Zurück zum "Sandmann"-Text
[...]
Interviews aus dem Zusammenhang reißen, das tun TV-Journalisten jeden Tag. Und aus zwei Filmszenen eine zu machen, ist technisch zwar mühsam, aber kaum anspruchsvoller als die Montage und Retusche stehender Bilder. Die neuen, in den vergangenen drei, vier Jahren entwickelten Verfahren zur digitalen Kinoproduktion gehen erheblich weiter. [...] Nicht nur können derweil Szenen, nachdem sie abgefilmt wurden, Pixel für Pixel modifiziert werden; auch ganz neue Welten und Wesen, für die kein reales Äquivalent mehr existiert, lassen sich fotorealistisch produzieren - als CGI, computer generated images.
Menschenunmögliche Stunts werden so "Wirklichkeit", Kulissen erstehen, die sich anders nicht finanzieren ließen. Der Heilige Gral aber des digitalen Kinos, das nun den analogen Tonfilm so radikal verdrängt wie der einst den Stummfilm, ist der Synthespian, der im Computer erzeugte synthetische Schauspieler. Den Begriff selbst, abgeleitet von Thespis, dem Begründer der griechischen Tragödie, ließ sich bereits Ende der 80er Jahre die Kleiser-Walczak Construction Company als Warenzeichen sichern. [...]
Am weitesten fortgeschritten ist die Animation per "motion capture". Dabei wird über die Computerbilder ein 3-D-Raster mit Referenzpunkten für Nase, Augen, Mund usw. gelegt. Ihnen entsprechen Sensoren am Körper und im Gesicht eines menschlicher Animators, die dessen Muskelverhalten registrieren. Die so gewonnenen Daten setzen den Synthespian in Aktion. Mit der Computeranimation sind erste Ansätze zu einer effektiveren Produktion gemacht, zumal die Special-effects-Firmen die Bewegungs-Daten speichern und beliebig oft wiederverwerten können. Nicht-menschliche Intelligenzen so zu beleben, ist derweil gang und gäbe, vom feuerspeiend-sprechenden Drachen Draco in Dragonheart, der als erster digitaler "Hauptdarsteller" gilt, über den aufwendigen Außerirdischen Sil in Species bis zum Wetterfrosch des Hessischen Rundfunks, der gerade bei der Funkausstellung animiert quakte.
Am Horizont aber zieht der virtuelle Humanoide herauf, ein Hollywoodtraum von einer vollautomatischen Arbeitskraft: einer, der nicht krank wird, nicht altert - ein unsterbliches Wesen ohne Launen und Agenten, ohne Gewerkschaftsrechte und Gewinnbeteiligungen. Die Möglichkeiten für Promotion und Merchandising scheinen zudem schier unendlich: von endlosen "Gastspielen" in Videogames und Themeparks über die ermüdungsfreie Interaktion mit den Fans im Internet bis zu Rund-um-die-Uhr-Auftritten in den unzähligen TV-Magazinen und Talk-Shows aller Länder, in denen ein Film gerade startet. [...]
Das Ziel scheint nahe. Kein Wunder also, daß gegenwärtig Millionen von Dollar investiert werden, um die Evolution der Computerdarsteller von der menschenabhängigen Animation zur programmierten Teil-Autonomie voranzutreiben. Als nächster Schritt soll den Synthespians körperlicher Instinkt eingehaucht werden, damit ihre Muskeln und Gewebe auf Bewegungsbefehle anatomisch korrekt reagieren. Kommerzielle Programme wie "Vactor", "Alive" und "Kinemation", ohne die Filme wie Jurassic Park nicht denkbar gewesen wären, speichern bereits rudimentäres Wissen über Bewegungsabläufe. Es sorgt dafür, daß etwa Bälle, die Wände treffen, sich automatisch entsprechend verformen oder daß bei der Ausführung von Handbewegungen bestimmte Muskeln selbsttätig kontrahieren. In einigen Studios bastelt man derweil an Prototyp-Synthespians, bei Digital Domain etwa Schicht für Schicht: vom Knochenbau über die Muskeln, deren mögliche Bewegungen dem medizinischen Kenntnisstand entsprechend einzeln programmiert werden, bis zu Haut und Haaren.
Das ist teuer und aufwendig. Doch hat man erstmal einen digitalen Körper, hat man sie alle. Wie die Dinosaurier aus Jurassic Park mit geringem Aufwand für die Flintstones recyclet wurden, wird man auch die Datensammlung, aus der die Physis eines menschlichen Synthespians besteht, beliebig oft kopieren und modifizieren können; man wird den virtuellen Adam mit wenig Aufwand größer, kleiner, dünner, dicker, jünger, älter machen, man wird ihn zur Eva wandeln oder zum Vertreter anderer Rassen. "Wie die verrückten Wissenschaftler aus so vielen B-Filmen Hollywoods", schreibt das Branchenblatt Variety, "stehen die heutigen Special-effects-Zauberer kurz davor, menschliches Leben zu erschaffen, wenn auch nur in Silikonspeichern".
[...] Scott Ross, Chef von Digital Domain, prophezeit: "Stellt euch für 1998 auf den ersten Cyberstar ein!"

Aus: Gundolf S. Freyermuth, A Cyberstar is born. Wie das Kino durch den Computer vom abbildenden Medium zur Bildenden Kunst wird, Frankfurter Rundschau 9.10.1997

Zurück zum "Sandmann"-Text