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Über Okkultismus
Aus: Hartmut Zinser, Leben auf der Insel - Dämonen in der Schulklasse... Okkulte Praktiken als Herausforderung für Schule und Bildungsarbeit in: H.-W. Carlhoff/P. Wittemann (Hrsg.), Neue Wege zum Glück? Psychokulte - Neue Heilslehren - Jugendsekten Aktion Jugendschutz Baden-Württemberg (ajs), Stuttgart 1994, S. 98 ff.

Die [...] Befragung im Sommer 1989 von ca. 2200 jugendlichen Schülern im Alter von 13 bis 20 Jahren in West-Berlin zeigte, daß für ca. 1/4 der Schüler okkulte Praktiken aktiv oder passiv zum Alltag gehören, daß ca. 3/4 meinen, über Okkultismus informiert zu sein, und daß bald die Hälfte ein Interesse an weiteren Informationen äußerte. Dabei ist zu betonen, daß sich an harten okkulten Praktiken wie "Schwarze Messen" aktiv 1,9% und passiv, als Zuschauer 2,4% beteiligen; mithin die Bedeutung dieser Praktiken in vielen öffentlichen Medien doch wohl etwas übertrieben dargestellt wird. [...] Auf Grund der persönlichen Gespräche und der ersten qualitativen Befragungen möchte ich betonen, daß viele, die tatsächlich für die Einnahme eines Medikamentes, bei der Entscheidung über einen neuen Freund oder Freundin, einer Bewerbung usw. auch die Geister befragen, dies weniger ernsthaft und mehr spielerisch tun [...].

Okkultismus

ist eine Auffassung oder "Theorie" über außergewöhnliche oder für außergewöhnlich gehaltene, der Alltagserfahrung oder auch der Wissenschaft nicht oder angeblich nicht verständliche Erscheinungen. Okkult sind die Erscheinungen nicht an und für sich, sie werden es erst in einem okkultistischen Deutungsschema, das von Voraussetzungen ausgeht, die von der modernen Wissenschaft, sowohl der Natur- wie auch Sozialwissenschaft, aus methodischen Gründen kritisiert und abgewiesen werden. Viele Dinge sind uns verborgen, mit denen wir tagtäglich zu tun haben, z.B. das Funktionieren des Autos, des Kühlschranks, des PC, der Bürokratie. Dadurch aber, daß ihr inneres Funktionieren uns nicht bekannt ist, sind diese noch lang nicht okkult. Okkult werden Vorgänge wie z. B. das Pendel, das wandernde Gläschen, die klopfenden Tische usw. erst in einer bestimmten Deutung, die außer und neben den von den Natur- und Sozialwissenschaften anerkannten Prinzipien andere Deutungen dieser Vorgänge heranziehen, z.B. als gesteuert von Geistern, Verstorbenen, Jenseitigen oder Extraterrestrischen oder wie auch immer - es gibt da sehr verschiedene, als spiritistisch, animistisch oder dynamistisch bezeichnete Auffassungen. Nun haben die Naturwissenschaften für die physikalischen Vorgänge solche Auffassungen als falsch erwiesen; in den Sozialwissenschaften, in Soziologie und Psychologie usw. ist noch vieles ungeklärt und unverstanden, aber auch in ihnen werden Geister oder andere in die Prozesse hineinverlegte Wesen nicht anerkannt. Es [...] ist nicht gleichgültig, welche Vorstellungen und Weltbilder die Menschen haben. Diese konstituieren, wenn sie allgemein werden, wie etwa der Hexenglaube im Ausgang des Mittelalters, eine gesellschaftliche Wirklichkeit, die in der sozialen Praxis zu einer mörderischen Gewalt wird. Der Okkultist will oder kann sich mit der Entzauberung der Welt und ihrer Aufklärung nicht abfinden, er projiziert seine eigenen Wünsche, Ängste und anderen psychischen Tendenzen in die äußeren Vorgänge, von denen er meint, daß sie ihm dadurch verständlich und - was wichtig ist - auch zugänglich werden, daß er mit seinen Techniken Macht über sie hat. Er versucht, die Fremdheit oder sozial gesehen die Entfremdung durch eine Psychologisierung der Welt zu überwinden, er verlegt seine eigenen psychischen Tendenzen in die Außenwelt. Okkult sind mithin die Dinge und Verhältnisse nicht an sich, sondern sie werden es erst durch eine bestimmte Deutung der Wahrnehmung. Der Okkultismus unterscheidet nicht zwischen Wahrnehmung und Deutung oder Interpretation und auf der Grundlage eines psychologisierten Weltbildes nimmt er die Dinge dann auch so wahr, wie er sie wahrnehmen will. Die für jede wissenschaftliche Untersuchung entscheidende Frage nach den eigenen Interpretationen widersprechenden Phänomenen und Theorien wird systematisch umgangen oder sogar aggressiv in Immunisierungsstrategien abgewehrt. [...] Z.B. kann ich beobachten, daß ein Pendel sich im Kreis oder als Strich bewegt; diese unterschiedlichen Bewegungen des Pendels als Mitteilungen eines Geistes, der Jenseitigen, des Weltbewußtseins, der morphogenetischen Felder usw. anzusehen, ist Deutung und Interpretation - eine Aussage nicht über die Sache, sondern über die Auffassung der Sache. Der Okkultist projiziert seine Deutungen in die - im modernen Okkultismus meist mechanischen - Vorgänge hinein, dies aber ist sein eigener Geist. Dieser Geist wird in diesem Deutungsprozeß als "Geister" bezeichnet und dadurch verleugnet; es sind seine Wünsche und Ängste - vielfach die unbewußten und verdrängten.
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Daß der Okkultist in mechanischen Vorgängen die Geister aufsuchtverweist darauf, daß in unserer Gesellschaft, in den Arbeitsprozessen, in der Bürokratie und Verwaltung, vielfach auch im täglichen Leben, der Geist ausgetrieben ist, daß die Wünsche und Ängste in ihnen nicht vorkommen oder vorkommen dürfen, daß sie zumindest als subjektive zurückgedrängt sind. Der verdrängte Geist, die Wünsche und Ängste kehren als nach außen verlegte Geister wieder und, wenn diese nicht als unsere eigenen erkannt und angenommen werden, feiern sie ein von uns abgelöstes und verselbständigtes Dasein, mit dem man spielerisch umgehen kann, das einen aber auch beherrschen kann. Der moderne Okkultismus läßt sich insoweit auch als ein Protest gegen Verhältnisse verstehen, in denen Wünsche und Ängste keinen Platz haben. Die Verdrängung der Wünsche und Ängste gilt vielfach auch für die Rezeption und Kritik am Okkultismus. Erwachsene schreiben über Jugendokkultismus und finden darin all das wieder, was sie aus Angst oder als verdrängte Wünsche ablehnen. Die Untersuchungen zeigen, daß okkulte Praktiken unter Erwachsenen verbreiteter sind als unter Jugendlichen. Wenn aber bisher vornehmlich von Jugendokkultismus die Rede ist, so wird die Grundlage dieses Okkultismus in der Erwachsenenwelt verdrängt.

Hinzuzufügen ist, daß es auch in der Wissenschaft vorgefaßte, meist als solche gar nicht erkannte Auffassungen gibt, ja daß ohne ein systematisches Denken, dessen Prinzipien der vergangenen Erfahrung entnommen sind, nichts wahrgenommen werden kann. Daraus wird dann gelegentlich hergeleitet, daß eine okkulte und eine wissenschaftliche Deutung eines Vorganges nur unterschiedliche, aber prinzipiell gleichberechtigte Auffassungsprinzipien seien. Allein dieser als Liberalismus verstandene Relativismus vergißt oder will vergessen machen, daß in der Wissenschaft - durchaus mühsam - Prinzipien der Kritik und Selbstkritik und andere Verfahren entwickelt wurden, mit deren Hilfe Projektionen in der Wahrnehmung, in der Versuchsanordnung, in der Theoriebildung aufgespürt werden können. Daß dies schwierig ist und in der Geschichte der Wissenschaft auch viele Irrtümer sogar mit katastrophalen Konsequenzen aufzuweisen sind, daß viele wissenschaftliche Erkenntnisse in der sozialen und wirtschaftlichen Praxis zur Zerstörung sei es der Umwelt oder im Kriege geführt haben, sollte zwar die Wissenschaft bescheidener machen, kann aber nicht dazu führen, auf das gattungsgeschichtliche Unternehmen, mit Hilfe des Wissens zwischen den divergierenden Interessen, Möglichkeiten und Bedürfnissen der Menschen zu vermitteln, zu verzichten und autoritative Verfahren wieder einzusetzen.
Jedem einzelnen erscheinen seine "Geister"; ich kann mir die "Geister" eines anderen nur erzählen lassen, erfahren kann ich sie nicht und sie können für einen anderen auch keine Gültigkeit beanspruchen. Solange die "Geister" ihn nur selber betreffen, gehen sie mich eigentlich auch nichts an, aber wenn aufgrund dieser "Geister" Entscheidungen und zumal Entscheidungen für andere, oder von denen andere betroffen sind, getroffen werden, dann erweisen sich diese "Geister" als illegitimer und undurchschauter Herrschaftsanspruch. Okkultismus hat auch etwas mit Machtphantasien zu tun. Die Macht, die man im Alltag vielfach nicht einmal über die eigenen Lebensverhältnisse hat, wird in okkulten Praktiken in phantastischer Form gesucht und befriedigt.

 
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