7,5f. Vor vielen Jahren lebte in Zuchnow... :

Erzählhaltung:
Bereits mit dem ersten Satz wird der Märchen- oder Legenden-Ton ("die farbenschimmernde Melodie einer legendenhaften Poesie") angeschlagen, der viele Rezensenten nach Erscheinen des Romans angesichts der für die früheren Romane Roths charakteristischen "geschmeidigen Präzision einer stählernen Prosa" überrascht hat (H. Kesten, Juli 1931).

Textvariante/Erzählhaltung:
Die märchenhafte Unschärfe der Zeitangabe wird durch den Phantasie-Ortsnamen Zuchnow ergänzt. (Auf der ersten Seite des bei Bronsen S. 383 wiedergegebenen Manuskripts heißt es noch "Vor vielen Jahren kannte ich in Kowno einen Mann ...": Durch das hier singuläre Erzähler-Ich und durch die geographische Richtigkeit (Kowno in Litauen!) wird der Märchen-Effekt der Eingangs-Formel aufgehoben. Vgl. 190,26, wo "Kowno" nicht durch "Zuchnow" ersetzt ist.)

Bibelzitat/Erzählhaltung:
Wie der Haupttitel des Romans dem Titel eines Buchs der Bibel entspricht, so greift die Eingangs-Formel des Romans den ersten Satz des biblischen "Hiob"-Buchs auf ("Es war ein Mann im Lande Uz, der hieß Hiob", das mit seinem Handlungsrahmen eine Legende darstellt.
Zum Text des gesamten biblischen Hiob-Buchs im Internet: http://www.bibel-online.net/buch/18.hiob/1.html#1,1.
Im Lauf des Erzählens werden die zeitgeschichtlichen Bezüge immer konkreter, v.a. im Zweiten Teil (New York und Erster Weltkrieg); in den letzten beiden Kapiteln wird die Handlung definitiv legendenhaft (nicht: märchenhaft), so daß von dort aus der Eingangs-Formel eine Rahmen-Funktion zukommt.

Chronologie der Romanhandlung/Erzählhaltung:
Eine Seite später (8,22) wird Mendel Singers Alter mit "dreißig Jahren" angegeben; zu Beginn von Kap. XI ist Mendel "neunundfünfzig Jahre" alt (137,10), in diesem Alter erlebt er den Beginn des Ersten Weltkriegs (139,10/141,28/142,27f.).
Das würde das Einsetzen der Romanhandlung und damit die Geburt des behinderten Sohnes Menuchim (10,22), im Jahr 1885 bedeuten. Dies aber steht im Widerspruch zu der Zeitangabe "Krieg gegen Japan schon beendet" (32,12 f.), d.h. zu dem Jahr 1905 als terminus post quem der Musterung und dementsprechend zu der Zeit um 1885 als Geburtsjahren der beiden älteren Söhne Jonas und Schemarjah (vgl. JR in: "Juden auf Wanderschaft" JRW 2,879: "Wer sich dem 20. Lebensjahr näherte und so gesund war, daß er annehmen mußte, man würde ihn assentieren, floh nach Amerika."). Nach der Handlung der ersten Roman-Kapitel müßten sie aber ca. 8-10 Jahre älter als Menuchim sein.
Offensichtlich hat Roth nicht präzis nachgerechnet - entsprechend seiner Tendenz, den Beginn des Romans in einem mythischen Irgendwann und Irgendwo zu halten. Wenn a) die Geschwister Jonas und Schemarjah ca. 1906 zur Musterung gehen müssen, b) zwischen Kap. II und III "zehn Jahre vergangen" sind (28,26), c) bis zum Auftreten der Krankheitssymptome bei Menuchim "ein Jahr" verstrichen ist (11,16/19) und d) aufgrund der beiden Zeitangaben 15,18 (Herbst) und 23,21 (nächster Sommer) noch einmal ein Jahr hinzuzurechnen ist, müßte Menuchims Geburt etwa ins Jahr 1894 zu verlegen sein - in Joseph Roths Geburtsjahr. Mendels Geburtsjahr wäre damit ca. 1865 (nicht 1855).

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