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A.P. (GK 13)

Erzählfortsetzung

„Werter Herr, ich halte mich nicht für Serapion, ich bin Serapion. Ich weiß wohl gut, dass man mich zu den Toten zählt, aber wie Ihr selbst seht, bin ich wohlauf."
Mit bestimmten, funkelnden Augen sah er mich an.
„Dann erklärt mir doch bitte dies: Wie kommt es, dass Ihr Euch, bis ins heutige Jahr 1817, am Leben erhalten habt. Und hat man Euch nicht die Junkturen abgetrennt? Sin diese etwa wieder angewachsen?! Wenn Ihr wirklich Serapion seid, müsste Euer Alter gute 1.600 Jahre betragen!"
In den Büchern hatte ich gelesen, dass der erste Schritt zur Heilung eines Verwirrten in der Überzeugung durch Fakten liegt, und deshalb war ich nun sehr gespannt auf seine Antwort.
„Dank der Gnade Gottes", fing Serapion an, „habe ich die Unsterblichkeit erlangt. Mein Geist wird alle Zeiten überdauern. Für einen Normalsterblichen wie Euch ist das im ersten Moment sehr schwer zu verstehen, ich weiß, aber Euer Wissen über Leben und Tod wird sich bald erweitern."
Mit diesen Worten setzte er, als wäre nichts geschehen, seine Arbeit am Garten fort, immer munter sein Liedchen summend. Auf weitere Fragen und sogar eine Berührung meinerseits reagierte er nicht. Er schien mir plötzlich wie ein Seelenloser, dessen einziges Geschick die Gartenarbeit war.
Als der Abend dämmerte und Serapion immer noch nicht ansprechbar war, beschloss ich zu gehen.
Die nächsten Tage konnte ich den Einsiedler nirgendwo antreffen. Deshalb versuchte ich noch mehr über ihn herauszufinden, doch die meisten Leute konnten mir nicht mehr sagen als das bereits Bekannte. Als ich aber mit meinem Wirt über Serapion sprach, der mich mittlerweile für ebenfalls verrückt hielt, fiel uns dessen alter Vater plötzlich ins Wort. Er wusste von einem Mann zu erzählen, der sich vor gut dreißig Jahren ähnlich aufgeführt hatte und schließlich, wie vom Erdboden verschluckt, verschwunden war. Der Wirt meinte dazu nur, dass ich nicht auf den alten Spinner hören solle, der sei doch selber nicht mehr ganz richtig im Kopf.
Doch die Worte des alten Vaters ließen mich nicht mehr los. War es vielleicht nur die Seele Serapions, die nun über die Jahrhunderte von Körper zu Körper wanderte? Und wenn dem so war, was geschah mit den Seelen derer, die ursprünglich in den ihnen zugehörenden Körper hineingeboren waren? Außerdem fiel mir noch auf, dass der Wirt jeden für wahnsinnig hielt.
Am nächsten Morgen ging ich in das Waldstück, in dem ich den Einsiedler das erste Mal erblickt hatte. Tatsächlich fand ich ihn. Er hatte wieder eine Schaufel in der Hand und war dabei, eine tiefe Grube auszuheben. Ich fragte ihn, wozu er sich denn die Arbeit mache. Mit Mühe kletterte er aus der nun schon gut zwei Meter tiefen Grube und stellte sich vor mir auf. Mit einem unheimlich Blick schaute er mir in die Augen: „Es ist ein Grab. Das Grab dieses Körpers. Er ist nicht mehr das, was er einmal war. Euer Körper jedoch ist jung und stark. Mit ihm werde ich sogar die Frauen betören!" Mit diesen Worten fasste er meinen Kopf.
Angst ergriff mich und ich stieß ihn von mir. „Es hat doch keinen Zweck sich zu wehren!" schrie er mit schallendem Gelächter. Aber ich packte seinen Körper und warf ihn ins Loch.
Tot lag er da. Sein Genick war gebrochen. Ich begrub ihn, so schnell ich nur konnte, und noch am selben Tag verließ ich Bamberg. Ich werde wohl nie wissen, ob in dem Einsiedler tatsächlich die Seele Serapions ihr Unwesen getrieben hatte, oder ob der Mann einfach nur wahnsinnig gewesen war. Sein Bild und sein Blick erscheinen mir noch oft in den Träumen. Wenn es so etwas wie eine Seelenwanderung gibt - was wäre damals mit meiner Seele passiert, wenn ich den Einsiedler nicht überwunden hätte? Ich weiß es nicht und werde es nie wissen.

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