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GRABREDE SIEGMUNDS

Ich stehe hier, in völliger Erregung, und begreife nichts. Tod, der über uns alle kommt, plötzlich, unerwartet.
Nathanael, hör auf diese Worte, das Geflüster der Herzen, und zerstöre die Ferne: Freund, der wie alle gehen musste, Freund, den ich oft missverstand.
Doch weißt du es selbst nicht einmal: Was trieb Dich so unerlässlich?
Vorwürfe, an mich selbst gerichtet. Versperrte ich mein Gehör, aus Angst, aus Faulheit ?
Aber alle, die wir hier jetzt stehen, fassungslos, fast leblos,  gar nichts begreifend, wie standen die Sterne, als wir es nicht sehen wollten? Anzeichen des nahenden Sturmes, die wir verkannt.
Ich liebte ihn, doch war es, als ob ich nicht fassen konnte, dass er gehen könnte, weg sein könnte. Nein! Seine Erzählungen und seine immer präsente Angst, die seine Augen umfloss und ihm den Lebensgeist schon geraubt hatte.
Er starb, bevor er starb. Langsam.
Wahnsinn überkam ihn, der eigentlich schon da war, als ich ihn das erste Mal sah.
Wie habt ihr euch in seiner Nähe gefühlt? Bedroht von dieser Aura, dass sie auch euch packen könnte? Ich war es stets. Ich konnte es nicht mehr ertragen, und selbst wenn ich wünschte, dies nicht einmal zu denken, glaube ich, dass sein Tod seine Erlösung war.
Nathanael, ich wünschte, du könntest mir begreiflich machen,...
Ich vergesse nicht. Auch nicht das Lachen, wenn auch selten und kühl. Wie du von Clara sprachst, damals, und verliebt warst du.
Um so unverständlicher fand ich es, dass du die liebreizende Clara im Stich ließest, für Olimpia, dieses kalte, unmenschliche Automat. Seelenlos war sie.
Doch du, du fandest Worte für sie und warst benebelt. Dies seelenlose Wesen bekam deine Seele.
Geopfert hast du dich, wurdest zum Spielball schrecklicher Ereignisse.
Welch teuflischer Plan, dir ohnehin schon geschändetem Geschöpf etwas so Kaltes unterzujubeln. Doch es funktionierte. Und du wurdest endgültig wahnsinnig und realitätsfremd.
Die meisten Dinge erfuhr ich von deiner Mutter. Deine Kindheit, der schreckliche Tod des Vaters. All dies prägte dich und zusammen mit deiner Phantasie und dem widerlichen Betrug Spalanzanis wurdest du der kranke Nathanael. Man hat dich benutzt und betrogen. Wut steigt in mir auf.
Ich weiß aber auch, dass du dich sicherlich fragen wirst, was aus Clara wird. Dein Tod war ein schrecklicher Schock für sie. Schau, hier sitzt sie an deinem dunklen Grabe und kann ebenso wenig verstehen. Dabei war dies doch ihr innigster Wunsch, dich zu verstehen. Sie hoffte so sehr, dir das Dunkle austreiben zu können, indem sie versuchte dir zu verstehen zu geben, dass du selbst der Schlüssel warst und nicht in deinem Innern an den dunklen Mächten festhalten solltest.
Du allein hättest nur an dich glauben sollen. Sie wusste nie, wie sie reagieren sollte, als du ihr die bösen Dinge vortrugst. Sie hatte Angst. Wie wir alle.
Selbst für die, die wissen, ist es nicht begreiflich. Immerzu frage ich mich, was wäre, wenn in deinem Leben nur einmal etwas anders gelaufen wäre, ob du dann nicht noch lebtest und zwar als gesunder, freier Mensch. Dies ist mein Schmerz, der mich zu solchen Gedanken bringt.
Sinnlosigkeit, ach, ich wünschte, du könntest mir sagen, ob es eine Sekunde des völligen Glücks in deinem Leben gab. Ich hoffe es sehr.
Nathanael, hier und jetzt nehmen wir Abschied von Dir. Du wirst nicht vergessen sein.
Und der Gedanke, dass Du endlich Deinen Frieden gefunden hast, hilft uns über Deinen Verlust hinweg.
Leb wohl, Freund, Spielball des Schicksals, leb wohl...

Isabelle L.

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