Zurück zum "Sandmann"-Text (Stichwort "Bund mit dem teuflischen Coppelius")
Zurück zum "Sandmann"-Text ("die Materie von dunklen Mächten...")


Heutige Gedanken über „die Materie von dunklen Mächten und Gewalten"

(SchülerInnen Kl. 13, Stuttgart 1997)

H.P.
Ich halte es durchaus für möglich, dass es auch in unserer heutigen Zeit Phänomene gibt, die sich mit den „dunklen Mächten" in E.T.A. Hoffmanns „Sandmann" vergleichen lassen. Depressionen und krankhafte Neurosen, ja, schwere Psychosen sind alltägliche Probleme, mit denen sich unsere Gesellschaft befassen muss.
Die Welt des Logischen, Rationalen hat zwar bereits bei fast allen Menschen den Glauben an Übernatürliches, an etwas Unergründliches, zerstört, jedoch wird sie es nie schaffen, unsere Gefühle und letztlich auch unseren Verstand zu kontrollieren. Depressionen oder gar Selbstmorde sind unserer Gesellschaft nicht unbekannt. Man beachte nur die Serie von Selbstmorden in Baden-Württemberg und Frankreich.

Ch.Sch.
Es gibt keine „dunklen Mächte" und Gewalten. Der Charakter eines Menschen hat sich durch herausragende Ereignisse in der Vergangenheit und durch die Umwelt entwickelt; er wird von seinen Eltern, Freunden und vielen anderen in der Gesellschaft beeinflusst.
Wer kein erfreuliches und ausgeglichenes Leben führt, entwickelt in sich vielleicht solche „Phantome" wie Nathanael.

B.R.
Die „dunklen Mächte" sind heutzutage Glaubenssache. Denn wenn man daran glaubt, ist es sehr wahrscheinlich, dass sie überall auftauchen. Der Geist, der in diesen Fällen auftaucht, ist aber nur eine Phantasie unseres Hirnes. Je nachdem wie es in unserem Unterbewusstsein, abhängig vom Lebenswandel, aussieht, ist diese Phantasie von positiver oder negativer Natur. Darüber hinaus sind die Leute heute wieder anfälliger für surreale Ideen, was nicht zuletzt von der wirtschaftlichen Situation in der Gesellschaft herrührt, die zu einer gewissen Hoffnungslosigkeit geführt hat, die einen über den Sinn des Lebens nachdenken lässt und somit für die Anfälligkeit verantwortlich ist.

A.Sch.
Heutzutage, nachdem wir jahrzehntelang wenigstens in dieser mystischen Hinsicht in einer realitätsnahen Vernunftwelt gelebt haben, wird es wieder „in", an surreale Dinge zu glauben. Vermutlich liegt es daran, dass das 21. Jahrhundert bevorsteht. und der Fatalismus und die Langeweile unserer Zeit die Leute in eine Richtung treibt, die sich wieder eher an das Mittelalter und an die frühe Neuzeit anlehnt und in der noch Platz für Mystik, wie z.B. dunkle Mächte oder das ewig Gute, ist.

T.B.
Gedanken Lothars: „Armer Nathanael! Warum hat er mir denn nicht schon früher von diesem Problem erzählt? Hat ihn das Erlebnis in seiner Kindheit so sehr geprägt, dess er es verdrängen musste?
Welches Kind glaubt denn nicht an die Märchen und Gruselgeschichten, die ihm die Erwachsenen auftischen! Dennoch: Wäre Nathanaels Kinderleben damals nicht so traumatisch verlaufen, dann hätte das Böse keine Chance gehabt, ein Teil von ihm zu werden. So aber ist es gar nicht verwunderlich, dass er heute als Erwachsener für dramatische Erlebnisse viel empfänglicher ist als andere."

T.K.
Ich setze den Glauben an „dunkle Mächte" mit dem Okkultismus gleich. Im Okkultismus versucht man auch Dinge zu erreichen, die fernab vom Glaubwürdigen sind, wie z.B. Kontakt mit dem Jenseits oder Geisterbeschwörung. Das Resultat kann genauso positiv wie negativ sein, wie im „Sandmann" beschrieben wird.

Me.B.
In unserer heutigen Zeit gewinnt die Psyche des Menschen mehr und mehr an Bedeutung, einen immer höheren Stellenwert in der Gesellschaft . Man versucht, die Komplexität der menschlichen Psyche voll zu erfassen, sei es auf dem Weg der chirurgischen oder der psychiatrischen Erforschung des Gehirns. Die Idee zur Zeit E.T.A. Hoffmanns, dass der Geist eines Menschen von einer "dunklen Macht" befallen und so böse wird, ist längst überholt. An die Stelle "dunkler Mächte" sind seelische Erkrankungen oder Traumata getreten, wobei die Tragweite bzw. Bedeutung einer solchen Krankheit auch heute noch oft unerfassbar bleibt - jedenfalls für Normal-Sterbliche, nicht unbedingt für Wissenschaftler. Geist und Seele verschmelzen heutzutage mit der Realität bzw. mit rational erklärbaren Sachverhalten. Vermutlich wird es aber dem Menschen niemals gelingen, das unglaubliche Wunder der menschlichen Psyche voll zu erfassen und wir werden in Zukunft noch mit vielen anderen, neuen Begriffen konfrontiert werden, die die "dunklen Mächte" neu bezeichnen und ihnen so jeweils eine neue Bedeutung geben.
Früher wurden Leute, die irgendein psychisches Problem hatten, einfach verstoßen, aus der Gesellschaft ausgegrenzt. Heute wird das Problem erforscht und schließlich auch behandelt, mit dem Ziel, den Betroffenen wieder in die Gesellschaft einzugliedern. Es ist es gang und gäbe, daß ein Gerichtsurteil aufgrund einer ärztlichen Beurteilung des Geisteszustandes des Angeklagten gefällt wird. So wird der Angeklagte zum Zeugen an sich, dem gegenüber Indizien oder reale Zeugen vielleicht zweitrangig bleiben. Mördern oder Triebtätern wird oft ein "höheres" Motiv für ihre Tat zugeschrieben; aus einer Vergewaltigung wird das Symptom einer psychischen Erkrankung, der Täter zum "verurteilten Opfer", und man tut alles, ihm den Wiedereintritt in die menschliche Gesellschaft zu ermöglichen.



Zurück zum "Sandmann"-Text ("die Materie von dunklen Mächten...")
Zurück zum "Sandmann"-Text (Stichwort "Bund mit dem teuflischen Coppelius")