7,7f. schlichten Beruf eines Lehrers:

jiddisch M'lamed
Im Cheder des Schtetl lernten die 4-8jährigen Jungen (nicht die Mädchen!) am Bibeltext Hebräisch-Schreiben und -Lesen, außerdem die vier Grundrechenarten. Die wichtigste Methode war der ständige Singsang des gemeinsamen Texte-Lesens und -Memorierens (8,19f.; 39,11/15).

 Der Melamed war im Unterschied zum Lehrer der Talmud-Tora-Schule (Schüler ab 8 Jahre; s. 8,24f.) nicht wissenschaftlich ausgebildet: "Wenn alles schief geht, kann ein Mann immer noch 'Kleinkinder-m'lamed' werden, denn 'jeder Jude weiß genug, um das zu werden'." (DScht 201) So stand der Melamed in der Schtetl-Gesellschaft "auf der untersten Sprosse der gesellschaftlichen Leiter" und war häufig "ein Hungerleider". "Ein jiddisches Sprichwort sagt: 'Itlicher melamed is a shtik shlimaselnik' ('Jeder Melamed hat etwas von einem Pechvogel an sich')." (S. Rosenfeld 1990) Die im Roman beschriebene Enge (Haus = einziger Wohnraum = Unterrichtsstube) war typisch. "In den Erinnerungen und Erzählungen der meisten jiddischen Schriftsteller wird das Bild des Cheder häufig in den dunkelsten Farben gemalt." (JAJF 146) Im Roman repräsentiert Deborah, Mendels Frau, diese Negativwertung ("ein Lehrer, ein dummer Lehrer dummer Kinder", 32,29f.; s. zu 44,8ff.).
Innerhalb der Schtetl-Gesellschaft war aber auch eine andere, sehr positive Auffassung vom Beruf des Melamed möglich: In "Juden auf Wanderschaft" zählt Roth "die jüdischen Lehrer", wie z.B. auch "die Thoraschreiber, die Gebetsmäntelhersteller und die Wachslichterzeuger", zu den "konfessionellen Proletariern", den in Westeuropa sogenannten " geistigen Proletariern" (JaW 38). Wenn Roth seinen Protagonisten in die Reihe der "Hunderttausende vor ihm" einreiht, die "wie er [Mendel] gelebt und unterrichtet haben" (7,11f.), bedeutet dies: Gerade als der "einfache Mann" und Melamed ist Mendel, mit seiner Aufgabe, das höchste Gut seiner Gesellschaft, die Tora, verantwortlich weiterzugeben, ein wichtiges, unverzichtbares Glied einer Jahrtausende zurückreichenden und auch in die Zukunft bis zum Messias fortzusetzenden Kette. "Ich sehe, daß man nicht umsonst 4 000 Jahre Jude gewesen ist, nichts als Jude. [...] Man ist ein geistiger Mensch. Man gehört einem Volk an, das seit 2000 Jahren keinen einzigen Analphabeten gehabt hat [...]." (JaW 71)
Ursprünglich hatte Roth die Absicht, statt der Geschichte eines 'geistigen Wasserträgers' die eines realen Wasserträgers mit Namen Mendel zu erzählen, der aus einem galizischen Schtetl zu seinem Sohn nach Wien auswandert (vgl. das längere Romanfragment "Wasserträger Mendel" in: JRW 5, 850-870). Die Wasserträger im Schtetl gehören für Roth zum wirklichen ostjüdischen Proletariat, zu der "ganzen großen Schar von Leidenden, Getretenen, Mißachteten, die weder im Glauben noch in einem Klassenbewußtsein, noch in einer revolutionären Gesinnung Trost finden". "Es sind rührende, naive Menschen [...]. Nirgends ist Güte so nahe bei körperlicher Kraft [...]." (JaW, KiWi81,38f.)