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Eine Parallelfigur zu Nathanael - oder zu Coppelius/Coppola? - ist in einer anderen Erzählung E.T.A. Hoffmanns der Einsiedler Serapion. Auch hier geht es um das Thema „Wahnsinn" und um einen Versuch, einen Menschen von seinem „Wahnsinn" zu befreien:

Wiedergabe des Erzählanfangs
„E.T.A. Hoffmann, [Die Geschichte des
Einsiedlers Serapion] (1819)"
(Textauswahl/Zwischentexte: D.S.)

Der Ich-Erzähler berichtet, er habe sich vor mehreren Jahren einige Zeit hindurch in B*** - gemeint ist wohl Bamberg -  aufgehalten. Bei einem seiner Spaziergänge sei er in einem dichten Wald auf einen Mann gestoßen, „in brauner Einsiedlerkutte, einen breiten Strohhut auf dem Kopf, mit langem schwarzem verwildertem Bart, der dicht an einer Bergschlucht auf einem Felsstück saß und die Hände gefaltet gedankenvoll in die Ferne schaute. Die ganze Erscheinung hatte etwas Fremdartiges, Seltsames, ich fühlte leise Schauer mich durchgleiten." Statt dem Verirrten den Weg zu zeigen, „maß [er] mich mit finsterm Blick und sprach dann mit dumpfer feierlicher Stimme: »Du handelst sehr leichtsinnig und unbesonnen, daß du mich in dem Gespräch, das ich mit den würdigen Männern, die um mich versammelt, führe, mit einer einfältigen Frage unterbrichst! - Ich weiß es wohl, daß bloß die Neugierde mich zu sehen und mich sprechen zu hören dich in diese Wüste trieb, aber du siehst, daß ich jetzt keine Zeit habe mit dir zu reden. Mein Freund Ambrosius von Kamaldoli [Ordensgeneral Ambrosius des Kamaldulenser-Einsiedlerordens, 1386 - 1439] kehrt nach Alexandrien zurück, ziehe mit ihm.« Damit stand der Mann auf und stieg hinab in die Bergschlucht. Mir war als läg ich im Traum." Später erfährt der Ich-Erzähler von einem Bauern, das sei „der würdige Mann, der sich Priester Serapion nennt und schon seit vielen Jahren im Walde eine kleine Hütte bewohnt, die er sich selbst erbaut hat. Die Leute sagen, er sei nicht recht richtig im Kopfe, aber er ist ein lieber frommer Herr, der niemanden etwas zuleide tut". In B*** hört der Erzähler Genaueres: Der Einsiedler ist „einer der geistreichsten vielseitig ausgebildetsten Köpfe" in M- gewesen, in diplomatischen Diensten beschäftigt und außerdem ein „ausgezeichnetes Dichtertalent". Plötzlich jedoch sei er auf unbegreifliche Weise aus M- verschwunden. Erst nach einiger Zeit habe man in einem in den Dörfern Tirols predigenden Einsiedler den Verschwundenen wiedererkannt. „Man bemächtigte sich seiner, er wurde rasend und alle Kunst der berühmtesten Ärzte in M- vermochte nichts in dem fürchterlichen Zustande des Unglücklichen zu ändern. Man brachte ihn nach B*** in die Irrenanstalt, und hier gelang es wirklich dem methodischen auf die psychische Kenntnis gegründeten Verfahren des Arztes, der damals dieser Anstalt vorstand, den Unglücklichen wenigstens aus der Tobsucht zu retten, in die er verfallen." Nach seiner Flucht aus der Anstalt habe man den Einsiedler in Ruhe gelassen. „Bis auf die Idee, daß er der Einsiedler Serapion sei, der unter dem Kaiser Dezius in die Thebaische Wüste floh und in Alexandrien den Märtyrertod litt, und was aus dieser folgte, schien sein Geist gar nicht zerrüttet. Er war imstande die geistreichsten Gespräche zu führen, ja nicht selten traten Spuren jenes scharfen Humors, ja wohl jener Gemütlichkeit hervor, die sonst seine Unterhaltung belebten." Nun fährt der Ich-Erzähler fort: „Ihr könnt euch wohl vorstellen, daß mein Anachoret mir nun nicht aus Sinn und Gedanken kam, daß ich eine unwiderstehliche Sehnsucht empfand ihn wiederzusehen. - Aber nun denkt euch meine Albernheit! - Ich hatte nichts Geringeres im Sinn, als Serapions fixe Idee an der Wurzel anzugreifen! - Ich las den Pinel [Philippe Pinel (1745-1826), französischer Irrenarzt, „Abhandlungen über Geistesverwirrung oder Manie", Paris 1801] - den Reil [Johann Christian Reil (1759-1813), „Über die Erkenntnis und Cur der Fieber", Halle 1802] - alle mögliche Bücher über den Wahnsinn, die mir nur zur Hand kamen, ich glaubte, mir, dem fremden Psychologen, dem ärztlichen Laien sei es vielleicht vorbehalten in Serapions verfinsterten Geist einen Lichtstrahl zu werfen. Ich unterließ nicht außer jenem Studium des Wahnsinns mich mit der Geschichte sämtlicher Serapions, deren es in der Geschichte der Heiligen und Märtyrer nicht weniger als acht gibt, bekannt zu machen, und so gerüstet suchte ich an einem schönen hellen Morgen meinen Anachoreten auf. Ich fand ihn in einem Gärtlein mit Hacke und Spaten arbeitend und ein andächtiges Lied singend. [...] Keine Spur des Wahnsinns war in seinem Gesicht zu finden, dessen milde Züge von seltener Ruhe und Heiterkeit zeugten." Im Gespräch mit dem Einsiedler erwähnt der Ich-Erzähler die verschiedenen Männer der Kirchengeschichte mit Namen Serapion, schließlich nennt er einen Mönch Serapion, „»welcher unter dem Kaiser Decius das grausamste Märtyrertum erlitt. Man trennte bekanntlich die Junkturen der Glieder und stürzte ihn dann vom hohen Felsen hinab.« »So ist es«, sprach Serapion, indem er erbleichte und seine Augen in dunklem Feuer aufglühten. »So ist es [...]. Der Märtyrer Serapion, von dem Sie sprechen, bin ich selbst.« »Wie«, rief ich mit erkünsteltem Erstaunen, »Sie halten sich für jenen Serapion, der vor vielen hundert Jahren auf die jämmerlichste Weise umkam?« [...]"

Setzen Sie die Erzählung fort!
Berücksichtigen Sie dabei Ihre Kenntnis der "Sandmann"-Erzählung und der Problematik, die die beiden Erzählungen verbindet.

Lösung A: A.P.
Lösung B: M.B.

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