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Zum Stichwort "höheres Wesen":
Auszug aus:
E.T.A. Hoffmann
Der Magnetiseur (1814)
„Fragment von Albans Brief an Theobald"
(Textauswahl / Zwischentexte / Erläuterungen / Hervorhebungen: D.S.)


Der Arzt und „Magnetiseur" Alban macht sich im Brief an seinen Freund Theobald höhnisch lustig über die „verjährte Ammenmoral" und preist stattdessen den eigenen Willen, „die künstlichen Ufer des durch Moralsysteme eingezwängten Stroms [zu] überbrausen".
[...] Jede Neigung, die den höheren Gebrauch der inneren Kräfte in Anspruch nimmt, kann nicht verwerflich sein, sondern muß eben, aus der menschlichen Natur entsprungen und in ihr begründet, nach der Erfüllung des Zwecks unseres Daseins streben. Kann dieser denn ein anderer sein, als die höchstmöglichste, vollkommenste Ausbildung und Anwendung unserer physischen und psychischen Kräfte? - [...]
Alban meint dann zwar, sein Freund Theobald schätze eher ein „kontemplatives Leben" und bemühe sich, „durch immer geschärfteres Anschauen in die Geheimnisse der Natur einzudringen"; er hält dem aber entgegen:
Du bist zum Kampfe gerüstet, was weilst Du in träger Ruhe? - Alle Existenz ist Kampf und geht aus dem Kampfe hervor. In einem fortsteigenden Klimax1 wird dem Mächtigern der Sieg zuteil, und mit dem2 unterjochten Vasallen vermehrt er seine Kraft. - Du weißt, lieber Theobald! wie ich immer diesen Kampf auch im geistigen Leben statuiert3, wie ich keck behauptet [habe], daß eben die geheimnisvolle geistige Übermacht dieses oder jenes Schoßkindes der Natur, die Herrschaft, die er sich anmaßen darf, ihm auch Nahrung und Kraft zu immer höherem Schwunge gibt. Die Waffe, mit der wir, denen die Kraft und Übermacht inwohnt, diesen geistigen Kampf gegen das untergeordnete Prinzip kämpfen und uns dasselbe unterjochen, ist uns, ich möchte sagen, sichtbarlich in die Hand gegeben. [...] Ist es denn nicht lächerlich zu glauben, die Natur habe uns den wunderbaren Talisman4, der uns zum König der Geister macht, anvertraut, um Zahnweh oder Kopfschmerz, oder was weiß ich sonst, zu heilen? Nein, es ist die unbedingte Herrschaft über das geistige Prinzip des Lebens, die wir, immer vertrauter werdend mit der gewaltigen Kraft jenes Talismans, erzwingen. Sich unter seinem Zauber schmiegend, muß das unterjochte fremde Geistige nur in uns existieren, und mit seiner Kraft nur uns nähren und stärken! - Der Fokus5, in dem sich alles Geistige sammelt, ist Gott6! - Je mehr Strahlen sich zur Feuerpyramide sammeln - desto näher7 ist der Fokus! - Wie breiten sich diese Strahlen aus - sie umfassen das organische Leben der ganzen Natur, und es ist der Schimmer des Geistigen, der uns in Pflanze und Tier unsere durch dieselbe Kraft belebten Genossen erkennen läßt. - Das Streben nach jener Herrschaft ist das Streben nach dem Göttlichen, und das Gefühl der Macht steigert in dem Verhältnis seiner Stärke den Grad der Seligkeit. [...]

Dann schreibt Alban über die 16jährige Maria, die Schwester seines anderen Freundes Otmar und Tochter des Barons, in dessen Schloß er sich gegenwärtig aufhält, die er vor einiger Zeit mit den Mitteln des „Magnetismus"/Mesmerismus von einer „Nervenkrankheit" geheilt hat und die sich immer noch auf seine ärztliche Hilfe angewiesen sieht:
In Wahrheit, ich muß mich darauf beziehen, daß Du mich kennst, ja daß Du von jeher mein ganzes Tun und Treiben in den höheren Tendenzen, die dem Volke ewig verschlossen [bleiben], begriffen [hast]. Du bist daher überzeugt, daß eine schlanke Gestalt8, die wie eine herrliche Pflanze, in zartem Wuchs üppige Blätter und Blüten treibend, aufgeschossen; ein blaues Auge, das emporblickend sich nach dem zu sehnen scheint, was die fernen Wolken verschleiern - kurz, daß ein engelschönes Mädchen mich nicht in den süßlich schmachtenden Zustand des lächerlichen Amoroso versetzen kann. - Es war einzig und allein die augenblickliche Erkenntnis der geheimen geistigen Beziehung zwischen Marien und mir, die mich mit dem wunderbarsten Gefühl durchbebte. Der innigsten Wonne mischte sich ein schneidender, stechender Grimm bei [...] - eine fremde feindliche Kraft9 widerstrebte meiner Einwirkung und hielt Mariens Geist befangen. Mit ganzer Macht meinen Geist darauf fixierend, wurde ich den Feind10 gewahr, und in vollem Kampf suchte ich alle Strahlen, die aus Mariens Innern mir zuströmten, wie in einem Brennspiegel aufzufangen. [...] Marien ganz in mein Selbst zu ziehen, ihre ganze Existenz, ihr Sein so in dem meinigen zu verweben, daß die Trennung davon sie vernichten muß, das war der Gedanke, der, mich hoch beseligend, nur die Erfüllung dessen aussprach, was die Natur wollte. Diese innigste geistige Verbindung mit dem Weibe, im Seligkeitsgefühl jeden andern als den höchsten ausgeschrieenen tierischen Genuß11 himmelhoch überflügelnd, ziemt dem Priester12 der Isis13. Die Natur organisierte das Weib in allen seinen Tendenzen passiv. - Es ist das willige Hingeben, das begierige Auffassen des fremden außerhalb liegenden, das Anerkennen und Verehren des höheren Prinzips, worin das wahrhaft kindliche Gemüt besteht, das nur dem Weibe eigen und das ganz zu beherrschen, ganz in sich aufzunehmen, die höchste Wonne ist. - Von diesen Augenblicken an blieb ich, unerachtet14 ich mich wieder, wie Du weißt, von dem Gute des Barons entfernte, Marien geistig nah, und welcher Mittel ich mich bediente, insgeheim mich auch körperlich ihr zu nahen, um kräftiger zu wirken, mag ich Dir nicht sagen, da manches sich kleinlich ausnehmen würde, unerachtet es zu dem vorgesetzten Zweck führte. - Maria fiel bald darauf in einen fantastischen Zustand, den Ottmar15 natürlicherweise für eine Nervenkrankheit16 halten mußte, und ich kam wieder als Arzt in das Haus, wie ich es vorausgesehen. - Maria erkannte in mir den, der ihr schon oft in der Glorie der beherrschenden Macht als ihr Meister im Traume erschienen, und alles, was sie nur dunkel geahnet, sah sie nun hell und klar mit ihres Geistes Augen. - Nur meines Blicks, meines festen Willens bedurfte es, sie17 in den sogenannten somnambulen18 Zustand zu versetzen, der nichts anders war, als das gänzliche Hinaustreten aus sich selbst und das Leben in der höheren Sphäre des Meisters. Es war mein Geist, der sie dann willig aufnahm und ihr die Schwingen gab, dem Kerker, mit dem sie die Menschen überbaut hatten, zu entschweben. Nur in diesem Sein in mir kann Marie fortleben, und sie ist ruhig und glücklich.- Hypolits19 Bild kann in ihr nur noch in schwachen Umrissen existieren, und auch diese sollen bald in Duft zerfließen. [...] Hypolit ist Obrister in ...en Diensten , mithin im Felde20; ich wünsche nicht seinen Tod; er mag zurückkommen, und mein Triumph wird herrlicher sein, denn der Sieg ist gewiß. Sollte sich der Gegner kräftiger zeigen als ich es gedacht, so wirst Du mir im Gefühl meiner Kraft zutrauen, daß etc. - 

Hier bricht der Brief Albans ab.
 



 
    Aufgabenstellung (schriftlich):
  • Nehmen Sie an: Alban (im „Magnetiseur") ist identisch mit Coppelius/Coppola (im "Sandmann"). Der obige Brief gehört in eine frühere Phase der Lebensgeschichte des Alban Coppola.
  • Erzählen Sie nun eine Geschichte, die in einer dritten Lebensphase des Coppola spielt - zwischen seiner Zeit als Arzt und "Magnetiseur" und der späteren als Advokat bzw. "Wetterglashändler". Beziehen Sie Ihre Kenntnis des "Sandmann" und des obigen Briefs, des Charakters der Figur(en) und der (immer noch aktuellen?) Problematik mit ein.
  • Oder ist Coppola einer wie der „Fliegende Holländer", der auch am Ende des 20. Jahrhunderts noch unerlöst durch Europa irrt?
Mesmer, Franz Anton (1734-1815), deutscher Arzt, bekannt für sein Heilverfahren, den „Mesmerismus" (Heilung durch einen tranceähnlichen Zustand). 
1775 Veröffentlichung seiner Entdeckung einer Kraft mit außerordentlicher Wirkung auf den menschlichen Körper, ähnlich dem Magnetismus (deshalb „Magnetismus animalis" / „tierischer Magnetismus" genannt). Mesmers Lehre wurde von den Zeitgenossen heftig diskutiert. 1785 kam eine von der französischen Regierung beauftragte Untersuchungskommission aus Ärzten und Wissenschaftlern zu dem Ergebnis, Mesmers Heilmethode sei unwissenschaftlich. Heute gilt seine Methode als Wegbereiterin der Hypnose, die als Heilmethode bei bestimmten Erkrankungen anerkannt wird. 
 

1 hier: Aufstieg zum Gipfelpunkt

2 mit jedem neuen

3 seine Existenz auch im geistigen Bereich behauptet habe

4 gemeint ist: 
den „Magnetismus"/ die „magnetische" Fähigkeit zu heilen

5 Brennpunkt unseres Bewußtseins/Denkens

6 das Göttliche in uns

7 desto mehr sind wir „Gott"

8 die der Maria

9 in Maria, ihr selber nur in Träumen „bewußt"

10 in Maria

11 die sexuelle Seite der Liebe

12 als ein solcher Priester versteht sich Alban

13 ägyptische Mysterien-Göttin

14 obwohl

15 der Bruder Marias

16 s.o.

17 um sie von der Nervenkrankheit zu heilen 

18 schlafwandlerischen
19 des von ihr geliebten Bräutigams

20 in den Befreiungskriegen gegen Napoleon
 
 






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