Joseph Roth südfrankreich  
     Homepage Dieter Schrey  
line decor
  
line decor
 


 
  eMail:
  dieter.schrey@bn-ulm.de
 



 
 

 

Aus: Joseph Roth
Die weißen Städte (1925)

        

"[...] Ehe ich zu leben angefangen hatte, stand mir die ganze Welt offen. Aber als ich zu leben anfing, war die offene Welt verwüstet. Ich selbst vernichtete sie mit Altersgenossen. [...] Nur wir, nur unsere Generation, erlebte das Erdbeben, nachdem sie mit der vollständigen Sicherheit der Erde seit der Geburt gerechnet hatte. [...] Ehe wir noch erleben konnten, erfuhren wir's. Wir waren fürs Leben gerüstet, und schon begrüßte uns der Tod. Noch standen wir verwundert vor einem Leichenzug, und schon lagen wir in einem Massengrab. Wir wußten mehr als die Greise, wir waren die unglücklichen Enkel, die ihre Großväter auf den Schoß nahmen, um ihnen Geschichten zu erzählen. [...]
Wir sind die Söhne. Wir haben die Relativität der Nomenklatur und selbst die der Dinge erlebt. In einer einzigen Minute, die uns vom Tode trennte, brachen wir mit der ganzen Tradition, mit der Sprache, der Wissenschaft, der Literatur, der Kunst: mit dem ganzen Kulturbewußtsein. In einer einzigen Minute wußten wir mehr von der Wahrheit als alle Wahrheitssucher der Welt. Wir sind die auferstandenen Toten. Wir kommen, mit der ganzen Weisheit des Jenseits beladen, wieder herab zu den ahnungslosen Irdischen. Wir haben die Skepsis der metaphysischen Weisheit. [...]
Ich war neugierig, zu erfahren, wie es hinter dem Zaun aussieht, der uns umgibt. Denn uns umgibt ein Zaun, uns Menschen, die wir zur deutschen Welt sprechen. In Deutschland ist der »Begriff« heilig und unwandelbar. Wir glauben an die Nomenklatur. [...] Jenseits, hinter dem Zaun, war die Nomenklatur niemals so heilig. Die Namen flossen immer weit um die Dinge, die Kleider waren lose. Man war nicht bestrebt, alles unverrückbar zu fixieren. Man wandelt sich jeden Augenblick, drüben, hinter dem Zaun. [...] Hinter dem Zaun gewann ich mich selbst wieder. Ich gewann die Freiheit, die Hände in den Hosentaschen, eine Garderobemarke an den Hut geheftet, einen zerbrochenen Regenschirm in der Hand, zwischen Damen und Herren, Straßensängern und Bettlern zu wandeln. Ich sehe in den Straßen und in der Gesellschaft genauso aus wie zu Hause. Ja, ich bin draußen zu Hause. Ich kenne die süße Freiheit, nichts mehr darzustellen als mich selbst. [...] Ich habe die weißen Städte so wiedergefunden, wie ich sie in den Träumen gesehn hatte. Wenn man nur die Träume seiner Kindheit findet, ist man wieder ein Kind. [...]"

(Aus: Joseph Roth, "Die weißen Städte"
in: Joseph Roth Werke II, 1990, S. 451 ff. )


Zur Roth-Startseite






 
 

 
 

 


 

 


In der Wahl Hindenburgs zum Reichspräsidenten 1925 sah Roth die Machtübernahme durch "barbarische" politische Kräfte. Seiner "Trauer" bei dem Gedanken an Deutschland steht während seines Aufenthalts in Frankreich 1925 (als Journalist für die "Frankfurter Zeitung") äußerste, glückhafte "Begeisterung" über das mediterrane Frankreich, die "weißen Städte", gegenüber; dort, "hinter dem Zaun", meint er den gleichen weltoffenen "Geist" vorzufinden wie in seiner Kindheit im Bereich der alten Donaumonarchie, der imstande war,  "das Fremde verwandt werden zu lassen und das scheinbar Auseinanderstrebende zu einigen" (so heißt es in dem Roman "Die Kapuzinergruft"). Die Situation in Nord-Europa insgesamt beurteilte Roth damals als einen Konflikt zwischen den Kräften des "Amerikanismus" und des "Bolschewismus", der auf einen dramatischen Höhepunkt zulaufe. Vor den "langsam heranrollenden Lawinen" der nationalsozialistischen Barbarei hat Roth frühzeitiger als andere gewarnt.

Der Text "Die weißen Städte" war von Roth als Vorwort zu einem (nicht verwirklichten) Buch über seine Südfrankreich-Erfahrungen gedacht. Er drückt das Krisenbewußtsein der Kriegsgeneration im Jahrzehnt nach dem nicht überwundenen Schock des Weltkriegs aus. (D.S.)