Zurück zum "Sandmann"-Text


K L O N E N


Copyright dpa, 1997
dpa 24.02.97 17:31

Stichwort: Klonen - auch beim Menschen bereits ausprobiert
Hamburg (dpa) - Als Klonen bezeichnen Wissenschaftler die Produktion völlig identischer Lebewesen mit bestimmten biologischen Methoden. Das ist bei Pflanzen, Tieren und Menschen möglich.
In der Tierzucht wird das Klonen oder Klonieren schon seit Jahren durch Manipulationen am Embryo vorgenommen. Die Zellen, die durch die ersten Teilungen aus der befruchteten Eizelle hervorgehen, sind "totipotent": Jede von ihnen kann sich zu einem vollständigen Tier entwickeln. Trennt man diese Zellen künstlich, so erhält man gleichartige Nachkommen, heißt es im "Lexikon Gentechnik". Das Klonen von Menschen trifft allgemein auf ethische Bedenken.
Dennoch hat eine Gruppe von US-Wissenschaftlern in Washington 1993 menschliche Embryos geklont. Es habe sich um reine Laborversuche gehandelt, beteuerten die Forscher. Keiner der auf diese Weise erzeugten Embryos sei einer Frau eingepflanzt worden. In Deutschland verbietet das Embryonen-Schutzgesetz derartige Versuche. In vielen Ländern fehlen allerdings entsprechende Richtlinien.
Erstmals wurde jetzt bekannt, daß schottische Forscher ein ausgewachsenes Tier exakt reproduzierten. Sie nahmen das Erbgut aus der Euterzelle eines Schafes und pflanzten es in eine unbefruchtete und entkernte Eizelle ein. Das Lamm kam als exakte Kopie Schafes, von dem die Euterzelle stammt, gesund auf die Welt. Diese neue Technik ermöglicht es den Wissenschaftlern, Tiere mit gewünschten und schon bekannten Eigenschaften zu produzieren. dpa si ra


dpa 25.02.97 18:11
[...] Der deutsche Forschungsminister Jürgen Rüttgers forderte am Dienstag dagegen einen verantwortungsvollen Umgang mit den Methoden der Gentechnik. "Den geklonten Menschen darf und wird es nicht geben", sagte er.
Auch bei den Kirchen wuchsen Bedenken nach den Experimenten in Schottland. Die Deutsche Bischofskonferenz verurteilte das Klonen als unzulässigen Eingriff in die Schöpfung. "Das Klonen des Menschen ist im tiefsten Sinne unmenschlich", sagte der katholische Moraltheologe und Berater der Deutschen Bischofskonferenz, Johannes Reiter.
Auch Abgeordnete des Europäischen Parlaments zeigten sich beunruhigt. Die sozialdemokratische EU-Abgeordnete Dagmar Roth- Behrendt nannte das Klonen "unethisch und unnötig". Sie forderte eine europäische Ethik-Kommission, die auch mit den USA und Japan verknüpft sei. dpa at aj


dpa 26.02.97 16:36

Hamburg (dpa) - Armeen identischer Soldaten oder das Gebären eben gestorbener Menschen - diese Horrorvisionen wurden nach dem exakten Kopieren eines erwachsenen Schafes in Schottland heraufbeschworen. "Mit der Kloniertechnik ist es wie mit dem "Zauberlehrling" - 'die ich rief die Geister, werd' ich nun nicht los'", sagt Oberarzt Thomas Struwitzki vom Frauenklinikum Großhadern der Ludwig-Maximilians-Universität München am Mittwoch der dpa.
Das geklonte Lamm "Dolly" wurde geboren, nachdem Forscher vom Roslin Institute (Edinburgh) eine Eizelle mit dem kompletten Erbgut eines erwachsenen Schafes von einem anderen Schaf austragen ließen. "Wenn solche Methoden da sind, gibt es auch Leute, die das technische Know-How mißbrauchen", meint Struwitzki mit Blick auf eine in Zukunft eventuell mögliche Klonierung des Menschen.
Diese Forscher könne derjenige, der die Technik entwickelt habe, nicht mehr aufhalten. Das seien dann aber Mediziner, die keine ethische und moralische Basis hätten. "Rein technisch kann man nicht ausschließen, daß eine solche Methode eines Tages auch beim Menschen anwendbar ist." In Deutschland sei diese Kloniertechnik jedoch nicht möglich, da es nach dem Embryonenschutz-Gesetz keine Handhabe dafür gibt. Auch sei dies ethisch unvorstellbar.
[...] dpa ra


Zitate aus:
James Hughes
Klonen als Indiz für eine Jahrtausendangst


Ende Februar 1997 schwappte eine Welle hysterischer, technikfeindlicher Paranoia nach der Meldung über die Welt, daß schottische Wissenschaftler ein Schaf geklont haben. Der Nachricht über das erste erfolgreich geklonte Säugetier folgte schnell ein amerikanischer Anspruch auf erfolgreich geklonte Affen. Die Medien veröffentlichten Geschichten, daß damit das Klonen von Menschen eingeleitet worden sei. [...]

Das Klonen von Menschen ist für diejenigen, die aufmerksam waren, kein neues Thema. 1993 lösten amerikanische Wissenschaftler einen ähnlichen Aufruhr an übertriebenem Händeringen durch die Bekanntgabe aus, daß sie ein menschliches Embryo geklont hatten. [...] Bedauerlicherweise verfielen die meisten, die den Medien ein bioethisches Expertenurteil anboten, begierig in die vage, aber ernst klingende Phrasendrescherei: "Wenn wir das Klonen von Menschen nicht verhindern können, können wir nichts mehr verhindern", sagte ein amerikanischer Bioethiker. [...]

Das einzig Beängstigende am Klonen von Tieren oder Menschen ist leider die Schnelligkeit, mit der die westliche Öffentlichkeit zu einem Zorn gegenüber gerechtfertigter medizinischer Forschung getrieben werden kann. Das Klonen von Menschen führt zu keinen neuen ethischen oder politischen Fragen, und es bringt kein Problem auf, das nicht schon angemessen von den Gesetzen und Regelungen der westlichen Gesellschaften behandelt wird. Es ist nur eine weitere medizinische Technik, die den Menschen Vorteile bieten kann, aber die schwierig wegen des reflexartigen BioLuddismus und der unverantwortlichen Berichterstattung auszuloten sein wird. [...]

Die Vorteile des Klonens von Tieren sind in wissenschaftlicher und wirtschaftlicher Hinsicht potentiell ungeheuer groß. [...] Es gibt aber auch viele mögliche Anwendungen des Klonens beim Menschen.
[...]
Schließlich gibt es noch die Einsatzmöglichkeiten des Klonens für Eltern, um Kinder zu erhalten, die mit ihnen, mit Verwandten oder mit Menschen, die gewünschte Merkmale besitzen, identisch sind. Eltern könnten sich dafür entscheiden, einen Elternteil zu klonen, anstatt sich sexuell fortzupflanzen, wenn einer eine schwere genetisch vererbte Krankheit hat. Eltern könnten sich als eine Hommage an den Geliebten wünschen, den Klon eines verstorbenen Kindes, Verwandten oder Freundes zu haben. Eltern könnten aber auch einfach den Wunsch besitzen, den Klon einer bekannten Persönlichkeit zu bekommen, dessen Eigenschaften, wie sie hoffen, vererbbar sind.

Die Angstmacher haben Recht, wenn sie sagen, daß die Anwendungsmöglichkeiten des Klonens von gewöhnlichen Zwecken bis hin zu phantastischen und schreckeneinjagenden reichen. Aber das ist auch bei den Anwendungsmöglichkeiten eines Hammers, von Pflaster und Klebemittel so. Hinsichtlich des Klonens genügen unsere Gesetze ebenso wie hinsichtlich der Bedrohung, die von Verrückten ausgeht, die mit Hammer, Pflaster und Klebemittel ausgerüstet sind, um deren Gebrauch und Mißbrauch zu kontrollieren. Klonen erfordert keine neue Gesetzgebung, und gerechtfertigte medizinische und wirtschaftliche Anwendungen sollten nicht durch eine schlecht begründete Paranoia behindert werden.

[...]

Aus dem Englischen übersetzt von Florian Rötzer
Copyright © 1997 Verlag Heinz Heise, Hannover
01.09.97

Der vollständige Text fand sich am 01.09.1997 unter der URL http://www.heise.de/tp/deutsch/inhalt/co/2117/1.html


Zurück zum "Sandmann"-Text