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M.B. (GK 13)
Der Wahnsinnige

»Fremder, ich werde Dir jetzt von meinem Leben berichten, wobei Du Dich aber nicht einmischen sollst. Sei ruhig, melde Dich nicht zu Wort, sondern höre und lerne.«

Der Anachoret machte es sich gemütlich auf einem Stein. Den Fremden nicht anschauend, sondern nachdenklich in die Ferne blickend, begann er zu erzählen.

»Man trennte die Junkturen meiner Glieder und stürzte mich von einem Felsen hinab. Zuvor jedoch nahm man mir die Augäpfel. Die "innere Welt" meiner Seele sollte keinen Kontakt mehr zur " äußeren Welt" haben.

Als man mich dann in den Abgrund hinabstürzte, fühlte ich nichts mehr, keinen Schmerz, keinen Aufprall. Da lag ich nun, leblos, mein Gehirn und Bewußtsein noch voll intakt.

Plötzlich bemerkte ich, wie meine Gliedmaßen aufgehre_ob wurden, fein säuberlich in eine Tragetasche oder etwas Ähnliches. Mit rhythmischen Schwankungen wurde ich in irgendein Haus oder Häuschen gebracht, Genaueres kann ich leider nicht berichten.

Mein Bewußtsein hörte dann von jenem Zeitpunkt an auf, als man mich in irgendeine Flüssigkeit einlegte, die, wie man mir später berichtete, zur Konservierung dienlich sei.

Ich war bei einem Heilpraktiker gelandet, einem ältlichen Kauz, der auch Experimenten gegenüber nicht abgeneigt war. Er selbst gehörte einer sogenannten "Vereinigung" an, die sich mit dem menschlichen Leben allgemein beschäftigte.

Man schaffte es anscheinend nach kurzer Zeit, meine Gliedmaßen wieder richtig zu ordnen und erneut zu verbinden, doch der letzte Schritt zur "Wiederauferstehung" blieb mir verwehrt. Meine Augen, das Bindeglied zwischen innerer und äußerer Welt, fehlten. Trotz etlicher Versuche meines Meisters und seiner Gesellen blieb dieses Rätsel ungelöst. Wie konnte man dieses "Tor zur Extrinsic" öffnen? Versuche, Ersatzaugen zu erschaffen, blieben ergebnislos. Der "Alte" hatte wohl doch gute Arbeit geleistet.

Nach etlichen, vergeblichen Bemühungen, ungefähr 100 Jahre später, der alte Waldkauz, mein Retter, war schon längst gestorben, tat sich eine neue Tür auf für meine emsigen Nachfolger des "Heilers". Ein gebildeter Mann aus M., auch ein Anhänger "unserer" Wissenschaft, hörte von unserem Problem und erklärte sich sofort bereit zu helfen, sei es aufgrund seiner Neugier oder wegen des wissenschaftlichen Ehrgeizes. In einer "Nacht-und-Nebelaktion" kam er herüber aus dem weit entfernt gelegenen M., mein zukünftiger Wirt und Verbündeter. Es war die Nacht von Samstag auf Sonntag. Heftig wurde die Tür aufgerissen und mit steifen, diplomatischen Schritten betrat er das Häuschen.

Nach kurzer Unterredung mit den Gehilfen, die sehr lautstark ihre Sorge über meine Seele kundtaten, schob er sie kurzerhand zur Seite und widmete sich mir.

Die Gehilfen tuschelten immer noch im Hintergrund. Ängstlich versuchten sie den Neuankömmling zu warnen. Ihre Befürchtungen bestanden darin, daß meine Seele beinahe eine Ewigkeit keinen Kontakt mehr zur Außenwelt gehabt hatte, was vermutlich zur Konsequenz hatte, daß sie abgestorben war. Es ist ja eine Tatsache, daß Lebewesen, die keine Impulse von "außen" bekommen, sterben.

Wie mir später berichtet wurde, holte der Fremde, ungeachtet der Warnungen, ein zangenartiges Werkzeug aus seiner Tasche und drang damit tief, immer tiefer in mein Gehirn ein, und zwar durch die leeren dunklen Augenhöhlen, in denen sich früher einmal das Leben widergespiegelt hatte.

Waren es magische Kräfte oder simple medizinische Wunder, plötzlich sah ich mich selbst auf der Bahre liegen, die Gliedmaßen notdürftig zusammengeflickt, die leeren Augenhöhlen mich anstarrend. Ich erschrak. Auf einmal wurde ich von heftigen Krämpfen geschüttelt, mein neu gewonnener Körper schien zu rebellieren. Mit unglaublicher Gewalt riß ich das Werkzeug aus der Augenhöhle meines alten, leblos daliegenden Körpers, stürzte im neuen zur Tür hinaus und lief davon. Unbeholfen muß es ausgesehen haben, wie ich so in den Wald stürzte. Es war schwierig für mich, diesen "neuen" Körper zu lenken, wodurch die Koordination eher mißlang. Krampfhaft umschloß ich das Werkzeug in meiner Hand und rannte und rannte. Nach dem ersten Schrecken faßte ich mich wieder, begann realistischer zu denken und mich an meinen Körper zu gewöhnen.

In den folgenden Wochen und Monaten fing ich wieder an zu predigen, wie ich es früher zu tun gewohnt war. Mein Leben begann wieder Formen anzunehmen, es war fast alles wieder "normal". Trotzdem hatte ich manche Phasen, in denen ich nicht "ich-selbst" zu sein schien. Manchmal bemächtigten sich meiner ganz komische Gedanken, durch die ich mich zeitweilig nicht mehr unter Kontrolle halten konnte. Es war, als wäre meine Persönlichkeit gespalten, als wäre etwas in meinem Kopf, vielleicht an der leeren Stelle meiner alten, abgestorbenen Seele, irgendetwas Gewaltiges. Vermutlich wäre mein Leben in ruhigen, friedlichen Bahnen verlaufen, wenn da nicht diese Leute gewesen wären, die meinen Wirt seiner alten Umgebung wieder eingliedern wollten. Mit roher Gewalt rissen sie mich aus meinem harmonischen Lebensraum, ja, verschleppten mich geradezu in ein kaltes Gebäude, wo man versuchte, meine Seele zu ergründen. Körper und Geist rebellierten bei mir. Wie sollten sie etwas über meine Seele erfahren, wenn ich selbst nicht richtig in der Lage war, mit ihr in Verbindung zu treten!

Schnell lernte ich aber, daß der Verstand die Seele äußerlich ersetzen konnte. Aufgrund meiner Intelligenz schaffte ich es, einerseits meinen Körper und meine Emotionen zu befehligen, andererseits den sogenannten "Ärzten" das Schauspiel ihres Lebens vorzuspielen.

Schließlich befand man mich für geheilt und ließ mich meines Weges ziehen.

Um einer ähnlichen Situation in Zukunft aus dem Weg zu gehen, zog ich mich zurück. Hier im Wald, weit weg von den gefährlichen Menschen, habe ich die Harmonie und Ruhe gefunden, um mich wieder, so wie früher, mit großen Geistern zu befassen. Sei es mein alter Freund Ambrosius von Kamaldoli oder Aristoteles, Sokrates oder Vergil, all diese großen Geister nehmen sich die Zeit, mit mir zu reden. Aus unseren gemeinsamen Zusammenkünften lerne ich immer mehr und mehr, sei es über das Leben, sei es über die Geister. Ich habe meine Ruhe gefunden, Fremder. So sag mir nun, was Dich beschäftigt?«

»Du bist es, Märtyrer Serapion, nur Du!«

Die Stimme des Ich-Erzählers klang ernst. Es war komisch, doch irgendetwas fand er an dem Kauz, der sich Serapion nannte. So, als hätte ihn ein dunkler Schleier umhüllt, so faszinierte ihn die Person dieses Serapion.

Der Anachoret stand auf und ging zu seinem Haus. Wie ein Lehrling seinem Meister folgend, stand auch der Ich-Erzähler auf und lief dem Kauz in sein Häuschen nach, so, als ob er von einer „dunklen Macht" getrieben werden würde.

Im Häuschen angekommen, wandte sich „Serapion" einem hölzernen Wandschrank zu. Mit einer Handbewegung befahl er dem starr blickenden Fremden, sich zu setzen.

Mit leicht verzerrter Stimme und im Wandschrank etwas suchend, begann „Serapion" zu reden.

»Du sollst wissen, Fremder, manchmal übermannt mich die Angst, erneut meine zweite Seele langsam sterben zu fühlen. An der Stelle meiner alten ist es jetzt leer, dunkel und gefühllos. Daher habe ich es mir angewöhnt, auf Nummer sicher zu gehen.«

Langsam drehte er sich um und wandte sich wieder dem noch immer starr dreinblickenden Fremden zu. Da, wo sich vorher „Serapions" Augen befanden, konnte man jetzt nur noch leere Augenhöhlen erkennen, doch, blickte man immer tiefer und tiefer hinein, so glaubte man tatsächlich ein Feuer lodern zu sehen. In seiner rechten Hand hielt er ein zangenartiges Werkzeug, in seiner Linken ein Glas mit mindestens 10 Augenpaaren darin. Sein Gesicht war bösartig verzerrt und ein unheimliches Lächeln ließseinen Kehlkopf erbeben. Langsam näherte er sich dem nun entsetzt dreinblickenden Fremden, der jedoch immer noch ruhig dasitzend verharrte.

Kurze Zeit später lief ein Bauer am Waldhaus vorbei. Der Einsiedler trat gerade mit diplomatisch korrektem Schritt aus seiner Tür und widmete sich erneut seiner Gartenarbeit, gewissenhaft hackte er. Als der Bauer freundlich seinen Hut ob und grüßte, tat es ihm der Einsiedler gleich. Komisch! Für einen Moment dachte der Bauer, er habe grüne Augen in den Augenhöhlen des Anachoreten blitzen sehen, wobei der doch eigentlich braune Augen hatte. Oder?
 

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