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GEISTIGE GRUNDLAGEN
FÜR EINE NEUE WELT?"
Zu Joseph Roths "Hiob.Roman eines einfachen Mannes"

Teil IV: Hiob - ein "einfacher Mann"?
Theodizee im 20. Jahrhundert

 

Mendel Singer "war fromm, gottesfürchtig [a] und gewöhnlich [b], ein ganz alltäglicher Jude" [a/b]. (H 7)

Die zusammenfassende Bestimmung im zweiten Satz des Romans [a/b] - "ein ganz alltäglicher Jude" - scheint beim Leser als bekannt vorauszusetzen, was das heißt - aber weiß er das? Und sie gibt dem Leser noch mehr Rätsel auf: Denn während es beim ersten Lesen so scheint, als ob die beiden Bestimmungen - "fromm, gottesfürchtig" und "gewöhnlich" - durchaus zusammenpassten und durch die dritte sinnvoll zusammengefasst würden, stellt sich bei näherem Hinsehen heraus, dass sie zueinander in einem deutlichen Spannungsverhältnis stehen: Die Adjektiv-Zusammenstellung "fromm und gottesfürchtig" stammt aus dem Hiob-Buch der Hebräischen Bibel, im deutschen Wortlaut der Luther-Übersetzung, aus Kap. 1 Vers 1 und 8, und macht den Protagonisten - in unmittelbarer Fortsetzung des Roman-Titels - von Anfang an zur Hiob-Figur. Von Hiob heißt es jedoch im gleichen Bibelvers (V. 8), es sei "seinesgleichen nicht auf Erden". Auch hierauf bezieht sich der Roman-Anfang, aber nun so, dass er dieser Bestimmung in Bezug auf Mendel Singer direkt widerspricht: Denn bei Mendel wird seine "Gewöhnlichkeit" hervorgehoben und ausführlich erläutert, indem vom "schlichten Beruf", vom fehlenden "Erfolg", vom "unbedeutenden Wesen", vom "landesüblichen jüdischen Kaftan", vom "unbedeutenden blassen Gesicht" und vom "gewöhnlichen Schwarz" des Vollbarts die Rede ist: "Hunderttausende vor ihm hatten wie er gelebt und unterrichtet." (H 7) Das entspricht dem Untertitel des Buchs, "Roman eines einfachen Mannes".

Was soll dieses Neben- und Gegeneinander von großer mythischer Figur und überbetont "gewöhnlichem", "einfachem Mann" im Doppeltitel und in den verborgen widersprüchlichen Anspielungen der ersten Sätze? Doch wohl dies:

  • In der Zeit, in der der Roman spielt - der Zeit, die auf den Ersten Weltkrieg hinführt - und in der er geschrieben wird - der Zeit der ihrem Untergang zueilenden Weimarer Republik -, zumindest in dieser Zeit sind die Millionen "kleinen Leute" die wahren "Hiobe", und es kann nicht mehr darum gehen, das Schicksal eines "Großen", und sei es dessen entsetzliches Hiobs-Schicksal, zum Gegenstand eines Romans zu machen, sondern darum, das Hiobs-Schicksal der Millionen, die an ihrer Zeit leiden und zugrundegehen, an einem exemplarischen Fall darzustellen.
  • Dann wird sich allerdings zeigen, dass diese historische Situation in der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts dazu zwingt, die alte Hiob-Frage neu zu stellen, also im Zusammenhang des Elends und des Leidens der Millionen "einfachen Leute" die Theodizee-Frage nach einer letzten Gerechtigkeit in der Welt neu aufzuwerfen, vielleicht radikaler als bisher, weil es um das Elend der Massen geht - so wie die Situation in der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts, nach Auschwitz, nach dem Holocaust, und vor einer möglichen globalen ökologischen Katastrophe uns dazu zwingt, die Theodizee- bzw. Anthropodizee-Frage wiederum neu und radikal aufzuwerfen.
  • Das bedeutet dann für den "einfachen Mann" Mendel Singer in den Jahren des Ersten Weltkriegs, dass er doch zu einer mythisch-archetypischen Figur, eben zu "Hiob", wird, der sich zum Schluss auf eine Stufe mit Hiob stellen und einerseits sagen kann, "Mendel hat den Tod, Mendel hat den Wahnsinn, Mendel hat den Hunger, alle Gaben Gottes hat Mendel" (H 162), und der andererseits mit der ganzen Autorität des Alters und seiner Lebens- und Leiderfahrung verkünden kann, darin, in seinem "Tod", im Untergang seiner Familie, habe er "ein paar Welten [...] zugrunde gehn sehn" (H 161).
  • Denn darin besteht ja das Mythisch-Parabolische der Existenz von Mendel-Hiob, dass sich hier im Schicksal eines einzelnen und seiner Familie der epochale Umbruch des 20. Jahrhunderts spiegelt, der 1917 mit der Russischen Revolution und dem Eintritt der USA in den Weltkrieg stattgefunden bzw. begonnen hat: die als Katastrophe empfundene Ablösung von der alten europäischen Welt, die dann noch lange nicht zur Entstehung einer stabilen, friedlichen neuen Welt, sondern zu einer Kette neuer Katastrophen geführt hat.
  • Allerdings bilden die elenden sozialen und politischen Verhältnisse dabei - nach Roths Auffassung - nur den Rahmen; das tiefste Elend des Jahrzehnts nach 1918 liegt in der Entstehung eines neuen Bewusstseins, das ein falsches, ja, tödliches Bewusstsein ist: Die "eine Welt", die "unsere Welt" war, ist verlorengegangen1, stattdessen gibt es nur noch konkurrierende "Welten" - als ob es "der Sinn der Welt [wäre], aus 'Nationen' zu bestehen und aus Vaterländern"2 -, und im Konkurrenzkampf der "Nationen" und "Welten" wird diejenige siegen, die die derzeit stärksten "Götter", nämlich "Gold" und "Maschine", auf ihrer Seite hat.


Dass es Roth - vor dem Hintergrund der sozialen Elendssituation - auf die Behandlung des geistig-seelischen Elends der Epoche ankommt, wird darin deutlich, dass

  • das eigentliche Problem der Familie Singer in Zuchnow nicht in der allgemeinen Not besteht, die auf den ersten vier Seiten des Romans schnell abgehandelt wird, sondern darin, dass die Eltern und drei Geschwister dann einen Sohn und Bruder bekommen, der ein armseliger Krüppel ist und durch seine Hiobs-Existenz, durch sein überdimensionales Leid, von innen her eine Katastrophe für die Familie heraufbeschwört; offensichtlich soll sich an der Frage, ob unabänderliches Leid als Fluchtmotiv oder als mitmenschliche Aufgabe und Chance (H 159: "Menuchim lieben") aufzufassen ist, entscheiden, worin die "geistigen Grundlagen für eine neue Welt" bestehen könnten;
  • die zweite Katastrophe der Familie Singer - der "Vaterlands"-Tod Schemarjahs, der die Kette der weiteren Unglücksfälle einleitet - kommt über die Familie zwar von außen, bedingt durch den Krieg, in dem Amerika schließlich als "Vaterland" auf derselben Ebene fungiert wie die europäischen traditionell verfeindeten, konkurrierenden Nationen, aber bereits der erste Tag in Amerika hat Mendel den - aus Roths Sicht - wahren Charakter dieses Landes offenbart, so dass seither für ihn - Mendel - die Aufgabe und Chance bestanden hätte, an der Tauglichkeit der dortigen "geistigen Grundlagen für eine neue Welt" zu zweifeln und deren Tödlichkeit zu durchschauen.


Die folgenden "Welten" werden im Roman zur Diskussion gestellt:

  • Mit der Entscheidung, den Roman mit dem Pessach-Fest 1919 in New York enden zu lassen, hat der Autor die Möglichkeit einer Diskussion der Revolutions- und Sozialismus-Thematik der 20er Jahre im Rahmen des Romans gezielt ausgeschaltet.
  • Im Ernstnehmen der Thematik des alten Russland bzw. der "russischen Erde" hat er sogar einen deutlichen Anti-Revolutions-Akzent gesetzt. Diese russische "Welt" hat Mendel Singer "zugrunde gehn sehn".
  • Gewissermaßen in der Gestalt seines galizischen Wasserträger-Vorgängers hat er auch den Untergang der "Welt" der österreichisch-ungarischen Donaumonarchie erlebt.
  • Vom Untergang des deutschen Kaiserreichs ist im Roman nicht die Rede.
  • Gerade nicht untergegangen ist im Ersten Weltkrieg die "Welt", auf deren Ablehnung als "tödlich" die Handlung des Romans hinausläuft, die amerikanische "Welt".
  • Es stellt sich die Frage, ob Mendel Singer im Zusammenhang des Ersten Weltkriegs auch die "Welt" des Schtetl hat "zugrunde gehn sehn". In seiner eigenen Familie stellt sich heraus, dass die Schtetl-"Welt" nicht mehr tragfähig ist. Allerdings zeigt eine der letzten Szenen des Romans die intakte Seder-Gemeinschaft im Rahmen der Familie Skowronek.
  • In der Gestalt des Künstlers Menuchim Kossak-Singer ist die zukünftige, dem "europäischen" und "Weltgedanken" entsprechende Kultur angedeutet.


In der Situation der Orientierungslosigkeit stellt Roth in und mit dem "Hiob"-Roman

  • die allgemeine Frage, wie ein "einfacher Mann" mit seiner Familie auf den drohenden und dann eintretenden Untergang der "geistigen Grundlagen" seiner "alten Welt" und damit auch der realen Lebensmöglichkeiten im tradierten Rahmen reagiert und wie die sich herausbildende "neue Welt" mit ihm umspringt, und
  • die spezielle Frage, ob eine einzige der teils bereits untergegangenen, teils dem Untergang geweihten "Welten", die ostjüdische nämlich, so etwas wie einen ruhenden Pol im allgemeinen geistigen Chaos darstellen kann, weil sie "schon vor dreitausend Jahren eine 'Nation' gewesen ist und 'heilige Kriege' geführt und 'große Zeiten' erlebt hat" und "die Epoche der 'National-Geschichte' und 'Vaterlandskunde' [... deshalb] schon hinter sich" hat3 -
  • er stellt also "die große Frage, ob die Juden nicht noch viel mehr sind als eine nationale Minderheit europäischer Fasson; ob sie nicht mehr sind als eine 'Nation', wie man sie in Europa versteht", ob sie nicht "einen Anspruch auf viel Wichtigeres" haben4:

  • "Ich sehe, dass man nicht umsonst 4000 Jahre Jude gewesen ist, nichts als Jude. Man hat ein altes Schicksal, ein altes, gleichsam erfahrenes Blut. Man ist ein geistiger Mensch. Man gehört einem Volk an, das seit 2000 Jahren keinen einzigen Anaplphabeten gehabt hat, einem Volk mit mehr Zeitschriften als Zeitungen [...]. Ein Traktor selbst ist, verglichen mit dem dialektischen Verstand des Juden, ein einfaches Werkzeug."5


Wie reagiert also ein solcher Ostjude auf die "geistige Leere" und das geistig-seelische Chaos der Gegenwart der 20er Jahre? Und wie geht ihrerseits diese "kriegerische" Gegenwart mit einem solchen Ostjuden um?

Diese Fragen stellt Joseph Roth exemplarisch im "Hiob"-Roman in der Gestalt Mendel Singers und seiner Familie. Die Antwort des Romans, in vorläufiger, verkürzender Formulierung:

  • Der "einfache Mann" findet offensichtlich keine adäquate Lösung des Problems - in der entscheidenden Frage der Richtigkeit des Entschlusses, nach Amerika zu gehen bzw. gegangen zu sein, bleibt sein Verhalten und sein Urteil problematisch und unsicher; und "Amerika", die "neue Welt", erweist sich als so zerstörerisch, dass Mendel-Hiob die Leiden seiner Zeit nun wirklich in einem exemplarischen Ausmaß aufgeladen bekommt und daran zerbricht. Aber der Roman gibt eine zweite Antwort: Mendels Sohn Menuchim - kein "einfacher Mann" (!) - verfügt souverän über die "geistigen Grundlagen für eine neue Welt" und vermag dadurch sogar - als messianische Gestalt - seinen Hiob-Vater zu retten.
  • Der Roman thematisiert Grundhaltungen der "einfachen Leute" angesichts der nach dem Ersten Weltkrieg in Unordnung geratenen Welt, und zwar - im Protagonisten - die Haltung des Beharrens auf der alten "Weltordnung", und - in den Antagonisten, nämlich den anderen Mitgliedern der Familie - die Haltung der Flucht aus der alten "Weltordnung" und der Assimilation an die "Welt", die sich in der näheren oder ferneren Umgebung anbietet. Schemarjah, Mirjam und Deborah Singer wählen - auf unterschiedliche Weise - den Weg 'nach vorwärts', den Weg der Angleichung an die amerikanische "Welt". Mirjam wäre allerdings auch bereit gewesen, auf ihre Weise den Weg des Jonas zu gehen, den Weg 'nach rückwärts', den der Angleichung an die alte russische Welt.
  • Weder die Haltung der Flucht vor den Problemen in die Assimilation noch auch die des Beharrens auf den Spielregeln der alten "Weltordnung" wird vom Roman ins Recht gesetzt, sondern die Haltung des "lieben Gotts in Russland", der sich für "die kleinen Dinge" interessiert, eine Haltung, die die Familie Singer dem Krüppel Menuchim gegenüber nicht durchhält, die dieser seinerseits aber am Ende des Romans seinem "kleiner und kleiner gewordenen" Vater (H 178) gegenüber zu realisieren vermag.


Die Handlung des Romans lässt sich als Ineinander von vier Entwicklungslinien beschreiben:

- Die Entwicklung der Beziehungen innerhalb der Familie "einfacher Leute", der Familie des ostjüdischen Melámed Mendel Singer, stellt sich als Prozess der Auflösung dieser Beziehungen dar. Die zwei ältesten Söhne und die Tochter entfernen sich - im ersten Teil des Romans - äußerlich oder nur innerlich (Mirjam) aus dem Kreis der Familie und finden neue Identitäten, die nicht nur außerhalb der Familie, sondern auch außerhalb der ostjüdischen Lebenswelt liegen und die sich letztlich als zerstörerisch und tödlich erweisen.

- Deborah Singer durchläuft eine eigene Entwicklung, die einerseits parallel zu der ihrer Kinder verläuft, da auch sie assimilationsbereit ist und nach Amerika tendiert, die andererseits aber sehr stark durch ihre Beziehung zu Menuchim bestimmt ist und durch den Verlust ihrer Beziehung zu Mendel.

- Der Roman als Geschichte eines modernen Hiob beschreibt die Entwicklung der Frömmigkeit des Ostjuden Mendel Singer. Im Zusammenhang mit dem Prozess der Auflösung seiner Familie wird aus der "schlichten Frömmigkeit" und völlig passiven Gottergebenheit eines "ganz gewöhnlichen Juden" der aggressiv betriebene Kampf eines "radikalen Juden" (G. Scholem, s.u.), der in der "Heiligkeit des Wahns" Gott durch Frömmigkeitsverweigerung zwingen will, ihm zu "helfen", ihn zu erretten. Die Frage wird sein, wie der Schluss des Romans in diesem Zusammenhang zu verstehen ist.

- Von einer Entwicklung Menuchims kann kaum gesprochen werden: Im ersten Teil des Romans entwickelt er sich faktisch gar nicht, und als er im zweiten Teil, kurz vor Schluss des Romans, dann wieder in die Handlung hineinkommt, hat er sich bereits entwickelt, auf wunderhafte Weise. Nur sein Weg führt nicht in eine Katastrophe, sondern aus der Katastrophe.

Das Interpretationskapitel "Der Roman eines einfachen Mannes und seiner Familie"  rekonstruiert diese vier Entwicklungslinien und ihr Ineinander.

12 Thesen zu "Epochenbruch 1914-1918 - Theodizee - ästhetischer Trost"


 

ANMERKUNGEN

1 Im Roman "Die Kapuzinergruft" (1938) ist von dem "großen Krieg" die Rede, "den man den 'Weltkrieg' nennt, mit Recht, und zwar nicht etwa, weil ihn die ganze Welt geführt hatte, sondern weil wir alle infolge seiner ein Welt, unsere Welt, verloren haben". JRW 5, S. 252

2 In JaW (= "Juden auf Wanderschaft") JRW 2, S. 837 / KiWi 81, S. 19

3 JaW: JRW 5, S. 835 / KiWi 81, S. 18

4 aaO.

5 JaW: JRW 5, S. 889 f. / KiWi 81, S. 71

 

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© Dieter Schrey 1991/2006