zurück zum "Sandmann"-Text
 
Abschlussbericht der Behandlung von:

Patient:  Nathanael
Nr:   01203233
Behandelnder Arzt: Dr.Nowac

Behandlungsbeginn war der 13.4.1798, als ich zum Haus der Familie des kleinen Nathanael gerufen wurde. Dort fand ich den Jungen schweißgebadet in einem der Ohnmacht nahen Zustand vor. Er hatte offensichtlich hohes Fieber, und heftige Krämpfe durchzuckten ihn. Er murmelte undeutlich etwas vor sich hin: „Der Sandmann hat mir gedroht, die Augen zu rauben.“ Bei näherer Untersuchung bemerkte ich, dass seine Temperatur wirklich sehr hoch war und sein Puls raste. Seine Pupillen waren stark geweitet, außerdem waren sein Gelenke an Händen und Füßen ungewöhnlich geschwollen, und aus seinem Gesicht war jegliche Farbe gewichen. Aufgrund der hohen Temperatur und des wirren Geredes des Jungen vermutete ich einen Fiebertraum, der dem Jungen einige Halluzinationen beschert hatte. Ich gab der Mutter ein Antipyretikum, um das Fieber zu senken, und verordnete dem Jungen viel Ruhe.

Als ich am nächsten Abend noch einmal nach Nathanael sah, hatte sich sein Zustand nicht gebessert, sondern sogar noch verschlechtert. Der Junge war noch nicht zu sich gekommen und deshalb auch nicht ansprechbar. Das Fieber war noch so hoch wie am Tag zuvor, und nur ab und zu gab er etwas von sich: „Der Sandmann hat versucht mir die Augen zu nehmen.“ Als ich seinen Puls fühlte, merkte ich, wie sein Herz raste. Da ich ratlos war, weshalb die fiebersenkenden Mittel keine Wirkung zeigten, nahm ich eine Blutprobe, um sie in meiner Praxis etwas genauer zu untersuchen.
Diese Untersuchung brachte Erstaunliches zutage. Meine erste Diagnose war nicht richtig gewesen. Sein Blut enthielt eine viel zu hohe Konzentration an Kaliumchlorid. Jetzt wurde mir einiges klarer. Der Junge hatte eine starke Kaliumvergiftung, die sich bei ihm in einer Zyanose äußerte. Ihre Symptome waren eigentlich deutlich zu erkennen gewesen. Wegen des Sauerstoffmangels im Blut des Jungen war sein Gesicht so blass. Durch die Wirkung des Kalium als Halluzinogen wurden die Halluzinationen hervorgerufen, die ich vorher dem Fieber zugesprochen hatte und die den Puls des Jungen zum Rasen gebracht hatten. Das sehr hohe Fieber war eine Folge der körpereigenen Abwehr. Auf die Frage, wo sich der Junge diese Vergiftung zugezogen haben könnte, gab mir ein Gespräch mit den Eltern des Jungen Aufschluss. Der Vater erklärte mir nach einigem Zögern, dass er sich in seiner Freizeit als Alchimist betätige und dass Nathanael sich an dem Abend, an dem er erkrankte, heimlich in seinem Arbeitszimmer versteckt habe, um ihn zu beobachten. Dabei sei er den giftigen Kaliumdämpfen schutzlos ausgesetzt gewesen. Als er den Jungen entdeckt habe, sei es allerdings schon zu spät gewesen. Sofort habe er ihn an den Armen und Beinen gepackt, um ihn aus dem Zimmer zu ziehen. Vermutlich rührten die Schwellungen an den Armen und Beinen daher.

Aufgrund meiner nicht sehr großen Erfahrung mit derartigen Vergiftungen musste ich mich mit einem befreundeten Arzt in Verbindung setzten, der mir bei der Behandlung geholfen hat. Eine weitere Blutanalyse ergab, dass sich der Kaliumgehalt des Blutes aufgrund der Behandlung langsam normalisierte, aber Nathanaels Zustand schien sich trotzdem nicht zu bessern. Über zwei Wochen hinweg war Nathanael regelrecht apathisch. Er reagierte nicht auf seine Umwelt, verfiel immer öfter in Angstzustände, während deren er über den „Sandmann und die Angst, die Augen zu verlieren“ sprach. Da die Vergiftung nicht mehr der Grund für seinen andauernden schlechten Zustand sein konnte, wusste ich nicht mehr, was ich noch tun sollte. Zudem drängte sich mir die Frage auf, wer oder was der Sandmann sei und warum Nathanael stets von ihm sprach. Während eines Gesprächs mit der Mutter erfuhr ich, dass Nathanael sich schon vor seinem Unfall sehr viel mit dem „Sandmann“ beschäftigt habe, sie sich darüber aber nie Gedanken gemacht habe. Anhand von Zeichnungen, die sie mir gab, konnte ich erkennen, dass sich Nathanael den Sandmann als ein gräßliches Gespenst ausgemalt hatte. Erst jetzt wurde mir klar, dass mit dem „Sandmann“ eine mythische Figur aus einem grausigen Märchen für Kinder gemeint war.

Zwar hatte ich mich zuvor nicht sehr viel mit Psychologie beschäftigt, trotzdem vermutete ich, dass sich seine Faszination und vor allem seine Angst vor dem Sandmann an jenem Abend in seinen Halluzinationen, hervorgerufen durch die Vergiftung, widergespiegelt hatten. Grundsätzlich ist zu bemerken, dass ein Mensch, der eine Halluzination hat, nicht mehr in der Lage ist, die Wirklichkeit so wahrzunehmen, wie sie sich einem „gesunden“ Menschen darstellt. Solch eine Erfahrung kann bei Kindern und Jugendlichen zu einem Trauma führen, weil sie sich im Unterbewusstsein sehr intensiv mit dem vermeintlich Erlebten  beschäftigen, es aber nicht  verarbeiten können. So auch im Falle des kleinen Nathanael, der bedingt durch die Vergiftung schon körperlich angeschlagen war. Da er mit seiner Situation offensichtlich nicht allein fertig wurde, wäre es dringend erforderlich gewesen, ihm durch Aufarbeiten des Erlebten in Gesprächen zu helfen. Bei einem frühen Kindheitstrauma, das unbehandelt bleibt, ist die Gefahr groß, dass es sich im Erwachsenenalter in Form von „Wahnsinn“ niederschlägt.

Aufgrund der Tatsache, dass Nathanael aber nicht ansprechbar blieb und somit eine derartige Behandlung nicht möglich war, schienen mir zunächst die Hände gebunden. Also begann ich damit, Nathanaels Verhalten vor allem während seiner Angstzustände genauer zu beobachten. Ich notierte mir alle Schlüsselwörter, die er häufig benutzte: „Augen“, „geraubt“, natürlich „Sandmann“, aber auch „Coppelius“. Ich versuchte, soweit es mir möglich war, logische Verbindungen zu erstellen. Der Sandmann raubt kleinen Kindern die Augen. Zweifellos war Nathanael mit seinen 10 Jahren noch ein Kind, aber er glaubte doch sicher nicht mehr an solch ein Märchen. Noch mehr Rätsel gab mir jedoch „Coppelius“ auf. Der einzige Coppelius, den ich kannte, war ein stadtbekannter Advokat. Aber was sollte dieser mit der Krankheit des Jungen zu tun haben? Auch die Eltern konnten oder wollten mir nicht weiterhelfen. Langsam wurde mir bewusst, dass ich dem Kind nicht helfen konnte. Ich war kurz davor, Nathanael an die medizinische Fakultät zu überweisen, als plötzlich das Unerwartete geschah. Nach drei Wochen schwerer Krankheit war Nathanael endlich zu sich gekommen. In den folgenden Tagen erholte sich der Junge erstaunlich schnell von den Strapazen, und die Eltern entschieden sich entgegen meinem Rat dafür, auf eine weitere psychologische Behandlung Nathanaels zu verzichten.
 

Ende der Behandlung war der 16.5.1798
 

Stefan R.         21.11.00
 

zurück zum "Sandmann"-Text