7,5f. in Zuchnow:

Geographie:
Aus der Handlung in Kap. V (Schemarjahs Flucht) ergibt sich die unmittelbare Grenznähe des west-wolhynischen, zum damaligen Rußland gehörenden fiktiven Schtetl Zuchnow ("Wolhynien": s. zu 123,6), gegenüber von Roths Geburtsstadt Brody, die bis zum Ersten Weltkrieg zum österreichischen Kronland Galizien gehörte. Brody, nach dem Ersten Weltkrieg (wie auch West-Wolhynien) polnisch, heute ukrainisch, liegt ca. 85 km nordöstlich von Lemberg/Lwow.

Schtetl:
Das wolhynische Schtetl Zuchnow ist als eine der vielen jüdischen Kleinstadtgemeinden in Osteuropa zu denken, in denen die Juden die Mehrheit der Gesamtbevölkerung ausmachten. Seit den grausamen Verfolgungen in der Zeit der Kreuzzüge in Westeuropa, v.a. in Deutschland, bildete sich das Siedlungsgebiet im polnischen Großreich (später Litauen, Weißrußland, Ukraine, Ungarn) als Zufluchtsort heraus. Im osteuropäischen Schtetl wurden den Juden Religionsfreiheit und weitgehende kommunale Selbstverwaltung gewährt; so konnten sie ihre eigenen Traditionen und Gesetze bewahren. "Isolation von der nichtjüdischen Welt" und ein "komplettes Eindringen religiöser Prinzipien und Praktiken in jedes Detail des täglichen Lebens" bestimmten die kulturelle Identität (DScht 22). Die Sprache war jiddisch, die religiösen Texte wurden hebräisch geschrieben und gelesen. Große Armut und das Wissen um das ständige Bedrohtsein durch Angriffe von außen prägten das Lebensgefühl. Durch die Teilungen Polens seit 1772 fielen die jüdischen Siedlungsgebiete zum größeren Teil an Rußland. Nach 1795 mußten die Juden in einem genau festgelegten Ansiedlungsrayon zwischen Warschau und Minsk, dem Schwarzen Meer und Wilna

leben. "War es anfangs den Juden noch gestattet gewesen, auf dem Lande zu leben, durften sie seit 1882 per Dekret Nikolaus II. nur noch in Dörfern und Städtchen wohnen [...]. Gegen Ende des 19. Jahrhunderts waren sie innerhalb des Rayons auf eine in großer Armut vegetierende Masse von über fünf Millionen kleiner Handwerker, Händler, Luftmenschen angewachsen. Gewiß gab es unter ihnen auch Ärzte, Kaufleute, Advokaten, aber auch viele, viele Arbeitslose." (Irène Alenfeld, Blick zurück ins Schtetl, in: DIE ZEIT Nr. 36, 28. August 1992, S. 73) (Vgl. auch Art. "Schtetl" in NLJ, v.a. Roths Porträt " Das jüdische Städtchen" in "Juden auf Wanderschaft" [1927], JRW 2,827ff. und KiWi 81,22ff.)
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