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In Band 40 des "Jahrbuchs der Deutschen
Schillergesellschaft" (Bd. XL , hrsg. von Wilfried Barner/Walter
Müller-Seidel/Ulrich Ott, Stuttgart 1996, S. 487 ff.)
findet sich ein knapp 20seitiger Aufsatz mit dem Titel „Eine
Editionsform im Aufwind: Hypertext. Dargestellt am Beispiel der
Tagebücher Harry Graf Kesslers". Der Autor, Roland Kamzelak, ist
(2006) Leiter der Arbeitsstelle für computergestützte Edition
am Deutschen Literaturarchiv in Marbach; dort läuft seit dem
Frühjahr 1994 ein Projekt (Projektleiter 2006: R. Kamzelak), das
die Gesamtedition der in Marbach aufbewahrten, zeitgeschichtlich und
literaturgeschichtlich hochinteressanten Tagebuch-Bände Graf
Kesslers mit über 10 000 Manuskriptseiten zum Ziel hat. Das
Projekt wird im Internet vorgestellt (http://www.dla-marbach.de/?id=51618).
Die Editionsvorbereitung war von Anfang an in all ihren Teilen
computergestützt, auch wenn im Vordergrund der Planung nach wie
vor die Publikation in Buchform steht. Ich zitiere: „Erst wenn die
Transkription abgeschlossen ist, soll in einer Expertenrunde diskutiert
werden, ob die gedruckte Version, die selbstverständlich mit
Stellenkommentar und mit erläuternden Registern versehen ist, [in
Buchform] ungekürzt veröffentlicht wird oder ob eine
Lesefassung in gekürzter Form gedruckt werden soll, die durch eine
elektronische [Voll-]Version für die Nutzung des Textes als Quelle
ergänzt wird." (S. 491)
„Eine Editionsform im Aufwind: Hypertext"
- das bedeutet: die Bestandteile einer Edition - Text bzw.
Textvarianten, Parallelstellen, Stellenkommentar, Register,
Inhaltsverzeichnis, Literaturverzeichnis, Faksimiles, andere Dokumente
und Materialien unterschiedlichster Art, auch Bildmaterial, im Prinzip
ebenfalls Dokumente moderner AV-Medien - alle diese Komponenten sind im
Hypertext-Verfahren verschiedene, durch sog. Links/Hyperlinks
genauestens miteinander verknüpfte Texte, die in ihrer
Vernetzung unmittelbar, an Ort und Stelle, nämlich auf der
gleichen CD-ROM und auf dem gleichen Monitor, also über einen
Computer sofort erreichbar und ständig
präsent sind, auf Wunsch auch gleichzeitig miteinander, neben-
oder untereinander. Die Links - diese graphisch hervorgehobenen, per
Mausklick anzuwählenden „Aktionswörter" bzw. Symbole - machen
das forschende Lesen zu einem nicht-linearen Vorgang - was es
im Grunde auch bisher gewesen ist, wenn ich in meinem Lese-Alltag die
lineare Lektüre eines Textes unterbreche, eine Fußnote zur
Kenntnis nehme, im Inhaltsverzeichnis oder im Anhang nachschlage, die
Literaturliste überprüfe, zum Bücherregal oder in die
Bibliothek gehe und mir weitere Bände besorge, die mich ihrerseits
wieder auf neue, andere Fährten locken, wobei ich zwischendurch
ich immer wieder zum Ausgangstext zurückkehre usw. Dies alles
versammelt der Hypertext in dem einen Medium
Computer.
Stichworte also: Nicht-Linearität,
Vernetzung, Inter-Textualität.
Kurz ein zweites Beispiel: ein Blick auf
die 1996 zusammen mit einer CD-ROM erschienene Einführungsband zur
neuen historisch-kritischen Ausgabe der Werke Gottfried Kellers, die
der Stroemfeld-Verlag zusammen mit dem Verlag Neue Zürcher Zeitung
herausbringt, in geplanten 32 Bänden, die insgesamt auch als
CD-ROM erscheinen werden (Walter Morgenthaler/Ursula Amrein/Thomas
Binder/Dominik Müller (Hrsgg.), Historisch-Kritische Gottfried
Keller-Ausgabe HKKA. Einführungsband, Basel [Stroemfeld Verlag] /
Zürich [Verlag Neue Zürcher Zeitung] 1996). Dem
Einführungsband ist eine einführende CD-ROM beigelegt.
Jeweils sind dort auf einem Bildschirm Referenztext und
Kommentarbereich gleichzeitig präsent, wobei der Lemmabereich die
verschiedenen Textvarianten zeigen kann, dann aber auch, nach
Umschaltung, einen Stellenkommentar oder Querverweise oder
ein Wortregister; per Umschaltung sind auf anderen Textebenen
ausführliche Text- und auch Bilddokumente, vor allem die
vollständig faksimilierten Handschriften incl.
Lupenfunktion, zugänglich.
Was die an die Entwicklung der Computer-Technologie gebundene
Computer-Philologie betrifft, ist das Zürcher
Editions-Team gewissermaßen noch auf der DOS-Ebene
stehengeblieben - die Arbeit hat dort bereits 1991 begonnen -,
während die Marbacher mit dem Hypertext-Konzept ihrer
Graf-Kessler-Ausgabe technologisch bereits zukunftsoffener angefangen
haben.
Das
ist meine erste Hypertext-Seite zum "Hiob". Ich
habe diese exemplarischen Seiten für den heutigen Anlass
probeweise erstellt, der Einfachheit halber noch bezogen auf den Text
in der KiWi-Taschenbuch-Ausgabe des Romans (Kiepenheuer &
Witsch 1974/1982, KiWi 6), dort auf die erste Textseite (KiWi
6, S. 7), in einer schlichten HTML-Version. Es kann mir hier und
heute nicht um technische Perfektion gehen, sondern nur um die
Demonstration einiger Möglichkeiten und Probleme.
Der erste Absatz lautet:
„Vor vielen Jahren lebte in Zuchnow
ein Mann namens Mendel Singer. Er war fromm, gottesfürchtig und
gewöhnlich, ein ganz alltäglicher Jude. Er übte den
schlichten Beruf eines Lehrers aus. In seinem Haus, das nur aus einer
geräumigen Küche bestand, vermittelte er Kindern die Kenntnis
der Bibel. Er lehrte mit ehrlichem Eifer und ohne aufsehenerregenden
Erfolg. Hunderttausende vor ihm hatten wie er gelebt und unterrichtet."
Ich nehme gleich das - nach Titel und
Untertitel***
- erste mögliche Lemma, benutze es als Exemplum, um die zwei
grundsätzlichen Fragen zu stellen:
- Welche Ko-Texte und Kontexte sind in
einem Stellenkommentar zum Roman "Hiob" zu
berücksichtigen?
- Und: Was sind die adäquaten
Auswahlkriterien?
Sie haben die
Hyperlink-Kennzeichnungen gesehen: Ich klicke das erste Stichwort an
und gelange dort so
zur ersten Hypertext-Seite des Stellenkommentars: Das
berücksichtigte Lemma ist „Vor vielen Jahren lebte in Zuchnow
..." .
- Da muss natürlich an erster
Stelle der Hinweis stehen, dass im Manuskript, dessen erste Seite in
Bronsens Roth-Biographie aus dem Jahr 1974 noch abgedruckt ist, der
erste Satz des Romans anders lautet:
„Vor vielen Jahren kannte ich in Kowno einen Mann
namens Mendel Singer."
- Von dem Aktionswort „Manuskript" aus kann der
Leser, wenn er will, auf einer weiteren, tieferen Hypertext-Ebene das
Faksimile studieren und dort die ursprüngliche Textvariante
erkennen: „...kannte ich in Kowno...".
Was mache ich als Kommentator nun mit
meinen Beobachtungen zu dem beschriebenen Wechsel in der
Erzählhaltung?
Vier Beobachtungen:
- Aus „Kowno", einem Ort, den es in
Litauen wirklich gibt, wird „Zuchnow", ein Ort, den ich auf keiner noch
so detailreichen Karte des alten Ostgalizien und Wolhynien gefunden
habe.
- Aus der Ich-Erzählhaltung des
Rothschen Manuskripts M/1 wird in der Druckfassung bei Kiepenheuer und
Witsch eine Er-Erzählhaltung, zunächst auktorial.
- Der mit „ich" und der Verbform
„kannte" stark hervorgehobene dokumentarische und Genauigkeitsanspruch
ist getilgt.
- Die Zeitangabe „vor vielen Jahren"
verliert so ihren relativ genau kalkulierbaren Bezug zur
Erzählergegenwart; die mythische Zeittiefe des unmittelbar zuvor
vom Leser zur Kenntnis genommenen Titels "Hiob" kann sich
jetzt voll auswirken.
Zusammengefasst: ein Wechsel von der Haltung eines Erzählers, der
das, was er erzählt, autobiographisch und damit zeitlich und
räumlich ziemlich genau einordnet,
zu einer Schreibweise des Ungefähr und Irgendwann und Olim, die
andererseits durch die Nennung eines echt klingenden slawischen
Ortsnamens in neuartiger Weise auf den Eindruck der Authentizität
aus ist.
Außer dem Hinweis auf das Manuskript
sehen Sie in meinem
Kommentar drei Hinweise:
- den Hinweis auf die ersten Rezensionen
des Romans und das kurze Kesten-Zitat, das man in seinem eigentlichen
Kontext per Mausklick auf einer anderen Ebene des Hypertexts genauer
betrachten könnte, wenn diese Ebene bereits eingerichtet wäre,
- die aus späteren Textstellen sich
ergebenden, bereits hier eingefügten genaueren Zeitangaben und
daraus abgeleiteten Berechnungen, die eine - halbwegs genaue -
Datierung des Beginns der Handlung ermöglichen,
- schließlich den Hinweis auf die hier zum
ersten Mal zu berücksichtigende Quelle des biblischen Buches Hiob,
den ersten Satz dort: „es war ein Mann im Lande Uz, der hieß
Hiob". Auch hier kann man sich auf einer zuschaltbaren
Hypertext-Ebene über den genauen Wortlaut und den Zusammenhang
des Kapitels 1 im biblischen Hiob-Buch informieren. Was Sie
hier sehen können, ist die erste Seite des wie die gesamte
Luther-Bibel im Internet verfügbaren Buchs Hiob. [Und dies ist
der Hyperlink, über den man über das eigentliche,
örtlich im Computer präsente Corpus von Texten und
Materialien hinaus in die elektronische Textwelt gelangt, in der es
auch die Bibel und dort das Buch Hiob gibt - die
Internet-Adressenangabe ersetzt den Griff ins Bücherregal.
Natürlich stellt sich die Frage, wieso ein solcher Griff ins
Bücherregal dem Wissenschaftler bzw. dem forschenden Roth-Freund
erspart bleiben soll.]
Rezension, Querverweise, Quelle - alle diese Ko-
oder Kontexte laufen auf den einen Punkt hinaus: auf die
biblisch-legendenhafte, volkstümlich-schlichte Erzählweise,
die Roth offensichtlich bereits mit dem ersten Roman-Satz anstrebt.
Wenn ich meine vier Erläuterungen zu
diesem ersten Lemma auf das Phänomen „Erzählhaltung" hin
orientiert habe, stellt sich die Frage, ob diese Entscheidung im Rahmen
eines Stellenkommentars zu vertreten ist, oder ob es nicht vielmehr mit
dem bloßen Hinweis auf die entwicklungsgeschichtliche
Veränderung des Textes sein Bewenden haben sollte.
Wie
Sie sehen konnten, habe ich an dieser Stelle des Kommentars jedenfalls
auf einen anderen Hinweis verzichtet, den Hinweis auf die
rhythmischen und klanglichen Feinheiten des Textes. Auch diese Frage
ist ja zu stellen: Wie soll in einem Stellenkommentar mit sprachlichen
Phänomenen umgegangen werden, an der hier zu kommentierenden Textstelle
z.B. mit den anaphorisch verbundenen Satzauftakten („Er war - Er
übte - Er lehrte") oder der dreigliedrigen Kette von "Küche
- Kindern - Kenntnis" oder den im "Hiob" überhaupt
häufigen Daktylen, die hier einen kompletten Hexameter bilden („Kíndern
die Kénntnis der Bíbel. Er léhrte mit
éhrlichem Éifer"; eine Seite später heißt
es, nun eindeutig homerisch: „Álso klángen die
Klágen Debórahs, der Fráu Mendel Síngers").
Das alles wäre für den Roman und sein Verständnis
wichtiger als die Handlung - jedenfalls dann, wenn es nach zwei
Interview-Äußerungen Roths gehen würde, in denen er
(1937) den Roman als „ein im Grunde genommen lyrisches Werk" bezeichnet
und (1934) vom „sprachlichen Rhythmus" als dem „Wesentlichen" und von
„musique biblique"spricht (David Bronsen, Joseph Roth. Eine
Biographie, Köln 1974, S. 381). Wenn die lyrischen Elemente
der Sprache des Erzählers benannt werden, müsste ihnen an Ort
und Stelle auch eine Deutung zukommen, z.B. als Einstimmen des
Erzählers in den biblischen „Singsang" seines
Protagonisten oder in die Sprache der Lutherschen
Bibelübersetzung, in den Klang der Voßschen
Homer-Übersetzung oder auch in einen klassischen
fünffüßigen Jambus (z.B. „In gléichem
Rhýthmus schlúgen íhre Hérzen"). Wie
weit darf ein Stellenkommentar im funktionalen Erläutern solcher
Beobachtungen - der „multikulturellen" Sprache Roths - gehen, an denen
eine Interpretation - eine, die sich doch auf einen kompetent
gemachten, brauchbaren Kommentar stützen soll - keinesfalls
achtlos vorbeigehen darf?
Neuere grüne Reclam-Bändchen
berücksichtigen durchaus Beobachtungen zur Erzählhaltung oder
zur Sprache -
aber eine kritische Werkedition wie die erwähnte Zürcher
Gottfried-Keller-Ausgabe ist in diesen Belangen sehr spartanisch,
trotz ihres riesigen Editions-Apparates und auch trotz des Platzes, den
sie auf einer CD-ROM hätte.
Nun sind Reclam-Bände natürlich
Orte, an denen wissenschaftliche und didaktische Absichten
miteinander verbunden sind. So stellt sich die Frage nach dem Publikum,
für das ein Werkkommentar wie überhaupt eine Werkedition
gedacht ist.
Welche Gesichtspunkte sollten eine
Werkedition bestimmen - außer dem der Forderung nach einer
akribischen, an strengsten Maßstäben und Ansprüchen zu
messenden modernen Textphilologie? - Gesichtspunkte z.B. im weitesten
Sinne didaktischer Art?
Ich wende mich
einem Kommentierungs-Gesichtspunkt zu, der speziell für die
Kommentierung des "Hiob"-Romans fundamental ist - ich meine
die Erläuterungen zur ostjüdischen Lebenswelt, die den ganzen
Roman - das erzählte Geschehen, die Erzähl- und Sprech
weise und die Erzähl konzepte - entscheidend
bestimmt und ihn mit der Biographie seines Autors eng
verknüpft. Ostjüdische Lebenswelt, das meint die
osteuropäische Schtetl-Kultur, wie sie z.B. in dem
großartigen Buch von Mark Zborowski und Elisabeth
Herzog „Das Schtetl" (Das Schtetl. Die untergegangene Welt
der osteuropäischen Juden, München 1991) dargestellt
wird. Aber selbstverständlich sind im Stellenkommentar
einschlägige Querverweise innerhalb des Rothschen Gesamtwerks, vor
allem hinüber zum Feuilleton „Juden auf Wanderschaft" (Joseph
Roth, Juden auf Wanderschaft, Amsterdam/Köln 1976/1985 ( = KiWi
81; in Joseph Roth Werke Bd. 2, Das journalistische Werk 1924-1928,
hrsg. v. Klaus Westermann, Köln [Kiepenheuer & Witsch] 1990,
S. 827 ff.), unabdingbar. Das Roman-"Zuchnow" ist ein typisches
ostjüdisches Schtetl mit all der „bekümmerten Festlichkeit"
des Lebens seiner Einwohner, von der im Roman die Rede ist. Dergleichen
muss zu einem separaten Lemma „in Zuchnow" deutlich werden, im
Hypertext gestützt durch Bildmaterial, entweder gleich auf
der ersten Kommentierungs-Ebene - wie probeweise hier
- oder besser auf einer anderen, gesondert anzuwählenden
Textebene, ebenfalls selbstverständlich durch eine direkt
anzusteuernde Ostgalizien- und Wolhynien-Karte aus der Zeit vor 1914.
Die Kommentierung zum Thema Ostjudentum
muss allerdings weit darüber hinaus gehen. Roth spielt immer
wieder im "Hiob"-Text auf Stellen aus hebräischer Bibel und
christlichem Neuem Testament an; kein Problem - da hilft dem
Kommentator eine gute Bibel-Konkordanz. Er sollte aber auch sehr genau
vertraut sein mit der jüdischen Theologie und ihrer Geschichte.
Für Kafka hat in den letzten Jahren v.a. der Potsdamer
Judaist Karl Erich Grözinger die notwendige Darstellung und
Deutung der in das dichterische Werk eingegangenen Bilder- und
Symbolwelt der Kabbala und des Weltverständnisses des Chassidismus
geleistet (Karl Erich Grözinger, Kafka und die Kabbala. Das
Jüdische in Werk und Denken von Franz Kafka, Frankfurt am Main
1992). Ich möchte für Roths "Hiob" zwei
Beispiele herausgreifen.
Gleich
auf der ersten Seite des "Hiob" wird Mendel Singers, des
Protagonisten Aussehen genau
beschrieben: „blasses Gesicht, schwarzer jüdischer Vollbart,
schwarze Augen", die „ Schöße" des Kaftans und die
"Schäfte" der Lederstiefel und das, worauf es mir jetzt
ankommt: „eine Mütze aus [ebenfalls!] schwarzem Seidenrips". Ich
bin mir nicht sicher, ob mein Hinweis auf die jüdische "Kippa",
jiddisch „Jarmulka", hier richtig ist; die „Mütze" Mendel Singers
hat den auf sehr vielen Schtetl-Fotografien abgebildeten
Mützen-Schirm - das erweist die hier signalisierte Textparallele
im 14. Kapitel. Weitreichende Konsequenzen hat der Kommentar zu der
hier vorliegenden Stelle erst im Zusammenhang mit der in dem
folgenden Querverweis angezeigten Textstelle im 16. Kapitel,
unmittelbar vor dem Schluss des Romans. Dort heißt es:
Mendel „fühlte ein
merkwürdiges und auch verbotenes Verlangen, die Mütze aus
altem Seidenrips abzulegen und die Sonne auf seinen alten Schädel
scheinen zu lassen. Und zum ersten Mal in seinem Leben
entblößte Mendel Singer aus freiem Willen sein Haupt." ...
„So grüßte Mendel Singer die Welt" -
dies in einer südlich-mediterran
beschriebenen Welt, die genau der mythisch-utopischen Welt der
„weißen Städte" Südfrankreichs in Roths
journalistischen Texten entspricht (Joseph Roth Werke, Das
journalistische Werk Band 2, a.a.O. S. 451 ff.).
Wenn das nun gilt, was in dem Kommentar
zur ersten der vielen "Mützen"-Textstellen, unter anderem aus dem
hervorragenden Neuen Lexikon des Judentums (hrsg. von Julius H.
Schoeps, Gütersloh/München 1992, S. 271 bzw. 410)
zitiert wird - nämlich:
- „allgemein wird [im
Judentum] die Kopfbedeckung damit begründet, dass es verboten sei,
den Gottesnamen barhäuptig auszusprechen"; barhäuptig setze
man sich „der unmittelbaren Wirkung des Glanzes der göttlichen
'Schechina' aus" (d.h. der Schechina als der Gegenwart Gottes in der
Welt, die - im mythologischen Bild - als durchdringend strahlender
Glanz vorgestellt wird, den die Menschen im gegenwärtigen Zustand
der Welt noch nicht aushalten können, so dass er vernichtend statt
heilbringend wirkt) -
wenn das gilt, dann ist es
keine fromme, sondern im Gegenteil eine eher heiter-freche, angstfrei
die früheren religiösen Bindungen und Verbindlichkeiten
dahinten lassende Verhaltensweise Mendel Singers, wenn er am Happy End
der Romanhandlung seinen "alten Schädel" den kosmischen Strahlen
aussetzt.
Ich denke ( - minimaler Anlass, maximale
Wirkung -) :
die sachgemäß-präzise
Kommentierung dieser Textstellen zu Beginn und vor Schluss des Romans,
eine nämlich, die möglichst sämtliche relevanten
kulturellen Codes erfasst,
entscheidet mit über die grundlegende
Interpretationsproblematik dieses Romans:
Kehrt Mendel Singer zum Schluß zu
seinem früheren naiven Glauben an den Herrn, der alles so herrlich
regieret, zurück,
oder steht er aus seinem Zustand der absoluten Vernichtung nach dem
Untergang seiner ganzen Familie wieder auf als jemand, der den
unwiderruflichen Verlust seiner Beziehung zur Realität nun durch
die endlich gewonnene Unabhängigkeit eines souveränen, von
ideologisch bedingten Illusionen freien Menschseins wettmacht?
An einem anderen Beispiel aus dem Roman
möchte ich die mögliche Verzahnung von Kommentierung und
Interpretation verdeutlichen - die sich möglicherweise auch als
die Versuchung des Kommentators, sein Geschäft mit dem
des Interpreten zu verwechseln, verstehen lässt. Im 4. Kapitel des
Romans ist zu lesen, wie Mendel Singer seinen an Epilepsie leidenden,
das Sprechen verweigernden Sohn Menuchim dadurch zum wahren Menschsein
führen will, wie er selbst es versteht,
dass er ihn aus der „Ecke" herausholt, in die ihn die Familie
- es heißt, „wie ein Tier" (S. 11) oder wie „ein
Stück Dreck" (S. 23) - gelegt hat,
ihn auf seinen Schoß und dann vor sich auf den Tisch setzt
und zunächst zehnmal - entsprechend Jesaja 43,1 - den
Namen "Menuchim" ausspricht - „mit langsamen Lippen
zeichnete er die Laute in die Luft" - „aber Menuchim regte
sich nicht".
„Dann ergriff Mendel seinen Löffel, schlug damit
gegen ein Teeglas, und sofort wandte Menuchim den Kopf", auch ein "Liedchen",
das der Vater singt, weckt das deutliche Interesse des Kindes.
Nun aber erkennt Mendel nicht, dass er jetzt seine eher durch Zufall
begonnene „Musiktherapie" fortsetzen müsste, vielmehr greift er zu
dem
„schwarzen Buch der Bibel, hielt die
erste Seite aufgeschlagen vor Menuchims Angesicht und intonierte in der
Melodie, in der er seine Schüler zu unterrichten pflegte, den
ersten Satz: 'Am Anfang schuf Gott Himmel und Erde.'"
Mendel wendet diese „Religions"-Therapie
viermal an, aber vergeblich, Menuchim rührt sich nicht. Als es
dann jedoch von der Turmuhr sieben Schlage schlägt, vier tiefe und
drei helle,
da „streckte der Kleine den Kopf in
die Luft, als atmete er den nachhallenden Gesang der Glocken ein."
Mein Kommentar zu dieser Szene,
zunächst nur andeutend:
Mendels sieben bzw. sechs
schöpferische Versuche sollen wohl Gottes Sieben- bzw. auch da
genauer: Sechs-Tage-Werk der Schöpfung nach Genesis 1 und
2 entsprechen - der siebente Tag ist ja der Ruhetag, der Sabbat.
Vier der sieben Versuche - parallel zu den "vier tiefen"
Schlägen der "Turmuhr" - schlagen fehl, drei - parallel
zu den "drei hellen" Turmuhr-Schlägen - gehen in die
richtige Richtung; der dritte erfolgreiche, insgesamt siebente Versuch
geht eben nicht auf Mendel zurück, sondern auf die "Turmuhr".
Das biblische Schöpfungswort wird gemäß der
kabbalistischen "Vorstellung von der Tora als lebendigem Organismus und
mystischer Verkörperung des Gottesnamens" magisch benutzt, und
zwar genau der Text des in der Tradition der Kabbala Buchstabe für
Buchstabe spekulativ ausgelegten Beginns der Schöpfungsgeschichte
in Genesis 1,1. Der Kommentar kann sich hier z.B. auf das Neue
Lexikon des Judentums (a.a.O. S. 249) berufen.
In diesen Bezug auf den kabbalistisch
verstandenen Vers Genesis 1,1 ist offensichtlich der Bezug
auf die andere biblische Schöpfungsgeschichte nach Gen 2
hineinverwoben, ebenfalls in mystisch-magischer Interpretation: Ich
zitiere jetzt meinen Kommentar wörtlich:
»Nach ostjüdischer
Überlieferung ist der in Genesis 2,7 beschriebene
Vorgang der Erschaffung des ersten Menschen Adam nicht in einem Zug
geschehen, sondern in mehreren Etappen. Zunächst "machte Gott der
Herr den Menschen aus Erde vom Acker" (Gen 2,7a); auf diesen
Adam wird die Bezeichnung "Golem" nach Psalm 139,16 angewandt
("Deine Augen sahen mich [d.i. Adam], als ich noch nicht bereitet
[= "Golem"] war"; vgl. Hiob 33,4.6). Dieser Golem-Adam
ist nichts anderes als ein noch ungestalteter, formloser Klumpen Dreck,
bloße Materie ohne Geist, allerdings möglicherweise mit
einer "der Erde innewohnenden vitalen Potenz", der "lebenden Seele",
von der in Genesis 1,24 in Bezug auf die Tiere die Rede ist (Gershom
Scholem, Zur Kabbala und ihrer Symbolik, 6. Aufl. Frankfurt am Main
1989, Suhrkamp-Taschenbuch Wissenschaft 13, S. 216). Dieser erste
Mensch ist noch sprachlos, aber zu Visionen fähig (S. 217);
erst in einem späteren Schöpfungs-Stadium "blies ihm [Gott]
den Odem des Lebens in seine Nase" (Genesis 2,7b). Die
Erschaffung eines solchen Golem kann nach alten jüdischen
Traditionen unter bestimmten, magischen Bedingungen auch von Menschen
durchgeführt werden.«
Ich erspare mir aus Zeitgründen die
an dieser Stelle des Kommentars ebenso notwendigen Hinweise auf den
biographischen Hintergrund - die "Geisteskrankheit" seiner Frau Friedl
- und vor allem auf Roths „Psychiatrie"-Feuilletons aus dem
Jahr 1930 (Joseph Roth Werke 3, Das journalistische Werk
1929-1939, Köln [Kiepenheuer & Witsch] 1991, S. 215). Nur
ein Zitat daraus: "Solange man die Irren
nicht mit Hilfe der Naturwissenschaft [d.h. der sich
naturwissenschaftlich verstehenden Medizin] heilen kann, darf man
erwägen, ob sie vielleicht durch Religion, Musik, Zauberei,
Philosophie zu heilen sind." (S. 227) „Religion" und
„Musik" - zwei der vier erwähnten Therapien bringt Roth im "Hiob"
- sehr deutlich an der besprochenen Textstelle - ins Spiel.
Insgesamt also eine in großer Dichte
theologisch bzw. religionsgeschichtlich und
wissenschaftsgeschichtlich, außerdem biographisch aufgeladene
Textstelle.
Ich denke, ich muss nicht mehr im
einzelnen erläutern, wie sehr in dem, was ich komprimiert
vorgetragen habe,
- Kommentieren als Erläutern und
Bereitstellen von Quellen und anderen Materialien auf der einen Seite
- und Interpretieren auf der anderen
Seite
ineinander verschränkt sind.
Zum Schluss: Mich haben in der letzten
Zeit zwei Positionen der gegenwärtigen Literaturwissenschaft
und -theorie interessiert, zur Auseinandersetzung gereizt, zwei
eigentlich miteinander verknüpfte, verknüpfbare, aber, wenn
es um die Frage einer adäquaten Kommentierung literarischer Texte
geht, wohl doch auseinanderstrebende Richtungen:
- Auf der einen Seite steht die Einsicht
in die endgültig erscheinende Abdankung aller Globalentwürfe,
seien sie idealistisch, materialistisch, psychoanalytisch,
existenzialistisch oder anderer Art - Globalentwürfe schimmern
wohl auch heute noch in jeder „rund" sein wollenden Interpretation
durch. An die Stelle der bewussten oder unbewussten Abhängigkeit
von „großen Erzählungen" soll beim Umgang mit der Literatur
die Freisetzung der einzelnen lesenden und in die literarische
Kommunikation involvierten Subjekte treten, deren Heterogenität,
deren Austausch, nicht aber deren Konsens. Was bedeutet eine solche
Einstellung für mein Kommentieren: ich denke, eher eine Askese,
wie ich sie mir nicht auferlegt habe - das Bereitstellen von
Materialien, die andere dann - auch ich in einer anderen Rolle -
dekonstruieren mögen.
- Auf der anderen, nicht unbedingt
entgegengesetzten Seite sehe ich das Memoria-Konzept einer
Literaturwissenschaft, die sich als Kulturwissenschaft verstehen
möchte; ich habe da bei dem einen oder der anderen GermanistIn
eine fast heilige Scheu vor dem kulturellen Gedächtnis
vorgefunden, aber auch das Konzept der Intertextualität,
Texte immer als Ko-Texte zu anderen und in Kontexten und kulturelle
Kontexte ihrerseits als Texte zu verstehen. In den Rahmen eines solchen
Ansatzes passt ein Kommentieren, das die verschiedenen kulturellen
Codes oder Diskurse - Joseph Roth spricht von „Welten" - in ihrer
Vernetzung zu entfalten versucht. Ich denke, so etwas ist nicht
möglich als bloßes Nebeneinanderstellen von Fundstellen,
gewissermaßen von bloßen Knoten im Netz - die Knoten
müssen auch miteinander verknüpft und verknotet werden. Das
tue ich sicherlich auf andere Weise als ein anderer, der sich ebenso
ins Werk Joseph Roths eingelebt hat; aber ich muss es erst einmal tun.
Joseph Roth habe ich dann vielleicht auf, nein, an meiner Seite.
* * * Die
Kommentierung von Titel und Untertitel sowie der Lemmata im ersten
Absatz des Roman-Textes ist von der Textseite
aus ebenfalls zu erreichen;
sie wird im Vortrags nicht berücksichtigt.
nach
oben
Download
© Dieter Schrey 1997 / 2006
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