3 [Untertitel] Roman eines einfachen Mannes:
- 1.) "Roman, der von einem einfachen Mann handelt" (gen.obj.): vgl. F. Hackert im Nachwort zu dem von ihm herausgegebenen Band JRW 5 (S. 891): "Einem breiten Leserinteresse und -verständnis arbeitet nicht nur der sprichwörtlich populäre Bibelmythos vor, sondern auch eine literarische Tradition, in der "The Story of a Simple Soul" (H.G.Wells, Kipps, 1905) die Romanfabel bestimmt."
Die "Einfachheit" des Helden Mendel Singer wird auf den ersten Seiten des Romans überdeutlich unterstrichen (7,3 f.: "gewöhnlich, ein ganz alltäglicher Jude"; 7,9 f.: "Hunderttausende vor ihm [...] wie er" usw.). Titel und Untertitel zusammengenommen ergeben einen (scheinbaren) Widerspruch: Die mythische, traditionsbeladene, archetypische Gestalt wird in einem Sprung über die Jahrtausende hinweg als Romanfigur aus den Jahren um 1930 identifiziert, als "einfacher Mann" der Massengesellschaft der Weimarer Republik wie Zippers Vater (Joseph Roth, Zipper und sein Vater, 1928), wie der "kleine Mann" Pinneberg (Fallada, Kleiner Mann - was nun? 1932) oder auch wie der ehemalige Zement- und Transportarbeiter Franz Biberkopf (Döblin, Berlin Alexanderplatz. Die Geschichte vom Franz Biberkopf, 1929). Auf dem Schutzumschlag der Erstausgabe im Kiepenheuer-Verlag Leipzig 1930 wird Roths neuer Roman als "Roman eines einfachen Mannes, dieses 'Hiob' von heute", angekündigt. Der Untertitel und die mit ihm intendierte Gattungsbezeichnung sollen also dem Leser signalisieren: Es wird in diesem "Roman eines einfachen Mannes" exemplarisch um das Hiobs-Schicksal der Millionen einfacher Leute gehen, die an ihrer Zeit leiden und zugrundegehen.- 2.) "Roman, den ein einfacher Mann geschrieben hat" (gen. subj.): Roth hat sich im Kreis jiddisch sprechender Freunde offensichtlich gern mit einem aus dem Polnischen stammenden jiddischen Wort als "a prosty mentsch", als "ein einfacher Mensch", bezeichnet (Soma Morgenstern, Joseph Roth im Gespräch, JRTr 55/64); solche "Heimatklänge" (64) drücken wohl Roths Bekenntnis zu seiner ostjüdisch-galizischen Heimat und ihren Menschen aus. Die Doppeldeutigkeit des Untertitels ist dann auch ein Hinweis auf Roths Selbstdarstellung in der Hiobs-Gestalt des Mendel Singer.
Insgesamt bringt die Kombination von Titel und Untertitel a) den Autor, b) sein Publikum um 1930, c) die ostgalizischen und ukrainischen Juden vor dem Ersten Weltkrieg und d) den biblisch-mythischen (in langer jüdischer und christlicher Tradition gedeuteten und heiliggehaltenen) Hiob in eine wechselseitige Spiegel-Beziehung.- 3.) Dem Inhalt des Romans, der Geschichte "eines einfachen Mannes", "eines ganz alltäglichen Juden" (s.u. zu 7,3f.), entspricht die intendierte Form eines 'einfachen Romans'. Als Roth 1937 in einem Gespräch gegenüber Viktor Kelemen, dem Autor einer von Roth akzeptierten Bühnenfassung des HIOB, äußert, er habe Angst gehabt, daß irgendein "grausamer Dramatiker" bei einer Dramatisierung des Romans "alle Poesie in meinem Lieblingswerk ausrottet und nur die nackte Handlung auf die Bühne bringt", begründet er seine Befürchtung mit der Feststellung: "Sie allein [die Romanhandlung] ist eine ganz alltägliche Geschichte. Sein [des Romans] Hauptwert liegt in seiner Lyrik." Der Roman sei "ein im Grunde genommen lyrisches Werk". (Viktor Kelemen, Joseph Roths "Hiob", in der in London erscheinenden Exil-Zeitschrift " Aufbau", 29.3.1940) Die "Einfachheit" der Handlung soll die Entfaltung der "Lyrik" ermöglichen. Dazu paßt Roths Äußerung in einem Interview in Frankreich 1934 (Frédéric Lefèvre), in der er darlegt, "das Wesentliche für ihn als Romanschriftsteller seien weder die Handlung noch die Gefühlsmomente, sondern der sprachliche Rhythmus. Im Hiob sei dies durch 'la musique biblique' erreicht [...]." (Bronsen 381)
Zur Rezeption des Romans 1931 s. den Prospekt des Verlags Kiepenheuer