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ist das Entsetzliche, was sich in der alltäglichen Welt begibt, eigentlich dasjenige, was die Brust mit unverwindlichen Qualen foltert, zerreißt. Ja wohl gebärt die Grausamkeit der Menschen, das Elend, was große und kleine Tyrannen schonungslos mit dem teuflischen Hohn der Hölle schaffen, die echten Gespenstergeschichten. E.T.A. Hoffmann, Die Serapionsbrüder (Darmstadt 1985, S. 928) |
NEU ! ! ! Autor: Dieter Schrey |
[S. 331]
Gewiß seid Ihr alle voll Unruhe, daß ich so lange - lange
nicht
geschrieben. Mutter zürnt wohl, und Clara mag glauben, ich lebe
hier
in Saus und Braus und vergesse mein holdes Engelsbild, so tief mir in
Herz
und Sinn eingeprägt, ganz und gar. - Dem ist aber nicht so;
täglich
und stündlich gedenke ich Eurer aller und in süßen
Träumen
geht meines holden Clärchens freundliche Gestalt vorüber und
lächelt mich mit ihren hellen Augen
so anmutig an, wie sie wohl pflegte, wenn ich zu Euch hineintrat. - Ach
wie vermochte ich denn Euch zu schreiben, in der zerrissenen Stimmung
des
Geistes, die mir bisher alle Gedanken verstörte! - Etwas
Entsetzliches
ist in mein Leben getreten! - Dunkle Ahnungen eines
gräßlichen
mir drohenden Geschicks breiten sich wie schwarze Wolkenschatten
über
mich aus, undurchdringlich jedem freundlichen Sonnenstrahl. - Nun soll
ich Dir sagen, was mir widerfuhr. Ich muß es, das sehe ich ein,
aber
nur es denkend, lacht es wie toll aus mir heraus. - Ach mein herzlieber
Lothar! wie fange ich es denn an, Dich nur einigermaßen empfinden
zu lassen, daß das, was mir vor einigen Tagen geschah, denn
wirklich
mein Leben so feindlich zerstören konnte! Wärst Du nur hier,
so könntest Du selbst schauen; aber jetzt hältst Du mich
gewiß
für einen aberwitzigen
Geisterseher.
- Kurz und gut, das Entsetzliche, was mir geschah, dessen
tödlichen
Eindruck zu vermeiden ich mich vergebens bemühe, besteht in nichts
anderm, als daß vor einigen Tagen, nämlich am 30. Oktober
mittags
um 12 Uhr, ein Wetterglashändler in meine Stube trat und mir seine
Ware anbot. Ich kaufte nichts und drohte, ihn die Treppe herabzuwerfen,
worauf er aber von selbst fortging.
Du ahnest, daß nur ganz eigne, tief in mein
Leben
eingreifende Beziehungen diesem Vorfall Bedeutung geben können,
ja,
daß wohl die Person jenes unglückseligen Krämers gar
feindlich
auf mich wirken muß. So ist es in der Tat. Mit aller Kraft fasse
ich mich zusammen, um ruhig und geduldig Dir aus meiner frühern
Jugendzeit
so viel zu erzählen, daß Deinem [332]
regen Sinn alles klar und deutlich in leuchtenden Bildern aufgehen
wird.
Indem ich anfangen will, höre ich Dich lachen und Clara sagen:
»Das
sind ja rechte Kindereien!« - Lacht, ich bitte Euch, lacht mich
recht
herzlich aus! - ich bitt Euch sehr! - Aber Gott im Himmel! die Haare
sträuben
sich mir und es ist, als flehe ich Euch an, mich auszulachen, in
wahnsinniger
Verzweiflung, wie
Franz
Moor den Daniel. - Nun fort zur Sache!
Außer dem Mittagsessen sahen wir, ich und mein Geschwister, tagüber den Vater wenig. Er mochte mit seinem Dienst viel beschäftigt sein. Nach dem Abendessen, das alter Sitte gemäß schon um sieben Uhr aufgetragen wurde, gingen wir alle, die Mutter mit uns, in des Vaters Arbeitszimmer und setzten uns um einen runden Tisch. Der Vater rauchte Tabak und trank ein großes Glas Bier dazu. Oft erzählte er uns viele wunderbare Geschichten und geriet darüber so in Eifer, daß ihm die Pfeife immer ausging, die ich, ihm brennend Papier hinhaltend, wieder anzünden mußte, welches mir denn ein Hauptspaß war. Oft gab er uns aber Bilderbücher in die Hände, saß stumm und starr in seinem Lehnstuhl und blies starke Dampfwolken von sich, daß wir alle wie im Nebel schwammen. An solchen Abenden war die Mutter sehr traurig und kaum schlug die Uhr neun, so sprach sie: »Nun Kinder! - zu Bette! zu Bette! der Sandmann kommt, ich merk es schon.« Wirklich hörte ich dann jedesmal etwas schweren langsamen Tritts die Treppe heraufpoltern; das mußte der Sandmann sein. Einmal war mir jenes dumpfe Treten und Poltern besonders graulich; ich frug die Mutter, indem sie uns fortführte: »Ei Mama! wer ist denn der böse Sandmann, der uns immer von Papa forttreibt? - wie sieht er denn aus?« - »Es gibt keinen Sandmann, mein liebes Kind«, erwiderte die Mutter: »wenn ich sage, der Sandmann kommt, so will das nur heißen, ihr seid schläfrig und könnt die Augen nicht offen behalten, als hätte man euch Sand hineingestreut.« - Der Mutter Antwort befriedigte mich nicht, ja in meinem kindischen Gemüt entfaltete sich deutlich der Gedanke, daß die Mutter den Sandmann nur verleugne, damit wir uns vor ihm nicht fürchten sollten, ich hörte ihn ja immer die Treppe heraufkommen. Voll Neugierde, Näheres von diesem Sandmann und seiner Beziehung auf uns Kinder zu erfahren, frug ich endlich die alte Frau, die meine jüngste Schwester wartete: was denn das für ein Mann sei, der Sandmann? »Ei Thanelchen«, erwiderte diese, »weißt du das noch nicht? Das ist ein böser [333] Mann, der kommt zu den Kindern, wenn sie nicht zu Bett gehen wollen und wirft ihnen Händevoll Sand in die Augen, daß sie blutig zum Kopf herausspringen, die wirft er dann in den Sack und trägt sie in den Halbmond zur Atzung für seine Kinderchen; die sitzen dort im Nest und haben krumme Schnäbel, wie die Eulen, damit picken sie der unartigen Menschenkindlein Augen auf.« - Gräßlich malte sich nun im Innern mir das Bild des grausamen Sandmanns aus; sowie es abends die Treppe heraufpolterte, zitterte ich vor Angst und Entsetzen. Nichts als den unter Tränen hergestotterten Ruf. »Der Sandmann! der Sandmann! « konnte die Mutter aus mir herausbringen. Ich lief darauf in das Schlafzimmer, und wohl die ganze Nacht über quälte mich die fürchterliche Erscheinung des Sandmanns. - Schon alt genug war ich geworden, um einzusehen, daß das mit dem Sandmann und seinem Kindernest im Halbmonde, so wie es mir die Wartefrau erzählt hatte, wohl nicht ganz seine Richtigkeit haben könne; indessen blieb mir der Sandmann ein fürchterliches Gespenst, und Grauen - Entsetzen ergriff mich, wenn ich ihn nicht allein die Treppe heraufkommen, sondern auch meines Vaters Stubentür heftig aufreißen und hineintreten hörte. Manchmal blieb er lange weg, dann kam er öfter hintereinander. Jahrelang dauerte das, und nicht gewöhnen konnte ich mich an den unheimlichen Spuk, nicht bleicher wurde in mir das Bild des grausigen Sandmanns. Sein Umgang mit dem Vater fing an meine Fantasie immer mehr und mehr zu beschäftigen: den Vater darum zu befragen hielt mich eine unüberwindliche Scheu zurück, aber selbst - selbst das Geheimnis zu erforschen, den fabelhaften Sandmann zu sehen, dazu keimte mit den Jahren immer mehr die Lust in mir empor. Der Sandmann hatte mich auf die Bahn des Wunderbaren, Abenteuerlichen gebracht, das so schon leicht im kindlichen Gemüt sich einnistet. Nichts war mir lieber, als schauerliche Geschichten von Kobolten, Hexen, Däumlingen usw. zu hören oder zu lesen; aber obenan stand immer der Sandmann, den ich in den seltsamsten, abscheulichsten Gestalten überall auf Tische, Schränke und Wände mit Kreide, Kohle, hinzeichnete. Als ich zehn Jahre alt geworden, wies mich die Mutter aus der Kinderstube in ein Kämmerchen, das auf dem Korridor unfern von meines Vaters Zimmer lag. Noch immer mußten wir uns, wenn auf den Schlag neun Uhr sich jener Unbekannte im Hause hören ließ, schnell entfernen. In meinem Kämmerchen vernahm ich, wie er bei dem Vater hineintrat und bald darauf war es mir [334] dann, als verbreite sich im Hause ein feiner seltsam riechender Dampf. Immer höher mit der Neugierde wuchs der Mut, auf irgend eine Weise des Sandmanns Bekanntschaft zu machen. Oft schlich ich schnell aus dem Kämmerchen auf den Korridor, wenn die Mutter vorübergegangen, aber nichts konnte ich erlauschen, denn immer war der Sandmann schon zur Türe hinein, wenn ich den Platz erreicht hatte, wo er mir sichtbar werden mußte. Endlich von unwiderstehlichem Drange getrieben, beschloß ich, im Zimmer des Vaters selbst mich zu verbergen und den Sandmann zu erwarten.
An des Vaters Schweigen, an der Mutter Traurigkeit merkte ich eines Abends, daß der Sandmann kommen werde; ich schützte daher große Müdigkeit vor, verließ schon vor neun Uhr das Zimmer und verbarg mich dicht neben der Türe in einen Schlupfwinkel. Die Haustür knarrte, durch den Flur ging es, langsamen, schweren, dröhnenden Schrittes nach der Treppe. Die Mutter eilte mit dem Geschwister mir vorüber. Leise - leise öffnete ich des Vaters Stubentür. Er saß, wie gewöhnlich, stumm und starr den Rücken der Türe zugekehrt, er bemerkte mich nicht, schnell war ich hinein und hinter der Gardine, die einem gleich neben der Türe stehenden offnen Schrank, worin meines Vaters Kleider hingen, vorgezogen war. - Näher - immer näher dröhnten die Tritte - es hustete und scharrte und brummte seltsam draußen. Das Herz bebte mir vor Angst und Erwartung. - Dicht, dicht vor der Türe ein scharfer Tritt - ein heftiger Schlag auf die Klinke, die Tür springt rasselnd auf! - Mit Gewalt mich ermannend gucke ich behutsam hervor. Der Sandmann steht mitten in der Stube vor meinem Vater, der helle Schein der Lichter brennt ihm ins Gesicht! - Der Sandmann, der fürchterliche Sandmann ist der alte Advokat Coppelius, der manchmal bei uns zu Mittage ißt!
Aber die gräßlichste Gestalt hätte
mir
nicht tieferes Entsetzen erregen können, als eben dieser
Coppelius.
- Denke Dir einen großen breitschultrigen Mann mit einem
unförmlich
dicken Kopf, erdgelbem Gesicht, buschigten grauen Augenbrauen, unter
denen
ein Paar grünliche Katzenaugenstechend
hervorfunkeln, großer, starker über die Oberlippe gezogener
Nase. Das schiefe Maul verzieht sich oft zum hämischen Lachen;
dann
werden auf den Backen ein paar dunkelrote Flecke sichtbar
und ein seltsam zischender Ton fährt durch die zusammengekniffenen
Zähne. Coppelius erschien immer in einem altmodisch
zugeschnittenen
aschgrauen Rocke, ebensolcher [335]
Weste und gleichen Beinkleidern, aber dazu schwarze Strümpfe und
Schuhe
mit kleinen Steinschnallen. Die kleine Perücke reichte kaum bis
über
den Kopfwirbel heraus, die Kleblocken standen hoch über den
großen
roten Ohren und ein breiter verschlossener Haarbeutel starrte von dem
Nacken
weg, so daß man die silberne Schnalle sah, die die
gefältelte
Halsbinde schloß. Die ganze Figur war überhaupt widrig und
abscheulich;
aber vor allem waren uns Kindern seine großen knotigten,
haarigten
Fäuste zuwider, so daß wir, was er damit berührte,
nicht
mehr mochten. Das hatte er bemerkt und nun war es seine Freude, irgend
ein Stückchen Kuchen, oder eine süße Frucht, die uns
die
gute Mutter heimlich auf den Teller gelegt, unter diesem, oder jenem
Vorwande
zu berühren, daß wir, helle Tränen
in den Augen,
die Näscherei, der wir uns erfreuen sollten, nicht mehr
genießen
mochten vor Ekel und Abscheu. Ebenso machte er es, wenn uns an
Feiertagen
der Vater ein klein Gläschen süßen Weins eingeschenkt
hatte.
Dann fuhr er schnell mit der Faust herüber, oder brachte wohl gar
das Glas an die blauen Lippen und lachte recht teuflisch, wenn wir
unsern
Ärger nur leise schluchzend äußern durften. Er pflegte
uns nur immer die kleinen Bestien zu nennen; wir durften, war er
zugegen,
keinen Laut von uns geben und verwünschten den
häßlichen,
feindlichen Mann, der uns recht mit Bedacht und Absicht auch die
kleinste
Freude verdarb. Die Mutter schien ebenso, wie wir, den
widerwärtigen
Coppelius zu hassen; denn so wie er sich zeigte, war ihr Frohsinn, ihr
heiteres unbefangenes Wesen umgewandelt in traurigen, düstern
Ernst.
Der Vater betrug sich gegen ihn, als sei er ![]()
ein
höheres Wesen, dessen Unarten
man
dulden und das man auf jede Weise bei guter Laune erhalten müsse.
Er durfte nur leise andeuten und Lieblingsgerichte wurden gekocht und
seltene
Weine kredenzt.
Als ich nun diesen Coppelius sah, ging es grausig und entsetzlich in meiner Seele auf, daß ja niemand anders, als er, der Sandmann sein könne, aber der Sandmann war mir nicht mehr jener Popanz aus dem Ammenmärchen, der dem Eulennest im Halbmonde Kinderaugen zur Atzung holt - nein! - ein häßlicher gespenstischer Unhold, der überall, wo er einschreitet, Jammer - Not - zeitliches, ewiges Verderben bringt.
Ich war fest gezaubert. Auf die Gefahr entdeckt, und, wie ich deutlich dachte, hart gestraft zu werden, blieb ich stehen, den Kopf lauschend durch die Gardine hervorgestreckt. Mein Vater empfing den Coppelius feierlich. »Auf! - zum Werk«, rief [336] dieser mit heiserer, schnurrender Stimme und warf
den Rock ab. Der Vater zog still und finster seinen Schlafrock aus
und
beide kleideten sich in lange schwarze Kittel. Wo sie die hernahmen,
hatte
ich übersehen. Der Vater öffnete die Flügeltür
eines
Wandschranks; aber ich sah, daß das, was ich solange dafür
gehalten,
kein Wandschrank, sondern vielmehr eine schwarze Höhlung war, in
der
ein kleiner Herd stand
Coppelius
trat hinzu und eine blaue Flamme knisterte auf dem Herde empor. Allerlei
seltsames Geräte stand umher. Ach Gott! - wie sich nun mein alter
Vater zum Feuer herabbückte, da sah er ganz
anders aus. Ein gräßlicher krampfhafter Schmerz schien seine
sanften ehrlichen Züge zum häßlichen widerwärtigen
Teufelsbilde verzogen zu haben. Er sah dem Coppelius ähnlich.
Dieser
schwang die glutrote Zange und
holte
damit hellblinkende Massen aus dem dicken Qualmdie
er dann emsig hämmerte. Mir war es als würden
Menschengesichter
ringsumher sichtbar, aber ohne Augen
- scheußliche, tiefe
schwarze
Höhlen statt ihrer. »Augen
her, Augen
her!« rief Coppelius mit dumpfer dröhnender Stimme. Ich
kreischte
auf von wildem Entsetzen gewaltig erfaßt und stürzte aus
meinem
Versteck heraus auf den Boden. Da ergriff mich Coppelius, »kleine
Bestie! - kleine Bestie!« meckerte er zähnfletschend! -
riß
mich auf und warf mich auf den Herd, daß die Flamme mein Haar zu
sengen begann: »Nun haben wir Augen,
Augen
- ein schön Paar Kinderaugen.«
So flüsterte Coppelius, und griff mit den Fäusten glutrote
Körner
aus der Flamme, die er mir in die Augen
streuen wollte. Da hob mein Vater flehend die Hände empor und
rief.
»Meister! Meister! laß meinem Nathanael die Augen
- laß sie ihm!« Coppelius lachte gellend auf und rief.
»Mag
denn der Junge die Augen
behalten und sein Pensum flennen in der Welt; aber nun wollen wir doch
den Mechanismus der Hände und der Füße recht
observieren.«
Und damit faßte er mich gewaltig, daß die Gelenke knackten,
und schrob mir die Hände ab und die Füße und setzte sie
bald hier, bald dort wieder ein. »'s steht doch überall
nicht
recht! 's gut so wie es war! - Der Alte hat's verstanden!« So
zischte
und lispelte Coppelius; aber alles um mich her wurde schwarz und
finster,
ein jäher Krampf durchzuckte Nerv und Gebein - ich fühlte
nichts
mehr. Ein sanfter warmer Hauch glitt über mein Gesicht, ich
erwachte
wie aus dem Todesschlaf, die Mutter hatte sich über mich
hingebeugt.
»Ist der Sandmann
noch da?« stammelte ich. »Nein, mein liebes Kind, der ist
lange,
lange fort, [337]
der tut dir keinen Schaden!« - So sprach die Mutter und
küßte
und herzte den wiedergewonnenen Liebling.
Was soll ich Dich ermüden, mein herzlieber Lothar! was soll ich
so weitläufig einzelnes hererzählen, da noch so vieles zu
sagen
übrig bleibt? Genug! - ich war bei der Lauscherei entdeckt, und
von
Coppelius gemißhandelt worden. Angst und Schrecken hatten mir ein
hitziges Fieber zugezogen, an dem ich mehrere Wochen krank lag
.
»Ist der Sandmann
noch da?« - Das war mein erstes gesundes Wort und das Zeichen
meiner
Genesung, meiner Rettung. - Nur noch den schrecklichsten Moment meiner
Jugendjahre darf ich Dir erzählen; dann wirst Du überzeugt
sein,
daß es nicht meiner Augen
Blödigkeit ist, wenn mir nun alles farblos
erscheint,
sondern, daß ein dunkles Verhängnis wirklich
einen
trüben Wolkenschleier über mein Leben gehängt hat, den
ich
vielleicht nur sterbend zerreiße.
Coppelius ließ sich nicht mehr sehen, es hieß, er habe die Stadt verlassen.
Ein Jahr mochte vergangen sein, als wir der alten unveränderten Sitte gemäß abends an dem runden Tische saßen. Der Vater war sehr heiter und erzählte viel Ergötzliches von den Reisen, die er in seiner Jugend gemacht. Da hörten wir, als es neune schlug, plötzlich die Haustür in den Angeln knarren und langsame eisenschwere Schritte dröhnten durch den Hausflur die Treppe herauf. »Das ist Coppelius«, sagte meine Mutter erblassend. »Ja! - es ist Coppelius«, wiederholte der Vater mit matter gebrochener Stimme. Die Tränen stürzten der Mutter aus den Augen. »Aber Vater, Vater!« rief sie, »muß es denn so sein?« - »Zum letzten Male!« erwiderte dieser, »zum letzten Male kommt er zu mir, ich verspreche es dir. Geh nur, geh mit den Kindern! - Geht - geht zu Bette! Gute Nacht!«
Mir war es, als sei ich in schweren kalten Stein eingepreßt -
mein Atem stockte! - Die Mutter ergriff mich beim Arm als ich
unbeweglich
stehen blieb: »Komm Nathanael, komme nur!« Ich ließ
mich
fortführen, ich trat in meine Kammer. »Sei ruhig, sei ruhig,
lege dich ins Bette! - schlafe - schlafe«, rief mir die Mutter
nach;
aber von unbeschreiblicher innerer Angst und Unruhe gequält,
konnte
ich kein Auge
zutun. Der verhaßte abscheuliche Coppelius stand vor mir mit
funkelnden
Augen
und lachte mich hämisch an, vergebens trachtete ich sein Bild los
zu werden. Es mochte wohl schon Mitternacht sein, als ein entsetzlicher
Schlag geschah, wie wenn ein Geschütz losgefeuert würde. Das
ganze Haus erdröhnte, es rasselte und [338]
rauschte bei meiner Türe vorüber, die Haustüre wurde
klirrend
zugeworfen. »Das ist Coppelius!« rief ich entsetzt und
sprang
aus dem Bette. Da kreischte es auf in schneidendem trostlosen Jammer,
fort
stürzte ich nach des Vaters Zimmer, die Türe stand offen,
erstickender
Dampf quoll mir entgegen, das Dienstmädchen schrie: »Ach,
der
Herr! - der Herr!« - Vor dem dampfenden Herde auf dem Boden lag
mein
Vater tot mit schwarz verbranntem gräßlich verzerrtem
Gesicht,
um ihn herum heulten und winselten die Schwestern - die Mutter
ohnmächtig
daneben! - »Coppelius, verruchter Satan, du hast den Vater
erschlagen!«
- So schrie ich auf, mir vergingen die Sinne. Als man zwei Tage darauf
meinen Vater in den Sarg legte, waren seine Gesichtszüge wieder
mild
und sanft geworden, wie sie im Leben waren. Tröstend ging es in
meiner
Seele auf, daß sein
Bund
mit dem teuflischen Coppelius ihn
nicht ins ewige Verderben gestürzt haben könne.
Die Explosion hatte die Nachbarn geweckt, der Vorfall wurde ruchtbar
und kam vor die Obrigkeit, welche den Coppelius zur Verantwortung
vorfordern
wollte. Der war aber spurlos vom Orte verschwunden.
Wenn ich Dir nun sage, mein herzlieber Freund! daß jener
Wetterglashändler
eben der verruchte Coppelius war, so wirst Du mir es nicht verargen,
daß
ich die feindliche Erscheinung als schweres Unheil bringend deute. Er
war
anders gekleidet, aber Coppelius' Figur und Gesichtszüge sind zu
tief
in mein Innerstes eingeprägt, als daß hier ein Irrtum
möglich
sein sollte. Zudem hat Coppelius nicht einmal seinen Namen
geändert.
Er gibt sich hier, wie ich höre, für einen piemontesischen
Mechanikus
aus, und nennt sich Giuseppe Coppola.
Ich bin entschlossen es mit ihm aufzunehmen und des Vaters Tod zu
rächen,
mag es denn nun gehen wie es will.
Der Mutter erzähle nichts von dem Erscheinen des gräßlichen Unholds - Grüße meine liebe holde Clara, ich schreibe ihr in ruhigerer Gemütsstimmung. Lebe wohl etc. etc.
Wahr ist es, daß Du recht lange mir nicht geschrieben hast, aber dennoch glaube ich, daß Du mich in Sinn und Gedanken trägst. Denn meiner gedachtest Du wohl recht lebhaft, als Du Deinen letzten Brief an Bruder Lothar absenden wolltest und [339] die Aufschrift, statt an ihn an mich richtetest. Freudig erbrach ich den Brief und wurde den Irrtum erst bei den Worten inne: »Ach mein herzlieber Lothar!« - Nun hätte ich nicht weiter lesen, sondern den Brief dem Bruder geben sollen. Aber, hast Du mir auch sonst manchmal in kindischer Neckerei vorgeworfen, ich hätte solch ruhiges, weiblich besonnenes Gemüt, daß ich wie jene Frau, drohe das Haus den Einsturz, noch vor schneller Flucht ganz geschwinde einen falschen Kniff in der Fenstergardine glattstreichen würde, so darf ich doch wohl kaum versichern, daß Deines Briefes Anfang mich tief erschütterte. Ich konnte kaum atmen, es flimmerte mir vor den Augen. - Ach, mein herzgeliebter Nathanael! was konnte so Entsetzliches in Dein Leben getreten sein! Trennung von Dir, Dich niemals wiedersehen, der Gedanke durchfuhr meine Brust wie ein glühender Dolchstich. - Ich las und las! - Deine Schilderung des widerwärtigen Coppelius ist gräßlich. Erst jetzt vernahm ich, wie Dein guter alter Vater solch entsetzlichen, gewaltsamen Todes starb. Bruder Lothar, dem ich sein Eigentum zustellte, suchte mich zu beruhigen, aber es gelang ihm schlecht. Der fatale Wetterglashändler Giuseppe Coppola verfolgte mich auf Schritt und Tritt und beinahe schäme ich mich, es zu gestehen, daß er selbst meinen gesunden, sonst so ruhigen Schlaf in allerlei wunderlichen Traumgebilden zerstören konnte. Doch bald, schon den andern Tag, hatte sich alles anders in mir gestaltet. Sei mir nur nicht böse, mein Inniggeliebter, wenn Lothar Dir etwa sagen möchte, daß ich trotz Deiner seltsamen Ahnung, Coppelius werde Dir etwas Böses antun, ganz heitern unbefangenen Sinnes bin, wie immer.
Geradeheraus will ich es Dir nur gestehen, daß, wie ich meine, alles Entsetzliche und Schreckliche, wovon Du sprichst, nur in Deinem Innern vorging, die wahre wirkliche Außenwelt aber daran wohl wenig teilhatte. Widerwärtig genug mag der alte Coppelius gewesen sein, aber daß er Kinder haßte, das brachte in Euch Kindern wahren Abscheu gegen ihn hervor.
Natürlich verknüpfte sich nun in Deinem kindischen Gemüt der schreckliche Sandmann aus dem Ammenmärchen mit dem alten Coppelius, der Dir, glaubtest Du auch nicht an den Sandmann, ein gespenstischer, Kindern vorzüglich gefährlicher, Unhold blieb. Das unheimliche Treiben mit Deinem Vater zur Nachtzeit war wohl nichts anders, als daß beide insgeheim alchymistische Versuche machten, womit die Mutter nicht zufrieden sein konnte, da gewiß viel Geld unnütz verschleudert [340] und obendrein, wie es immer mit solchen Laboranten der Fall sein soll, des Vaters Gemüt ganz von dem trügerischen Drange nach hoher Weisheit erfüllt, der Familie abwendig gemacht wurde. Der Vater hat wohl gewiß durch eigne Unvorsichtigkeit seinen Tod herbeigeführt, und Coppelius ist nicht schuld daran: Glaubst Du, daß ich den erfahrnen Nachbar Apotheker gestern frug, ob wohl bei chemischen Versuchen eine solche augenblicklich tötende Explosion möglich sei? Der sagte: »Ei allerdings« und beschrieb mir nach seiner Art gar weitläufig und umständlich, wie das zugehen könne, und nannte dabei so viel sonderbar klingende Namen, die ich gar nicht zu behalten vermochte. - Nun wirst Du wohl unwillig werden über Deine Clara, Du wirst sagen: »In dies kalte Gemüt dringt kein Strahl des Geheimnisvollen, das den Menschen oft mit unsichtbaren Armen umfaßt; sie erschaut nur die bunte Oberfläche der Welt und freut sich, wie das kindische Kind über die goldgleißende Frucht, in deren Innern tödliches Gift verborgen.«
Ach mein herzgeliebter Nathanael! glaubst Du denn nicht, daß auch in heitern - unbefangenen - sorglosen Gemütern die Ahnung wohnen könne von einer dunklen Macht, die feindlich uns in unserm eignen Selbst zu verderben strebt? - Aber verzeih es mir, wenn ich einfältig Mädchen mich unterfange, auf irgend eine Weise Dir anzudeuten, was ich eigentlich von solchem Kampfe im Innern glaube. - Ich finde wohl gar am Ende nicht die rechten Worte und Du lachst mich aus, nicht, weil ich was Dummes meine, sondern weil ich mich so ungeschickt anstelle, es zu sagen.
| Gibt es eine dunkle Macht, die so recht feindlich und verräterisch einen Faden in unser Inneres legt, woran sie uns dann festpackt und fortzieht auf einem gefahrvollen verderblichen Wege, den wir sonst nicht betreten haben würden - gibt es eine solche Macht, so muß sie in uns sich, wie wir selbst gestalten, ja unser Selbst werden; denn nur so glauben wir an sie und räumen ihr den Platz ein, dessen sie bedarf, um jenes geheime Werk zu vollbringen. Haben wir festen, durch das heitre Leben gestärkten, Sinn genug, um fremdes feindliches Einwirken als solches stets zu erkennen und den Weg, in den uns Neigung und Beruf geschoben, ruhigen Schrittes zu verfolgen, so geht wohl jene unheimliche Macht unter in dem vergeblichen Ringen nach der Gestaltung, die unser eignes Spiegelbild sein sollte. Es ist auch gewiß, fügt Lothar hinzu, daß die dunkle psychische Macht, haben wir uns durch uns selbst ihr hingegeben, oft fremde Gestalten, die die Außenwelt uns in den Weg wirft, in unser Inneres hineinzieht, so, daß wir selbst nur den Geist entzünden, der, wie wir in wunderlicher Täuschung glauben, aus jener Gestalt spricht. Es ist das Phantom unseres eigenen Ichs, dessen innige Verwandtschaft und dessen tiefe Einwirkung auf unser Gemüt uns in die Hölle wirft, oder in den Himmel verzückt. |
Ewig, mein herzinnigstgeliebter Nathanael etc. etc. etc.
Sehr unlieb ist es mir, daß Clara neulich den Brief an Dich aus, freilich durch meine Zerstreutheit veranlagtem, Irrtum erbrach und las. Sie hat mir einen sehr tiefsinnigen philosophischen Brief geschrieben, worin sie ausführlich beweiset, daß Coppelius und Coppola nur in meinem Innern existieren und Phantome meines Ichs sind, die augenblicklich zerstäuben, wenn ich sie als solche erkenne. In der Tat, man sollte gar nicht glauben, daß der Geist, der aus solch hellen holdlächelnden Kindesaugen, oft wie ein lieblicher süßer Traum, hervorleuchtet, [342] so gar verständig, so magistermäßig distinguieren könne. Sie beruft sich auf Dich. Ihr habt über mich gesprochen. Du liesest ihr wohl logische Kollegia, damit sie alles fein sichten und sondern lerne. - Laß das bleiben! - Übrigens ist es wohl gewiß, daß der Wetterglashändler Giuseppe Coppola keinesweges der alte Advokat Coppelius ist. Ich höre bei dem erst neuerdings angekommenen Professor der Physik, der, wie jener berühmte Naturforscher, Spalanzani heißt und italienischer Abkunft ist, Kollegia. Der kennt den Coppola schon seit vielen Jahren und überdem hört man es auch seiner Aussprache an, daß er wirklich Piemonteser ist. Coppelius war ein Deutscher, aber wie mich dünkt, kein ehrlicher. Ganz beruhigt bin ich nicht. Haltet Ihr, Du und Clara, mich immerhin für einen düstern Träumer, aber nicht los kann ich den Eindruck werden, den Coppelius' verfluchtes Gesicht auf mich macht. Ich bin froh, daß er fort ist aus der Stadt, wie mir Spalanzani sagt. Dieser Professor ist ein wunderlicher Kauz. Ein kleiner rundlicher Mann, das Gesicht mit starken Backenknochen, feiner Nase, aufgeworfenen Lippen, kleinen stechenden Augen. Doch besser, als in jeder Beschreibung, siehst Du ihn, wenn Du den Cagliostro, wie er von Chodowiecki in irgend einem Berlinischen Taschenkalender steht, anschauest. - So sieht Spalanzani aus. - Neulich steige ich die Treppe herauf und nehme wahr, daß die sonst einer Glastüre dicht vorgezogene Gardine zur Seite einen kleinen Spalt läßt. Selbst weiß ich nicht, wie ich dazu kam, neugierig durchzublicken. Ein hohes, sehr schlank im reinsten Ebenmaß gewachsenes, herrlich gekleidetes Frauenzimmer saß im Zimmer vor einem kleinen Tisch, auf den sie beide Ärme, die Hände zusammengefaltet, gelegt hatte. Sie saß der Türe gegenüber, so, daß ich ihr engelschönes Gesicht ganz erblickte. Sie schien mich nicht zu bemerken, und überhaupt hatten ihre Augen etwas Starres, beinahe möcht ich sagen, keine Sehkraft, es war mir so, als schliefe sie mit offnen Augen. Mir wurde ganz unheimlich und deshalb schlich ich leise fort ins Auditorium, das daneben gelegen. Nachher erfuhr ich, daß die Gestalt, die ich gesehen, Spalanzanis Tochter, Olimpia war, die er sonderbarer und schlechter Weise einsperrt, so, daß durchaus kein Mensch in ihre Nähe kommen darf. - Am Ende hat es eine Bewandtnis mit ihr, sie ist vielleicht blödsinnig oder sonst. - Weshalb schreibe ich Dir aber das alles? Besser und ausführlicher hätte ich Dir das mündlich erzählen können. Wisse nämlich, daß ich über vierzehn Tage bei Euch bin. Ich muß mein [343] süßes liebes Engelsbild, meine Clara, wiedersehen. Weggehaucht wird dann die Verstimmung sein, die sich (ich muß das gestehen) nach dem fatalen verständigen Briefe meiner bemeistern wollte. Deshalb schreibe ich auch heute nicht an sie.
Tausend Grüße etc. etc. etc.
Seltsamer und wunderlicher kann nichts erfunden werden, als dasjenige ist, was sich mit meinem armen Freunde, dem jungen Studenten Nathanael, zugetragen, und was ich dir, günstiger Leser! zu erzählen unternommen. Hast du, Geneigtester! wohl jemals etwas erlebt, das deine Brust, Sinn und Gedanken ganz und gar erfüllte, alles andere daraus verdrängend? Es gärte und kochte in dir, zur siedenden Glut entzündet sprang das Blut durch die Adern und färbte höher deine Wangen. Dein Blick war so seltsam als wolle er Gestalten, keinem andern Auge sichtbar, im leeren Raum erfassen und die Rede zerfloß in dunkle Seufzer. Da frugen dich die Freunde: »Wie ist Ihnen, Verehrter? - Was haben Sie, Teurer?« Und nun wolltest du das innere Gebilde mit allen glühenden Farben und Schatten und Lichtern aussprechen und mühtest dich ab, Worte zu finden, um nur anzufangen. Aber es war dir, als müßtest du nun gleich im ersten Wort alles Wunderbare, Herrliche, Entsetzliche, Lustige, Grauenhafte, das sich zugetragen, recht zusammengreifen, so daß es, wie ein elektrischer Schlag, alle treffe. Doch jedes Wort, alles was Rede vermag, schien dir farblos und frostig und tot. Du suchst und suchst, und stotterst und stammelst, und die nüchternen Fragen der Freunde schlagen, wie eisige Windeshauche, hinein in deine innere Glut, bis sie verlöschen will. Hattest du aber, wie ein kecker Maler, erst mit einigen verwegenen Strichen, den Umriß deines innern Bildes hingeworfen, so trugst du mit leichter Mühe immer glühender und glühender die Farben auf und das lebendige Gewühl mannigfacher Gestalten riß die Freunde fort und sie sahen, wie du, sich selbst mitten im Bilde, das aus deinem Gemüt hervorgegangen! - Mich hat, wie ich es dir, geneigter Leser! gestehen muß, eigentlich niemand nach der Geschichte des jungen Nathanael gefragt; du weißt ja aber wohl, daß ich zu dem wunderlichen Geschlechte der Autoren gehöre, denen, tragen sie etwas so in sich, wie ich es vorhin beschrieben, so zumute wird, als frage jeder, der in ihre Nähe kommt und nebenher auch wohl noch die ganze Welt: »Was ist es denn? Erzählen Sie Liebster?« [344] - So trieb es mich denn gar gewaltig, von Nathanaels verhängnisvollem Leben zu dir zu sprechen. Das Wunderbare, Seltsame davon erfüllte meine ganze Seele, aber eben deshalb und weil ich dich, o mein Leser! gleich geneigt machen mußte, Wunderliches zu ertragen, welches nichts Geringes ist, quälte ich mich ab, Nathanaels Geschichte, bedeutend - originell, ergreifend, anzufangen: »Es war einmal« - der schönste Anfang jeder Erzählung, zu nüchtern! - »In der kleinen Provinzialstadt S. lebte« - etwas besser, wenigstens ausholend zum Klimax. - Oder gleich medias in res: »'Scher er sich zum Teufel', rief, Wut und Entsetzen im wilden Blick, der Student Nathanael, als der Wetterglashändler Giuseppe Coppola« - Das hatte ich in der Tat schon aufgeschrieben, als ich in dem wilden Blick des Studenten Nathanael etwas Possierliches zu verspüren glaubte; die Geschichte ist aber gar nicht spaßhaft. Mir kam keine Rede in den Sinn, die nur im mindesten etwas von dem Farbenglanz des innern Bildes abzuspiegeln schien. Ich beschloß gar nicht anzufangen. Nimm, geneigter Leser! die drei Briefe, welche Freund Lothar mir gütigst mitteilte, für den Umriß des Gebildes, in das ich nun erzählend immer mehr und mehr Farbe hineinzutragen mich bemühen werde. Vielleicht gelingt es mir, manche Gestalt, wie ein guter Porträtmaler, so aufzufassen, daß du es ähnlich findest, ohne das Original zu kennen, ja daß es dir ist, als hättest du die Person recht oft schon mit leibhaftigen Augen gesehen. Vielleicht wirst du, o mein Leser! dann glauben, daß nichts wunderlicher und toller sei, als das wirkliche Leben und daß dieses der Dichter doch nur, wie in eines matt geschliffnen Spiegels dunklem Widerschein, auffassen könne.
Damit klarer werde, was gleich anfangs zu wissen nötig, ist jenen Briefen noch hinzuzufügen, daß bald darauf, als Nathanaels Vater gestorben, Clara und Lothar, Kinder eines weitläuftigen Verwandten, der ebenfalls gestorben und sie verwaist nachgelassen, von Nathanaels Mutter ins Haus genommen wurden. Clara und Nathanael faßten eine heftige Zuneigung zueinander, wogegen kein Mensch auf Erden etwas einzuwenden hatte; sie waren daher Verlobte, als Nathanael den Ort verließ um seine Studien in G. - fortzusetzen. Da ist er nun in seinem letzten Brief und hört Kollegia bei dem berühmten Professor Physices, Spalanzani.
Nun könnte ich getrost in der Erzählung fortfahren; aber in dem Augenblick steht Claras Bild so lebendig mir vor Augen, [345] daß ich nicht wegschauen kann, so wie es immer geschah, wenn sie mich holdlächelnd anblickte. - Für schön konnte Clara keinesweges gelten; das meinten alle, die sich von Amtswegen auf Schönheit verstehen. Doch lobten die Architekten die reinen Verhältnisse ihres Wuchses, die Maler fanden Nacken, Schultern und Brust beinahe zu keusch geformt, verliebten sich dagegen sämtlich in das wunderbare Magdalenenhaar und faselten überhaupt viel von Battonischem Kolorit. Einer von ihnen, ein wirklicher Fantast, verglich aber höchstseltsamer Weise Claras Augen mit einem See von Ruisdael, in dem sich des wolkenlosen Himmels reines Azur, Wald- und Blumenflur, der reichen Landschaft ganzes buntes, heitres Leben spiegelt. Dichter und Meister gingen aber weiter und sprachen: »Was See - was Spiegel! - Können wir denn das Mädchen anschauen, ohne daß uns aus ihrem Blick wunderbare himmlische Gesänge und Klänge entgegenstrahlen, die in unser Innerstes dringen, daß da alles wach und rege wird? Singen wir selbst dann nichts wahrhaft Gescheutes, so ist überhaupt nicht viel an uns und das lesen wir denn auch deutlich in dem um Claras Lippen schwebenden feinen Lächeln, wenn wir uns unterfangen, ihr etwas vorzuquinkelieren, das so tun will als sei es Gesang, unerachtet nur einzelne Töne verworren durcheinander springen.« Es war dem so. Clara hatte die lebenskräftige Fantasie des heitern unbefangenen, kindischen Kindes, ein tiefes weiblich zartes Gemüt, einen gar hellen scharf sichtenden Verstand. Die Nebler und Schwebler hatten bei ihr böses Spiel; denn ohne zu viel zu reden, was überhaupt in Claras schweigsamer Natur nicht lag, sagte ihnen der helle Blick, und jenes feine ironische Lächeln: Lieben Freunde! wie möget ihr mir denn zumuten, daß ich eure verfließende Schattengebilde für wahre Gestalten ansehen soll, mit Leben und Regung? - Clara wurde deshalb von vielen kalt, gefühllos, prosaisch gescholten; aber andere, die das Leben in klarer Tiefe aufgefaßt, liebten ungemein das gemütvolle, verständige, kindliche Mädchen, doch keiner so sehr, als Nathanael, der sich in Wissenschaft und Kunst kräftig und heiter bewegte. Clara hing an dem Geliebten mit ganzer Seele; die ersten Wolkenschatten zogen durch ihr Leben, als er sich von ihr trennte. Mit welchem Entzücken flog sie in seine Arme, als er nun, wie er im letzten Briefe an Lothar es verheißen, wirklich in seiner Vaterstadt ins Zimmer der Mutter eintrat. Es geschah so wie Nathanael geglaubt; denn in dem Augenblick, als er Clara wiedersah, dachte er weder an den Advokaten [346] Coppelius, noch an Claras verständigen Brief, jede Verstimmung war verschwunden.
Recht hatte aber
Nathanael
doch, als er seinem Freunde Lothar schrieb, daß des
widerwärtigen
Wetterglashändlers Coppola Gestalt recht feindlich in sein Leben
getreten
sei. Alle fühlten das, da Nathanael gleich in den ersten Tagen in
seinem ganzen Wesen durchaus verändert sich zeigte. Er versank in
düstre Träumereien, und trieb es bald so seltsam, wie man es
niemals von ihm gewohnt gewesen. Alles, das ganze Leben war ihm Traum
und
Ahnung geworden; immer sprach er davon,
wie
jeder Mensch, sich frei wähnend, nur dunklen Mächten zum
grausamen
Spiel diene
,
vergeblich lehne man sich dagegen auf, demütig müsse man sich
dem fügen, was das Schicksal verhängt habe. Er ging so weit,
zu behaupten, daß es töricht sei, wenn man glaube, in Kunst
und Wissenschaft nach selbsttätiger Willkür zu schaffen; denn
die Begeisterung, in der man nur zu schaffen fähig sei, komme
nicht
aus dem eignen Innern, sondern sei das Einwirken irgend eines
außer
uns selbst liegenden höheren Prinzips.
Der verständigen Clara war diese mystische Schwärmerei im
höchsten Grade zuwider, doch schien es vergebens, sich auf
Widerlegung
einzulassen. Nur dann, wenn Nathanael bewies, daß Coppelius das
böse
Prinzip sei, was ihn in dem Augenblick
erfaßt
habe, als er hinter dem Vorhange lauschte, und daß dieser
widerwärtige
Dämon auf entsetzliche Weise ihr Liebesglück stören
werde,
da wurde Clara sehr ernst und sprach: »Ja Nathanael! du hast
recht,
Coppelius ist ein böses feindliches Prinzip, er kann Entsetzliches
wirken, wie eine teuflische Macht, die sichtbarlich in das Leben trat,
aber nur dann, wenn du ihn nicht aus Sinn und Gedanken verbannst.
Solange
du an ihn glaubst, ist er auch und wirkt, nur dein Glaube ist seine
Macht.«
- Nathanael, ganz erzürnt, daß Clara die Existenz des
Dämons
nur in seinem eignen Innern statuiere, wollte dann hervorrücken
mit
der
ganzen
mystischen Lehre von Teufeln und grausen Mächten, Clara
brach aber verdrüßlich ab, indem sie irgend etwas
Gleichgültiges
dazwischen schob, zu Nathanaels nicht geringem Ärger. Der dachte,
kalten unempfänglichen Gemütern verschließen sich
solche
tiefe Geheimnisse, ohne sich deutlich bewußt zu sein, daß
er
Clara eben zu solchen untergeordneten Naturen zähle, weshalb er
nicht
abließ mit Versuchen, sie in jene Geheimnisse einzuweihen. Am
frühen
Morgen, wenn Clara das Frühstück bereiten half, stand er bei
ihr und las ihr aus [347]
allerlei mystischen Büchern vor, daß Clara bat: »Aber
lieber Nathanael, wenn ich dich nun das böse Prinzip schelten
wollte,
das feindlich auf meinen Kaffee wirkt? - Denn, wenn ich, wie du es
willst,
alles stehen und liegen lassen und dir, indem du liesest, in die Augen
schauen soll, so läuft mir der Kaffee ins Feuer
und
ihr bekommt alle kein Frühstück!« - Nathanael klappte
das
Buch heftig zu und rannte voll Unmut fort in sein Zimmer. Sonst hatte
er
eine besondere Stärke in anmutigen, lebendigen Erzählungen,
die
er aufschrieb, und die Clara mit dem innigsten Vergnügen
anhörte,
jetzt waren seine Dichtungen düster, unverständlich,
gestaltlos,
so daß, wenn Clara schonend es auch nicht sagte, er doch wohl
fühlte,
wie wenig sie davon angesprochen wurde. Nichts war für Clara
tötender,
als das Langweilige; in Blick und Rede sprach sich dann ihre
nicht
zu besiegende geistige Schläfrigkeit aus. Nathanaels Dichtungen
waren
in der Tat sehr langweilig. Sein Verdruß über Claras kaltes
prosaisches Gemüt stieg höher, Clara konnte ihren Unmut
über
Nathanaels dunkle, düstere, langweilige Mystik nicht
überwinden,
und so entfernten beide im Innern sich immer mehr voneinander, ohne es
selbst zu bemerken
.
Die Gestalt des häßlichen Coppelius war, wie Nathanael
selbst
es sich gestehen mußte, in seiner Fantasie erbleicht und es
kostete
ihm oft Mühe, ihn in seinen Dichtungen, wo er als grauser
Schicksalspopanz
auftrat, recht lebendig zu kolorieren. Es kam ihm endlich ein, jene
düstre
Ahnung, daß Coppelius sein Liebesglück stören werde,
zum
Gegenstande eines Gedichts zu machen. Er stellte sich und Clara dar, in
treuer Liebe verbunden, aber dann und wann war es, als griffe eine
schwarze
Faust in ihr Leben und risse irgend eine Freude heraus, die ihnen
aufgegangen.
Endlich, als sie schon am Traualtar stehen, erscheint der entsetzliche
Coppelius und berührt Claras holde Augen;
die springen in Nathanaels Brust wie blutige Funken sengend und
brennend,
Coppelius faßt ihn und wirft ihn in einen flammenden Feuerkreis,
der sich dreht mit der Schnelligkeit des Sturmes und ihn sausend und
brausend
fortreißt. Es ist ein Tosen, als wenn der Orkan grimmig
hineinpeitscht
in die schäumenden Meereswellen, die sich wie schwarze,
weißhauptige
Riesen emporbäumen in wütendem Kampfe. Aber durch dies wilde
Tosen hört er Claras Stimme: »Kannst du mich denn nicht
erschauen?
Coppelius hat dich getäuscht, das waren ja nicht meine Augen,
die so in deiner Brust brannten, das waren ja glühende Tropfen
deines
eignen Herzbluts - ich habe ja meine Augen,
sieh mich [348]
doch nur an!« - Nathanael denkt: Das ist Clara, und ich bin ihr
eigen
ewiglich. - Da ist es, als faßt der Gedanke gewaltig in den
Feuerkreis
hinein, daß er stehen bleibt, und im schwarzen Abgrund verrauscht
dumpf das Getöse. Nathanael blickt in Claras Augen;
aber es ist der Tod, der mit Claras Augen
ihn freundlich anschaut.
Während Nathanael dies dichtete, war er sehr ruhig und besonnen, er feilte und besserte an jeder Zeile und da er sich dem metrischen Zwange unterworfen, ruhte er nicht, bis alles rein und wohlklingend sich fügte. Als er jedoch nun endlich fertig worden, und das Gedicht für sich laut las, da faßte ihn Grausen und wildes Entsetzen und er schrie auf. »Wessen grauenvolle Stimme ist das?« - Bald schien ihm jedoch das Ganze wieder nur eine sehr gelungene Dichtung, und es war ihm, als müsse Claras kaltes Gemüt dadurch entzündet werden, wiewohl er nicht deutlich dachte, wozu denn Clara entzündet, und wozu es denn nun eigentlich führen solle, sie mit den grauenvollen Bildern zu ängstigen, die ein entsetzliches, ihre Liebe zerstörendes Geschick weissagten. Sie, Nathanael und Clara, saßen in der Mutter kleinem Garten, Clara war sehr heiter, weil Nathanael sie seit drei Tagen, in denen er an jener Dichtung schrieb, nicht mit seinen Träumen und Ahnungen geplagt hatte. Auch Nathanael sprach lebhaft und froh von lustigen Dingen wie sonst, so, daß Clara sagte: »Nun erst habe ich dich ganz wieder, siehst du es wohl, wie wir den häßlichen Coppelius vertrieben haben?« Da fiel dem Nathanael erst ein, daß er ja die Dichtung in der Tasche trage, die er habe vorlesen wollen. Er zog auch sogleich die Blätter hervor und fing an zu lesen: Clara, etwas Langweiliges wie gewöhnlich vermutend und sich darein ergebend, fing an, ruhig zu stricken. Aber so wie immer schwärzer und schwärzer das düstre Gewölk aufstieg, ließ sie den Strickstrumpf sinken und blickte starr dem Nathanael ins Auge. Den riß seine Dichtung unaufhaltsam fort, hochrot färbte seine Wangen die innere Glut, Tränen quollen ihm aus den Augen. - Endlich hatte er geschlossen, er stöhnte in tiefer Ermattung - er faßte Claras Hand und seufzte wie aufgelöst in trostlosem Jammer: »Ach! - Clara - Clara!« - Clara drückte ihn sanft an ihren Busen und sagte leise, aber sehr langsam und ernst: »Nathanael - mein herzlieber Nathanael! - wirf das tolle - unsinnige - wahnsinnige Märchen ins Feuer.« Da sprang Nathanael entrüstet auf und rief, Clara von sich stoßend: »Du lebloses, verdammtes Automat!« Er rannte fort, [349] bittre Tränen vergoß die tief verletzte Clara: »Ach er hat mich niemals geliebt, denn er versteht mich nicht«, schluchzte sie laut. - Lothar trat in die Laube; Clara mußte ihm erzählen was vorgefallen; er liebte seine Schwester mit ganzer Seele, jedes Wort ihrer Anklage fiel wie ein Funke in sein Inneres, so, daß der Unmut, den er wider den träumerischen Nathanael lange im Herzen getragen, sich entzündete zum wilden Zorn. Er lief zu Nathanael, er warf ihm das unsinnige Betragen gegen die geliebte Schwester in harten Worten vor, die der aufbrausende Nathanael ebenso erwiderte. Ein fantastischer, wahnsinniger Geck wurde mit einem miserablen, gemeinen Alltagsmenschen erwidert. Der Zweikampf war unvermeidlich. Sie beschlossen, sich am folgenden Morgen hinter dem Garten nach dortiger akademischer Sitte mit scharfgeschliffenen Stoßrapieren zu schlagen. Stumm und finster schlichen sie umher, Clara hatte den heftigen Streit gehört und gesehen, daß der Fechtmeister in der Dämmerung die Rapiere brachte. Sie ahnte was geschehen sollte. Auf dem Kampfplatz angekommen hatten Lothar und Nathanael soeben düsterschweigend die Röcke abgeworfen, blutdürstige Kampflust im brennenden Auge wollten sie gegeneinander ausfallen, als Clara durch die Gartentür herbeistürzte. Schluchzend rief sie laut: »Ihr wilden entsetzlichen Menschen! - stoßt mich nur gleich nieder, ehe ihr euch anfallt; denn wie soll ich denn länger leben auf der Welt, wenn der Geliebte den Bruder, oder wenn der Bruder den Geliebten ermordet hat!« - Lothar ließ die Waffe sinken und sah schweigend zur Erde nieder, aber in Nathanaels Innern ging in herzzerreißender Wehmut alle Liebe wieder auf, wie er sie jemals in der herrlichen Jugendzeit schönsten Tagen für die holde Clara empfunden. Das Mordgewehr entfiel seiner Hand, er stürzte zu Claras Füßen. »Kannst du mir denn jemals verzeihen, du meine einzige, meine herzgeliebte Clara! - Kannst du mir verzeihen, mein herzlieber Bruder Lothar!« - Lothar wurde gerührt von des Freundes tiefem Schmerz; unter tausend Tränen umarmten sich die drei versöhnten Menschen und schwuren, nicht voneinander zu lassen in steter Liebe und Treue.
Dem Nathanael war es zumute, als sei eine schwere Last, die ihn zu Boden gedrückt, von ihm abgewälzt, ja als habe er, Widerstand leistend der finstern Macht, die ihn befangen, sein ganzes Sein, dem Vernichtung drohte, gerettet. Noch drei selige Tage verlebte er bei den Lieben, dann kehrte er zurück nach [350] G., wo er noch ein Jahr zu bleiben, dann aber auf immer nach seiner Vaterstadt zurückzukehren gedachte.
Der Mutter war alles, was sich auf Coppelius bezog, verschwiegen worden; denn man wußte, daß sie nicht ohne Entsetzen an ihn denken konnte, weil sie, wie Nathanael, ihm den Tod ihres Mannes schuld gab.
Wie erstaunte Nathanael, als
er
in seine Wohnung wollte und sah, daß das ganze Haus
niedergebrannt
war, so daß aus dem Schutthaufen nur die nackten Feuermauern
hervorragten.
Unerachtet das Feuer in dem Laboratorium des Apothekers, der im untern
Stocke wohnte, ausgebrochen war, das Haus daher von unten herauf
gebrannt
hatte, so war es doch den kühnen, rüstigen Freunden gelungen,
noch zu rechter Zeit in Nathanaels im obern Stock gelegenes Zimmer zu
dringen,
und Bücher, Manuskripte, Instrumente zu retten. Alles hatten sie
unversehrt
in ein anderes Haus getragen, und dort ein Zimmer in Beschlag genommen,
welches Nathanael nun sogleich bezog. Nicht sonderlich achtete er
darauf,
daß er dem Professor Spalanzani gegenüber wohnte, und
ebensowenig
schien es ihm etwas Besonderes, als er bemerkte, daß er aus
seinem
Fenster gerade hinein in das Zimmer blickte, wo oft Olimpia einsam
saß,
so, daß er ihre Figur deutlich erkennen konnte, wiewohl die
Züge
des Gesichts undeutlich und verworren blieben. Wohl fiel es ihm endlich
auf, daß Olimpia oft stundenlang in derselben Stellung, wie er
sie
einst durch die Glastüre entdeckte, ohne irgend eine
Beschäftigung
an einem kleinen Tische saß und daß sie offenbar
unverwandten
Blickes nach ihm herüberschaute; er mußte
sich
auch selbst gestehen, daß er nie einen schöneren Wuchs
gesehen;
indessen, Clara im Herzen, blieb ihm die steife, starre Olimpia
höchst
gleichgültig und nur zuweilen sah er flüchtig über sein
Kompendium herüber nach der schönen Bildsäule, das war
alles.
- Eben schrieb er an Clara, als es leise an die Türe klopfte; sie
öffnete sich auf seinen Zuruf und Coppolas widerwärtiges
Gesicht
sah hinein. Nathanael fühlte sich im Innersten erbeben; eingedenk
dessen, was ihm Spalanzani über den Landsmann Coppola gesagt und
was
er auch rücksichts des Sandmanns
Coppelius der Geliebten so heilig versprochen, schämte er sich
aber
selbst seiner kindischen Gespensterfurcht, nahm sich mit aller Gewalt
zusammen
und sprach so sanft und gelassen, als möglich: »Ich kaufe
kein
Wetterglas, mein lieber Freund! gehen Sie nur!« Da trat aber
Cop- [351]
pola vollends in die Stube und sprach mit heiserem Ton, indem sich das
weite Maul zum häßlichen Lachen verzog und die kleinen Augen
unter den grauen langen Wimpern stechend hervorfunkelten: »Ei,
nix
Wetterglas, nix Wetterglas! - hab auch sköne Oke
- sköne Oke!«
- Entsetzt rief Nathanael: »Toller Mensch, wie kannst du Augen
haben? - Augen
- Augen?
-« Aber in dem Augenblick hatte Coppola
seine Wettergläser
beiseite gesetzt, griff in die weiten Rocktaschen und holte Lorgnetten
und Brillen
heraus, die er auf den Tisch legte. - »Nu - Nu - Brill - Brill
auf
der Nas su setze, das sein meine Oke
- sköne Oke!«
- Und damit holte er immer mehr und mehr Brillen
heraus, so, daß es auf dem ganzen Tisch seltsam zu flimmern und
zu
funkeln begann. Tausend Augen
blickten und zuckten krampfhaft und starrten auf zum Nathanael; aber er
konnte nicht wegschauen von dem Tisch, und immer mehr Brillen
legte Coppola hin, und immer wilder und wilder sprangen flammende
Blicke
durcheinander und schossen ihre blutrote Strahlen in Nathanaels Brust.
Übermannt von tollem Entsetzen schrie er auf.- »Halt ein!
halt
ein, fürchterlicher Mensch!« - Er hatte Coppola, der eben in
die Tasche griff, um noch mehr Brillen
herauszubringen, unerachtet schon der ganze Tisch überdeckt war,
beim
Arm festgepackt. Coppola machte sich mit heiserem widrigen Lachen sanft
los und mit den Worten: »Ah! - nix für Sie - aber hier
sköne
Glas«
- hatte er alle Brillen
zusammengerafft, eingesteckt und aus der Seitentasche des Rocks eine
Menge
großer und kleiner Perspektive
hervorgeholt. Sowie die Brillenfort
waren, wurde Nathanael ganz ruhig und an Clara denkend sah er wohl ein,
daß der entsetzliche Spuk nur aus seinem Innern hervorgegangen,
sowie
daß Coppola ein höchst ehrlicher Mechanikus und Optikus,
keineswegs
aber Coppelii verfluchter Doppeltgänger und Revenant sein
könne.
Zudem hatten alle Gläser,
die Coppola nun auf den Tisch gelegt, gar nichts Besonderes, am
wenigsten
so etwas Gespenstisches wie die Brillen
und, um alles wieder gutzumachen, beschloß Nathanael dem Coppola
jetzt wirklich etwas abzukaufen. Er ergriff ein kleines sehr sauber
gearbeitetes
Taschenperspektiv
und sah, um es zu prüfen, durch das Fenster. Noch im Leben war ihm
kein Glas
vorgekommen, das die Gegenstände so rein, scharf und deutlich
dicht
vor die Augen
rückte. Unwillkürlich sah er hinein in Spalanzanis Zimmer;
Olimpia
saß, wie gewöhnlich, vor dem kleinen

Tisch, die Arme darauf gelegt, die Hände gefaltet. - Nun erschaute Nathanael erst Olimpias wunderschön [352] geformtes Gesicht. Nur die Augen schienen ihm gar seltsam starr und tot. Doch wie er immer schärfer und schärfer durch das Glas hinschaute, war es, als gingen in Olimpias Augen feuchte Mondesstrahlen auf. Es schien, als wenn nun erst die Sehkraft entzündet würde; immer lebendiger und lebendiger flammten die Blicke. Nathanael lag wie festgezaubert im Fenster, immer fort und fort die himmlisch-schöne Olimpia betrachtend. Ein Räuspern und Scharren weckte ihn, wie aus tiefem Traum. Coppola stand hinter ihm: »Tre Zechini - drei Dukat« - Nathanael hatte den Optikus rein vergessen, rasch zahlte er das Verlangte. »Nick so? - sköne Glas - sköne Glas!« frug Coppola mit seiner widerwärtigen heisern Stimme und dem hämischen Lächeln. »Ja ja, ja!« erwiderte Nathanael verdrießlich. »Adieu, lieber Freund!« - Coppola verließ nicht ohne viele seltsame Seitenblicke auf Nathanael, das Zimmer. Er hörte ihn auf der Treppe laut lachen. »Nun ja«, meinte Nathanael, »er lacht mich aus, weil ich ihm das kleine Perspektiv gewiß viel zu teuer bezahlt habe - zu teuer bezahlt!« - Indem er diese Worte leise sprach, war es, als halle ein tiefer Todesseufzer grauenvoll durch das Zimmer, Nathanaels Atem stockte vor innerer Angst. - Er hatte ja aber selbst so aufgeseufzt, das merkte er wohl. »Clara«, sprach er zu sich selber, »hat wohl recht, daß sie mich für einen abgeschmackten Geisterseher hält; aber närrisch ist es doch - ach wohl mehr, als närrisch, daß mich der dumme Gedanke, ich hätte das Glas dem Coppola zu teuer bezahlt, noch jetzt so sonderbar ängstigt; den Grund davon sehe ich gar nicht ein.« - Jetzt setzte er sich hin, um den Brief an Clara zu enden, aber ein Blick durchs Fenster überzeugte ihn, daß Olimpia noch dasäße und im Augenblick, wie von unwiderstehlicher Gewalt getrieben, sprang er auf, ergriff Coppolas Perspektiv und konnte nicht los von Olimpias verführerischem Anblick, bis ihn Freund und Bruder Siegmund abrief ins Kollegium bei dem Professor Spalanzani. Die Gardine vor dem verhängnisvollen Zimmer war dicht zugezogen, er konnte Olimpia ebensowenig hier, als die beiden folgenden Tage hindurch in ihrem Zimmer, entdecken, unerachtet er kaum das Fenster verließ und fortwährend durch Coppolas Perspektiv hinüberschaute. Am dritten Tage wurden sogar die Fenster verhängt. Ganz verzweifelt und getrieben von Sehnsucht und glühendem Verlangen lief er hinaus vors Tor. Olimpias Gestalt schwebte vor ihm her in den Lüften und trat aus dem Gebüsch, und guckte ihn an mit großen strahlenden Augen, aus dem hel- [353] len Bach. Claras Bild war ganz aus seinem Innern gewichen, er dachte nichts, als Olimpia und klagte ganz laut und weinerlich: »Ach du mein hoher herrlicher Liebesstern, bist du mir denn nur aufgegangen, um gleich wieder zu verschwinden, und mich zu lassen in finstrer hoffnungsloser Nacht?«
Als er zurückkehren wollte in seine Wohnung, wurde er in Spalanzanis Hause ein geräuschvolles Treiben gewahr. Die Türen standen offen, man trug allerlei Geräte hinein, die Fenster des ersten Stocks waren ausgehoben, geschäftige Mägde kehrten und stäubten mit großen Haarbesen hin- und herfahrend, inwendig klopften und hämmerten Tischler und Tapezierer. Nathanael blieb in vollem Erstaunen auf der Straße stehen; da trat Siegmund lachend zu ihm und sprach: »Nun, was sagst du zu unserem alten Spalanzani?« Nathanael versicherte, daß er gar nichts sagen könne, da er durchaus nichts vom Professor wisse, vielmehr mit großer Verwunderung wahrnehme, wie in dem stillen düstern Hause ein tolles Treiben und Wirtschaften losgegangen; da erfuhr er denn von Siegmund, daß Spalanzani morgen ein großes Fest geben wolle, Konzert und Ball, und daß die halbe Universität eingeladen sei. Allgemein verbreite man, daß Spalanzani seine Tochter Olimpia, die er so lange jedem menschlichen Auge recht ängstlich entzogen, zum erstenmal erscheinen lassen werde.
Nathanael fand eine Einladungskarte und ging mit
hochklopfendem
Herzen zur bestimmten Stunde, als schon die Wagen rollten und die
Lichter
in den geschmückten Sälen schimmerten, zum Professor. Die
Gesellschaft
war zahlreich und glänzend. Olimpia erschien sehr reich und
geschmackvoll
gekleidet. Man mußte ihr schöngeformtes Gesicht, ihren Wuchs
bewundern. Der etwas seltsam eingebogene Rücken, die wespenartige
Dünne des Leibes schien von zu starkem Einschnüren bewirkt zu
sein. In Schritt und Stellung hatte sie etwas Abgemessenes und Steifes,
das manchem unangenehm auffiel; man schrieb es dem Zwange zu, den ihr
die
Gesellschaft auflegte. Das Konzert begann. Olimpia spielte den
Flügel
mit großer Fertigkeit und trug ebenso eine Bravour-Arie mit
heller,
beinahe schneidender Glasglockenstimme vor. Nathanael war ganz
entzückt;
er stand in der hintersten Reihe und konnte im blendenden Kerzenlicht
Olimpias
Züge nicht ganz erkennen. Ganz unvermerkt nahm er deshalb Coppolas
Glashervor
und schaute hin nach der schönen Olimpia. Ach! - da wurde er
gewahr,
wie sie voll Sehnsucht nach ihm herübersah, wie jeder [354]
Ton erst deutlich aufging in dem Liebesblick, der zündend
sein Inneres durchdrang. Die künstlichen Rouladen schienen
dem
Nathanael das
Himmelsjauchzen
des in Liebe verklärten Gemüts, und als nun endlich nach der
Kadenz der lange Trillo recht schmetternd durch den Saal gellte, konnte
er wie von glühenden Ärmen plötzlich erfaßt sich
nicht
mehr halten, er mußte vor Schmerz und Entzücken laut
aufschreien:
»Olimpia!« - Alle sahen sich um nach ihm, manche lachten.
Der
Domorganist schnitt aber noch ein finstreres Gesicht, als vorher und
sagte
bloß: »Nun nun!« - Das Konzert war zu Ende, der Ball
fing an. »Mit ihr zu tanzen! - mit ihr!« das war nun dem
Nathanael
das Ziel aller Wünsche, alles Strebens; aber wie sich erheben zu
dem
Mut, sie, die Königin des Festes, aufzufordern? Doch! - er selbst
wußte nicht wie es geschah, daß er, als schon der Tanz
angefangen,
dicht neben Olimpia stand, die noch nicht aufgefordert worden, und
daß
er, kaum vermögend einige Worte zu stammeln, ihre Hand ergriff.
Eiskalt
war Olimpias Hand, er fühlte sich durchbebt von grausigem
Todesfrost,
er starrte Olimpia ins Auge, das strahlte ihm voll Liebe und Sehnsucht
entgegen und in dem Augenblick war es auch, als fingen an in der kalten
Hand Pulse zu schlagen und des Lebensblutes Ströme zu glühen.
Und auch in Nathanaels Innerm glühte höher auf die
Liebeslust,
er umschlang die schöne Olimpia und durchflog mit ihr die Reihen.
- Er glaubte sonst recht taktmäßig getanzt zu haben, aber an
der ganz eignen rhythmischen Festigkeit, womit Olimpia tanzte und die
ihn
oft ordentlich aus der Haltung brachte, merkte er bald, wie sehr ihm
der
Takt gemangelt. Er wollte jedoch mit keinem andern Frauenzimmer mehr
tanzen
und hätte jeden, der sich Olimpia näherte, um sie
aufzufordern,
nur gleich ermorden mögen. Doch nur zweimal geschah dies, zu
seinem
Erstaunen blieb darauf Olimpia bei jedem Tanze sitzen und er ermangelte
nicht, immer wieder sie aufzuziehen. Hätte Nathanael außer
der
schönen Olimpia noch etwas andres zu sehen vermocht, so wäre
allerlei fataler Zank und Streit unvermeidlich gewesen; denn offenbar
ging
das halbleise, mühsam unterdrückte Gelächter, was sich
in
diesem und jenem Winkel unter den jungen Leuten erhob, auf die
schöne
Olimpia, die sie mit ganz kuriosen Blicken verfolgten, man konnte gar
nicht
wissen, warum? Durch den Tanz und durch den reichlich genossenen Wein
erhitzt,
hatte Nathanael alle ihm sonst eigne Scheu abgelegt. Er saß neben
Olimpia, ihre Hand in der seinigen und sprach hochentflammt
und begeistert von seiner Liebe [355]in
Worten, die keiner verstand, weder er, noch Olimpia.
Doch diese vielleicht; denn sie sah ihm unverrückt ins Auge
und seufzte einmal übers andere: »Ach - Ach - Ach!« -
worauf denn Nathanael also sprach: »O du herrliche, himmlische
Frau!
- du Strahl aus dem verheißenen Jenseits der Liebe - du tiefes
Gemüt,
in dem sich mein ganzes Sein spiegelt« und noch mehr dergleichen,
aber Olimpia seufzte bloß immer wieder: »Ach, Ach!« -
Der Professor Spalanzani ging einigemal bei den Glücklichen
vorüber
und lächelte sie ganz seltsam zufrieden an. Dem Nathanael schien
es,
unerachtet er sich in einer ganz andern Welt befand, mit einemmal, als
würd es hienieden beim Professor Spalanzani merklich finster; er
schaute
um sich und wurde zu seinem nicht geringen Schreck gewahr, daß
eben
die zwei letzten Lichter in dem leeren Saal herniederbrennen und
ausgehen
wollten. Längst hatten Musik und Tanz aufgehört.
»Trennung,
Trennung«, schrie er ganz wild und verzweifelt, er
küßte
Olimpias Hand, er neigte sich zu ihrem Munde, eiskalte Lippen
begegneten
seinen glühenden! - So wie, als er Olimpias kalte Hand
berührte,
fühlte er sich von innerem Grausen erfaßt, die
Legende
von der toten Brautging
ihm plötzlich durch den Sinn; aber fest hatte ihn Olimpia an sich
gedrückt, und in dem Kuß schienen die Lippen zum Leben zu
erwarmen.
- Der Professor Spalanzani schritt langsam durch den leeren Saal, seine
Schritte klangen hohl wieder und seine Figur, von flackernden
Schlagschatten
umspielt, hatte ein grauliches gespenstisches Ansehen. »Liebst du
mich - liebst du mich Olimpia? - Nur dies Wort! - Liebst du
mich?«
So flüsterte Nathanael, aber Olimpia seufzte, indem sie aufstand,
nur: »Ach - Ach!« - »Ja du mein holder, herrlicher
Liebesstern«,
sprach Nathanael, »bist mir aufgegangen und wirst leuchten, wirst
verklären mein Inneres immerdar!« - »Ach, ach!«
replizierte Olimpia fortschreitend. Nathanael folgte ihr, sie standen
vor
dem Professor. »Sie haben sich außerordentlich lebhaft mit
meiner Tochter unterhalten«, sprach dieser lächelnd:
»Nun,
nun, lieber Herr Nathanael, finden Sie Geschmack daran, mit dem
blöden
Mädchen zu konversieren, so sollen mir Ihre Besuche willkommen
sein.«
- Einen ganzen hellen strahlenden Himmel in der Brust schied Nathanael
von dannen. Spalanzanis Fest war der Gegenstand des Gesprächs in
den
folgenden Tagen. Unerachtet der Professor alles getan hatte, recht
splendid
zu erscheinen, so wußten doch die lustigen Köpfe von
allerlei
Unschicklichem und Sonderbarem zu erzählen, das sich begeben, und
vorzüglich fiel [356]
man über die todstarre, stumme Olimpia her, der man, ihres
schönen
Äußern unerachtet, totalen Stumpfsinn andichten und darin
die
Ursache finden wollte, warum Spalanzani sie so lange verborgen
gehalten.
Nathanael vernahm das nicht ohne innern Grimm, indessen schwieg er;
denn,
dachte er, würde es wohl verlohnen, diesen Burschen zu beweisen,
daß
eben ihr eigner Stumpfsinn es ist, der sie Olimpias tiefes herrliches
Gemüt
zu erkennen hindert? »Tu mir den Gefallen, Bruder«, sprach
eines Tages Siegmund, »tu mir den Gefallen und sage, wie es dir
gescheuten
Kerl möglich war, dich in das Wachsgesicht, in die Holzpuppe da
drüben
zu vergaffen?« Nathanael wollte zornig auffahren, doch schnell
besann
er sich und erwiderte: »Sage du mir Siegmund, wie deinem, sonst
alles
Schöne klar auffassenden Blick, deinem regen Sinn, Olimpias
himmlischer
Liebreiz entgehen konnte? Doch eben deshalb habe ich, Dank sei es dem
Geschick,
dich nicht zum Nebenbuhler; denn sonst müßte einer von uns
blutend
fallen. « Siegmund merkte wohl, wie es mit dem Freunde stand,
lenkte
geschickt ein, und fügte, nachdem er geäußert,
daß
in der Liebe niemals über den Gegenstand zu richten sei, hinzu:
»Wunderlich
ist es doch, daß viele von uns über Olimpia ziemlich gleich
urteilen. Sie ist uns - nimm es nicht übel, Bruder! - auf seltsame
Weise starr und seelenlos erschienen. Ihr Wuchs ist
regelmäßig,
so wie ihr Gesicht, das ist wahr! - Sie könnte für schön
gelten, wenn ihr Blick nicht so ganz ohne Lebensstrahl, ich möchte
sagen, ohne Sehkraft wäre. Ihr Schritt ist sonderbar abgemessen,
jede
Bewegung scheint durch den Gang eines aufgezogenen Räderwerks
bedingt.
Ihr Spiel, ihr Singen hat den unangenehm richtigen geistlosen Takt der
singenden Maschine und ebenso ist ihr Tanz. Uns ist diese Olimpia ganz
unheimlich geworden, wir mochten nichts mit ihr zu schaffen haben, es
war
uns als tue sie nur so wie ein lebendiges Wesen und doch habe es mit
ihr
eine eigne Bewandtnis.« - Nathanael gab sich dem bittern
Gefühl,
das ihn bei diesen Worten Siegmunds ergreifen wollte, durchaus nicht
hin,
er wurde Herr seines Unmuts und sagte bloß sehr ernst:
»Wohl
mag euch, ihr kalten prosaischen Menschen, Olimpia unheimlich sein. Nur
dem poetischen Gemüt entfaltet sich das gleich organisierte! - Nur
mir ging ihr Liebesblick auf und durchstrahlte Sinn und Gedanken, nur
in
Olimpias Liebe finde ich mein Selbst wieder. Euch mag es nicht recht
sein,
daß sie nicht in platter Konversation faselt, wie die andern
flachen
Gemüter. Sie spricht wenig Worte, das ist wahr; aber diese
wenigen [357]
Worte erscheinen als echte Hieroglyphe der innern Welt voll Liebe und
hoher
Erkenntnis des geistigen Lebens in der Anschauung des ewigen Jenseits.
Doch für alles das habt ihr keinen Sinn und alles sind verlorne
Worte.«
- »Behüte dich Gott, Herr Bruder«, sagte Siegmund sehr
sanft, beinahe wehmütig, »aber mir scheint es, du seist auf
bösem Wege. Auf mich kannst du rechnen, wenn alles - Nein, ich mag
nichts weiter sagen! -« Dem Nathanael war es plötzlich, als
meine der kalte prosaische Siegmund es sehr treu mit ihm, er
schüttelte
daher die ihm dargebotene Hand recht herzlich.
Ein Stampfen - ein Klirren - ein Stoßen - Schlagen
gegen die Tür, dazwischen Flüche und Verwünschungen.
Laß los - laß los - Infamer - Verruchter! - Darum Leib und
Leben daran gesetzt? - ha ha ha ha! - so haben wir nicht gewettet
-
Augen gemacht - ich das
Räderwerk - dummer
Teufel mit deinem Räderwerk - verfluchter Hund von
einfältigem Uhrmacher - fort mit dir - Satan - halt - Peipendreher
- teuflische Bestie! - halt - fort - laß los! - Es waren
Spalanzanis und des gräßlichen Coppelius Stimmen, die so
durcheinander schwirrten und tobten. Hinein stürzte Nathanael von
namenloser Angst ergriffen. Der Professor hatte eine weibliche Figur
bei den Schultern gepackt, der Italiener Coppola bei den
Füßen, die zerrten und zogen sie hin und her, streitend in
voller Wut um den Besitz. Voll tiefen Entsetzens prallte Nathanael
zurück, als er die Figur für Olimpia erkannte; aufflammend in
wildem Zorn wollte er den Wütenden die Geliebte entreißen,
aber in dem Augenblick wand Coppola sich mit Riesenkraft drehend [359] die Figur dem Professor aus den Händen und versetzte
ihm mit der Figur selbst einen fürchterlichen Schlag, daß er
rücklings über den Tisch, auf dem Phiolen, Retorten,
Flaschen, gläserne Zylinder standen, taumelte und hinstürzte;
alles Gerät klirrte in tausend Scherben zusammen. Nun warf Coppola
die Figur über die Schulter und rannte mit fürchterlich
gellendem Gelächter rasch fort die Treppe herab, so daß die
häßlich
herunterhängenden Füße der Figur auf den Stufen
hölzern klapperten und dröhnten. - Erstarrt stand Nathanael -
nur zu deutlich hatte er gesehen, Olimpias toderbleichtes Wachsgesicht
hatte keine Augen, statt ihrer schwarze Höhlen; sie war eine
leblose Puppe. Spalanzani wälzte sich auf der Erde, Glasscherben
hatten ihm Kopf, Brust und Arm zerschnitten, wie aus Springquellen
strömte das Blut empor. Aber er raffte seine Kräfte zusammen.
- »Ihm nach - ihm nach, was zauderst du? - Coppelius - Coppelius,
mein bestes Automat hat er mir geraubt - Zwanzig Jahre daran gearbeitet - Leib und Leben daran
gesetzt - das Räderwerk - Sprache - Gang - mein - die Augen
- die Augen dir gestohlen. - Verdammter - Verfluchter - ihm
nach - hol mir Olimpia - da hast du die Augen! -« Nun sah
Nathanael, wie ein Paar blutige Augen auf dem Boden liegend
ihn anstarrten, die ergriff Spalanzani mit der unverletzten Hand und
warf sie nach ihm, daß sie seine Brust trafen. - Da packte ihn
der Ehe ich, günstiger Leser! dir zu erzählen fortfahre, was sich weiter mit dem unglücklichen Nathanael zugetragen, kann ich dir, solltest du einigen Anteil an dem geschickten Mechanikus und Automat-Fabrikanten Spalanzani nehmen, versichern, daß [360] er von seinen Wunden völlig geheilt wurde. Er mußte indes die Universität verlassen, weil Nathanaels Geschichte Aufsehen erregt hatte und es allgemein für gänzlich unerlaubten Betrug gehalten wurde, vernünftigen Teezirkeln (Olimpia hatte sie mit Glück besucht) statt der lebendigen Person eine Holzpuppe einzuschwärzen. Juristen nannten es sogar einen feinen und um so härter zu bestrafenden Betrug, als er gegen das Publikum gerichtet und so schlau angelegt worden, daß kein Mensch (ganz kluge Studenten ausgenommen) es gemerkt habe, unerachtet jetzt alle weise tun und sich auf allerlei Tatsachen berufen wollten, die ihnen verdächtig vorgekommen. Diese letzteren brachten aber eigentlich nichts Gescheutes zutage. Denn konnte z. B. wohl irgend jemanden verdächtig vorgekommen sein, daß nach der Aussage eines eleganten Teeisten Olimpia gegen alle Sitte öfter genieset, als gegähnt hatte? Ersteres, meinte der Elegant, sei das Selbstaufziehen des verborgenen Triebwerks gewesen, merklich habe es dabei geknarrt usw. Der Professor der Poesie und Beredsamkeit nahm eine Prise, klappte die Dose zu, räusperte sich und sprach feierlich: »Hochzuverehrende Herren und Damen! merken Sie denn nicht, wo der Hase im Pfeffer liegt? Das Ganze ist eine Allegorie - eine fortgeführte Metapher! - Sie verstehen mich! - Sapienti sat!« Aber viele hochzuverehrende Herren beruhigten sich nicht dabei; die Geschichte mit dem Automat hatte tief in ihrer Seele Wurzel gefaßt und es schlich sich in der Tat abscheuliches Mißtrauen gegen menschliche Figuren ein. Um nun ganz überzeugt zu werden, daß man keine Holzpuppe liebe, wurde von mehrern Liebhabern verlangt, daß die Geliebte etwas taktlos singe und tanze, daß sie beim Vorlesen sticke, stricke, mit dem Möpschen spiele usw. vor allen Dingen aber, daß sie nicht bloß höre, sondern auch manchmal in der Art spreche, daß dies Sprechen wirklich ein Denken und Empfinden voraussetze. Das Liebesbündnis vieler wurde fester und dabei anmutiger, andere dagegen gingen leise auseinander. »Man kann wahrhaftig nicht dafür stehen«, sagte dieser und jener. In den Tees wurde unglaublich gegähnt und niemals genieset, um jedem Verdacht zu begegnen. - Spalanzani mußte, wie gesagt, fort, um der Kriminaluntersuchung wegen [des] der menschlichen Gesellschaft betrüglicherweise eingeschobenen Automats zu entgehen. Coppola war auch verschwunden.
Nathanael erwachte wie aus schwerem, fürchterlichem Traum, er schlug die Augen auf und fühlte wie ein unbeschreibliches [361] Wonnegefühl mit sanfter himmlischer Wärme ihn durchströmte. Er lag in seinem Zimmer in des Vaters Hause auf dem Bette, Clara hatte sich über ihn hingebeugt und unfern standen die Mutter und Lothar. »Endlich, endlich, o mein herzlieber Nathanael - nun bist du genesen von schwerer Krankheit - nun bist du wieder mein!« - So sprach Clara recht aus tiefer Seele und faßte den Nathanael in ihre Arme. Aber dem quollen vor lauter Wehmut und Entzücken die hellen glühenden Tränen aus den Augen und er stöhnte tief auf. »Meine - meine Clara!« - Siegmund, der getreulich ausgeharrt bei dem Freunde in großer Not, trat herein. Nathanael reichte ihm die Hand: »Du treuer Bruder hast mich doch nicht verlassen.« - Jede Spur des Wahnsinns war verschwunden, bald erkräftigte sich Nathanael in der sorglichen Pflege der Mutter, der Geliebten, der Freunde. Das Glück war unterdessen in das Haus eingekehrt; denn ein alter karger Oheim, von dem niemand etwas gehofft, war gestorben und hatte der Mutter nebst einem nicht unbedeutenden Vermögen ein Gütchen in einer angenehmen Gegend unfern der Stadt hinterlassen. Dort wollten sie hinziehen, die Mutter, Nathanael mit seiner Clara, die er nun zu heiraten gedachte, und Lothar. Nathanael war milder, kindlicher geworden, als er je gewesen und erkannte nun erst recht Claras himmlisch reines, herrliches Gemüt. Niemand erinnerte ihn auch nur durch den leisesten Anklang an die Vergangenheit. Nur, als Siegmund von ihm schied, sprach Nathanael: »Bei Gott Bruder! ich war auf schlimmen Wege, aber zu rechter Zeit leitete mich ein Engel auf den lichten Pfad! - Ach es war ja Clara! -« Siegmund ließ ihn nicht weiter reden, aus Besorgnis, tief verletzende Erinnerungen möchten ihm zu hell und flammend aufgehen. - Es war an der Zeit, daß die vier glücklichen Menschen nach dem Gütchen ziehen wollten. Zur Mittagsstunde gingen sie durch die Straßen der Stadt. Sie hatten manches eingekauft, der hohe Ratsturm warf seinen Riesenschatten über den Markt. »Ei!« sagte Clara: »steigen wir doch noch einmal herauf und schauen in das ferne Gebirge hinein!« Gesagt, getan! Beide, Nathanael und Clara, stiegen herauf, die Mutter ging mit der Dienstmagd nach Hause, und Lothar, nicht geneigt, die vielen Stufen zu erklettern, wollte unten warten. Da standen die beiden Liebenden Arm in Arm auf der höchsten Galerie des Turmes und schauten hinein in die duftigen Waldungen, hinter denen das blaue Gebirge, wie eine Riesenstadt, sich erhob.
[362]
»Sieh doch den sonderbaren kleinen grauen Busch, der ordentlich
auf
uns los zu schreiten scheint«, frug Clara. - Nathanael
faßte
mechanisch nach der Seitentasche; er fand Coppolas Perspektiv,
er schaute seitwärts - Clara stand vor dem Glase
! - Da zuckte es krampfhaft in seinen Pulsen und Adern - totenbleich
starrte
er Clara an, aber bald glühten und sprühten Feuerströme
durch die rollenden Augen,
gräßlich brüllte er auf, wie ein gehetztes Tier; dann
sprang
er hoch in die Lüfte und grausig dazwischen lachend schrie er in
schneidendem
Ton: »Holzpüppchen dreh dich - Holzpüppchen dreh
dich«
- und mit gewaltiger Kraft faßte er Clara und wollte sie
herabschleudern,
aber Clara krallte sich in verzweifelnder Todesangst fest an das
Geländer.
Lothar hörte den Rasenden toben, er hörte Claras
Angstgeschrei,
gräßliche Ahnung durchflog ihn, er rannte herauf, die
Tür
der zweiten Treppe war verschlossen - stärker hallte Claras
Jammergeschrei.
Unsinnig vor Wut und Angst stieß er gegen die Tür, die
endlich
aufsprang - Matter und matter wurden nun Claras Laute:
»Hülfe
- rettet - rettet -« so erstarb die Stimme in den Lüften.
»Sie
ist hin - ermordet von dem Rasenden«, so schrie Lothar. Auch die
Tür zur Galerie war zugeschlagen. - Die Verzweiflung gab ihm
Riesenkraft,
er sprengte die Tür aus den Angeln. Gott im Himmel - Clara
schwebte
von dem rasenden Nathanael erfaßt über der Galerie in den
Lüften
- nur mit einer Hand hatte sie noch die Eisenstäbe umklammert.
Rasch
wie der Blitz erfaßte Lothar die Schwester, zog sie hinein, und
schlug
im demselben Augenblick mit geballter Faust dem Wütenden ins
Gesicht,
daß er zurückprallte und die Todesbeute fallen ließ.
Lothar
rannte herab, die ohnmächtige Schwester in den Armen. - Sie war
gerettet.
- Nun raste Nathanael herum auf der Galerie und sprang hoch in die
Lüfte
und schrie »Feuerkreis dreh dich - Feuerkreis dreh dich« -
Die Menschen liefen auf das wilde Geschrei zusammen; unter ihnen ragte
riesengroß der
Advokat
Coppelius hervor, der eben in die Stadt gekommen und gerades Weges nach
dem Markt geschritten war. Man wollte herauf, um sich des Rasenden zu
bemächtigen,
da lachte Coppelius sprechend: »Ha ha - wartet nur, der kommt
schon
herunter von selbst«, und schaute wie die übrigen hinauf.
Nathanael
blieb plötzlich wie erstarrt stehen, er bückte sich herab,
wurde
den Coppelius gewahr und mit dem gellenden Schrei: »Ha!
Sköne
Oke
- Sköne Oke
«, sprang er über das Geländer
.
[363] Als Nathanael mit zerschmettertem Kopf auf dem Steinpflaster lag, war Coppelius im Gewühl verschwunden.
Nach mehreren Jahren will man in einer entfernten Gegend Clara gesehen haben, wie sie mit einem freundlichen Mann, Hand in Hand vor der Türe eines schönen Landhauses saß und vor ihr zwei muntre Knaben spielten. Es wäre daraus zu schließen, daß Clara das ruhige häusliche Glück noch fand, das ihrem heitern lebenslustigen Sinn zusagte und das ihr der im Innern zerrissene Nathanael niemals hätte gewähren können.