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Joseph Roth, "Hiob" -
Vorüberlegungen zu einem künftigen Stellenkommentar
auf dem Hintergrund von Editionsfragen

Vortrag, gehalten am 12. April 1997 auf dem Internationalen Symposion
„Joseph Roth. Journalismus und Literatur" 10.-12. April 1997 Internationales Wissenschaftsforum Heidelberg
Der Text ist 2006 nur im Design überarbeitet worden; der Inhalt repräsentiert den 1997 möglichen Stand der Überlegungen in Richtung auf eine digitale Edition literarischer Werke, hier des Rothschen "Hiob"-Romans.

In Band 40 des "Jahrbuchs der Deutschen Schillergesellschaft" (Bd. XL , hrsg. von Wilfried Barner/Walter Müller-Seidel/Ulrich Ott, Stuttgart 1996,  S. 487 ff.) findet sich ein knapp 20seitiger Aufsatz  mit dem Titel „Eine Editionsform im Aufwind: Hypertext. Dargestellt am Beispiel der Tagebücher Harry Graf Kesslers". Der Autor, Roland Kamzelak, ist (2006) Leiter der Arbeitsstelle für computergestützte Edition am Deutschen Literaturarchiv in Marbach; dort läuft seit dem Frühjahr 1994 ein Projekt (Projektleiter 2006: R. Kamzelak), das die Gesamtedition der in Marbach aufbewahrten, zeitgeschichtlich und literaturgeschichtlich hochinteressanten Tagebuch-Bände Graf Kesslers mit über 10 000 Manuskriptseiten zum Ziel hat.  Das Projekt wird im Internet vorgestellt (http://www.dla-marbach.de/?id=51618). Die Editionsvorbereitung war von Anfang an in all ihren Teilen computergestützt, auch wenn im Vordergrund der Planung nach wie vor die Publikation in Buchform steht. Ich zitiere: „Erst wenn die Transkription abgeschlossen ist, soll in einer Expertenrunde diskutiert werden, ob die gedruckte Version, die selbstverständlich mit Stellenkommentar und mit erläuternden Registern versehen ist, [in Buchform] ungekürzt veröffentlicht wird oder ob eine Lesefassung in gekürzter Form gedruckt werden soll, die durch eine elektronische [Voll-]Version für die Nutzung des Textes als Quelle ergänzt wird." (S. 491)

„Eine Editionsform im Aufwind: Hypertext" - das bedeutet: die Bestandteile einer Edition - Text bzw. Textvarianten, Parallelstellen, Stellenkommentar, Register, Inhaltsverzeichnis, Literaturverzeichnis, Faksimiles, andere Dokumente und Materialien unterschiedlichster Art, auch Bildmaterial, im Prinzip ebenfalls Dokumente moderner AV-Medien - alle diese Komponenten sind im Hypertext-Verfahren verschiedene, durch sog. Links/Hyperlinks genauestens miteinander verknüpfte Texte, die in ihrer Vernetzung unmittelbar, an Ort und Stelle, nämlich auf der gleichen CD-ROM und auf dem gleichen Monitor, also über einen Computer sofort erreichbar und ständig präsent sind, auf Wunsch auch gleichzeitig miteinander, neben- oder untereinander. Die Links - diese graphisch hervorgehobenen, per Mausklick anzuwählenden „Aktionswörter" bzw. Symbole - machen das forschende Lesen zu einem nicht-linearen Vorgang - was es im Grunde auch bisher gewesen ist, wenn ich in meinem Lese-Alltag die lineare Lektüre eines Textes unterbreche, eine Fußnote zur Kenntnis nehme, im Inhaltsverzeichnis oder im Anhang nachschlage, die Literaturliste überprüfe, zum Bücherregal oder in die Bibliothek gehe und mir weitere Bände besorge, die mich ihrerseits wieder auf neue, andere Fährten locken, wobei ich zwischendurch ich immer wieder zum Ausgangstext zurückkehre usw. Dies alles versammelt der Hypertext in dem einen Medium Computer.

Stichworte also: Nicht-Linearität, Vernetzung, Inter-Textualität.

Kurz ein zweites Beispiel: ein Blick auf die 1996 zusammen mit einer CD-ROM erschienene Einführungsband zur neuen historisch-kritischen Ausgabe der Werke Gottfried Kellers, die der Stroemfeld-Verlag zusammen mit dem Verlag Neue Zürcher Zeitung herausbringt, in geplanten 32 Bänden, die insgesamt auch als CD-ROM erscheinen werden (Walter Morgenthaler/Ursula Amrein/Thomas Binder/Dominik Müller (Hrsgg.), Historisch-Kritische Gottfried Keller-Ausgabe HKKA. Einführungsband, Basel [Stroemfeld Verlag] / Zürich [Verlag Neue Zürcher Zeitung] 1996). Dem Einführungsband ist eine einführende CD-ROM beigelegt. Jeweils sind dort auf einem Bildschirm Referenztext und Kommentarbereich gleichzeitig präsent, wobei der Lemmabereich die verschiedenen Textvarianten zeigen kann, dann aber auch, nach Umschaltung, einen Stellenkommentar oder Querverweise oder ein Wortregister; per Umschaltung sind auf anderen Textebenen ausführliche Text- und auch Bilddokumente, vor allem die vollständig faksimilierten Handschriften incl. Lupenfunktion, zugänglich.
Was die an die Entwicklung der Computer-Technologie gebundene Computer-Philologie betrifft, ist das Zürcher Editions-Team gewissermaßen noch auf der DOS-Ebene stehengeblieben - die Arbeit hat dort bereits 1991 begonnen -, während die Marbacher mit dem Hypertext-Konzept ihrer Graf-Kessler-Ausgabe technologisch bereits zukunftsoffener angefangen haben.

Das ist meine erste Hypertext-Seite zum "Hiob". Ich habe diese exemplarischen Seiten für den heutigen Anlass probeweise erstellt, der Einfachheit halber noch bezogen auf den Text in der KiWi-Taschenbuch-Ausgabe des Romans (Kiepenheuer & Witsch 1974/1982, KiWi 6), dort auf die erste Textseite (KiWi 6, S. 7), in einer schlichten HTML-Version. Es kann mir hier und heute nicht um technische Perfektion gehen, sondern nur um die Demonstration einiger Möglichkeiten und Probleme.

Der erste Absatz lautet:

„Vor vielen Jahren lebte in Zuchnow ein Mann namens Mendel Singer. Er war fromm, gottesfürchtig und gewöhnlich, ein ganz alltäglicher Jude. Er übte den schlichten Beruf eines Lehrers aus. In seinem Haus, das nur aus einer geräumigen Küche bestand, vermittelte er Kindern die Kenntnis der Bibel. Er lehrte mit ehrlichem Eifer und ohne aufsehenerregenden Erfolg. Hunderttausende vor ihm hatten wie er gelebt und unterrichtet."

Ich nehme gleich das - nach Titel und Untertitel*** - erste mögliche Lemma, benutze es als Exemplum, um die zwei grundsätzlichen Fragen zu stellen:
 

  • Welche Ko-Texte und Kontexte sind in einem Stellenkommentar zum Roman "Hiob" zu berücksichtigen?

  •  
  • Und: Was sind die adäquaten Auswahlkriterien?

  •  
Sie haben die Hyperlink-Kennzeichnungen gesehen: Ich klicke das erste Stichwort an und gelange dort so zur ersten Hypertext-Seite des Stellenkommentars: Das berücksichtigte Lemma ist „Vor vielen Jahren lebte in Zuchnow ..." .
 
  • Da muss natürlich an erster Stelle der Hinweis stehen, dass im Manuskript, dessen erste Seite in Bronsens Roth-Biographie aus dem Jahr 1974 noch abgedruckt ist, der erste Satz des Romans anders lautet:

  • „Vor vielen Jahren kannte ich in Kowno einen Mann namens Mendel Singer."
     
  • Von dem Aktionswort „Manuskript" aus kann der Leser, wenn er will, auf einer weiteren, tieferen Hypertext-Ebene das Faksimile studieren und dort die ursprüngliche Textvariante erkennen: „...kannte ich in Kowno...".

  •  
Was mache ich als Kommentator nun mit meinen Beobachtungen zu dem beschriebenen Wechsel in der Erzählhaltung?

Vier Beobachtungen:
 

  • Aus „Kowno", einem Ort, den es in Litauen wirklich gibt, wird „Zuchnow", ein Ort, den ich auf keiner noch so detailreichen Karte des alten Ostgalizien und Wolhynien gefunden habe.
  • Aus der Ich-Erzählhaltung des Rothschen Manuskripts M/1 wird in der Druckfassung bei Kiepenheuer und Witsch eine Er-Erzählhaltung, zunächst auktorial.
  • Der mit „ich" und der Verbform „kannte" stark hervorgehobene dokumentarische und Genauigkeitsanspruch ist getilgt.
  • Die Zeitangabe „vor vielen Jahren" verliert so ihren relativ genau kalkulierbaren Bezug zur Erzählergegenwart; die mythische Zeittiefe des unmittelbar zuvor vom Leser zur Kenntnis genommenen Titels "Hiob" kann sich jetzt voll auswirken.


Zusammengefasst: ein Wechsel von der Haltung eines Erzählers, der das, was er erzählt, autobiographisch und damit zeitlich und räumlich ziemlich genau einordnet,
zu einer Schreibweise des Ungefähr und Irgendwann und Olim, die andererseits durch die Nennung eines echt klingenden slawischen Ortsnamens in neuartiger Weise auf den Eindruck der Authentizität aus ist.

Außer dem Hinweis auf das Manuskript sehen Sie in meinem Kommentar drei Hinweise:
 

  • den Hinweis auf die ersten Rezensionen des Romans und das kurze Kesten-Zitat, das man in seinem eigentlichen Kontext per Mausklick auf einer anderen Ebene des Hypertexts genauer betrachten könnte, wenn diese Ebene bereits eingerichtet wäre,
  • die aus späteren Textstellen sich ergebenden, bereits hier eingefügten genaueren Zeitangaben und daraus abgeleiteten Berechnungen, die eine - halbwegs genaue - Datierung des Beginns der Handlung ermöglichen,
  • schließlich den Hinweis auf die hier zum ersten Mal zu berücksichtigende Quelle des biblischen Buches Hiob, den ersten Satz dort: „es war ein Mann im Lande Uz, der hieß Hiob". Auch hier kann man sich auf einer zuschaltbaren Hypertext-Ebene über den genauen Wortlaut und den Zusammenhang des Kapitels 1 im biblischen Hiob-Buch informieren. Was Sie hier sehen können, ist die erste Seite des wie die gesamte Luther-Bibel im Internet verfügbaren Buchs Hiob. [Und dies ist der Hyperlink, über den man  über das eigentliche, örtlich im Computer präsente Corpus von Texten und Materialien hinaus in die elektronische Textwelt gelangt, in der es auch die Bibel und dort das Buch Hiob gibt - die Internet-Adressenangabe ersetzt den Griff ins Bücherregal. Natürlich stellt sich die Frage, wieso ein solcher Griff ins Bücherregal dem Wissenschaftler bzw. dem forschenden Roth-Freund erspart bleiben soll.]


Rezension, Querverweise, Quelle - alle diese Ko- oder Kontexte laufen auf den einen Punkt hinaus: auf die biblisch-legendenhafte, volkstümlich-schlichte Erzählweise, die Roth offensichtlich bereits mit dem ersten Roman-Satz anstrebt.

Wenn ich meine vier Erläuterungen zu diesem ersten Lemma auf das Phänomen „Erzählhaltung" hin orientiert habe, stellt sich die Frage, ob diese Entscheidung im Rahmen eines Stellenkommentars zu vertreten ist, oder ob es nicht vielmehr mit dem bloßen Hinweis auf die entwicklungsgeschichtliche Veränderung des Textes sein Bewenden haben sollte.

Wie Sie sehen konnten, habe ich an dieser Stelle des Kommentars jedenfalls auf einen anderen Hinweis verzichtet, den Hinweis auf die rhythmischen und klanglichen Feinheiten des Textes. Auch diese Frage ist ja zu stellen: Wie soll in einem Stellenkommentar mit sprachlichen Phänomenen umgegangen werden, an der hier zu kommentierenden Textstelle z.B. mit den anaphorisch verbundenen Satzauftakten („Er war - Er übte - Er lehrte") oder der dreigliedrigen Kette von "Küche - Kindern - Kenntnis" oder den im "Hiob" überhaupt häufigen Daktylen, die hier einen kompletten Hexameter bilden („Kíndern die Kénntnis der Bíbel. Er léhrte mit éhrlichem Éifer"; eine Seite später heißt es, nun eindeutig homerisch: „Álso klángen die Klágen Debórahs, der Fráu Mendel Síngers"). Das alles wäre für den Roman und sein Verständnis wichtiger als die Handlung - jedenfalls dann, wenn es nach zwei Interview-Äußerungen Roths gehen würde, in denen er (1937) den Roman als „ein im Grunde genommen lyrisches Werk" bezeichnet und (1934) vom „sprachlichen Rhythmus" als dem „Wesentlichen" und von „musique biblique"spricht (David Bronsen, Joseph Roth. Eine Biographie, Köln 1974, S. 381). Wenn die lyrischen Elemente der Sprache des Erzählers benannt werden, müsste ihnen an Ort und Stelle auch eine Deutung zukommen, z.B. als Einstimmen des Erzählers in den biblischen „Singsang" seines Protagonisten oder in die Sprache der Lutherschen Bibelübersetzung, in den Klang der Voßschen Homer-Übersetzung oder auch in einen klassischen fünffüßigen Jambus (z.B. „In gléichem Rhýthmus schlúgen íhre Hérzen"). Wie weit darf ein Stellenkommentar im funktionalen Erläutern solcher Beobachtungen - der „multikulturellen" Sprache Roths - gehen, an denen eine Interpretation - eine, die sich doch auf einen kompetent gemachten, brauchbaren Kommentar stützen soll - keinesfalls achtlos vorbeigehen darf?

Neuere grüne Reclam-Bändchen berücksichtigen durchaus Beobachtungen zur Erzählhaltung oder zur Sprache -
aber eine kritische Werkedition wie die erwähnte Zürcher Gottfried-Keller-Ausgabe  ist in diesen Belangen sehr spartanisch, trotz ihres riesigen Editions-Apparates und auch trotz des Platzes, den sie auf einer CD-ROM hätte.

Nun sind Reclam-Bände natürlich Orte, an denen wissenschaftliche und didaktische Absichten miteinander verbunden sind. So stellt sich die Frage nach dem Publikum, für das ein Werkkommentar wie überhaupt eine Werkedition gedacht ist.

Welche Gesichtspunkte sollten eine Werkedition bestimmen - außer dem der Forderung nach einer akribischen, an strengsten Maßstäben und Ansprüchen zu messenden modernen Textphilologie? - Gesichtspunkte z.B. im weitesten Sinne didaktischer Art?

Ich wende mich einem Kommentierungs-Gesichtspunkt zu, der speziell für die Kommentierung des "Hiob"-Romans fundamental ist - ich meine die Erläuterungen zur ostjüdischen Lebenswelt, die den ganzen Roman - das erzählte Geschehen, die Erzähl- und Sprech weise und die Erzähl konzepte - entscheidend bestimmt und ihn mit der Biographie seines Autors eng verknüpft. Ostjüdische Lebenswelt, das meint die osteuropäische Schtetl-Kultur, wie sie z.B. in dem großartigen Buch von Mark Zborowski und Elisabeth Herzog „Das Schtetl" (Das Schtetl. Die untergegangene Welt der osteuropäischen Juden, München 1991) dargestellt wird. Aber selbstverständlich sind im Stellenkommentar einschlägige Querverweise innerhalb des Rothschen Gesamtwerks, vor allem hinüber zum Feuilleton „Juden auf Wanderschaft" (Joseph Roth, Juden auf Wanderschaft, Amsterdam/Köln 1976/1985 ( = KiWi 81; in Joseph Roth Werke Bd. 2, Das journalistische Werk 1924-1928, hrsg. v. Klaus Westermann, Köln [Kiepenheuer & Witsch] 1990, S. 827 ff.), unabdingbar. Das Roman-"Zuchnow" ist ein typisches ostjüdisches Schtetl mit all der „bekümmerten Festlichkeit" des Lebens seiner Einwohner, von der im Roman die Rede ist. Dergleichen muss zu einem separaten Lemma „in Zuchnow" deutlich werden, im Hypertext  gestützt durch Bildmaterial, entweder gleich auf der ersten Kommentierungs-Ebene - wie probeweise hier - oder besser auf einer anderen, gesondert anzuwählenden Textebene, ebenfalls selbstverständlich durch eine direkt anzusteuernde Ostgalizien- und Wolhynien-Karte aus der Zeit vor 1914.

Die Kommentierung zum Thema Ostjudentum muss allerdings weit darüber hinaus gehen. Roth spielt immer wieder im "Hiob"-Text auf Stellen aus hebräischer Bibel und christlichem Neuem Testament an; kein Problem - da hilft dem Kommentator eine gute Bibel-Konkordanz. Er sollte aber auch sehr genau vertraut sein mit der jüdischen Theologie und ihrer Geschichte. Für Kafka hat in den letzten Jahren v.a. der Potsdamer Judaist Karl Erich Grözinger die notwendige Darstellung und Deutung der in das dichterische Werk eingegangenen Bilder- und Symbolwelt der Kabbala und des Weltverständnisses des Chassidismus geleistet (Karl Erich Grözinger, Kafka und die Kabbala. Das Jüdische in Werk und Denken von Franz Kafka, Frankfurt am Main 1992). Ich möchte für Roths "Hiob" zwei Beispiele herausgreifen.

Gleich auf der ersten Seite des "Hiob" wird Mendel Singers, des Protagonisten Aussehen genau beschrieben: „blasses Gesicht, schwarzer jüdischer Vollbart, schwarze Augen", die „ Schöße" des Kaftans und die "Schäfte" der Lederstiefel und das, worauf es mir jetzt ankommt: „eine Mütze aus [ebenfalls!] schwarzem Seidenrips". Ich bin mir nicht sicher, ob mein Hinweis auf die jüdische "Kippa", jiddisch „Jarmulka", hier richtig ist; die „Mütze" Mendel Singers hat den auf sehr vielen Schtetl-Fotografien abgebildeten Mützen-Schirm - das erweist die hier signalisierte Textparallele im 14. Kapitel. Weitreichende Konsequenzen hat der Kommentar zu der hier vorliegenden Stelle erst im Zusammenhang mit der in dem folgenden Querverweis angezeigten Textstelle im 16. Kapitel, unmittelbar vor dem Schluss des Romans. Dort heißt es:

Mendel „fühlte ein merkwürdiges und auch verbotenes Verlangen, die Mütze aus altem Seidenrips abzulegen und die Sonne auf seinen alten Schädel scheinen zu lassen. Und zum ersten Mal in seinem Leben entblößte Mendel Singer aus freiem Willen sein Haupt." ... „So grüßte Mendel Singer die Welt" -

dies in einer südlich-mediterran beschriebenen Welt, die genau der mythisch-utopischen Welt der „weißen Städte" Südfrankreichs in Roths journalistischen Texten entspricht (Joseph Roth Werke, Das journalistische Werk Band 2, a.a.O. S. 451 ff.).

Wenn das nun gilt, was in dem Kommentar zur ersten der vielen "Mützen"-Textstellen, unter anderem aus dem hervorragenden Neuen Lexikon des Judentums (hrsg. von Julius H. Schoeps, Gütersloh/München 1992, S. 271 bzw. 410) zitiert wird - nämlich:
 

  • „allgemein wird [im Judentum] die Kopfbedeckung damit begründet, dass es verboten sei, den Gottesnamen barhäuptig auszusprechen"; barhäuptig setze man sich „der unmittelbaren Wirkung des Glanzes der göttlichen 'Schechina' aus" (d.h. der Schechina als der Gegenwart Gottes in der Welt, die - im mythologischen Bild - als durchdringend strahlender Glanz vorgestellt wird, den die Menschen im gegenwärtigen Zustand der Welt noch nicht aushalten können, so dass er vernichtend statt heilbringend wirkt) -

  •  
wenn das gilt, dann ist es keine fromme, sondern im Gegenteil eine eher heiter-freche, angstfrei die früheren religiösen Bindungen und Verbindlichkeiten dahinten lassende Verhaltensweise Mendel Singers, wenn er am Happy End der Romanhandlung seinen "alten Schädel" den kosmischen Strahlen aussetzt.

Ich denke ( - minimaler Anlass, maximale Wirkung -) :

die sachgemäß-präzise Kommentierung dieser Textstellen zu Beginn und vor Schluss des Romans,
eine nämlich, die möglichst sämtliche relevanten kulturellen Codes erfasst,
entscheidet mit über die grundlegende Interpretationsproblematik dieses Romans:

Kehrt Mendel Singer zum Schluß zu seinem früheren naiven Glauben an den Herrn, der alles so herrlich regieret, zurück,
oder steht er aus seinem Zustand der absoluten Vernichtung nach dem Untergang seiner ganzen Familie wieder auf als jemand, der den unwiderruflichen Verlust seiner Beziehung zur Realität nun durch die endlich gewonnene Unabhängigkeit eines souveränen, von ideologisch bedingten Illusionen freien Menschseins wettmacht?

An einem anderen Beispiel aus dem Roman möchte ich die mögliche Verzahnung von Kommentierung und Interpretation verdeutlichen - die sich möglicherweise auch als die Versuchung des Kommentators, sein Geschäft mit dem des Interpreten zu verwechseln, verstehen lässt. Im 4. Kapitel des Romans ist zu lesen, wie Mendel Singer seinen an Epilepsie leidenden, das Sprechen verweigernden Sohn Menuchim dadurch zum wahren Menschsein führen will, wie er selbst es versteht,
dass er ihn aus der „Ecke" herausholt, in die ihn die Familie - es heißt, „wie ein Tier" (S. 11) oder wie „ein Stück Dreck" (S. 23) - gelegt hat,
ihn auf seinen Schoß und dann vor sich auf den Tisch setzt
und zunächst zehnmal - entsprechend Jesaja 43,1 - den Namen "Menuchim" ausspricht - „mit langsamen Lippen zeichnete er die Laute in die Luft" - „aber Menuchim regte sich nicht".
„Dann ergriff Mendel seinen Löffel, schlug damit gegen ein Teeglas, und sofort wandte Menuchim den Kopf", auch ein "Liedchen", das der Vater singt, weckt das deutliche Interesse des Kindes.
Nun aber erkennt Mendel nicht, dass er jetzt seine eher durch Zufall begonnene „Musiktherapie" fortsetzen müsste, vielmehr greift er zu dem

„schwarzen Buch der Bibel, hielt die erste Seite aufgeschlagen vor Menuchims Angesicht und intonierte in der Melodie, in der er seine Schüler zu unterrichten pflegte, den ersten Satz: 'Am Anfang schuf Gott Himmel und Erde.'"

Mendel wendet diese „Religions"-Therapie viermal an, aber vergeblich, Menuchim rührt sich nicht. Als es dann jedoch von der Turmuhr sieben Schlage schlägt, vier tiefe und drei helle,

da „streckte der Kleine den Kopf in die Luft, als atmete er den nachhallenden Gesang der Glocken ein."

Mein Kommentar zu dieser Szene, zunächst nur andeutend:

Mendels sieben bzw. sechs schöpferische Versuche sollen wohl Gottes Sieben- bzw. auch da genauer: Sechs-Tage-Werk der Schöpfung nach Genesis 1 und 2 entsprechen - der siebente Tag ist ja der Ruhetag, der Sabbat. Vier der sieben Versuche - parallel zu den "vier tiefen" Schlägen der "Turmuhr" - schlagen fehl, drei - parallel zu den "drei hellen" Turmuhr-Schlägen - gehen in die richtige Richtung; der dritte erfolgreiche, insgesamt siebente Versuch geht eben nicht auf Mendel zurück, sondern auf die "Turmuhr". Das biblische Schöpfungswort wird gemäß der kabbalistischen "Vorstellung von der Tora als lebendigem Organismus und mystischer Verkörperung des Gottesnamens" magisch benutzt, und zwar genau der Text des in der Tradition der Kabbala Buchstabe für Buchstabe spekulativ ausgelegten Beginns der Schöpfungsgeschichte in Genesis 1,1. Der Kommentar kann sich hier z.B. auf das Neue Lexikon des Judentums (a.a.O. S. 249) berufen.

In diesen Bezug auf den kabbalistisch verstandenen Vers Genesis 1,1 ist offensichtlich der Bezug auf die andere biblische Schöpfungsgeschichte nach Gen 2 hineinverwoben, ebenfalls in mystisch-magischer Interpretation: Ich zitiere jetzt meinen Kommentar wörtlich:

»Nach ostjüdischer Überlieferung ist der in Genesis 2,7 beschriebene Vorgang der Erschaffung des ersten Menschen Adam nicht in einem Zug geschehen, sondern in mehreren Etappen. Zunächst "machte Gott der Herr den Menschen aus Erde vom Acker" (Gen 2,7a); auf diesen Adam wird die Bezeichnung "Golem" nach Psalm 139,16 angewandt ("Deine Augen sahen mich [d.i. Adam], als ich noch nicht bereitet [= "Golem"] war"; vgl. Hiob 33,4.6). Dieser Golem-Adam ist nichts anderes als ein noch ungestalteter, formloser Klumpen Dreck, bloße Materie ohne Geist, allerdings möglicherweise mit einer "der Erde innewohnenden vitalen Potenz", der "lebenden Seele", von der in Genesis 1,24 in Bezug auf die Tiere die Rede ist (Gershom Scholem, Zur Kabbala und ihrer Symbolik, 6. Aufl. Frankfurt am Main 1989, Suhrkamp-Taschenbuch Wissenschaft 13, S. 216). Dieser erste Mensch ist noch sprachlos, aber zu Visionen fähig (S. 217); erst in einem späteren Schöpfungs-Stadium "blies ihm [Gott] den Odem des Lebens in seine Nase" (Genesis 2,7b). Die Erschaffung eines solchen Golem kann nach alten jüdischen Traditionen unter bestimmten, magischen Bedingungen auch von Menschen durchgeführt werden.«

Ich erspare mir aus Zeitgründen die an dieser Stelle des Kommentars ebenso notwendigen Hinweise auf den biographischen Hintergrund - die "Geisteskrankheit" seiner Frau Friedl - und vor allem auf Roths „Psychiatrie"-Feuilletons aus dem Jahr 1930 (Joseph Roth Werke 3, Das journalistische Werk 1929-1939, Köln [Kiepenheuer & Witsch] 1991, S. 215). Nur ein Zitat daraus: "Solange man die Irren nicht mit Hilfe der Naturwissenschaft [d.h. der sich naturwissenschaftlich verstehenden Medizin] heilen kann, darf man erwägen, ob sie vielleicht durch Religion, Musik, Zauberei, Philosophie zu heilen sind." (S. 227) „Religion" und „Musik" - zwei der vier erwähnten Therapien bringt Roth im "Hiob" - sehr deutlich an der besprochenen Textstelle - ins Spiel.

Insgesamt also eine in großer Dichte theologisch bzw. religionsgeschichtlich und wissenschaftsgeschichtlich, außerdem biographisch aufgeladene Textstelle.

Ich denke, ich muss nicht mehr im einzelnen erläutern, wie sehr in dem, was ich komprimiert vorgetragen habe,
 

  • Kommentieren als Erläutern und Bereitstellen von Quellen und anderen Materialien auf der einen Seite

  •  
  • und Interpretieren auf der anderen Seite
  •  
ineinander verschränkt sind.

Zum Schluss: Mich haben in der letzten Zeit zwei Positionen der gegenwärtigen Literaturwissenschaft und -theorie interessiert, zur Auseinandersetzung gereizt, zwei eigentlich miteinander verknüpfte, verknüpfbare, aber, wenn es um die Frage einer adäquaten Kommentierung literarischer Texte geht, wohl doch auseinanderstrebende Richtungen:
 

  • Auf der einen Seite steht die Einsicht in die endgültig erscheinende Abdankung aller Globalentwürfe, seien sie idealistisch, materialistisch, psychoanalytisch, existenzialistisch oder anderer Art - Globalentwürfe schimmern wohl auch heute noch in jeder „rund" sein wollenden Interpretation durch. An die Stelle der bewussten oder unbewussten Abhängigkeit von „großen Erzählungen" soll beim Umgang mit der Literatur die Freisetzung der einzelnen lesenden und in die literarische Kommunikation involvierten Subjekte treten, deren Heterogenität, deren Austausch, nicht aber deren Konsens. Was bedeutet eine solche Einstellung für mein Kommentieren: ich denke, eher eine Askese, wie ich sie mir nicht auferlegt habe - das Bereitstellen von Materialien, die andere dann - auch ich in einer anderen Rolle - dekonstruieren mögen.

  •  
  • Auf der anderen, nicht unbedingt entgegengesetzten Seite sehe ich das Memoria-Konzept einer Literaturwissenschaft, die sich als Kulturwissenschaft verstehen möchte; ich habe da bei dem einen oder der anderen GermanistIn eine fast heilige Scheu vor dem kulturellen Gedächtnis vorgefunden, aber auch das Konzept der Intertextualität, Texte immer als Ko-Texte zu anderen und in Kontexten und kulturelle Kontexte ihrerseits als Texte zu verstehen. In den Rahmen eines solchen Ansatzes passt ein Kommentieren, das die verschiedenen kulturellen Codes oder Diskurse - Joseph Roth spricht von „Welten" - in ihrer Vernetzung zu entfalten versucht. Ich denke, so etwas ist nicht möglich als bloßes Nebeneinanderstellen von Fundstellen, gewissermaßen von bloßen Knoten im Netz - die Knoten müssen auch miteinander verknüpft und verknotet werden. Das tue ich sicherlich auf andere Weise als ein anderer, der sich ebenso ins Werk Joseph Roths eingelebt hat; aber ich muss es erst einmal tun.


Joseph Roth habe ich dann vielleicht auf, nein, an meiner Seite.


* * * Die Kommentierung von Titel und Untertitel sowie der Lemmata im ersten Absatz des Roman-Textes ist von der Textseite aus ebenfalls zu erreichen;
sie wird im Vortrags nicht berücksichtigt.


 

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© Dieter Schrey 1997 / 2006