"[...] Ehe
ich zu leben angefangen hatte, stand mir die ganze Welt
offen. Aber als ich zu leben anfing, war die offene Welt
verwüstet. Ich selbst
vernichtete sie mit Altersgenossen. [...] Nur wir, nur unsere
Generation, erlebte
das Erdbeben, nachdem sie mit der vollständigen Sicherheit der
Erde seit der
Geburt gerechnet hatte. [...] Ehe wir noch erleben konnten, erfuhren
wir's. Wir
waren fürs Leben gerüstet, und schon begrüßte uns
der Tod. Noch standen wir
verwundert vor einem Leichenzug, und schon lagen wir in einem
Massengrab. Wir
wußten mehr als die Greise, wir waren die unglücklichen
Enkel, die ihre Großväter
auf den Schoß nahmen, um ihnen Geschichten zu erzählen.
[...]
Wir sind die Söhne. Wir haben die Relativität der Nomenklatur
und selbst die der Dinge erlebt. In einer einzigen Minute, die uns vom
Tode
trennte, brachen wir mit der ganzen Tradition, mit der Sprache, der
Wissenschaft,
der Literatur, der Kunst: mit dem ganzen Kulturbewußtsein. In
einer einzigen
Minute wußten wir mehr von der Wahrheit als alle Wahrheitssucher
der Welt. Wir
sind die auferstandenen Toten. Wir kommen, mit der ganzen Weisheit des
Jenseits
beladen, wieder herab zu den ahnungslosen Irdischen. Wir haben die
Skepsis der
metaphysischen Weisheit. [...]
Ich war neugierig, zu erfahren, wie es hinter dem Zaun aussieht, der
uns umgibt. Denn uns umgibt ein Zaun, uns Menschen, die wir zur
deutschen Welt sprechen. In Deutschland ist der »Begriff«
heilig und unwandelbar. Wir glauben an die Nomenklatur. [...] Jenseits,
hinter dem Zaun, war die Nomenklatur niemals so heilig. Die Namen
flossen immer weit um die Dinge, die Kleider waren lose. Man war nicht
bestrebt, alles unverrückbar zu fixieren. Man wandelt sich jeden
Augenblick, drüben, hinter dem Zaun. [...] Hinter dem Zaun gewann
ich mich selbst wieder. Ich gewann die Freiheit, die Hände in den
Hosentaschen, eine Garderobemarke an den Hut geheftet, einen
zerbrochenen Regenschirm in der Hand, zwischen Damen und Herren,
Straßensängern und Bettlern zu wandeln. Ich sehe in den
Straßen und in der Gesellschaft genauso aus wie zu Hause. Ja, ich
bin draußen zu Hause. Ich kenne die süße Freiheit,
nichts mehr darzustellen als mich selbst. [...] Ich habe die
weißen Städte so wiedergefunden, wie ich sie in den
Träumen gesehn hatte. Wenn man nur die Träume seiner Kindheit
findet, ist man wieder ein Kind. [...]"
(Aus: Joseph Roth,
"Die weißen Städte"
in: Joseph Roth Werke II, 1990, S. 451 ff. )
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