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Nathanaels Selbstgespräch
 

Mein Leben ist feindlich zerstört.
Entsetzliches ist in mein Leben getreten.
Es hängt wie schwarze Wolkenschatten über mir.
Undurchdringlich jedem freundlichen Sonnenstrahl.

Angst und Entsetzen.
Sie verfolgen mich schon seit meiner Jugendzeit.
Das Schicksal treibt ein blutiges Spiel mit mir und die schwarzen Mächte schenkten mir diesen schrecklichen Dämon, dessen hämisches und teuflisches Gekreisch mich nachts schweißgebadet aufwachen und meinen Tod wünschen lässt.

Ich weiß nicht wohin.
Ich frag mich: "Warum?"
Ich frag mich, wann ich von diesem verruchten Satan befreit werde.
Ist der Tod mein einziger Freund?

Immerzu springt mir mein Blut durch die Adern mit rasender Geschwindigkeit.
Ich stehe vor dem Abgrund der Finsternis.
Mir ist dunkel und kalt.
Mein Leben so farblos, mit Hass erfüllt und Todesangst.

Ich sehe meinen Vater, der vor Schmerzen sich windet.
Ich sehe ihn, er reicht mir seine Hand.
Doch ich kann ihm nicht helfen.
Ich konnte es auch damals nicht.
Dieser verfluchte Sandmann kam mir zuvor.
Gellend auflachend  ließ er meinen Vater verbrennen, nachdem er ihm die Augen mit seiner glutroten Zange herausgerissen hatte.

"Sköne Oke, sköne Oke!"
Seine Kindlein reißen die hungrigen Mäuler auf, sie schreien nach den Augen meines Vaters.

Hört ihr´s, dieses Knarren, diesen schweren dröhnenden Schritt.
Die schwarze Faust greift auch wieder nach mir.
Sie quetscht mich.
Das Ungeheuer trachtet zähnefletschend nach meinen Augen.

Es ist ... Clara, deren Augen aus ihren Höhlen hängen.
Ihre schöne Hochzeitstracht.
Blutbefleckt.

Was tut mir dieser Sandmann noch an?
Er hat mir alles entrissen - meine Kindheit, meinen Vater, mein Liebesglück!

Entsetzlich ging es in meiner Seele auf. Meine Gliedmaßen schmerzten im Traum. Ich lag...  Ich lag in einem Haufen von Augen, die mich anfunkelten und anstarrten und ich konnte Coppelius sehen, der mir den Rücken zuwandte. Er schraubte an einem Menschen herum, es war Clara. Was hatte er bloß mit ihr vor? Grauenvoll. Dicke Wolken quollen mir entgegen. Ich sah nichts mehr als nur zwei blutrote Augen, die auf mich zukamen. Ich rannte um mein Leben. Ich zitterte vor Angst, geriet aus dem Gleichgewicht und fiel in den Sessel meines Vaters. Meine einsame Mutter bemerkte mich nicht. Sie saß da mit gebeugtem Haupte und tränenüberflossen. Die Schwestern zu ihren Füßen, ich spürte ihre Verzweiflung, ihre Angst ... "Was wird mit morgen?" Was können diese unschuldigen Mädchen dafür, die ihren Vater nie wieder sehen werden? Wieso muß meine Familie so leiden?

Warum bereitet der Sandmann meinem verdammten Leben nicht endlich ein Ende?

Ich habe keine Freuden mehr.
Nur ein sinnloses, hoffnungsloses Leben in Elend, Wut und Trauer...
Ich will nicht mehr...
 

Krzysztof M.