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Mendel Singer "war fromm,
gottesfürchtig [a] und gewöhnlich [b], ein ganz
alltäglicher Jude" [a/b]. (H 7)
Die zusammenfassende Bestimmung im zweiten
Satz des Romans [a/b] - "ein ganz alltäglicher Jude" - scheint
beim Leser als bekannt vorauszusetzen, was das heißt - aber
weiß er das? Und sie gibt dem Leser noch mehr Rätsel auf:
Denn während es beim ersten Lesen so scheint, als ob die beiden
Bestimmungen - "fromm, gottesfürchtig" und "gewöhnlich" -
durchaus zusammenpassten und durch die dritte sinnvoll zusammengefasst
würden, stellt sich bei näherem Hinsehen heraus, dass sie
zueinander in einem deutlichen Spannungsverhältnis stehen: Die
Adjektiv-Zusammenstellung "fromm und gottesfürchtig" stammt aus
dem Hiob-Buch der Hebräischen Bibel, im deutschen Wortlaut der
Luther-Übersetzung, aus Kap. 1 Vers 1 und 8, und macht den
Protagonisten - in unmittelbarer Fortsetzung des Roman-Titels - von
Anfang an zur Hiob-Figur. Von Hiob heißt es jedoch im gleichen
Bibelvers (V. 8), es sei "seinesgleichen nicht auf Erden". Auch hierauf
bezieht sich der Roman-Anfang, aber nun so, dass er dieser Bestimmung
in Bezug auf Mendel Singer direkt widerspricht: Denn bei Mendel wird
seine "Gewöhnlichkeit" hervorgehoben und ausführlich
erläutert, indem vom "schlichten Beruf", vom fehlenden "Erfolg",
vom "unbedeutenden Wesen", vom "landesüblichen jüdischen
Kaftan", vom "unbedeutenden blassen Gesicht" und vom "gewöhnlichen
Schwarz" des Vollbarts die Rede ist: "Hunderttausende vor ihm hatten
wie er gelebt und unterrichtet." (H 7) Das entspricht dem
Untertitel des Buchs, "Roman eines einfachen Mannes".
Was soll dieses Neben- und Gegeneinander
von großer mythischer Figur und überbetont
"gewöhnlichem", "einfachem Mann" im Doppeltitel und in den
verborgen widersprüchlichen Anspielungen der ersten Sätze?
Doch wohl dies:
- In der Zeit, in der der Roman spielt -
der Zeit, die auf den Ersten Weltkrieg hinführt - und in der er
geschrieben wird - der Zeit der ihrem Untergang zueilenden Weimarer
Republik -, zumindest in dieser Zeit sind die Millionen "kleinen Leute"
die wahren "Hiobe", und es kann nicht mehr darum gehen, das Schicksal
eines "Großen", und sei es dessen entsetzliches Hiobs-Schicksal,
zum Gegenstand eines Romans zu machen, sondern darum, das
Hiobs-Schicksal der Millionen, die an ihrer Zeit leiden und
zugrundegehen, an einem exemplarischen Fall darzustellen.
- Dann wird sich allerdings zeigen, dass
diese historische Situation in der ersten Hälfte des 20.
Jahrhunderts dazu zwingt, die alte Hiob-Frage neu zu stellen, also im
Zusammenhang des Elends und des Leidens der Millionen "einfachen Leute"
die Theodizee-Frage nach einer letzten Gerechtigkeit in der Welt neu
aufzuwerfen, vielleicht radikaler als bisher, weil es um das Elend der
Massen geht - so wie die Situation in der zweiten Hälfte des 20.
Jahrhunderts, nach Auschwitz, nach dem Holocaust, und vor einer
möglichen globalen ökologischen Katastrophe uns dazu zwingt,
die Theodizee- bzw. Anthropodizee-Frage wiederum neu und radikal
aufzuwerfen.
- Das bedeutet dann für den
"einfachen Mann" Mendel Singer in den Jahren des Ersten Weltkriegs,
dass er doch zu einer mythisch-archetypischen Figur, eben zu "Hiob",
wird, der sich zum Schluss auf eine Stufe mit Hiob stellen und
einerseits sagen kann, "Mendel hat den Tod, Mendel hat den Wahnsinn,
Mendel hat den Hunger, alle Gaben Gottes hat Mendel" (H 162),
und der andererseits mit der ganzen Autorität des Alters und
seiner Lebens- und Leiderfahrung verkünden kann, darin, in seinem
"Tod", im Untergang seiner Familie, habe er "ein paar Welten [...]
zugrunde gehn sehn" (H 161).
- Denn darin besteht ja das
Mythisch-Parabolische der Existenz von Mendel-Hiob, dass sich hier im
Schicksal eines einzelnen und seiner Familie der epochale Umbruch des
20. Jahrhunderts spiegelt, der 1917 mit der Russischen Revolution und
dem Eintritt der USA in den Weltkrieg stattgefunden bzw. begonnen hat:
die als Katastrophe empfundene Ablösung von der alten
europäischen Welt, die dann noch lange nicht zur Entstehung einer
stabilen, friedlichen neuen Welt, sondern zu einer Kette neuer
Katastrophen geführt hat.
- Allerdings bilden die elenden sozialen
und politischen Verhältnisse dabei - nach Roths Auffassung - nur
den Rahmen; das tiefste Elend des Jahrzehnts nach 1918 liegt in der
Entstehung eines neuen Bewusstseins, das ein falsches, ja,
tödliches Bewusstsein ist: Die "eine Welt", die "unsere Welt" war,
ist verlorengegangen1, stattdessen gibt es nur noch konkurrierende
"Welten" - als ob es "der Sinn der Welt [wäre], aus 'Nationen' zu
bestehen und aus Vaterländern"2 -, und im Konkurrenzkampf der
"Nationen" und "Welten" wird diejenige siegen, die die derzeit
stärksten "Götter", nämlich "Gold" und "Maschine", auf
ihrer Seite hat.
Dass es Roth - vor dem Hintergrund der sozialen Elendssituation - auf
die Behandlung des geistig-seelischen Elends der Epoche ankommt, wird
darin deutlich, dass
- das eigentliche Problem der Familie
Singer in Zuchnow nicht in der allgemeinen Not besteht, die auf den
ersten vier Seiten des Romans schnell abgehandelt wird, sondern darin,
dass die Eltern und drei Geschwister dann einen Sohn und Bruder
bekommen, der ein armseliger Krüppel ist und durch seine
Hiobs-Existenz, durch sein überdimensionales Leid, von innen her
eine Katastrophe für die Familie heraufbeschwört;
offensichtlich soll sich an der Frage, ob unabänderliches Leid als
Fluchtmotiv oder als mitmenschliche Aufgabe und Chance (H 159:
"Menuchim lieben") aufzufassen ist, entscheiden, worin die "geistigen
Grundlagen für eine neue Welt" bestehen könnten;
- die zweite Katastrophe der Familie
Singer - der "Vaterlands"-Tod Schemarjahs, der die Kette der weiteren
Unglücksfälle einleitet - kommt über die Familie zwar
von außen, bedingt durch den Krieg, in dem Amerika
schließlich als "Vaterland" auf derselben Ebene fungiert wie die
europäischen traditionell verfeindeten, konkurrierenden Nationen,
aber bereits der erste Tag in Amerika hat Mendel den - aus Roths Sicht
- wahren Charakter dieses Landes offenbart, so dass seither für
ihn - Mendel - die Aufgabe und Chance bestanden hätte, an der
Tauglichkeit der dortigen "geistigen Grundlagen für eine neue
Welt" zu zweifeln und deren Tödlichkeit zu durchschauen.
Die folgenden "Welten" werden im Roman zur Diskussion gestellt:
- Mit der Entscheidung, den Roman mit
dem Pessach-Fest 1919 in New York enden zu lassen, hat der Autor die
Möglichkeit einer Diskussion der Revolutions- und
Sozialismus-Thematik der 20er Jahre im Rahmen des Romans gezielt
ausgeschaltet.
- Im Ernstnehmen der Thematik des alten
Russland bzw. der "russischen Erde" hat er sogar einen deutlichen
Anti-Revolutions-Akzent gesetzt. Diese russische "Welt" hat Mendel
Singer "zugrunde gehn sehn".
- Gewissermaßen in der Gestalt
seines galizischen Wasserträger-Vorgängers hat er auch den
Untergang der "Welt" der österreichisch-ungarischen Donaumonarchie
erlebt.
- Vom Untergang des deutschen
Kaiserreichs ist im Roman nicht die Rede.
- Gerade nicht untergegangen ist im
Ersten Weltkrieg die "Welt", auf deren Ablehnung als "tödlich" die
Handlung des Romans hinausläuft, die amerikanische "Welt".
- Es stellt sich die Frage, ob Mendel
Singer im Zusammenhang des Ersten Weltkriegs auch die "Welt" des
Schtetl hat "zugrunde gehn sehn". In seiner eigenen Familie stellt sich
heraus, dass die Schtetl-"Welt" nicht mehr tragfähig ist.
Allerdings zeigt eine der letzten Szenen des Romans die intakte
Seder-Gemeinschaft im Rahmen der Familie Skowronek.
- In der Gestalt des Künstlers
Menuchim Kossak-Singer ist die zukünftige, dem "europäischen"
und "Weltgedanken" entsprechende Kultur angedeutet.
In der Situation der Orientierungslosigkeit stellt Roth in und mit dem
"Hiob"-Roman
- die allgemeine Frage, wie ein
"einfacher Mann" mit seiner Familie auf den drohenden und dann
eintretenden Untergang der "geistigen Grundlagen" seiner "alten Welt"
und damit auch der realen Lebensmöglichkeiten im tradierten Rahmen
reagiert und wie die sich herausbildende "neue Welt" mit ihm umspringt,
und
- die spezielle Frage, ob eine einzige
der teils bereits untergegangenen, teils dem Untergang geweihten
"Welten", die ostjüdische nämlich, so etwas wie einen
ruhenden Pol im allgemeinen geistigen Chaos darstellen kann, weil sie
"schon vor dreitausend Jahren eine 'Nation' gewesen ist und 'heilige
Kriege' geführt und 'große Zeiten' erlebt hat" und "die
Epoche der 'National-Geschichte' und 'Vaterlandskunde' [... deshalb]
schon hinter sich" hat3 -
- er stellt also "die große Frage,
ob die Juden nicht noch viel mehr sind als eine nationale Minderheit
europäischer Fasson; ob sie nicht mehr sind als eine 'Nation', wie
man sie in Europa versteht", ob sie nicht "einen Anspruch auf viel
Wichtigeres" haben4:
"Ich sehe, dass man nicht umsonst 4000 Jahre Jude
gewesen ist, nichts als Jude. Man hat ein altes Schicksal, ein altes,
gleichsam erfahrenes Blut. Man ist ein geistiger Mensch. Man
gehört einem Volk an, das seit 2000 Jahren keinen einzigen
Anaplphabeten gehabt hat, einem Volk mit mehr Zeitschriften als
Zeitungen [...]. Ein Traktor selbst ist, verglichen mit dem
dialektischen Verstand des Juden, ein einfaches Werkzeug."5
Wie reagiert also ein solcher Ostjude auf die "geistige Leere" und das
geistig-seelische Chaos der Gegenwart der 20er Jahre? Und wie geht
ihrerseits diese "kriegerische" Gegenwart mit einem solchen Ostjuden
um?
Diese Fragen stellt Joseph Roth
exemplarisch im "Hiob"-Roman in der Gestalt Mendel Singers und seiner
Familie. Die Antwort des Romans, in vorläufiger, verkürzender
Formulierung:
- Der "einfache Mann" findet
offensichtlich keine adäquate Lösung des Problems - in der
entscheidenden Frage der Richtigkeit des Entschlusses, nach Amerika zu
gehen bzw. gegangen zu sein, bleibt sein Verhalten und sein Urteil
problematisch und unsicher; und "Amerika", die "neue Welt", erweist
sich als so zerstörerisch, dass Mendel-Hiob die Leiden seiner Zeit
nun wirklich in einem exemplarischen Ausmaß aufgeladen bekommt
und daran zerbricht. Aber der Roman gibt eine zweite Antwort: Mendels
Sohn Menuchim - kein "einfacher Mann" (!) - verfügt souverän
über die "geistigen Grundlagen für eine neue Welt" und vermag
dadurch sogar - als messianische Gestalt - seinen Hiob-Vater zu retten.
- Der Roman thematisiert Grundhaltungen
der "einfachen Leute" angesichts der nach dem Ersten Weltkrieg in
Unordnung geratenen Welt, und zwar - im Protagonisten - die Haltung des
Beharrens auf der alten "Weltordnung", und - in den Antagonisten,
nämlich den anderen Mitgliedern der Familie - die Haltung der
Flucht aus der alten "Weltordnung" und der Assimilation an die "Welt",
die sich in der näheren oder ferneren Umgebung anbietet.
Schemarjah, Mirjam und Deborah Singer wählen - auf
unterschiedliche Weise - den Weg 'nach vorwärts', den Weg der
Angleichung an die amerikanische "Welt". Mirjam wäre allerdings
auch bereit gewesen, auf ihre Weise den Weg des Jonas zu gehen, den Weg
'nach rückwärts', den der Angleichung an die alte russische
Welt.
- Weder die Haltung der Flucht vor den
Problemen in die Assimilation noch auch die des Beharrens auf den
Spielregeln der alten "Weltordnung" wird vom Roman ins Recht gesetzt,
sondern die Haltung des "lieben Gotts in Russland", der sich für
"die kleinen Dinge" interessiert, eine Haltung, die die Familie Singer
dem Krüppel Menuchim gegenüber nicht durchhält, die
dieser seinerseits aber am Ende des Romans seinem "kleiner und kleiner
gewordenen" Vater (H 178) gegenüber zu realisieren
vermag.
Die Handlung des Romans lässt sich als Ineinander von vier
Entwicklungslinien beschreiben:
- Die Entwicklung der Beziehungen
innerhalb der Familie "einfacher Leute", der Familie des
ostjüdischen Melámed Mendel Singer, stellt sich als Prozess
der Auflösung dieser Beziehungen dar. Die zwei ältesten
Söhne und die Tochter entfernen sich - im ersten Teil des Romans -
äußerlich oder nur innerlich (Mirjam) aus dem Kreis der
Familie und finden neue Identitäten, die nicht nur außerhalb
der Familie, sondern auch außerhalb der ostjüdischen
Lebenswelt liegen und die sich letztlich als zerstörerisch und
tödlich erweisen.
- Deborah Singer durchläuft eine
eigene Entwicklung, die einerseits parallel zu der ihrer Kinder
verläuft, da auch sie assimilationsbereit ist und nach Amerika
tendiert, die andererseits aber sehr stark durch ihre Beziehung zu
Menuchim bestimmt ist und durch den Verlust ihrer Beziehung zu Mendel.
- Der Roman als Geschichte eines modernen
Hiob beschreibt die Entwicklung der Frömmigkeit des Ostjuden
Mendel Singer. Im Zusammenhang mit dem Prozess der Auflösung
seiner Familie wird aus der "schlichten Frömmigkeit" und
völlig passiven Gottergebenheit eines "ganz gewöhnlichen
Juden" der aggressiv betriebene Kampf eines "radikalen Juden" (G.
Scholem, s.u.), der in der "Heiligkeit des Wahns" Gott durch
Frömmigkeitsverweigerung zwingen will, ihm zu "helfen", ihn zu
erretten. Die Frage wird sein, wie der Schluss des Romans in diesem
Zusammenhang zu verstehen ist.
- Von einer Entwicklung Menuchims kann
kaum gesprochen werden: Im ersten Teil des Romans entwickelt er sich
faktisch gar nicht, und als er im zweiten Teil, kurz vor Schluss des
Romans, dann wieder in die Handlung hineinkommt, hat er sich bereits
entwickelt, auf wunderhafte Weise. Nur sein Weg führt nicht in
eine Katastrophe, sondern aus der Katastrophe.
Das Interpretationskapitel "Der Roman eines einfachen Mannes und seiner
Familie" rekonstruiert diese vier Entwicklungslinien und ihr
Ineinander.
12 Thesen zu "Epochenbruch
1914-1918 - Theodizee - ästhetischer Trost"
ANMERKUNGEN
1 Im Roman "Die Kapuzinergruft" (1938) ist von dem
"großen Krieg" die Rede, "den man den 'Weltkrieg' nennt, mit
Recht, und zwar nicht etwa, weil ihn die ganze Welt geführt hatte,
sondern weil wir alle infolge seiner ein Welt, unsere Welt, verloren
haben". JRW 5, S. 252
2 In JaW (= "Juden auf Wanderschaft") JRW 2, S. 837
/ KiWi 81, S. 19
3 JaW: JRW 5, S. 835 / KiWi 81, S. 18
4 aaO.
5 JaW: JRW 5, S. 889 f. / KiWi 81, S. 71
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© Dieter Schrey 1991/2006
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