen. Ich erhoffe mir einen Deiner weisen Ratschläge, damit wir endlich zusammen wieder glücklich sein können. Mir scheint es mit jedem Tag, der vergeht, immer unmöglicher.
Er spricht von Coppelius als einem bösen Prinzip, welches unser Liebesglück zerstören will. Kann er nicht sehen, dass er das ganz alleine macht? Wenn ich versuche ihm zu erklären, dass es diesen Dämon auch nur so lange gibt, wie er an ihn denkt und ihm durch seinen Glauben Macht gibt, ernte ich nur ein zornentbranntes Gesicht seinerseits. Er gibt sich mystischen Lehren von Teufeln und dunklen Mächten ganz und gar hin.
Er hat sogar begonnen mir beim Frühstück aus seinen finsteren Schriften, die er in der letzten Zeit verfasst hat, vorzulesen.
Wenn ich den Versuch starte, seine Theorien auf humorvolle Art in Frage zu stellen, bringt er mir nur Zorn und Starrsinn entgegen.  Und obwohl es das absolute Gegenteil meines Bestrebens ist, beginnen wir uns immer weiter von einander zu entfernen.
Er liest mir seine irrsinnigen Gedichte vor und begegnet mir mit einem immer größer werdenden Unmut. Ich bin wirklich am Ende meines Lateins.
Was soll ich tun, um mir Nathanael und unsere Liebe nicht von diesem dunklen Schatten seiner Vergangenheit rauben zu lassen?

In Hoffnung auf Deinen weisen Rat
und in tiefer Freundschaft

Deine Clara

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Nina B.                8.10.2000