7,6 Mendel Singer:

Sowohl der Vorname als auch der Nachname waren im Bereich des Ostjudentums weit verbreitet. "Mendel" ist die jiddische Form des hebräischen Namens M'nuchim/Nachum ("trostreich"). Nachum war der Name von Roths Vater; nachdem der Vater im Herbst 1893, also während der Schwangerschaft der Mutter, von einer Geschäftsreise nicht zurückkehrte und zunächst in einer Anstalt für Geisteskranke und schließlich bei einem Wunderrabbi irgendwo in Rußland untergebracht werden mußte, wuchs Roth vaterlos, im Hause seines chassidisch-frommen Großvaters, auf, von der kontaktarmen Mutter streng behütet. Die Mutter hat ihre Situation ohne Ehegatten, ohne die Möglichkeit der Scheidung, immer als Schande empfunden. Für Roth bedeutete seine Vaterlosigkeit zeitlebens ein Trauma, das er durch erfundene Geschichten über seinen Vater zu überdecken versuchte. Die Wahl der Namen Mendel und - für Mendels zunächst geisteskranken Sohn in der hebräischen Form - Menuchim weist den Leser von Beginn an auf die Bedeutung des Themenkomplexes "Vater/Vaterlosigkeit" im Roman hin.
Der Nachname Singer mag eine Anspielung auf die Art von Mendels Berufsausübung sein, auf das Memorieren des Bibeltextes im psalmodierenden "Singsang" (39,11/ 15).
Einer von Roths Mitschülern im Gymnasium in Brody hieß Mendel Singer; "der wirkliche Mendel Singer [hatte allerdings] mit der Romangestalt nichts anderes als den Namen gemein" (Bronsen 71). Bronsen meint, Roth deute auf diese Weise immerhin seine "Verbundenheit mit Brody" an und erreiche so "eine Gewähr für die Authentizität seines Schaffens" (71).
Vielleicht will Roth auch auf den Titel eines Romans von Scholem-Alejchem, "Menachem Mendel der Spekulant", anspielen, vielleicht auch auf den gleichen Namen mehrerer berühmter chassidischer Rabbis. H.-O. Horch hat auf Parallelen zwischen Mendel Singer und dem Rabbi Menachem Mendel von Kozk (gest. 1859) hingewiesen, von dem Martin Buber ausführlich unter dem Gesichtspunkt "Niedergang des Chassidismus" berichtet (M. Buber, Vorwort zu: Die Erzählungen der Chassidim, Zürich 1949/11. Aufl. 1990, S. 106). (H.-O. Horch,225)


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