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1. DIE AUSGANGSSITUATION
1.1 Mendels Familie
Mendel Singer ist zu Beginn des Romans ein
alltäglicher Melámed im Chejder eines wolhynischen Schtetl.
In den Vorwürfen (H 9 u.ö.) Deborahs, seiner Ehefrau, wird
deutlich, dass die Familie eines Melámed besonders arm ist. Das
Leben im Schtetl ist in mehrfacher Hinsicht bedroht: Die Ostjuden
leben, umgeben von der ihnen gegenüber fremden und feindlichen
Welt des zaristischen und kirchlich-antisemitischen Russland, in einer
weitgehend entrechteten Situation, in ständiger Pogrom-Angst und
in großer, ja, wachsender Armut1. Zunächst aber scheint diese Notlage die
Familie Singer nicht zu gefährden, da sich für den
Protagonisten "Armut" und "Gleichmut" problemlos reimen (H 7) und da
die Familie aus der Notlage das gemeinsame Lebensgefühl einer
"vertrauten Armut" entwickelt. Auf den ersten 3 ½ Seiten des
Romans wird der Ausgangszustand dieser ostjüdischen Familie, der
'Urzustand' einer "bekümmerten Festlichkeit" (H 10 ="Hiob" S.
10; die für alle folgenden "Hiob"-Zitate benutzte Ausgabe ist die
TB-Ausgabe Joseph Roth, "Hiob", Amsterdam/Köln 1974/1982 = KiWi 6),
geschildert: Die Wochentage bilden einen "Reigen aus Mühsal" (H
10), jedoch fällt auf sie immer neu das glänzende Licht
des Sabbat. Das Leben spielt sich ab als Zusammenspiel von Licht und
Dunkelheit, Kälte und Wärme, Gesang und Seufzen (H 9 f.).
Die Familie Singer scheint fest auf dem
Boden der traditionsgeleiteten Gesellschaft des ostjüdischen
Schtetl zu stehen, in deren Rahmen die patriarchalische - von
"Vaterwort" und "Mutterlaut" (!) regierte - Familie (H 39)
zusammen mit der Synagoge die entscheidende Rolle spielt. Wenn sich die
Kinder mehr und mehr von diesem Boden lösen, den eigentlich
selbstverständlichen, ausbalancierten Ausgangszustand verlassen,
stellt sich die Frage, worin die Ursachen zu suchen sind2. Natürlich
liegen die Ursachen einerseits in den elenden und engen
Lebensumständen, andererseits in der Verführung durch die
Aussicht, "in die Welt gehen" und "das Leben sehn" (H 37/34)
zu können. Aber die Frage ist doch, weshalb die alte Lebensordnung
nicht mehr so stark ist, dass sie die Not innen und die Anziehungskraft
der "Welt" außen ausgleichen oder gar letztlich unwirksam machen
kann. Offensichtlich ist "die ökonomische Misere des Ostjudentums
in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts" so groß und
gehen dann die unvermeidlichen wirtschaftlichen und sozialen
Veränderungen in einem solchen Tempo vor sich, dass der
überkommene geistige und geistliche Rahmen das Gefüge der
ostjüdischen Lebenswelt nicht mehr oder kaum noch zusammenhalten
kann.3 Im
nachhinein sieht es für den Familienvater Mendel Singer so aus,
als sei das Schicksal der Auflösung der althergebrachten
Lebensordnung von Anfang an unausweichlich gewesen: Als der Beschluss,
mit der Familie nach Amerika auszuwandern, gefasst ist, erkennt er
deutlich:
"Aber schon begann das Haus Mendel
Singers zu zerfallen. Wie morsch muss es doch gewesen sein, dachte
Mendel. Es ist morsch gewesen, und man hat es nicht gewusst." (H 102)
Insgesamt lässt sich über die
Ausgangssituation der Romanhandlung sagen:
Unter den Gesichtspunkten des wachsenden
sozialen Elends und der Bedrohung durch die 'Wirts'-Gesellschaft ist
das Leben des jüdischen Melámed Mendel Singer und seiner
Familie "Hiob"-Existenz und Exil-Existenz von Anfang an bedroht; sein
und seiner Familie Leben ist Leiden, und es gehört zu dem in
jahrtausendelanger Frömmigkeitstradition entwickelten
Verständnis einer solchen Existenz, dass sie unbegriffen, aber
geduldig akzeptiert und ertragen wird: "'Was willst du, Deborah', sagte
Mendel Singer, 'die Armen sind ohnmächtig, Gott wirft ihnen keine
goldenen Steine vom Himmel, in der Lotterie gewinnen sie nicht, und ihr
Los müssen sie in Ergebenheit tragen", in frommer "Ergebenheit"
gegenüber dem "Willen des Himmels" (H 43 f.). Vielleicht
sind Leiden und Unglück sogar als Strafe für eine verborgene
Schuld (H 43 u.ö.) hinzunehmen, und man darf sich erst
sekundär durch Gebet (Mendel) oder Bemühungen um "Wunder"
(Deborah) bei Gott für die Befreiung von Leid und Unglück
einsetzen. In besonderer Weise zeigt sich Mendels und Deborahs
Fatalismus dem eigenen Leiden gegenüber in dem Augenblick, in dem
sie dann doch zum ersten Mal im Leben einen lebensverändernden
Entschluss endgültig fassen, zugleich aber die volle Tragik ihrer
eigenen Entscheidung erkennen: da stellt sich bei ihnen
nachträglich das Gefühl ein, "als hätten sie [...] nicht
freiwillig den Entschluss gefasst, nach Amerika zu gehn, sondern als
wäre Amerika über sie gekommen, über sie hergefallen" (H
106): So stark ist ihre Grundüberzeugung, am eigenen
Schicksal nicht aktiv beteiligt zu sein, dass sie, wenn nicht Gott,
dann ein mythisch-magisches "Amerika" für ihr Unglück
verantwortlich machen.
1.2.Menuchim
Über das allgemeine ostjüdische
Armuts und Bedrohungs-Schicksal hinaus erfahren aber Mendel Singer und
seine Familie die Last der Hiob-Exil-Existenz in ausgezeichneter Weise:
Der Melámed hat als Sohn einen "Kálike", einen unheilbar
und heillos kranken Krüppel, der in seiner Leidens-Existenz das
ins Äußerste gesteigerte alter ego des Hiob-Vaters
ist und darin - als anderer, extremer Hiob - eine Metapher für das
Unglück dieser Familie darstellt ("ein Symbol, das keine Antwort
gibt", H 55) insgesamt. "Verlass deinen Sohn nicht, auch wenn
er dir eine große Last ist, gib ihn nicht weg von dir, er kommt
aus dir", hört die Mutter des Krüppels vom Wunderrabbi (H
20). Das heißt nicht nur: Lass deinen kranken Sohn nicht im
Stich, sondern auch: "Er kommt aus dir" und ist dir als Aufgabe
gegeben, steh zu dir selber und deinem Leidens-Schicksal, zu deiner
Leidens-Identität. So wird Menuchim zur Metapher für das
Elend der ostjüdischen Exil-Existenz überhaupt, die dieser
einen Familie stellvertretend aufgegeben ist (und die vielleicht
ihrerseits wieder zu verstehen ist als eine die Epoche betreffende
universelle Metapher für das unerklärliche Rätsel des
menschlichen Leidens, die fundamentale Leidhaftigkeit der Welt). Der
Krüppel ist vom ersten Augenblick an das existentielle Zentrum der
Familie - es heißt: Menuchim "schwebte in einem Korb aus
geflochtenen Weidenruten in der Mitte des Zimmers [...] wie ein
Kronleuchter" (H 10), und später wird der von der
Emigration der Familie nach Amerika ausgeschlossene, in Russland
zurückgelassene "mächtige Krüppel" (H 24) zum
Symbol der - nun verlorenen - Identität der Familie: "Es war
[Mendel], als hätte er sich selbst in Zuchnow zurückgelassen"
(H 119).
Die Verheißung des Wunderrabbi hat
den Krüppel bereits im 1. Kapitel des Romans zu einer mythischen
Gestalt gemacht, wenn genau die "Hiob"-Kennzeichnung, die bei der
ersten Charakterisierung dem Vater vom Erzähler vorenthalten
worden ist, nun auf den scheinbar unheilbaren Sohn angewandt wird:
"Seinesgleichen wird es nicht viele geben in Israel" (H 19).4Die
biblisch-liturgische Sprache des Kluczysker Rabbi lässt das
theologische Motiv des messianischen "leidenden Gottesknechts" anklingen5und betont damit
zusätzlich die Stellvertreter-Rolle des leidenden Menuchim. Die
von diesem erwartete "Messianität" wird allerdings nicht im
letzten Opfer der stellvertretenden Hingabe des eigenen Lebens
bestehen, sondern in einer von ihm stellvertretend neuentwickelten
geistigen Haltung, die die Leiden der Zeit und das Leiden an der Zeit
ernstnimmt, aufnimmt und schöpferisch in "geistige Grundlagen
für eine neue Welt" verwandelt:
"Der Schmerz wird ihn weise machen,
die Hässlichkeit gütig, die Bitternis milde und die Krankheit
stark." (H 19)
Diese "Weisheit" und diese "Stärke"
werden nichts mit Macht und Geld zu tun haben, und diese "Güte"
und "Milde" werden nicht von oben herab gewährt werden, sondern in
einer Haltung, die sich an der des "lieben Gottes in Russland"
orientiert (s. "Lebensgefühl Bodenlosigkeit"), der sich für "die ganz
kleinen Sachen interessiert" und sie vom Boden aufhebt.
Menuchims mythische Auserwähltheit
als anderer Hiob unterscheidet sich allerdings in einem ganz
entscheidenden Punkt von der Hiobs in der Hebräischen Bibel ebenso
wie von der Mendel Singers in all seinem - später extremen -
Hiob-Schicksal: Menuchim ist der von Anfang an angesichts seines Leids
schweigende Hiob, der sprachlose und - gemäß
jüdischer religiöser Tradition, die "seit 2000 Jahren [durch
die Selbstverständlichkeit der intensiven Beschäftigung mit
der göttlichen Weisung in der Tora] keinen einzigen Analphabeten
gehabt hat"6
- gerade darin radikal/ursprünglich gottlose Hiob; ihn
kennzeichnet bloße "Bekümmernis" ohne die Spur der von der
Tora ausgehenden "Festlichkeit": "Seine Stimme krächzte über
den heiligen Sätzen der Bibel." (H 11) Entsprechend dem
kabbalistischen Golem-Mythos ist er Adam, der Klumpen Erde vor seiner
Beseelung durch Gottes Geist-Atem: "Ein Stück Dreck, lagerte er im
Winkel" (H 23).7 Der Vater versucht das Schöpfungswerk zu
vollbringen, holt den Sohn aus der "Ecke" (H 46) "und
intonierte [H 47] in der Melodie, in der er seine
Schüler zu unterrichten pflegte, den ersten Satz: 'Am Anfang schuf
Gott Himmel und Erde.'" Der Versuch misslingt, Menuchim reagiert nicht
auf den "Singsang" der "biblischen Musik", der für die beiden
anderen Söhne "alles", Himmel und Erde, "bedeutet", bevor sie das
elterliche Haus verlassen (H 39). Und Menuchim-Hiob bleibt
gottlos bis zum Schluss, als er als messianisches Wunderkind auftaucht.
Seiner Mutter gegenüber hat er bloße unverständliche
Laute produziert ("Mama", H 27 f.), die diese mit einer
"Offenbarung" und mit "Himmel und Erde" gleichgesetzt (oder
verwechselt?) hat, und im Kontakt mit dem "Himmel und Erde" besingenden
Vater hat er nur auf "absolute Musik", den Glockenklang der
Löffel, reagiert (H 46). Auf dieser sprachlosen,
tora-losen Basis entwickelt sich später sein Musikgenie, aus dem
dann das areligiös tröstende "Menuchim-Lied" erwächst.
Der von Gott verlassene und mit
Gottlosigkeit reagierende "Kleine" (H 22), aus nichts als
"Schmerz, Hässlichkeit, Bitternis, Krankheit" bestehend, ist -
zunächst - völlig darauf angewiesen, dass jemand sich
für das äußerste Elend, "für die ganz kleinen
Sachen interessiert", um ihrer selbst willen, ohne irgendein
allgemein-dogmatisches Interesse. Das aber fällt dem Vater in
seiner religiösen Vorprägung schwer. Immerhin kann sich der
geheilte, erwachsene Menuchim nach dem Wiedersehen mit dem Vater an die
einmalige, eher zufällig zustandegekommene Szene des
Löffel-Glockenklangs, an des Vaters verstehenwollende, liebevolle
Bemühungen sehr genau erinnern (H 212), die wohl als
Initialzündung für das schlummernde Musik-"Genie" gewirkt
haben. Hätte sich also diese Szene wiederholen, hätte sich
"des Kleinen" deutliches Interesse pädagogisch aufgreifen und
fördern lassen? Hat der Lehrer-Vater mit seiner Fixierung auf die
Schriftkultur-Tradition der Tora-Unterweisung den falschen
'göttlichen Geist-Atem' gewählt, der der gottlosen
Individualität des Krüppels nicht gerecht werden kann? Den
richtigen Zugang zu Menuchim hat jedenfalls der russische Arzt Doktor
Soltysiuk gefunden, der zwar als wissenschaftlich gebildeter Mediziner
die zutreffende Diagnose stellt ("Epileptiker"), aber nicht als
wissenschaftlicher Mediziner, sondern als jemand, der "sich für
die ganz kleinen Sachen interessiert", in der Lage ist, das "Leben" in
Menuchims Augen zu erkennen (H 13), der sich um ihn immer
wieder kümmert (H 134) und ihn schließlich gezielt
fördert, als er seine spezielle musikalische Begabung erkannt hat (H
213).
Nur der russische Doktor Soltysiuk wird
vom Erzähler ganz ins Recht gesetzt. Der Vater hat sich nur
einmal, aber immerhin dies eine Mal, dem Elend seines Sohnes
gegenüber adäquat verhalten. Der Wunderrabbi hat zwar noch
mehr erkannt als der Arzt (außer den "Augen", die "weit und tief"
sein werden, auch noch die musikalische Begabung: Menuchims "Ohren"
werden "hell und voll Widerhall" sein, H 19); aber er redet
nur (zuletzt zu Deborah: "geh nach Haus!") und tut nichts, um das
Vorausgesagte Wirklichkeit werden zu lassen ("ich habe keine Zeit") (H
19 f.). Auch Deborah - mit ihrem 'amerikanischen' Grundsatz 'Hilf
dir selbst, so hilft dir Gott' (H 44) - bekommt nicht Recht:
Sie will sich - trotz der scheinbaren übergroßen
Mutterliebe, die besonders in ihrem Aufbruch zum Wunderrabbi deutlich
wird (H 15 - 19) - letztlich wirklich wohl nur selber helfen,
d.h. sich und die anderen Gesunden der Familie aus ihrem durch den
krüppelhaften Sohn verursachten Elend befreien, indem sie - wie
auch der Autor selber einmal, in äußerster Verzweiflung,
wegen der Geisteskrankheit seiner Frau8 - einen Wunderrabbi aufsucht, im Vertrauen auf
Magie. Auch als Doktor Soltysiuk nach seiner ersten Diagnose anbietet,
sich um Menuchim im Krankenhaus zu kümmern, lässt der
Erzähler deutlich werden, dass es der Mutter mit ihrer sofort
gezeigten Bereitschaft, den Sohn ins nichtjüdische Krankenhaus zu
geben, um eine Befreiung von der Familien-Qual und um die Nutzung der
Chance einer kostenlosen Therapie geht ("Man wird ihn umsonst gesund
machen"), also um "Selbsthilfe" (H 13). Weder Deborahs -
gegen die religiöse Grundüberzeugung ihres Mannes gerichtete,
von ihr fälschlicher- und verräterischerweise der Bibel
zugeschriebene - Devise "Der Mensch muss sich zu helfen suchen, und
Gott wird ihm helfen" (H 44), noch Mendels gegenteilige
Auffassung - 'Warte, bis dir Gott hilft, dann ist dir geholfen' (vgl.
H 43 f.) - werden im Roman als humane Antwort auf die durch
Menuchims Stellvertretung erhobene Frage gekennzeichnet - auf die Frage
nach dem Sinn des unaushaltbaren Leidens in der gegenwärtigen Welt
-, sondern die Devise, nach der sich im Roman nur der russische Arzt
verhält: 'Hilf anderen in ihrem Elend (und kümmere dich dabei
nicht um dich selbst), dann kann sich der Hilfsbedürftige selber
vollends aufhelfen'. Denn das tut Menuchim, als er, aus seinem eigenen
Interesse "für die ganz kleinen Sachen" heraus, im Hause der
Familie Billes "ein brennendes Scheit" beobachtet, das aus dem Ofen
herausfällt und das Haus in Brand zu setzen beginnt, und als er
bei diesem Anlass seine Sprache findet (H 134).
1.3. Mendels Frömmigkeit
Mendel Singer steht mit seiner
religiösen Grundhaltung ("schlichte Frömmigkeit", H 20)
ganz in der Tradition der rabbinisch bestimmten Gesetzestreue. Er
hält genau die täglichen Gebetszeiten im Bethaus und zu Hause
ein, geht regelmäßig in die Synagoge, feiert mit seiner
Familie den Sabbat, wie es sich gehört, und wenn ein Problem
auftaucht, beschließt er selbstverständlich, "Gottes Hilfe
[...] zu erflehen und zweimal in der Woche zu fasten, Montag und
Donnerstag" (H 13 f.). Mit dieser Grundhaltung entspricht er
voll und ganz dem "Frömmigkeitstypus" des jüdischen
"Gerechten" ("zaddik"), der sich um nichts anderes in der Welt
bemüht, als "nach den Geboten des Gesetzes zu leben", "zumindest
mehr als die Hälfte" der 613 Gebote der Tora einzuhalten, wobei es
ausreicht, wenn er "in den Augen seiner Mitmenschen" sich "nach bestem
Wissen und Gewissen" darum bemüht.9 Die Tora bietet "ein umfassendes Ideal der
Harmonie in den Taten und Handlungen des Menschen, das keinen Platz
lässt für Extravaganz" (aaO.). Wenn der
jüdische Theologe Gershom Scholem "etwas zugespitzt formuliert":
"Der zaddik [...] ist das Ideal des gewöhnlichen Juden" (aaO.),
dann wird deutlich, dass Joseph Roth mit Mendel Singer dieses seit
Jahrhunderten erstrebte "Ideal des gewöhnlichen Juden" meint.
"Nüchternheit" ohne "Gefühlsüberschwang",
"Ausgeglichenheit", stoische "Ruhe und Gelassenheit", stetige
"Selbstkontrolle" gegenüber aufkommenden Triebregungen, Bestreben,
"alles in der Welt, in der inneren wie in der äußeren Welt,
an seinen rechten Platz [zu] stellen"10 - all dies ist kennzeichnend auch für
Mendel Singer.
Mit dieser Haltung ist es ihm
möglich, auch äußerstes Leid zu ertragen, die
beobachtbare Unordnung in der Welt in seinem Inneren wieder
zurechtzurücken: Zur Weltordnung gehört es nun einmal, dass
es Arme und Reiche gibt, und "die Armen sind ohnmächtig, Gott
wirft ihnen keine goldenen Steine vom Himmel" (H 43), wie den
Reichen. "Dem einen gibt Er und dem andern nimmt Er." Der einzige Sinn
des Leidens könnte in dessen Sühnefunktion liegen, aber "ich
weiß nicht [sagt Mendel], wofür Er uns straft". Die
Sünde der Armen ist nicht erkennbar. So bleibt nur "Ergebenheit"
in "den Willen des Himmels". "Vor ihm kann man nicht davonlaufen", und
es gibt gegen ihn auch "keine Gewalt" - die normalen menschlichen
Reaktionen "Flucht" und "Aggression" erscheinen als zwecklos (H
43/44). Eine solche Einstellung wird nicht als Resignation
empfunden, sondern entspricht einer bis zum Äußersten
gesteigerten Gottesverehrung, die von dem Glauben an die Geborgenheit
alles Menschlichen in Gott ausgeht und Gott "Vater" nennt (H 173).
Auch als Mendel Singer sich nach dem Tod Schemarjahs und dann Deborahs
als Lebendiger bereits tot fühlt (H 154: "Denn ich bin
ein Toter und lebe"), bleibt er - zunächst - dabei: "Er ist der
Herr, Er weiß, was Er tut." (H 154) Mendels letztes
Argument in seiner Antwort auf die Theodizee-Frage, die Frage nach der
Gerechtigkeit Gottes angesichts des unerträglichen Leidens in der
Welt, ist der Hinweis auf die Tora: "So steht es geschrieben." (H
44)
Mendels letzte Basis für seine
Glaubenstreue trotz Gottes scheinbarer Ungerechtigkeit ist die ihm
ständig gegebene Möglichkeit, "die bewusste Nähe zu
Gott" zu suchen, zum Beispiel morgens früh "aus der wohligen
Wärme des Schlafes [einzutreten] in den noch heimlicheren, noch
trauteren Glanz des Gebets, wie in einen prächtigen und doch
gewohnten Saal, in dem der mächtige und dennoch lächelnde
Vater wohnte" (H 172 f.), und unmittelbar mit Gott zu
sprechen - wenn auch antwortlos.
Diese "bewusste Nähe zu Gott" steht
in der Tradition des Chassidismus, die sich im Bereich des Ostjudentums
seit dem 18. Jahrhundert (gerade in Wolhynien und Podolien beginnend)
lebendig erhalten hat. "Der im 18. Jahrhundert durch Israel ben
Eliezer, genannt Baalschem Tow, begründete Chassidismus ist
weniger eine theologische Strömung als vielmehr eine
volkstümlich charismatische Bewegung innerhalb des Judentums,
vergleichbar etwa dem Pietismus auf christlicher Seite." Der alle
Frömmigkeit bestimmende Grundgedanke ist die Vorstellung der
Welteinwohnung Gottes (der weiblich gedachten Schechina), der (nicht
unbedingt bemerkbaren) Gottesgegenwart in allen Menschen und Dingen, in
allem Guten wie in allem Bösen (s.u.). "Der theologische Ansatz
ist individualistisch, nicht gesellschaftlichpolitisch; es geht um die
Sinnfindung des Menschen, nicht um die Bestimmung der Menschheit." So
"lebt der Chassidismus in einer archaischen Denkwelt: Das Ziel liegt im
Ursprung."11
So lebt Mendel seine Frömmigkeit mit
einer starken Gefühlsintensität, jedenfalls immer dann, wenn
die Gefährdung der Familie plötzlich anwächst. Das zeigt
sich zum ersten Mal - in der großartigen Szene im Bethaus (H
75 ff.) - in seiner äußerst heftigen Klage nach der
Entdeckung von Mirjams "Sünde", und zweifach in den
Hassausbrüchen seinem Gott gegenüber, nach der Kette der
Hiobs-Schicksalsschläge (H 162 f. und 174 ff.). Aber
auch dem Jubel - über das lang vermisste Familienglück in New
York (H 136 f.) - vermag er bewegt Ausdruck zu verleihen.
Wenn in all diesen Situationen Mendels Körper entscheidend
mitbeteiligt ist, entspricht dies dem (wie man heute sagen würde)
"ganzheitlichen" Lebens- und Frömmigkeitstil, der sich in der
Tradition des Chassidimus herausgebildet hat. "Allmählich [so wird
von Mendel Singer berichtet] glitt sein Oberkörper in das
altgewohnte regelmäßige Schwanken, der ganze Körper
betete mit" (H 75). Während es einmal heißt, dass
er "in der Ecke hüpfte und wackelte, seinen Oberkörper vor
und rückwärts wiegte und Gott zu Ehren einen
kümmerlichen Tanz aufführte" (H 112), ist
später vom "schaukelnden Oberkörper" und vom tanzenden
Taktschlagen mit den Füßen (H 137),
schließlich vom Brüllen und Füßestampfen (H
162) die Rede. Die "ganzheitliche", körperlich-expressive
Frömmigkeit bestimmt aber nicht nur Mendels Reaktionen auf
"besondere Ereignisse" (H 39), sondern ebenso seine
"regelmäßige" religiös-pädagogische Alltagspraxis,
in der er seine Schüler stundenlang durch den "Singsang des
Lernens" (H 39), währenddessen die Oberkörper der
Lernenden "wie Glocken" (H 21) "in gleichem Rhythmus" (H
39) "vorwärts und zurück" schwingen, die Tora lehrt.
Hier gilt: "Die Stärke der Emotion, mit der er sich der
Erfüllung der Pflichten widmet, die er übernommen hat, macht
ihn zu einem Enthusiasten."12
Gershom Scholem charakterisiert mit diesen
Worten den chassid als den jüdischen
Frömmigkeitstypus, dem gerade "die Zurückhaltung, die das
Verhalten des zaddik bestimmt, [...] fremd" ist.
"Während der zaddik das Ideal der Norm bildet, ist der chassid
das Ideal der Ausnahme. Er ist der radikale Jude, der seiner geistigen
Berufung bis zum Extrem folgt." Ihn charakterisieren die "Inspiration
spontanen Überschwangs und seelischer Begeisterung", "Extravaganz"
und "Radikalismus seiner Taten", ja, "manchmal sogar heiliger
Anarchismus"13.
Für Mendel Singer - wie wohl um 1900
für die meisten Ostjuden - widersprechen sich die beiden
Frömmigkeitstypen nicht. Mendel überspringt niemals -
jedenfalls nicht bis zu seinem (immer noch religiös verstandenen)
Abfall von Gott (H 161 ff.) - die Grenzen des Ritus, er
bewegt sich im Rahmen der überlieferten (auch der im Chassidismus
überlieferten) Formen und füllt sie jeweils, je nach seinem
Gemütszustand, emotional mit Inhalt. Allerdings ist eine deutliche
Entwicklung seiner Frömmigkeit zu beobachten. In dem Maße,
in dem die Probleme in der Familie wachsen, entfernt er sich vom "Ideal
des gewöhnlichen Juden" und nähert sich dem "Ideal des
radikalen Juden" (s.u.).
1.4 Deborahs Frömmigkeit
Darin unterscheidet Mendel sich von seiner
Frau Deborah, von der zwar im Eingangsbericht des Romans erzählt
wird, dass sie am Sabbat ihre traditionellen Rechte und Pflichten als
jüdische Ehefrau und Mutter wahrnimmt (H 9 f.), bei der
aber im übrigen nicht zu erkennen ist, dass sie sich um die
religiöse Haltung bemüht, die den gesetzestreuen und
stoisch-frommen Juden ausmacht. Ihre Frömmigkeit tritt bei den
"besonderen Ereignissen" zutage, die nach jahrhundertelanger Erfahrung
meist "böse" sind (H 132), und steht wohl eher in der
Tradition eines extremen, magischen Chassidismus. Deborahs eigentlicher
Ausgangspunkt ist aber - diesen Akzent setzt der Erzähler
eindeutig - das uralte, im Roman jedoch im Zusammenhang des Rothschen
Anti-Amerikanismus zu sehende 'Interesse an ganz großen Sachen',
am "Besitz Wohlhabender" und am "Gewinn" der "Kaufleute" (H 9).
Der Erzähler verhehlt nicht seine kritische Einstellung ihrer
Verachtung alles "Geringen" und "Niedrigen" gegenüber:
"Viel zu gering war Mendel Singer in
ihren Augen. Die Kinder warf sie ihm vor, die Schwangerschaft, die
Teuerung, die niedrigen Honorare und oft sogar das schlechte Wetter."
(H 9)
Im ersten Satz der direkten Charakteristik
Deborahs formuliert der Erzähler aus der Perspektive des
angeklagten Ehemanns die Ablehnung ihrer Geld- und Glücks-Gier
sogar aggressiv-'sexistisch': "Sie war ein Weib, manchmal ritt sie der
Teufel." (H 9)
Andererseits erscheint Deborahs Interesse
an materiellen Gütern und an irdischem "Glück" als
adäquate, notwendige Einstellung angesichts der
übergroßen Not, und der Erzähler distanziert sich
überhaupt nicht von ihrer dumpfen "Gottesfinsternis" (M.
Buber) und den wilden Ausbrüchen ihrer Frömmigkeit.
Während sich Mendel vor allem Leid und Unglück der Familie
immer wieder in den "prächtigen und doch gewohnten Saal, in dem
der mächtige und dennoch lächelnde Vater wohnte" (H 172
f.), zurückziehen kann, fehlt Deborah eine solche "bewusste
Nähe zu Gott" von Anfang an (aaO.). Zunächst kann
sie zwar noch zum Gott ihrer Väter beten, aber in diesem Gebet
liegt nicht der "heimliche, traute Glanz" wie bei Mendel, sondern, im
Gegenteil, nur "Finsternis": Es ist,
"als schüfe sie sich eigene
Nächte, die Furcht in ihnen zu vergraben, und eigene Finsternisse,
um zugleich die Gnade in ihnen zu finden. Denn sie glaubte, wie es
geschrieben stand, dass Gottes Licht in den Dämmernissen
aufleuchtete und seine Güte das Schwarze erhelle." (H 14)
So "steht es" an mehreren Stellen der
Hebräischen Bibel "geschrieben", am deutlichsten wohl in Psalm
139, 11 f.14Aber was Deborah erhofft, ist nicht die vom Psalmisten
geglaubte Allgegenwart Gottes, sondern - in kabbalistischer Tradition -
der mystische, augenblickliche und paradoxe Umschlag von absoluter
Finsternis in absolutes Licht. Dieses erwartete plötzliche und
radikal verändernde göttliche Wirken würde alle
menschliche Eigentätigkeit ausschließen, durch die z.B. nach
der Prophezeiung des Rabbi "der Schmerz" in einem längeren Prozess
in "Weisheit" schöpferisch umgewandelt wird (s.o.). Als
sich die Hoffnung auf das unmittelbare Eingreifen Gottes nicht
erfüllt, steigert sich Deborahs verzweifelte Gottesferne:
"Sie wagte nicht mehr Gott anzurufen,
er schien ihr zu hoch, zu groß, zu weit, unendlich hinter
unendlichen Himmeln, eine Leiter aus Millionen Gebeten hätte sie
haben müssen, um einen Zipfel von Gott zu erreichen." (H 17)
Nicht mehr unmittelbar vom unendlich
fernen Gott, sondern von etwas Näherem, Irdischem erwartet sie nun
Hilfe: seit Jahrtausenden "tote Gönner", die "Erzväter" und
"Erzmütter" und "die Gebeine Mosis", scheinen ihr näher zu
sein als Gott (H 17). Diesmal geht es ihr um den
unmittelbaren mystischen Umschlag von Tod in Leben, von "Gräbern"
in "Türen des Paradieses" (aaO.). Aber solche Versuche
enden letztlich, durch ihre Vergeblichkeit, mit dem völligen
Verlust der jahrtausendealten religiösen Tradition: "Hinter" dem
grellen Verzweiflungs-Hilfeschrei, mit dem Deborah zum Rabbi
vorzudringen versucht, vernimmt der Erzähler den "Einsturz" der
"grauenhaften Stille einer ganzen gestorbenen Welt" (H 18 f.).
Auch der Rabbi von Kluczysk erweist sich nicht als der Wunderrabbi
früherer Jahrhunderte, höchstens als "Prophet", der aber auch
für die Zukunft keine Wunder, sondern Entwicklung und
'Entwicklungsarbeit' erwartet. So endet Deborahs Frömmigkeit schon
zu einem relativ frühen Zeitpunkt - nachdem nämlich die Sorge
um die Zukunft der Söhne Schemarjah und Jonas als zaristische
Soldaten aufgekommen ist - in einer Haltung, die für einen
traditionsgebundenen Juden nur als Gottlosigkeit zu verstehen ist, in
der Haltung des klassischen Kapitalisten ("Der Mensch muss sich zu
helfen suchen, und Gott wird ihm helfen", H 44; s.o.), wie sie
Mendel und Deborah später in Amerika als dem "Land Gottes"
begegnen wird ("die Armut ein Laster, der Reichtum ein Verdienst, die
Tugend der halbe Erfolg, der Glaube an sich selbst ein ganzer", H
138; s.u.). Während Mendel davon überzeugt ist, dass es
"gegen den Willen des Himmels [...] keine Gewalt [gibt]" (H 44),
geht die magische Frömmigkeit, die Deborah aus ihrer
ostjüdischen, extrem-chassidischen Tradition übernommen hat,
offensichtlich davon aus, dass 'gegen den Willen des Himmels nur Gewalt
hilft'; Magie - als altmodische Praxis des moderneren Prinzips "Hilf
dir selbst, so hilft dir Gott" - handelt nach der Maxime 'Du musst so
mächtig sein, dass du sogar Gott zwingen kannst'.
2. DIE AUSEINANDERENTWICKLUNG DER
FAMILIE
2.1 Entfremdung zwischen Mendel und
Deborah
Eine entscheidende Rolle spielt im Roman -
als Folge der Belastung der Familie durch den Krüppel -
zunächst die Entfremdung zwischen Mendel und seiner Frau Deborah.
Deborahs Selbstverständnis und Selbstwertgefühl ist von
Anfang an völlig auf das Glück ihrer Kinder fixiert.
Dafür setzt sie sich mit allen Mitteln ein, bis zu wilden
Versuchen, dort ein "Wunder" herbeizuzwingen, wo "Glück" sich
nicht einstellt. In dem Augenblick, in dem endgültig festzustehen
scheint, dass nichts geschehen wird, sie von dem "Unglück" zu
befreien, das mit dem geistig und körperlich behinderten Sohn
verbunden ist, hört sie auf, sie selbst zu sein. Zweimal stellt
der Erzähler einen unmittelbaren Zusammenhang zwischen dem
Ausbleiben der ersehnten Rettung aus der Not und der wachsenden
Selbstentfremdung Deborahs her:
Nachdem erzählt worden ist, wie die
drei Geschwister ihren Bruder Menuchim so brutal in die Regentonne
hineinzutauchen versuchen, dass sein Überleben völlig
ausgeschlossen ist, heißt es, in quälender Wiederholung:
"Aber Menuchim lebte. [...] Nichts geschah ihm. [...] Aber gar nichts
geschah. [...] Menuchim starb nicht. - Menuchim starb nicht, er blieb
am Leben." Und dann: "Von nun an war der Schoß Deborahs trocken
und fruchtlos. [...] es war, als weigerte sich ihr Schoß, noch
mehr Unglück hervorzubringen." (H 23 f.) Nicht nur die
drei mordbereiten Geschwister haben den "Wink" von "Gottes kleinem
Finger" (H 24) verstanden, sondern offensichtlich auch
Deborah. Zwar nicht ihr Bewusstsein, aber ihr Körper reagiert
darauf, dass die mit dem Mordversuch verbundene Hoffnung auf ein Ende
der Leiden Menuchims und der Leiden der Familie mit göttlicher
Autorität und damit endgültig als nicht verwirklichbar
bezeichnet worden ist, und zwar mit einer endgültigen
"Entscheidung". Die Weigerung ihres Körpers, in Zukunft Kinder zu
empfangen und zu gebären, führt dann, entsprechend der
Fixierung ihrer Identität auf die Mutterrolle, auch zum Verlust
der körperlichen Beziehung zu Mendel: "Eine Wand aus kaltem Glas
trennte sie von ihrem Mann." (H 24)
Die unmittelbar folgende Szene ist eine
der eindrücklichsten, gleichzeitig auch eigenartigsten des Romans:
Nachdem Deborah nachts vor einem "blinden Spiegel" ihren gealterten
Körper, vor allem ihren "hohlen und dennoch gewölbten Leib"
angeschaut und unbewusst im "kalten", "harten" Ausreißen eines
weißen Haares ihr späteres Sterben (H 151)
andeutend vorweggenommen hat, lässt sie sich magisch bannen von
dem Blick, den "das geöffnete Aug'" ihres schlafenden Mannes auf
sie wirft (H 25 f.). Mit "allen ihren Sinnen" und "ein paar
unbekannten, neuen Sinnen" dazu "tausendfach fühlend", "ohne
Zweck, ohne Not, ohne Neugier, ohne Lust" dastehend, erlebt sie einen
mystischen Augen-Blick, in dem sich ihr allerdings nicht Gott, sondern
das Nichts offenbart: "Und gar nichts geschah. [...] Gar nichts
geschah." Mit dem "Besonderen", auf das sie "nichtwartend wartet" ("Sie
wartete auf gar nichts. Aber es schien ihr, dass sie auf etwas
Besonderes warten müsste", H 26), ist wohl das biblische
Sara-Erlebnis gemeint15: auf göttliche Veranlassung trotz Unfruchtbarkeit
ein Kind zu empfangen und zu gebären.
Deborahs "Offenbarungs"-Szene wird
später vom Erzähler explizit mit Mendels - dann ebenfalls
mystisch zu verstehender - "Erkenntnis"-Szene (H 45)
identifiziert, wobei das Wort "Erkenntnis" offensichtlich, entsprechend
biblischem Sprachgebrauch16, auch sexuelle Konnotationen hervorrufen soll.
Denn Mendels "Erkenntnis" der endgültigen Entfremdung zwischen
seiner Frau und ihm - heißt es - "war wie eine zweite, eine
wiederholte Ehe[schließung]", und diese mystische Rücknahme
des ersten Zusammenseins der beiden wird als Vorgang der
"Einverleibung" Deborahs in Mendel dargestellt, "untrennbar und auf
ewig", in Form von "Hässlichkeit" und "Bitterkeit" (nicht auch
"Schmerz"!), die zusammen die "Krankheit" ausmachen, "an deren treuer
Feindschaft man zugrunde geht" (H 45).17 Zwar
erwägt Mendel nach dem fürchterlichen Tod Deborahs, ob ihre
beiderseitige Entfremdung nicht "Sünde" gewesen ist: "Weil nicht
die Wärme der Liebe in uns war, sondern zwischen uns der Frost der
Gewohnheit, starb alles rings um uns, verkümmerte alles und wurde
verdorben." (H 154) Aber damals, kurz nach der
"Erkenntnis"-Szene, hat er sich ja bereits intensiv gefragt: "Wo ist
die Sünde? Wo steckt die Sünde?" "Und er durchforschte sein
Gehirn nach irgendeiner Sünde und fand keine schwere." (H 48)
Dort, wo keine echten Entscheidungen getroffen werden, wo also nicht
eigentlich intentional gehandelt wird, sondern wo Handlungen 'sich
ereignen', lebensverändernde Situationen "über einen kommen,
über einen herfallen" (s.o.), unbemerkt oder
mystisch-bemerkt, dort kann natürlich auch nicht von "Sünde"
gesprochen werden, da Sünde Entscheidungsbereitschaft und
-fähigkeit und Verantwortlichkeit voraussetzt. Und im
Nicht-Handeln kann keine "Sünde" liegen, weil ja Nicht-Handeln
gerade Gottes Willen entspricht.
Vom Augenblick der "Einverleibung" ihrer
Leidens-Identität in Mendel ist Deborahs magisch-wilder,
mänadischer Aktivismus gebrochen und ihre Fähigkeit zur
"Empörung" (H 44) auf ihren Mann übergegangen (s.u.).
2.2 Die Assimilation der Söhne
Die Ursachen für die Loslösung
der Geschwister aus dem traditionellen Familienverband und für
ihre Assimilation an Außenwelten sind vielfältig. Sie liegen
- in der allgemeinen Notlage der Familie
und
- in der reduzierten
Widerstandsfähigkeit der ostjüdischen Kultur gegenüber
der Attraktivität des modernen Lebens in der Umwelt,
- in den eigenen Bedürfnissen und
Neigungen der Kinder, der als naturgegeben dargestellten Notwendigkeit,
sich als "Bär", als "Fuchs", als "Gazelle" zu entfalten (s.u.)
- wozu die ostjüdische Lebenswelt offensichtlich kaum mehr
Gelegenheit zu geben scheint (das wird jedenfalls im Roman ohne
Diskussion als selbstverständlich vorausgesetzt),
- in der Schuld der Eltern ihnen
gegenüber, die sie zugunsten des kranken Menuchim jahrelang
"vernachlässigen" (falls hier von Schuld oder "Sünde" geredet
werden kann, s.o.),
- dann natürlich in der
gesellschaftlichen Stigmatisierung durch den krüppelhaften Bruder,
mit dem sie sich in der Öffentlichkeit lächerlich machen (H
22 f.), so dass sie ihn zu ermorden versuchen,
- und in ihrer eigenen Schuld Menuchim
gegenüber, die nicht erst durch den Mordversuch entsteht, sondern
dadurch, dass sie als "Gesunde" und Starke (H 32) in keinem
Augenblick den Kranken und Schwachen akzeptieren.
Entsprechend ihrer Natur vollzieht sich
ihre Entfernung aus dem Elternhaus in drei verschiedenen Richtungen:
- Jonas ("stark wie ein Bär", H
21) assimiliert sich an die als russisch dargestellte "fremde und
schreckliche Welt des Militär" (H 31), aber auch der
bäuerlichen Erdverbundenheit,
- Schemarjah ("schlau wie ein Fuchs", H
22) an die amerikanische Welt des Geldes und des Erfolgs,
- Mirjam ("eine junge Gazelle", H 8)
an die übernationale Welt anarchischer Lust ("Sie liebte alle
Männer", H 82).
Es ist wirklich bemerkenswert, dass der
Erzähler bei den drei jungen Menschen keinen einzigen Augenblick
des Zögerns oder Schwankens in ihrem Drang aus der
ostjüdischen Heimat heraus vermelden kann. Nur Schemarjah sagt im
Gespräch mit seinem Bruder (H 34) zunächst: "Ich
will sein, was ich bin, [...] ein Jude wie mein Vater Mendel Singer".
Aber er meint damit keineswegs "ein Lehrer wie mein Vater", sondern
"lieber ein reicher Mann [...] in großen Städten". Es hat
nur einiger "Ansichtskarten" bedurft (H 34), in ihm diesen
Wunsch zu wecken, ihn zur Assimilation an das, was für ihn "das
Leben" ist, zu verführen. Aber bereits auf seinem Flucht-Weg in
die Emigration verhält er sich nicht mehr nur passiv,
verführt; vielmehr handelt er bewusst aus einem neuen, von der
ostjüdischen Tradition abgelösten Lebensgefühl heraus:
"er wusste, dass er eine der seltenen Stunden erlebte, in denen der
Mensch an seinem Schicksal nicht weniger zu formen hat als die
große Gewalt, die es ihm beschert" (H 57). Schemarjahs
Vater, Mendel Singer, weiß das nicht und kann es deshalb auch
nicht erleben. Aber Schemarjah kann so in New York das werden, was als
'erfolgreicher amerikanischer Jude' bezeichnet wird. Auf sein
Verhältnis zur Basis der ostjüdischen Existenz allerdings,
zur Tora, wird zutreffen, was von anderen ehemaligen Ostjuden in New
York erzählt wird: Alle, die "schon lange genug in Amerika" gelebt
haben, sind nicht mehr "fromm und gottesfürchtig" wie Mendel
Singer, "sie arbeiteten am Sabbat, ihr Sinn stand nach Geld, und der
Staub der Welt lag schon dicht, hoch und grau auf ihrem alten Glauben" (H
164).
Immerhin: Schemarjah bekennt sich mit der
Selbstverständlichkeit seiner Flucht vor dem russischen
Militärdienst durchaus zur "Tradition ihrer Väter" (H 31).
Zusammen mit ihm versucht auch sein Bruder Jonas zunächst, bis zur
Musterung jedenfalls, das erst 1835 eingeführte (später zwar
ausgesetzte, in den Achtziger Jahren wieder verschärft angewandte)
russische "Gesetz" zu umgehen, das auch von den Juden den
Rekrutendienst verlangt, trotz dessen Unvereinbarkeit mit den
religiösen Sitten. An diese Sitten vor allem denkt Mendel, wenn er
den Militärdienst seiner Söhne fürchtet (H 33),
während Deborah als Mutter empfindet: "Leichen sah sie, lauter
Leichen. Hoch und schimmernd, die gespornten Füße im roten
Blut, saß der Zar und wartete auf das Opfer ihrer Söhne." (H
32) In jedem Fall ist das "Genommensein" der Söhne für
die jüdische Familie unerträglich (H 40) - und die
freudige Bereitschaft Jonas', russischer Soldat - Kosak - zu werden,
ist Grund genug, ihn für "einen Verlorenen", einen vom Glauben
Abgefallenen anzusehen (H 53). Denn "Kosak" ist für die
russischen Juden seit den Jahren nach 1648, seit den entsetzlichen
Pogromen der Chmelnizkischen Kosakenhorden, das Symbol für ihre
schmerzlichen Erfahrungen in Jahrhunderten der Unterdrückung,
Bedrohung und Vernichtung, zuletzt auch für die Pogrome der 1880er
Jahre. Zwar interessiert sich Jonas als Kosak gar nicht für das
Militärische seines Berufs, sondern eigentlich nur für die
Pferde, auf denen er nach einigen Jahren "wie der beste Kosak" reiten
kann, indem er zum Beispiel "im Galopp mit den Zähnen ein
Taschentuch vom Boden aufhebt", und für die Wärme im
Pferdestall (H 135). Aber 1648 hat ja die Brutalität der
ukrainischen Bauern nicht hinter der der Chmelnizkischen Kosaken
zurückgestanden, und auch jetzt weckt der wolhynische Bauer
Sameschkin, bei dem Jonas seiner Pferde-Leidenschaft zuerst frönt,
mit seinem ständigen Schnapsgeruch Erinnerungen an frühere
Pogrome (H 48).
Weiter kann ein Sohn von der Welt seiner
Eltern kaum entfernt sein als Jonas von Mendel und Deborah. Aber Welten
trennen ihn auch von seinem Bruder Schemarjah, der bewusst "sein
Schicksal mitformt" und es nicht einfach einer "großen Gewalt"
überlässt. Da ähnelt Jonas - strukturell - eher seinem
Vater, wenn er im Brief an die Eltern betont: "Man ist [beim
Militär] gut versorgt, man hat zu essen, alles befiehlt man von
oben, was nötig ist, man braucht nicht selbst zu denken." (H
135) Allerdings hat Jonas einen anderen "Gott" als sein Vater,
einen antijüdischen: den Zar.
Die "Sünde" des Abfalls der
Söhne von der väterlichen Religion, ihrer Abwendung von der
ostjüdischen Lebenswelt und ihrer Assimilation an alternative
Lebenswelten ist jedoch nicht die Ursache für das
schließliche dreifache überdimensionale Unglück -
Unglücksursache ist hier allein der Erste Weltkrieg. Schon das -
nach der Krankheit Menuchims - zweite Unglück, das die Familie
betrifft, der Zwang zum russischen Militärdienst und die dadurch
notwendige Emigration Schemarjahs, gehört in das Vorfeld des
Kriegs. Die Tragik von Schemarjahs Schicksal liegt darin, dass er, in
der jüdischen Tradition des Abscheus vor allem Kriegshandwerk, mit
allen zur Verfügung stehenden Mitteln den Militärdienst in
Russland vermeiden will und vor ihm bis ans andere Ende der Welt flieht
- und dort in ein Land gerät, das er im Unterschied zu Russland
als "Vaterland" akzeptieren kann, das sich aber letztlich als
"tödliches Vaterland" herausstellt (H 154). Immerhin hat
sich Schemarjah/Sam freiwillig zur Teilnahme am Ersten Weltkrieg
gemeldet, denn "Amerika ist ein Vaterland. Jeder anständige Mensch
ist verpflichtet, für das Vaterland in den Krieg zu gehn. Mac ist
gegangen, Sam hat nicht bleiben können." (H 146) In
dieser äußersten Anstrengung der Assimilation wird
Schemarjah/Sam seinem ursprünglichen jüdischen Grundsatz des
Antimilitarismus untreu - während er gerade darin seinen auf der
Flucht neu gelernten Grundsatz befolgt, dass "der Mensch an seinem
Schicksal nicht weniger zu formen hat als die große Gewalt, die
es ihm beschert".
Jonas' dumpfe Assimilation - nicht an ein "Vaterland", sondern an den
kosakischen Lebensstil, zu dem Todesbereitschaft gehört (H 13518), führt
ihn in den Tod (vielleicht bleibt er auch "nur" verschollen).
Schemarjahs bewusste Assimilation an ein "Vaterland", sicherlich ohne
Todesbereitschaft, aber mit bürgerlicher Moral ("anständiger
Mensch"!), moderner staatsbürgerlicher Loyalität und wohl
auch mit Nationalbewusstsein, bewahrt ihn nicht vor dem Tod. Beide sind
Opfer des "großen Kriegs, den man den 'Weltkrieg' nennt"19.
2.3 Mirjam. Die Motivation für die
Emigration nach Amerika
Ein besonderes Problem der Romanhandlung
ist die Motivation für die Emigration der Eltern und Mirjams von
Russland nach Amerika. Die Tatsache, dass der geistig und
körperlich behinderte Sohn nach den Einwanderungsbestimmungen
nicht mitgenommen werden darf, wäre an sich ein entscheidender
Hinderungsgrund. "Verlass deinen Sohn nicht", hat schon der Wunderrabbi
zu Deborah gesagt (H 20). Deborahs Bedenken schiebt Mendel
Singer mit fragwürdiger Logik beiseite: "Menuchim ist so krank,
dass ihm nur ein Wunder helfen kann. Hilft ihm aber ein Wunder, so kann
er uns folgen." (H 95) Als Grund für die Emigration wird
eindeutig die Angst der Eltern vor dem sicheren Untergang der Tochter
in der Welt der russischen Kosaken und dem damit - nach Mendels Aussage
- notwendig verbundenen "Unglück" der ganzen Familie angegeben (H
7720).
Aber Mirjam weiß selber: "In Amerika gibt es noch viel mehr
Männer" (H 82), ja, "Millionen Männer" (H 83),
und sie sagt dies auch ihrer Mutter ("In Amerika werde ich noch eher
tun, was ich will", H 99), so dass sich durch den Wechsel
über den Ozean ihr Bedürfnis, die anarchische,
unersättliche "Lust" auszuleben, nur verstärken wird. Und
Mendel auf der anderen Seite kann später auch den Amerikaner Mac
durchaus mit den Kosaken in einem Atemzug nennen - schließlich
sind beide "keine Juden" (H 125) - welche Änderung
bringt also die Emigration aus seiner Sicht? Im Grunde weiß auch
er, dass der Wechsel nach Amerika Mirjams Problem nicht lösen
wird: "Sollen wir Mirjam allein nach Amerika schicken? Wer weiß,
was sie anstellt, allein unterwegs und allein in Amerika." (H 95)
Die Frage, inwiefern ausgerechnet im freien und fremden Amerika die
Bewachung der erwachsenen Tochter durch die Familie wirkungsvoller sein
soll als daheim im wolhynischen Schtetl, wird verdrängt.
Wenn aber auf diese Weise das
Contra-Argument (Menuchims Leiden) beiseitegeschoben wird und das
Pro-Argument (Mirjams Gefährdung) eigentlich hinfällig ist,
sind die wahren Gründe für die Emigration wohl in
Wünschen zu suchen, die den Personen selber unbewusst sind.
Deborah ist von Anfang an ("vom Teufel geritten") primär an dem
orientiert, was ihr Mann als armer Cheder-Lehrer ihr nicht bieten kann,
wohl aber später, nach seiner Emigration, ihr Sohn Schemarjah in
Amerika: nämlich "Besitz", "Gewinn" (H 9) und "Erfolg" (H
7), und sie gibt schließlich dem Drang ihrer Tochter Mirjam,
den amerikanischen Traum zu realisieren, recht. "Denn sie fühlte,
[...] sie selbst sprach aus ihrer Tochter." (H 99)
Im Prinzip geht es Mendel wohl nicht
anders. Ausgerechnet am gleichen Abend in der "ersten Woche im Monat
Ab", an dem er Mirjam im Ährenfeld mit dem Kosaken
überrascht, ist Mendel zuvor selber fast bereit, einer
"sündigen" Regung nachzugeben: Im Anschluss an die
Begrüßung des Neumonds sind alle Juden wieder in "ihre
schiefen Hütten" zurückgekehrt. "Nur ein Jude blieb
zurück, Mendel Singer." (H 71)
"Er atmete die ungestörte Ruhe in
der Freiheit, machte ein paar Schritte, fühlte sich matt, bekam
Lust, sich auf den Boden zu legen, und hatte Angst vor der unbekannten
Erde und dem gefahrvollen Gewürm, das sie
höchstwahrscheinlich beherbergte." (H 71)
"Freiheit" - "Lust" - "Erde" - teuflisches
"Gewürm" - offensichtlich ist Mendel dabei, sich von diesen
irdischen (oder gar unterirdischen) Mächten - wenn auch eigentlich
nur symbolisch - verführen zu lassen. Er kommt sich "unendlich
weit von der bewohnten Welt der Juden" vor, "unsagbar einsam, von
Gefahren bedroht und dennoch außerstande, zurückzugehen" (H
72). Im Bannkreis der "sündigen" Mächte hindert ihn dann
wohl nur das unerwartete Auftauchen der Tochter mit dem Kosaken daran,
selber der Verführung nachzugeben und sich schon jetzt - wie er es
dann nach der Fahrt mit Sameschkin tut - "zum ersten Mal in seinem
Leben" "auf die nackte Erde" zu setzen oder zu legen, diesen Zustand zu
genießen (H 93) und "frei von Vorurteilen", von
religiöser und moralischer Intoleranz, "alles [zu] begreifen",
"alles [für] möglich" zu halten (aaO.). Wenn er
sich "in der wilden Nacht" sogar an einen Goj "wie an einen Bruder"
"schmiegt", und zwar ausgerechnet an den russischen Bauern Sameschkin,
der mit seinem Schnapsgeruch wie die Kosaken an Pogrome erinnert, dann
ist Mendels "Sünde" fast mit der seiner Tochter zu vergleichen.
Vor dieser "Sünde" aber hat er große "Angst", und sie
wiederholt sich auch nach der Sameschkin-Nacht nicht mehr - sein
Selbstverständnis als "frommer, gottesfürchtiger und
gewöhnlicher Jude" setzt sich durch.
Seither aber weiß Mendel Singer
über sich und seine Verführbarkeit durch die russische
"nackte Erde" Bescheid. Seine späteren Überlegungen
unmittelbar nach dem erschütternden Erlebnis von Mirjams Irresein (H
158 f.) und dann seine Heimkehr-Phantasien unmittelbar vor
Menuchims Wiederkehr (H 187) bestätigen seine tiefe
ursprüngliche Affinität zu dem, was für den Autor "die
russische Erde" in ihrer unzerstörbaren Lebenskraft symbolisiert21, vor allem
zur "Leichtigkeit" und "Freiheit" des Standpunkts "Alles ist
möglich", die er für sich selber immer verdrängt hat,
deren mögliche Konsequenzen er aber in Mirjams Leben erfährt.
Von Anfang an (H 8) betont der Erzähler die
Parallelität von Vater und Tochter: "Aber das Jüngste, die
Tochter Mirjam, liebkoste er [Mendel] häufig. Sie hatte sein
schwarzes Haar und seine schwarzen, trägen und sanften Augen."
So ist es deutlich: Wie Deborah erkennt
Mendel Singer sich selber in Mirjam wieder, ergreift er also mit der
plötzlichen Unbedingtheit seiner Forderung, nach Amerika zu gehen,
die Flucht vor sich selber, vor seiner eigenen Verführbarkeit
durch das, was sich "jenseits, hinter dem Zaun" der traditionellen
ostjüdischen "Nomenklatur" abspielt22. Nur das erklärt die
Rücksichtslosigkeit gegenüber Menuchim - und die
späteren Schuldgefühle in Amerika, vor allem die
Überlegungen nach Mirjams Irrewerden, als Mendel im Prinzip sein
ganzes bisheriges Lebenskonzept und die davon bestimmten Entscheidungen
rückgängig macht, indem er - angesichts des Elends der
Tochter, die die Kosaken geliebt hat - von dem Kosaken-Sohn redet:
"Wären wir dort [in Russland]
geblieben - dachte Mendel, - gar nichts wäre geschehen! Jonas hat
recht gehabt, Jonas, das dümmste meiner Kinder! Die Pferde hat er
geliebt, den Schnaps hat er geliebt, die Mädchen hat er geliebt,
jetzt ist er verschollen! Jonas, ich werde dich nie mehr wiedersehen,
ich werde dir nicht sagen können, dass du recht hattest, ein Kosak
zu werden. [...] Man hätte bleiben sollen, die Pferde lieben,
Schnaps trinken, in den Wiesen schlafen, Mirjam mit Kosaken gehn lassen
und Menuchim lieben." (H 158 f.)
Seiner eigenen entscheidenden
Verantwortung für die Emigration aus Russland ist sich Mendel aber
auch da noch nicht bewusst: "Mendel hatte [seiner eigenen
Überzeugung nach] nicht fahren wollen. Deborah, Mirjam, Schemarjah
- sie hatten fahren wollen, in der Welt herumfahren." (aaO.)
Mendel "hat nicht fahren wollen", das ist
richtig; er hat aber auch nicht bleiben wollen. Für die
Bewältigung dieser Situation des Weder-Noch hätte er
eigentlich als "gewöhnlicher Jude" in seinem
Selbstverständnis ein Modell gehabt23, das Wissen nämlich, immer und
grundsätzlich im Exil zu leben, die eigentliche Heimat - "das Land
der Väter" - in ausschließlich symbolischer
Vergegenwärtigung zu 'haben' und auf dieser Basis jeden sich
anbietenden Aufenhaltsort sowohl als Fremde ansehen als auch als
mögliche symbolisch-stellvertretende Heimat akzeptieren zu
können - und damit "jenseits des Zaunes zu leben". Die einzig
authentische Existenzform wäre ein ständiger Schwebezustand,
ein Leben auf der Schwelle zwischen Drin-Sein in der jahrhundertealten
geistigen Heimat und Draußen-Sein in der Fremde der modernen
heimatlosen Welt und auf dem "nackten" Boden der kalten "Erde". Die
Juden im Zuchnow tun im Ansatz das Richtige, wenn sie mit ihrem
Gebetbuch in der Hand, sich erinnernd an "das Land der Väter",
hinaus in die Natur gehen - sie treten auf die Schwelle nach
draußen. Mendel wagt sich sogar noch einen Schritt weiter vor,
aber er müsste konsequent sein und sich wirklich aus "der
bewohnten Welt der Juden" entfernen, sich auf das "Fremde" einlassen.
Er müsste nur die jüdische Ursituation, die des Exils, auf
seine eigene Existenz übertragen:
mit der Erinnerung an den Ursprung, die
geistige Heimat im Herzen und im Buch,
in "die Welt" hinausgehen -
die Schwelle überschreiten, von "innen" nach "außen".
In Russland zu "bleiben", das hätte
bedeutet: "die Pferde lieben, Schnaps trinken, in den Wiesen schlafen,
Mirjam mit Kosaken gehn lassen und Menuchim lieben". Jonas hat das
getan, und Mirjam hat damit begonnen, sie sind beide über die
Schwelle hinausgegangen - aber ohne die Erinnerung an die tradierte
geistige Welt - und ohne die Liebe zu Menuchim. Der einseitige Weg der
bloßen Assimilation führt nicht zu "geistigen Grundlagen
für eine neue Welt", setzt die Assimilierten vielmehr schutzlos
den Mechanismen einer anderen, ihnen von innen her nicht vertrauten
Welt aus. Mendel wählt den entgegengesetzten Weg: Mit der
Entscheidung, nach Amerika zu fahren, flieht er - aus halbbewusster
Angst vor der eigenen Verführbarkeit - jede Assimilation an die
russische Welt in der Umgebung des Schtetl bzw. unmittelbar in Zuchnow
selbst und beharrt auf der Ausschließlichkeit seiner
Traditionsgebundenheit, er geht nicht über die Schwelle hinaus.
Auch auf diesem Weg können sich keine "geistigen Grundlagen
für eine neue Welt" herausbilden: Das ausschließliche
Hinblicken auf "di Ojssiess" (Buchstaben) der Tora24, ins Innere
des intensiven religiösen Empfindens und hinauf zu dem Himmel, der
mit der fernen Ur-Heimat verbunden ist, lässt das unmittelbar vor
den Füßen liegende Elend, das sich in dem Krüppel
Menuchim konzentriert, nicht angemessen wahrnehmen und verhindert die
geduldige, sicherlich mit eigenem Leiden verbundene "liebende"
Zuwendung.
3. MENDEL IN AMERIKA I -
Amerikanisierung
Als die Familie Singer nach Amerika geht -
Mendel, Deborah und Mirjam mit Schemarjah/Sam, existiert sie als
Familie nicht mehr. "Was gehn mich diese Leute an? dachte Mendel. [...]
Mein Sohn, meine Frau, meine Tochter, dieser Mac?" (H 119)
Keine einzige der ursprünglichen, von der Tradition festgelegten
Beziehungen besteht noch, neue Beziehungen, außer
oberflächlichen, können nicht entstehen, da dafür keine
geistige Basis vorhanden ist. Für Schemarjah und Mirjam entwickelt
sich dann der Amerikanismus zur alles bestimmenden Lebenshaltung, zum
Teil auch für Deborah, sofern sie zum Beispiel "eine große
goldene Kette trägt" und "an eines der Lustweiber [erinnert], von
denen manchmal die heiligen Schriften erzählen" (H 124).
Mendel, der als einziger ohne
assimilatorische Absichten nach Amerika gefahren ist, der
außerdem nicht hat lernen wollen, sich mit einer fremden Kultur
auseinanderzusetzen, empfindet dann auch als einziger die "neue Welt",
jedenfalls "andere Welt (H 126/127), so wie sie ist. Amerika
zeigt sich ihm sofort als genaue Gegenwelt zur uralten Welt seines
Ostjudentums, es "zerbricht" und "zerschmettert" ihn (H 118;
s. "Roths Roman in geistes- und kulturgeschichtlichen Kontexten"***). Dadurch wird
ihm aber deutlich, was er während der Überfahrt nur noch
nicht bemerkt hat, was aber der Fall ist, seit er Menuchim
zurückgelassen hat: dass nämlich mit all seinen
familiären Beziehungen auch seiner eigenen Identität die
Grundlage entzogen ist:
"Bin ich noch Mendel Singer? Ist das
noch meine Familie? Bin ich noch Mendel Singer? Wo ist mein Sohn
Menuchim? Es war ihm, als wäre er aus sich selbst
herausgestoßen worden, von sich selbst getrennt würde er
fortan leben müssen. Es war ihm, als hätte er sich selbst in
Zuchnow zurückgelassen, in der Nähe Menuchims." (H 119 f.)
Selbstentfremdung und "Einsamkeit"
verlassen Mendel in Amerika nicht mehr. Sie werden aber keineswegs
begleitet von der Einsicht in ihre Ursache, in den Fehler, Menuchims
Elend nicht als Aufgabe erkannt zu haben. Er schiebt Deborahs Wunsch,
"heim[zu]kehren", "umzukehren", beiseite und macht nach wie vor die
Erfüllung von Deborahs alternativem Wunsch, Menuchim nach Amerika
zu holen, von dessen nur durch ein Wunder möglicher Genesung
abhängig: "Menuchim werden wir hier wiedersehen, wenn er gesund
werden sollte" (H 127), sagt er zu seiner Frau. Vor allem
aber wird der mit Menuchim verbundene Wunsch nun amerikanisiert, d.h.
von der Frage bestimmt, wie praktisch oder "unpraktisch" es ist, ihn in
Amerika zu haben (H 128), wie teuer und woher das Geld
für eine eventuelle Reise zu nehmen ist - Hilfe für Menuchim
wird abhängig vom Gelingen "eines ganz großen
Geschäfts", einer "Spekulation in Bauplätzen", davon, ob "es
aufwärts geht" (H 128). Mendel lässt sich immer
mehr auf diese Denkweise ein, er akzeptiert seinen Sohn Sam als "Boss" (H
129), "glaubt" am Ende selber das amerikanistische Credo mit den
über zwanzig Glaubensartikeln (H 138 , s. ***), ohne zu merken,
dass es völlig unvereinbar ist mit den eigenen tiefsten
religiösen Überzeugungen, dass hier wirklich ein anderer Gott
bzw. andere Götter angebetet werden (s. ***). Was er in Russland
verweigert hat - sich wenigstens mimimal in die fremde Umwelt hinein zu
öffnen, sich andeutungsweise zu assimilieren - in Amerika scheint
dies unproblematisch: "Wahrscheinlich war es richtig. Vielleicht
sollten auch Mendel und Deborah in die Schule gehn. Amerika war ein
Vaterland." (H 148) In Russland wäre es um kein
"Vaterland" und um keinen neuen Gott gegangen, sondern um die Weite und
Offenheit der russischen Landschaft und die Tiefe der russischen Erde
(mit ihrem "gefahrvollen Gewürm", H 71) und um die
entsprechende Offenheit der Haltung "Alles-ist-möglich". In
Amerika bindet sich Mendel - und lässt sich täuschen.
Die größte
(Selbst-)Täuschung besteht darin, dass er meint, Freisein von
materiellen "Sorgen" und familiäres "Glück" seien in Amerika
herstellbar, ohne dass vorher das zentrale Problem "Menuchim"
gelöst sein müsste - Menuchim brauche man nur noch an das
bereits hergestellte "Glück" nachträglich
anzuschließen, nachdem man ihn aus Russland geholt hätte.
Der Brief der Familie Billes mit guten Nachrichten über den
Krüppel scheint dies zu bestätigen (H 134):
"'Siehst du', sagte Mendel [...], 'dieser Brief ist ein guter Brief.
Das Glück hat angefangen. Ein Glück bringt das andere, gelobt
sei Gott. Er helfe uns weiter.'" (H 133 f.) In Wolhynien hat
Mendel sich dem Melámed-Unglück gegenüber passiv und
gottergeben verhalten, allerdings auf selbstbewusste und reflektierte
Weise - er musste sich mit der Unzufriedenheit seiner Frau
auseinandersetzen. Seine Passivität in New York dem
"Boss"-Glück gegenüber - von seinem Sohn Sam weiß er:
"er war ein Boss" (H 129) - ist durch völlige
Fremdbestimmung und Naivität gekennzeichnet. In scheinbarer
Aufhebung des Klage-Gebets, das er in der Nacht nach dem Entsetzen
über Mirjam und den Kosaken (H 74 - 76, am Schluss des 6.
Kapitels) gebetet hat, bleibt Mendel auch in der Nacht nach dem
Empfang der Briefe aus Russland länger wach und betet
Freude-Psalmen:
"Es sang aus ihm. Er hatte die Gnade
erfahren und die Freude. Auch über ihm wölbte sich Gottes
breite, weite, gütige Hand. [...] Sein Herz jubelte, und sein
Körper musste tanzen." (H. 136 f., am Schluss des 10. Kapitels)
Wenn Mendel früher Deborah
gegenüber erklärt hat, dass Gott "dem einen gibt [...] und
dem andern nimmt" (H 43), gilt das auch jetzt noch wie
damals, aber er selbst mit seiner Familie scheint von der Nimm-Seite
Gottes auf die Gib-Seite geraten zu sein - das ist einfach
"Glück", besondere Gründe dafür sind nicht zu erkennen.
Allerdings hat Mendel gleichzeitig auch "Angst": "Er wollte nicht
übermütig werden. Jetzt, wo alles gut zu gehn begann, durfte
man nicht Gottes Zorn hervorrufen." (H 140) Gottes "Gnade"
und Gottes "Zorn" liegen sehr nahe beieinander. Das zeigt sich in dem
Augenblick, in dem das vollkommene "Glück" für die Familie
Singer eigentlich gar nicht mehr ausbleiben kann, als nämlich Mac
bereits die Schiffskarte nach Europa bestellt hat, um Menuchim zu
holen. In diesem Augenblick erreicht Mendel die erste Hiobs-Botschaft -
dass "in Europa [...] der Krieg ausgebrochen" ist (H 142).
4. MENDEL IN AMERIKA II - Apostasie
4.1 "Zu wenig, zu wenig habe ich getan"
Nachdem vom Beginn des Zweiten Teils an
über 1 ½ Kapitel (H 123 - 142) die
"Glücks"-Kurve angestiegen ist, fällt sie nun über
weitere 1 ½ Kapitel steil nach unten ab (H 142 - 152:
zunächst bis zum Tod Deborahs als Reaktion auf den Tod
Schemarjahs). Aber Mendel reagiert schon sofort nach der Nachricht
über den Ausbruch des Kriegs und nimmt nun plötzlich, ohne
dass schon ein die Familie betreffendes neues Unglück geschehen
ist, den ganzen Jubel, den er vorher im Psalmen-Beten und chassidischen
Tanzen und Schaukeln ausgedrückt hat, zurück (H 144, am
Ende des 11. Kapitels25). Der Leser - an dieser Stelle des Romans als
"aufmerksamer Lauscher" eingeführt - erlebt unvermittelt einen
völlig neuen Mendel Singer:
"Zu wenig, zu wenig - sagte er sich -
habe ich getan. Manchmal erschrak er über die Erkenntnis, dass
sein einziges Mittel [!], das Singen der Psalmen, ohnmächtig sein
könnte in dem großen Sturm, in dem Jonas und Menuchim
untergingen. Die Kanonen, dachte er, sind laut, die Flammen sind
gewaltig, meine Kinder verbrennen, meine Schuld ist es, meine Schuld!
Und ich singe Psalmen. Es ist nicht genug! Es ist nicht genug!" (H 144)
Schon immer ist Mendel davon ausgegangen,
dass das Elend seiner Familie auf "Sünden", auf Schuld
zurückzuführen ist, aber er ist sich keiner konkreten Schuld
bewusst gewesen. Auch der Erzähler hat ihm gleich zu Beginn
bescheinigt: "Seine Seele war keusch. Er brauchte nichts zu bereuen,
und nichts gab es, was er begehrt hätte." (H 8) Nun
aber, nach der Nachricht vom Ausbruch des Krieges, weiß Mendel
schlagartig, worin seine "Schuld" bestanden hat: ausgerechnet in der
spezifischen Form seiner Frömmigkeit, in der Tatsache, dass er nur
gebetet, aber nichts - "zu wenig" - getan hat. Das heißt: Genau
in dem, was seine unaustauschbare Identität ausmacht - "fromm,
gottesfürchtig und gewöhnlich, ein ganz alltäglicher
Jude" zu sein - sieht er nun "Schuld". Gerade erst hat der
Erzähler, in wörtlicher Wiederholung der allerersten
Charakterisierung Mendels (H 7), diese Identität
bestätigt (H 137), gerade erst hat sich Mendel auf ein
zufriedenes Sterben eingerichtet (H 137/139) und sich "zu
alt" dafür gehalten, "dies und jenes [noch] mit wachen Augen
anzuschauen" (H 138), da reißt ihn die
Schreckens-Nachricht aus seiner lebenslangen stoischen Ruhe. Er ist
plötzlich hellwach und tut bereits hier den ersten Schritt in
Richtung auf eine neue Existenz, einen Schritt, der aus einem
"gewöhnlichen" und "ganz alltäglichen" Juden einen solchen
macht, 'dessengleichen es nicht viele gibt in Israel', einen
"Auserkorenen" (H 171), aus einem "Hiob" unter Millionen
"Hiob"-Menschen, die ihre Leidens-Existenz hinnehmen, einen neuen Hiob
von mythisch-archetypischem Format.
Entscheidend ist an dieser Stelle, dass
die "Schuld" (nicht: "Sünde"!), die Mendel sich selber zumisst,
nicht als Schuld vor Gott gilt, sondern als Schuld vor einer
innerweltlichen, menschlichen Instanz, die über die
Verantwortlichkeit des menschlichen Handelns zu Gericht sitzt. Die
Schuldzumessung hat sogar eine deutliche antireligiöse Spitze:
gerade die "Ergebenheit" Gott gegenüber hat ihn vom Handeln
abgehalten. Hier beginnt Mendels Abfall von seinem Gott; latent
bereitet sich von jetzt an die Apostasie vor, die nach dem letzten der
Hiob-Schicksalsschläge eruptiv an die Oberfläche tritt.
Zunächst aber bleibt Mendels
selbstkritische Einsicht, "nicht genug" getan zu haben, die er 1914,
nach Ausbruch des Krieges, gewonnen hat, noch abstrakt und folgenlos,
noch drei Jahre später, 1917, nach dem Eintritt der USA in den
Ersten Weltkrieg, lässt er den patriotischen Schemarjah/Sam
ziehen. Deborah ist mittlerweile in völlige Abhängigkeit vom
Amerikanismus ihrer Tochter Mirjam geraten; wo sie in Russland - in
Friedenszeiten - "Leichen [...], lauter Leichen" und "den Zar" mit
"gespornten Füßen im roten Blut" gesehen hat, als ihre
Söhne 'nur' die Einberufung zum Militär erhalten haben (H
32), hat sie nun - im Krieg und in Amerika - alle
Sensibilität verloren. "Der Zar ist was anderes, und Amerika ist
was anderes!", entgegnet sie auf Mendels Bedenken. "Mendel [aber]
debattierte nicht weiter." (H 14726) Erst als keine Nachricht von Sam eintrifft,
versteht Mendel:
"'Bleib, Sam!' hätte ich sagen
müssen. 'Lange Jahre habe ich gewartet, um einen kleinen Zipfel
vom Glück zu sehen. Nun ist Jonas bei den Soldaten, wer
weiß, was mit Menuchim geschehen wird, du hast eine Frau und ein
Kind und ein Geschäft. Bleib, Sam!' Vielleicht wäre er
geblieben." (H 147)
4.2 Die Hiobsbotschaften - Mendels Ruhe
"Mendel ist ganz ruhig", als Mirjam mit
der Hiobs-Botschaft von Sams Tod kommt - "als hätte sich der
Schmerz schon vor Jahren in eine Trauer verwandelt". "Er hat diese
Szene [bereits früher] geträumt. Er weiß auch, was
jetzt folgen wird" (H 150) - das entsetzliche Zugrundegehen
Deborahs. Ebenfalls in den "sieben runden Tagen" der Trauer um Deborah
bleibt Mendel ruhig, und sogar, als "Mister Glück" (der
personifizierte Amerikanismus?) die Hiobs-Botschaft von Mirjams
Wahnsinn überbringt, ist er "ruhig", ja, nach außen hin
wirkt er "gleichgültig" (H 155, 157/154). Auch die
schreckliche Szene mit der verrückt gewordenen, irr lachenden und
schluchzenden Mirjam erlebt Mendel als etwas, was er schon "gewusst"
hat - "seit jenem Abend, als ich Mirjam mit dem Kosaken im Felde sah" (H
157). Er interpretiert die Szene mit den traditionellen Mitteln
des chassidischen Dybbuk-(Dämonen-)Glaubens, wenn er meint, im
Kontakt mit dem Kosaken sei "der Teufel" in Mirjam "gefahren", und
bittet dann die tote Deborah, dafür zu beten, dass der Teufel die
Tochter wieder verlassen möge (H 177). Diese Art der an
Tote als "Mittler" gerichteten Bitte erinnert an Deborahs frühere
Gebete, die Mendel damals abgelehnt hat.
Mendels "Ruhe" ist wohl ein letztes
Stillehalten, entsprechend dem Hiob-Selbstverständnis, das ihm
bisher in allen Lebenslagen selbstverständlich gewesen ist. Die
eigentlich unaushaltbare Härte der Schicksalsschläge
erscheint ihm als konsequente, nur ins Extrem gesteigerte Fortsetzung
von Gottes bisherigem Handeln ihm und seiner Familie gegenüber.
Wie früher versucht er auch jetzt wieder das Geschehen nach dem
Sünde-Strafe-Schema zu deuten, kommt allerdings zu einem neuen
Ergebnis: "Vielleicht war das unsere Sünde", dass "nicht die
Wärme der Liebe in uns war" - so beginnt er den Gedankengang, aber
er führt ihn weiter, ohne von "Gott" und dessen "Strafe" für
die fehlende Liebe zu reden. Vielmehr sieht er den Mangel an Liebe
zwischen ihm und Deborah als mögliche direkte, innere Ursache
für die Kette der Schicksalsschläge:
"Weil nicht die Wärme der Liebe
in uns war, sondern zwischen uns der Frost der Gewohnheit, starb alles
rings um uns, verkümmerte alles und wurde verdorben." (H 154)
Diesen Gedanken verfolgt er allerdings
nicht weiter, dazu ist er nach der Zerstörung seiner Familie, in
seinem Gefühl, lebendig tot zu sein, nicht in der Lage ("Ich bin
nicht Mendel Singer mehr, ich bin der Rest von Mendel Singer.") Er
kennt nur die äußere Ursache für sein Lebendig-Totsein.
Und auch hier sieht er wiederum nicht Gott, sondern eine innerweltliche
Instanz als Ursache an: "Amerika hat uns getötet", das weiß
er genau. (H 154) Den Gott seiner jüdischen Tradition
braucht Mendel jetzt nur noch für den letzten 'Rest', für den
endgültigen Tod: "Mit mir hat Er kein Mitleid. Denn ich bin ein
Toter und lebe. Er ist der Herr. Er weiß, was Er tut. Wenn du
[tote Deborah] kannst, bete für mich, dass man mich auslösche
aus dem Buch der Lebendigen." (aaO.) Es geht Mendel so wie
früher Deborah: sein Gott ist mittlerweile so weit von ihm
entfernt, dass er eine Gebets-Mittlerin braucht.
4.3 "Gott hat meine Gedanken verwirrt"
Die Szene mit dem deutschen Psychiater (H
159 f.) wird entscheidend für Mendels endgültige
Wandlung.27Es
ist wohl davon auszugehen, dass Joseph Roth hier eigene Erlebnisse in
den Anstalten, in denen seine Frau Friedl Roth untergebracht war28, verarbeitet
hat - wie er insgesamt in dem Verhältnis zwischen Mendel und
seiner Tochter die zerstörerische Beziehung zwischen ihm selbst
und seiner Frau spiegelt.
Es beginnt damit, dass Mendel im
Wartezimmer der "Anstalt", in die Mirjam gebracht worden ist, zeitweise
auch sich und die anderen Wartenden für "verrückt" hält (H
157). Scheinbar nebenbei wird vom Erzähler in diesem
Zusammenhang erwähnt, dass Mendel "die Mütze aus schwarzem
Seidenrips [...] über ein Knie gestülpt" hat (aaO.).
Er folgt da wohl einem ihm unbewussten Bedürfnis, denn in der
zweitletzten Szene des Romans berichtet der Erzähler, dass Mendel
dort "ein merkwürdiges und auch verbotenes Verlangen" spürt
und "zum ersten Mal in seinem Leben [...] aus freiem Willen", also
bewusst, das Haupt entblößt (H 215). Bewusst oder
unbewusst, er setzt sich damit - nach jüdischer Vorstellung -
unmittelbar der göttlichen Schechina, dem gleißenden Licht
der göttlichen Anwesenheit in der Welt, schutzlos aus und tut
etwas, was eigentlich kein Mensch überleben kann. Es mag sich hier
um den unbewussten Ausdruck seines Todeswunsches handeln, ebenso aber
um den Ausdruck des Wunsches, sich unmittelbar Gott zu konfrontieren,
um die bisherige, an diesen Gott gebundene Existenz aufzukündigen.
In seiner Phantasie macht er probeweise alle wirklichen oder vermuteten
Katastrophen seiner Familie ungeschehen, verwandelt die
ukrainisch-jüdische Familie Singer in eine unkrainische
Bauernfamilie wie die des Bauern Sameschkin und versucht sich in einer
Umwertung aller Werte: Nicht die ukrainischen, pogromverdächtigen
Bauern handeln im Namen oder Auftrag des "Teufels", sondern die Juden,
die sich von diesem "in der Welt herumschicken" lassen, statt in "der
Heimat" zu bleiben, in der "Friede", "Jugend" und "vertraute Armut"
"heimisch gewesen" sind (H 158). Als Mendel sich dieser
seiner "sündigen" Phantasien bewusst wird, versucht er ein letztes
Mal, die Maßstäbe eines "alten Juden" anzuwenden, aber
dieser Versuch führt ihn nur in noch größere
Verwirrung:
"Bin ich verrückt geworden,
dachte Mendel weiter, dass ich so denke? Denkt ein alter Jude solche
Sachen? Gott hat meine Gedanken verwirrt, der Teufel denkt aus mir, wie
er aus meiner Tochter Mirjam redet." (H 159)
Gott in seiner Allmacht bleibt weiterhin
im Spiel, aber der Widerspruch scheint nicht mehr auflösbar: die
göttliche Ursache verwandelt sich unter der Hand in eine
teuflische Wirkung. Das betrifft zunächst die Gedanken - und im
nächsten Schritt auch die Wirklichkeit. Denn den Widerspruch in
der Aussage des Psychiaters kann Mendel nur noch als Hohn empfinden,
wenn dieser einerseits in Mirjams "degenerativer Psychose" oder
"Dementia praecox" "einen von den seltenen Fällen [sieht], die wir
nicht heilen können", und andererseits, im selben Atemzug, Mendel
auf seine Frömmigkeit verweist und behauptet "Der liebe Gott kann
helfen" (H 159), und wenn dann der Augenschein zeigt: Mirjams
Anstalts-Zelle ist ein "Sarg" (H 159 f.). Gott kann
sicherlich helfen, Mendel glaubt's dem Arzt, aber Gott will
offensichtlich nicht helfen - so verschieben sich endgültig die
Grenzen zwischen "Gott" und "Teufel". Das Ukrainisch-Teuflische ist als
"Heimat" erschienen, das Jüdisch-Göttliche erweist sich als
teuflisch. Letztlich zählt nicht Allmacht, sondern Allgüte,
und der Vergleich bringt es an den Tag: "Gütiger als Gott ist der
Teufel. Da er nicht so mächtig ist, kann er nicht so grausam
sein." (H 169) Mendels Abfall von Gott ist nicht mehr
aufzuhalten.
Warum - so muss man fragen - dauert es bis
zu Mendels Auflehnung gegen Gott so lange, warum reagiert er nicht
schon ähnlich bei der ersten oder zweiten der amerikanischen
Katastrophen? Warum löst das Leiden Mirjams die Katastrophe
Mendels aus?
- Jonas' Verschollensein ist von der
Familie von Anfang an verharmlosend in "Gefangenschaft, Verwundung,
Desertion" umgedeutet worden (H 146).
- Schemarjahs Tod entspricht dessen
Entscheidung für das "Vaterland" Amerika - Vaterländer sind
in Zeiten, in denen konkurrierende Nationalismen die internationale
Politik bestimmen, tödlich.
- Deborah "hat es gut" (H 153), meint
Mendel, sie muss den Schmerz über die Katastrophe nicht mehr
aushalten, nicht mehr "eine Tote sein und leben".
- Mirjam dagegen muss leben, in ihrem
Zellen"-Sarg" ist sie auf fundamentalere Weise als Mendel
'lebendig-tot' - falls sich äußerstes Leid überhaupt
vergleichen lässt. Außerdem ist und bleibt Mirjam die
Identifikationsfigur für Mendel: er ist nach Amerika gegangen,
weil in seiner Angst vor dem als teuflisch Beurteilten 'Ihretwegen' und
'Seinetwegen' identisch gewesen sind. Nachdem Göttliches und
Teuflisches in Konfusion geraten sind, übernimmt Mendel an Mirjams
Stelle bewusst den "teuflischen" und anarchischen Part und spielt auf
seine Weise da weiter, wo Mirjam (zeitweise) verhindert ist, auch wenn
dieses Spiel ihn zugrunderichtet. Möglicherweise gilt hier dann
die Hoffnung, die Joseph Roth im Zusammenhang mit der Geisteskrankheit
seiner Frau seiner Schwiegermutter in einem Brief mitteilt: "Im
Gegenteil, es ist ihr [Friedl Roth] vielleicht nur dadurch zu helfen,
dass wir alle entschlossen sind, um den Preis ihrer Gesundheit zugrunde
zu gehen."29Das
wäre eine Haltung, die die Familie Singer Menuchim gegenüber
jedenfalls versäumt hat.
4.4 "Ein anderer Mendel"
Nach dem Gespräch mit dem Doktor und
dem Besuch in der Anstalts-Zelle "war es ein anderer Mendel" (H
160). Der Erzähler fragt, was "ihn so verändert" hat,
und lässt den Doktor antworten. "Seine Majestät, der Schmerz,
[...] ist in den alten Juden gefahren" (aaO.). "Aus, aus, aus
ist es mit Mendel Singer", ruft Mendel selber. "Er hat keinen Sohn, er
hat keine Tochter, er hat kein Weib, er hat keine Heimat, er hat kein
Geld" (H 162). Aus dieser Äußerung Mendels Vega
gegenüber wird deutlich, dass ihn gleichzeitig mit dem "Schmerz",
der als mythische Königs-Gestalt gesehen wird ("Seine
Majestät"), auch der radikale Zweifel an Gottes Bereitschaft zu
helfen und eine verzweifelte "Bitternis" überfallen haben: Der
zweimalige Ausruf "Gott kann helfen!" drückt blanken Hohn aus.
Weil er zum ersten Mal an die Stelle der "Ergebung" in Gottes Willen
die äußerste "Bitternis" Gott gegenüber setzt, kann
Mendel Singer zum ersten Mal auch den "Schmerz" ganz nahe an sich
herankommen lassen - wie dies Deborah wohl schon immer getan hat. Er
benutzt nicht mehr die Tora, die "Psalmen", Gebet und Ritus,
Frömmigkeit und religiöse Tradition als Schutzschild gegen
wahres, ungefiltertes Empfinden, sondern setzt sich voll der
zerstörerischen Wirkung der göttlichen Gegenwart aus. So
erscheint er plötzlich "allen" (!) "größer und
stattlicher", und der Erzähler reiht sich in die Gruppe der
ehrfürchtig Staunenden mit ein, wenn er von dem "weißen und
furchtbaren Glanz" redet, der "von seinem [Mendels] Angesicht
aus[ging]" (aaO.) - das helle, zerstörerische Licht der
göttlichen Schechina spiegelt sich in ihm. Und Mendel selber sieht
sich als mythische Gestalt, wenn er, statt "ich" zu sagen, von sich als
von "einem Mendel Singer" redet, von einem einzelnen also, der ein
Allgemeines darstellt und darin stellvertretend für andere steht (aaO.).
Als solchem hat Gott ihm noch nie geholfen.
In einem ersten Schritt auf dem Weg zu
"einem anderen Mendel", auf der Basis nicht der Gottlosigkeit, eines
aufgeklärten Atheismus, sondern der radikalen, bösen
Gottesfeindlichkeit und Schicksalsfeindlichkeit, kümmert sich
Mendel um seine Schwiegertochter Vega. Wenn Gott "einem Mendel Singer"
nicht hilft, dann hilft Mendel Singer wenigstens anderen Menschen: Er
tut, was er noch nie getan hat, er sagt dezidiert "ich" und verlangt
auf direktem Wege von seinen Mitmenschen etwas, ohne den Umweg
über das Gebet zu Gott zu nehmen: Sein Enkel "soll" nicht ohne
Vater sein, und seine (jüdische) Schwiegertochter "soll" nach dem
Tod von Schemarjah wieder heiraten (H 160 f.). Seinen
Sinneswandel legitimiert er Vega gegenüber:
"Wundere dich nicht, ich bin nicht
verrückt. Alt bin ich geworden, ein paar Welten habe ich zugrunde
gehn sehn, endlich bin ich klug geworden. Alle die Jahre war ich ein
törichter Lehrer. Nun weiß ich, was ich sage." (H 161)
Auf ihn trifft also zu, was Menuchim
prophezeit worden ist: Der "Schmerz" hat ihn "weise" und die
"Bitternis" "milde" gemacht (H 19). Und das weiß er
selber, das macht sein neues Selbstbewusstsein aus.
Das Prinzip, nach dem er sich in seiner
neu erworbenen "Klugheit" und "Weisheit" richtet, ist die
"Alles-ist-möglich"-Einstellung des ukrainischen Bauern
Sameschkin. Er lebt, denkt und empfindet nun außerhalb der
rabbinischen Orientierung am Gesetz und am "Ideal des gewöhnlichen
Juden" (s.o.), in einem Bereich "jenseits des Zaunes": Seine
Schwiegertochter "soll" nämlich einen Nicht-Juden, den Amerikaner
Mac, heiraten (dessen Heirat mit seiner Tochter Mirjam er jahrelang
schweigend verhindert hat, vgl. H 142) - "nicht den Mister
Glück" (der vielleicht ein Jude ist).
4.5 Theodizee? Mendels allmächtiger
und allböser Gott
Damit geht Mendel Singer in seiner
Reaktion auf die Schicksalsschläge, die Gott ihm - seinem Glauben
nach - zufügt, wesentlich weiter als der Hiob der Hebräischen
Bibel. "Einem Freund, der [Roth] bei vieler ehrlicher Anerkennung
darauf hinwies, dass der Inhalt des Romans Hiob sich nicht mit dem
Titel decke, da der biblische Dulder um seinen Gott gerungen und ihn
wiedergefunden, ihn eigentlich nie verloren habe, antwortete er [Roth]
kurz und ein wenig verbittert, so als spräche er von sich selbst:
'Mein Hiob findet ihn nicht.'"30 Mendel Singer bietet wirklich eine radikale,
eine "finstere" Lösung der Theodizee-Frage.
In diesem Zusammenhang ist ein Hinweis
darauf notwendig, dass sich im Rahmen der jüdischen
religiösen und theologischen Tradition seit jeher die
Theodizee-Frage radikaler gestellt hat als innerhalb der christlichen.
Die Frage danach, wie Gott die schreiende Ungerechtigkeit in der Welt
legitimieren kann und wieso z.B. gerade "guten Menschen Böses
widerfahren" kann, ohne dass bis zur Grenze ihres Todes die
Gerechtigkeit wiederhergestellt, das Gute wieder in sein Recht gesetzt
wird, wird durch christliche Jenseits-Hoffnungen entschärft: Die
platonische Tradition im Christentum, die das Diesseits entwertet
zugunsten einer jenseitigen, 'eigentlichen', 'wesenhaften' Welt,
lässt Gott in der 'zukünftigen Welt' gewissermaßen noch
Zeit genug, dem "guten Menschen" zu seinem Recht und zur Befriedigung
darüber zu verhelfen. Jüdische Frömmigkeit dagegen in
ihrer radikalen Diesseits-Orientierung misst Gottes Gerechtigkeit
durchaus an dem, was als menschliches, irdisches "Glück", mit dem
theologischen Begriff: als "Segen", bezeichnet wird, der
Vertröstungseffekt fehlt - fehlt auch im Hiob-Buch der
Hebräischen Bibel und in Joseph Roths "Hiob".
Der Bostoner Rabbiner Harold Kushner
bringt das jüdische (und 'nachplatonisch'-christliche)
Hiob-Dilemma präzis zum Ausdruck31Von den drei Aussagen "Gott ist allmächtig"
und "Gott ist allgütig" und "Hiob ist ein guter Mensch"
können immer nur zwei richtig sein, wenn der Name "Hiob" den
Schmerzensmann meint, von dem in der Bibel die Rede ist. Da die Aussage
über Hiob 'empirisch' überprüfbar ist, während die
beiden anderen Aussagen allgemeine metaphysische Sätze sind, die
im Einzelfall des Hiob sich widersprechen, muss einer der beiden
metaphysischen Sätze falsch sein: Entweder ist Gott nicht
allmächtig oder nicht allgütig. Der Jerusalemer jüdische
Theologe Schalom Ben-Chorin versucht zu zeigen, dass der Hiob des
biblischen Hiob-Buchs den Widerspruch der beiden Sätze
aushält, indem er sich - in 'paradoxer Kommunikation' - bei
Gott über Gott beklagt: "Er wendet sich von dem
zürnenden Gott zum gerechten Gott, also von Gott zu Gott."32 So
verhält sich noch Jossel Rackower im Warschauer Ghetto in der
Stunde, bevor er durch das Artilleriefeuer der Deutschen umgebracht
wird, wenn er sich anklagend an den "Gott Israels" wendet, an den er
glaubt, "auch wenn er [dieser Gott] alles getan hat, mich an ihn
unglauben zu machen": "Gott vun Isroel, ich bin antlofen aher, kedej
[hierher geflohen, dass] ich sol Dir kennen umgestert dienen, folgen
Deine Geboten un hejligen Dein Nomen; Du, ober, tust alles as ich sol
in Dir nit glojben." 33. Zwar glaubt auch Joseph Roths Mendel Singer
noch an den Gott, der alles getan hat, ihm seinen Glauben auszutreiben,
aber er hält den Widerspruch zwischen Allgüte und Allmacht
nicht mehr aus, sondern entscheidet sich - umgekehrt wie der Bostoner
Rabbiner Harold Kushner - 'für' den allmächtigen Gott, der
dann aber 'allböse' ist.
Als - in Parallele zur biblischen
Hiob-Erzählung - die Freunde "Hiob"-Mendel besuchen, um mit ihm
über sein Leiden zu sprechen, entgegnet er auf Skowronneks
klassische Lösung der Theodizee-Frage ("Gottes Schläge"
hätten "einen verborgenen Sinn"):
"Ich aber weiß es, [...] Gott
ist grausam [...]. Er ist mächtiger als die Mächtigen, mit
dem Nagel seines kleinen Fingers kann er ihnen den Garaus machen, aber
er tut es nicht. Nur die Schwachen vernichtet er gerne. Die
Schwäche eines Menschen reizt seine Stärke, und der Gehorsam
weckt seinen Zorn. [...] Befolgst du die Gesetze, so sagt er, du habest
sie nur zu deinem Vorteil befolgt. Und verstößt du nur gegen
ein einziges Gebot, so verfolgt er dich mit hundert Strafen. Willst du
ihn bestechen, so macht er dir einen Prozess. Und gehst du redlich mit
ihm um, so lauert er auf die Bestechung." (H 164 f.)
Dieser Gott ist ein totalitärer,
brutal darwinistisch denkender und handelnder Diktator, ein Sadist,
dessen größtes Vergnügen darin zu bestehen scheint,
dass er Mendel nun gerade nicht - wie die anderen - umbringt, sondern
als ewigen Juden Ahasverus, der nicht sterben kann, weiterleben
lässt: "Alle Pfeile aus seinem [Gottes] Köcher haben mich
schon getroffen. Er kann mich nur noch töten. Aber dazu ist er zu
grausam. Ich werde leben, leben, leben." (H 168) Für
Mendel gilt so im übertragenen Sinn, was für den
körperlich und geistig behinderten Menuchim wörtlich galt:
"[..] meine Haut ist schon verbrannt, meine Glieder sind schon
gelähmt, und die bösen Geister sind meine Freunde. Alle
Qualen der Hölle habe ich schon gelitten." (H 16934)
Endgültig haben Gott und Teufel die Rollen getauscht (H 169).
Mendels Reaktion: In "Hass" (H 172)
auf den brutalen Gott, aber andererseits auch in "großem
schmerzlichem Jubel", Klarheit geschaffen und ein neues Leben begonnen
zu haben (H 163), beginnt er die Symbole seiner
jüdischen Identität - "Gebetriemen" (T'fillin), "Gebetmantel"
(Tallit) und "Gebetbücher" - im "Feuer auf der offenen Herdplatte"
zu verbrennen (H 162). Dazu singt ("brüllt") und tanzt
("stampft") er, äußerlich in der Tradition des chassidischen
Betens, innerlich aber mit aller jüdisch-religiösen Tradition
brechend. Er beteiligt sich hinfort nicht mehr am Gebet der anderen -
"selbst das Totengebet sagte er nicht" (H 169).
4.6 Die Apostasie des "Auserkorenen"
Kapitel 13 endet (wie später dann
Kap. 14, 15 a, 16, s.u.) damit, dass Mendel Singer nach einer
durchwachten Nacht einschläft (H 170), erschöpft
von dem aufregenden, in Bezug auf Gott aggressiven Gespräch mit
den Freunden, erfüllt von dem Gefühl, nicht nur lebendig tot,
sondern einerseits vernichtet, andererseits als Vernichteter zum
Ewig-Leben verdammt zu sein (H 154/168). Auch in der Nacht
nach dem Kol-Nidre-Gebet, das er verweigert hat, kann er nicht
einschlafen, ist hellwach, unruhig, "böse auf Gott" (H 175)
- der Erzähler bietet kein Anzeichen dafür an, dass Mendel
wirklich "verrückt" ist, einen "Wahn" hat. Das nehmen aber die New
Yorker Juden an, entweder verfügt er ihrer Meinung nach "nicht
mehr über seinen ganzen Verstand", oder er ist "ein Auserkorener",
oder beides in einem - dann gilt ihm die "Andacht vor der Heiligkeit
des Wahns". Im Unterschied zu früher, als er "von wenigen
beachtet, von manchen gar nicht bemerkt", gelebt hat (H 171),
gibt es jetzt jedenfalls "keinen mehr, der ihn nicht kannte".
"Ausgezeichnet in einer fürchterlichen Weise", wird er für
sie "in dem Kampf, den er gegen den Himmel führte" (H 170),
zum Stellvertreter "aller Juden". "Als erbarmungswürdiger Zeuge
für die grausame Gewalt Jehovahs lebte er in der Mitte der
anderen" (aaO.), "der Auserkorene" im Kreise des
'auserkorenen, auserwählten Volkes', wie ehemals Menuchim in der
Mitte der einen, exemplarischen Familie.
Mendel ist wohl bereits zu Beginn des
Romans auf bestimmte Weise als mythische Figur gezeichnet. Seine
Charakterisierung entspricht dort einem Märchen-Motiv, dem des
"armen, einfachen, namenlosen Mannes" - auch die Zeitangabe, mit der
der Roman beginnt ("Vor vielen Jahren...") soll ja wohl an den
"Es-war-einmal"-Anfang des Märchens erinnern. Spätestens vom
14. Kapitel an ist Mendel dann eine heroische, exzeptionelle Figur,
deren Name noch in Jahrhunderten genannt werden wird. Allerdings ist er
nicht der Held einer Heldensage, sondern einer Legende, denn wenn "die
anderen" ihn für "auserkoren" halten, dann doch "auserkoren" durch
Gott oder um Gottes willen, und sie bescheinigen ihm ja auch explizit
"Heiligkeit". Und der Erzähler? Er attestiert Mendel zwar nicht
selber die "Heiligkeit", aber er betont den "Kampf, den er [Mendel]
gegen den Himmel führte", "gegen überirdische Gewalten" (H
171), so dass er zu so etwas wie einer Gegenfigur zu der
christlichen Legenden-Gestalt des St. Michael wird, der den Kampf mit
dem Drachen (dem Teufel) führt. Mendel legt Gott auf die
Ausschließlichkeit des destruktiven Machtwillens fest ("der Vater
war mächtig und böse, keine andern Laute kamen über
seine Lippen als Donner", H 173), zwar empfindet er die
eigene "Machtlosigkeit", nimmt aber trotzdem unermüdlich den Kampf
auf. Natürlich verrät sich in dieser reinen Negation die nach
wie vor vorhandene Fixierung auf die ursprüngliche 'Position', auf
die jahrzehntelang gelebte Frömmigkeit. Und deutlich offenbart
sich hier auch, dass seit jener Nacht (H 45), in der Mendel
sich Deborahs "Hässlichkeit" ("Hass"!) und "Bitterkeit"
"einverleibt" hat, diese "finstere" und wilde, gewaltförmige Art
der Frömmigkeit in ihm gewachsen ist und nun zum Ausbruch kommt.
Allerdings will er Gott nicht magisch zwingen, dass er ihm zu Willen
ist, sondern gewissermaßen dialogisch, wenn auch 'nonverbal': Wo
er früher "Guten Morgen, Vater!" gesagt hat, "ärgert" er nun
Gott (H 170), einerseits durch Verweigerung, andererseits
durch gezieltes Sündigen, z.B. durch "Schweinefleischessen" im
italienischen Viertel (aaO.) oder - schlimmer , indem er
seine körperliche Teilnahme am Gebet als "zehnter Mann" für
Geld verkauft - den Zusammenhang zwischen "Geld" und "Sünde"
boshaft berücksichtigend (H 141).
lässt sich sagen, dass Mendels
dialogisches Verfahren auf der Basis seines früheren unmittelbaren
Kontaktes zu Gott im Unterschied zu Deborahs magischen Versuchen von
Erfolg gekrönt ist? Gewinnt er den mit seinen ohnmächtigen
Mitteln geführten "Kampf gegen den Himmel" - lässt Gott sich
von ihm überzeugen? Es scheint so - jedenfalls wird derjenige von
einem Erfolg Mendels sprechen, der - wie Skowronnek und die anderen
Freunde (H 208) - Menuchims erlösendes Erscheinen als
"Wunder" bezeichnet, als Ereignis auf der Ebene einer
Legenden-Erzählung.
Der sabbatianische Mystiker Nathan von
Gaza (17. Jh.) schreibt, "dass der Erlöser [der Messias] in der
Bibel mit dem Namen Hiob genannt wird"35, und zwar meint er das, weil Hiob nicht nur -
wie z.B. Abraham - den Prototyp der bloßen, undialektischen
"Frömmigkeit und Gottesfurcht" verkörpere, sondern einer
"Frömmigkeit", die durch die Erfahrung des "Bösen"
hindurchgegangen sei. Die im Bereich des Ostjudentums im 17.
Jahrhundert wirkungsmächtige religiöse Bewegung des
Sabbatianismus, die im 18. Jahrhundert dann von der des Chassidismus
abgelöst wird, aber ihre untergründige Wirkung nicht
verliert, geht von dem Grundgedanken aus, der Messias - wie auch seine
Anhänger - müsse durch die tiefsten Niederungen der
Sünde hindurchgehen. Damit sind z.B. Handlungen im rituellen
Bereich gemeint, die direkt der Tora widersprechen. Solche Handlungen
(z.B. also Mendels Schweinefleichessen in New York) bekommen
"sakramentalen Charakter". Vor allem aber schreibt der Sabbatianismus
dem Messias einerseits sexuelle Ausschweifungen zu (die im Roman
"Hiobs" Tochter und weibliches alter ego Mirjam
repräsentiert) und andererseits die äußerste
Sünde, die Apostasie. So wird der Messias zum "lebendigen Urbild
jenes Paradoxons des heiligen Sünders"36 - das Unheil und Un-Heilige ist notwendige
Voraussetzung des Heils.
Mendel-Hiobs Apostasie in New York, die
"Heiligkeit seines Wahns", lässt sich im Rahmen dieser
ostjüdisch-mystischen Tradition verstehen. Mendel stellt sich auf
die Seite des "Teufels", der "gütiger als Gott ist", er ist schon
in der Hölle, "und die bösen Geister sind [seine] Freunde" (H
169). Genau dies bringt ihn in die mythische Rolle eines
Stellvertreters, der als erster den Weg der Erlösung konsequent
geht.
Aber: Mendels Beispiel mag anderen, die
sich an ihm orientieren, zur Erlösung von ihrem Leid verhelfen -
hat er sich durch seine Apostasie bereits auch selbst erlöst, oder
braucht er nicht vielmehr noch den von außen kommenden
Erlöser?
4.7 Mendel auf der Schwelle zwischen den
"Welten"
Die Apostasie ist nur die eine Seite von
Mendels Entwicklung. Sein Kampf gegen den gewalttätigen Gott geht
ja nicht so weit, dass er diesen, wie er es zunächst vorhat und
ankündigt, wirklich - wenigstens symbolisch - "verbrennt" und
damit vernichtet, so wie dieser Gott, seiner Überzeugung nach,
seine Familie und ihn vernichtet hat:
"Sein Herz war [zwar] böse auf
Gott, aber in seinen Muskeln wohnte noch die Furcht vor Gott. [...] Nun
weigerten sich die Hände, Mendels Zorn zu gehorchen. Nur der Mund,
der so oft gebetet hatte, weigerte sich nicht. Nur die Füße,
die oft zu Ehren Gottes beim Halleluja gehüpft hatten, stampften
den Takt zu Mendels Zorngesang." (H 163)
Wenn Mendel seine "Gebetsutensilien"
realiter verbrennen würde, dann würde er alle Brücken zu
seiner Vergangenheit, zur jüdischen Religion und Tradition, zu
dem, was ihm "Heimat" bedeutet hat, hinter sich abreißen, er
stünde im Nichts - wie Deborah nach der mystischen Erfahrung des
Nichts, wie die Söhne und die Tochter, die um der Assimilation
willen alle Bindung nach rückwärts aufgegeben haben. Mendel
verbrennt im "Zorn" die Symbole seiner heimatlichen Religiosität
nur in der Phantasie (H 162); den Sack mit den drei Symbolen
"rührte Mendel [zwar] nicht mehr an", aber er nimmt ihn mit sich
in sein neues Domizil (H 170) wie auch später aus
Skowronneks Hinterzimmer ins Astor Hotel (H 210, Ende Kap. 15 - H
210, Beginn Kap. 16). Das heißt, er hat verstanden, worum es
in der Situation geht, in der "geistige Grundlagen für eine neue
Welt" gefunden werden müssen: Es geht darum,
- die Schwellensituation auf dem Weg von
der einen Zeit in die andere, von der einen Welt zu der anderen zu
realisieren,
- die Inhalte der Tradition nicht aus
dem Gedächtnis zu verlieren, aber nicht in der Funktion als
Gesetz, als "Nomenklatur", als Ideologie, sondern als unverzichtbarer
Boden unter den Füßen, als etwas, was einen mit den anderen
verbindet, als Zeichensystem, in das die Erfehrungen von Jahrtausenden
eingegangen sind,
- aber auch den im "Herzen" sich
regenden "Schmerz" über die Leiden der Gegenwart zu beachten, aus
dem allererst "Weisheit" entstehen kann, der zunächst aber "Zorn
und Hass, Gekränktsein und Bitterkeit" verursacht und dabei Klang
und Rhythmus (in "Mund" bzw. "Füßen") des menschlichen
Redens (und Schreibens) freisetzt.
Von nun an lebt Mendel diese
Schwellensituation, ohne es zu merken: Unter den Juden in New York
spielt er die Rolle des "lieben Gottes in Russland", der sich für
"die kleinen Sachen interessiert", allerdings nicht wie dieser
unverstanden und ungefragt, sondern auf Wunsch der Nachbarn, in
Solidarität mit ihnen und ihren kleinen alltäglichen
Nöten. Immer wieder geht es dabei - metaphorisch - um die
versuchte, gelingende oder misslingende Öffnung eines Zugangs nach
draußen, heraus aus dem umzäunten Gehege der Tradition:
Morgens früh muss Mendel in Skowronneks Musikalien-Handlung "den
Laden aufsperren" (H 173), mehrmals am Tag lässt er sich
den Auftrag geben "Mendel, lauf hinaus" - und singt dann z.B. beim
Schaukeln der Wiegen fremder Säuglinge in Erinnerung an
früher - in einer Bewegung nach rückwärts, nach innen -
sein altes Schöpfungs-Lied für Menuchim (H 174 - H 47).
Auch in der Morgendämmerung nach Kol Nidre "verließ [er] die
Stube, öffnete den Laden, trat [hinaus] ins Freie" (H 176)
- kehrt aber schnell wieder über die Schwelle zurück, weil er
die Furcht vor dem allmächtig-bösen Gott ( = "Isprawnik",
Polizeichef, H 165) auf den Nachtwache-Polizisten projiziert
hat.
5. Der Roman-Schluss - Wunder? Messias?
Kunst!
Ausgerechnet nach der Nachricht über
das Ende des Weltkriegs dreht sich die Bewegungsrichtung dann um:
Während die Menschen im Juden-Viertel "fortgegangen" sind, um den
Frieden zu feiern, ist Mendel in Skowronneks Schallplatten-Laden allein
zurückgeblieben, hört sich "neue Lieder aus Europa" auf
Schallplatten an, die gerade eben erst aus Europa in Skowronneks Laden
eingetroffen sind und so ihren Weg zu Mendel gefunden haben -
eigentlich nur "Menuchims Lied", dessen Titel und Komponist er noch
nicht kennt (H 179). Und dann bewegt sich noch mehr auf
Mendel zu, es "füllte sich der Laden mit den verspäteten
Nachbarn", alle strömen zu Mendel herein und hören mit ihm
zusammen "Menuchims Lied" - "sechzehnmal", der Anzahl der Kapitel des
Romans entsprechend. In der Zwischenzeit ist Mendel - erneut - "ein
anderer Mensch" geworden (H 183). Wo sich im biblischen
"Hiob"-Buch Gott dem Hiob nähert, zu ihm spricht und ihn
auf das unlösbare Rätsel der Welt hinweist, hört
Mendel-Hiob jetzt in mystischem Erleben Musik und darin "die
ganze Welt". Mehrere Musik-Erlebnisse bzw. Erinnerungen
mischen sich in ihm und bewirken die Wandlung: Während für
Jonas und Schemarjah "der Singsang der lernenden Kinder" im Chejder in
Zuchnow damals "alles", ihre ganze Welt "bedeutet und enthalten" hat (H
39, ebenfalls in einer 'Schwellensituation'!), "bedeutet und
enthält" nun für Mendel das Lied aus dem "Grammophon" - das
wohl autobiographisch die Lebensgeschichte des vom Krüppel zum
Musik-"Genie" gewandelten Menuchim erzählt (H 179 f.) -
nicht mehr nur seine Welt, sein "Alles", sondern
"die ganze Welt":
- Es enthält den Schrei der
gequälten Kreatur, das "klägliche Wimmern" des Krüppels,
das in Mendels Erinnerung auftaucht als "Menuchims, seines eigenen
Menuchims, einziges, längst nicht mehr gehörtes Lied" (H
180),
- es enthält - in Umkehrung der
Situation in Zuchnow, wo der Tora"Singsang" der Kinder und ihres
Melamed auch "die Wimmertöne Menuchims" (H 39) mit
einschloss - als "Menuchims Lied" nun auch den Klang des biblischen
"Singsangs" und evoziert damit die "ganze Welt" des Ostjudentums,
- und es enthält natürlich
auch das "alte Lied", das Mendel in New York beim "Wiegen fremder
Säuglinge" singt (H 174), "ein sehr altes Lied: 'Sprich
mir nach, Menuchim: ''Am Anfang schuf Gott Himmel und Erde'', sprich es
mir nach, Menuchim!'" (H 174/47), und geht damit
buchstäblich bis an den Anfang der "ganzen Welt" zurück, der
Welt, die von Grund auf so beschaffen ist, dass unerträgliches
Leiden wie das Menuchims, Mendels und seiner Familie wesentlich zu ihr
gehört und in einer zweiten Schöpfung überwunden werden
muss.
Mendel "hört die ganze Welt" als
Lied auf einer Schallplatte, wie sie als Erzählung auch in einem
Buch zu finden sein könnte - im "Hiob"-Roman wohl zu finden ist.
Ein Kunstwerk spiegelt sich in einem anderen Kunstwerk und stellt auf
diese Weise "die Welt" so dar, dass alle sagen können "Ein
schönes Lied" (H 180) und stellt "die Welt" zugleich in
Frage, so dass sich "Weinen" einstellen kann (H 179). Im
Medium des Kunstwerks - im "Singen" und im "Hören" - scheint die
Balance möglich zu sein, die "einen Mendel Singer" - einen wie
Mendel Singer - die Welt der Gegenwart aushalten lässt:
Die "ganze Welt" 'draußen', "auf
materiellen, politischen und sozialen Gebieten"37, in die
hineinzugehen Mendel immer vermieden hat, ist "tödlich", das hat
er an drei Kindern, an seiner Frau und auf diesem Weg auch an sich
selber erfahren. Die "ganze Welt" 'innen' und 'im Grunde', "auf
geistigem und geistig-moralischem" Gebiet, die durch die Welt der
Symbole in alten, heiligen Büchern und Riten ausgedrückt
wird, hat sich ebenfalls als mörderisch erwiesen, da sie
offensichtlich der allgemeinen Weltkriegs- und Nachkriegs-Vernichtung
'draußen' ihre erlösende Macht nicht entgegensetzen will
(oder kann). Mendel kann nicht mehr zurück in seine
Frömmigkeit, denn "Wunder, wie sie am Schluss von Hiob berichtet
werden", gibt es nicht, weder Schemarjah noch Deborah werden "sich aus
dem Grab erheben" (H 166 f.), bis zum Schluss des Romans
findet er seinen früheren Glauben an einen gütigen Gott nicht
wieder - der Erzähler vermag keine Szene zu erzählen, die den
früheren Klage- oder Jubel-Szenen (H 74 ff., 136 f.)
entsprechen würde. Mendel kann aber auch nicht in die Welt
'draußen' hineingehen, ohne dass er nochmals vernichtet
würde. Das weiß er allerdings nicht selber. Für "die
Neuigkeiten der Welt" interessiert er sich in seinem Zustand des
Lebendig-Totseins ja nicht (H 178). So greift er alte
Pläne wieder auf, nach Russland zu fahren, und steigert sich in
traurig-schöne Phantasien hinein: er möchte sich zu dem
totgeglaubten Menuchim auf dem Friedhof in Zuchnow hinlegen, "um hier
für ewig einzuschlafen" (H 187) - nicht bedenkend, dass
er 1918/1919 in Russland in die Revolutionswirren hineingeraten
würde und dass die russische "Welt", die er kennt,
"zugrundegegangen" ist (H 161).
So läuft die Geschichte von Mendel
mit Notwendigkeit auf eine Katastrophe hinaus, entweder, 'innen', in
ein ahasverisch-einsames, vernichtetes und verzweifeltes Weiterleben (s.o.)
oder, 'draußen', in eine abermalige zerstörende
Desorientierung wie schon einmal nach einem Exodus. Retten kann Mendel
nur 'Kunst' - Erzählungen, Lieder, Bilder, auch bloße Bilder
der Phantasie, Tagträume, von denen allen der RomanSchluss
vielfach handelt , und zwar dann, wenn diese 'Kunst' Geschichten von
"ganz kleinen Sachen" so erzählt, dass darin "die ganze Welt"
aufscheint. Die Geschichten müssen nicht erfunden werden, sie
können überall aufgelesen werden, wo sie zu beobachten sind.
Der "liebe Gott in Russland" ist da auf dem richtigen Weg - er
müsste nur die von ihm selber gestellten Fragen nach der
Geschichte der Fliegen, Brotkrümchen, verrosteten Nägel,
Löcher in den Schuhsohlen selber beantworten38. Mendel
brauchte nur die "vielen Sachen", die er in den Taschen des "Kaftans"
trägt, weil er anderen einen Gefallen tut (H 178), zu
nehmen und ihre Geschichte zu erzählen. Immerhin nimmt er "das
rotsamtene Säckchen" überallhin mit - vielleicht, weil er
weiß, dass darin auch "sein altes, schwarzes und schweres
[Gebet-]Buch [liegt], das in seinen Händen heimisch war"; er
könnte die vielen Geschichten erzählen, die verborgen, aber
auch beobachtbar sind in der "ledernen Glätte des Einbands mit den
erhabenen runden Inselchen aus Stearin, den verkrusteten
Überresten unzähliger längst verbrannter Kerzen" und den
"unteren Ecken der Seiten, porös, gelblich, fett, dreimal gewellt
durch das jahrzehntelange Umblättern mit angefeuchteten Fingern" (H
74 f.). Joseph Roth, der Autor des "Hiob" wie der "Flucht ohne
Ende", bekennt sich im "Vorwort" zu dem Roman von 1927 zu dieser
Methode: "Ich habe nichts erfunden, nichts komponiert. Es handelt sich
nicht mehr darum zu 'dichten'. Das wichtigste ist das Beobachtete."39
Mit der Szene in Skowronneks Musikladen
könnte der Roman enden. Mendel hat das Wunder erlebt, das ihn
retten konnte - "Skowronnek, der ihn am besten kannte", bestätigt
es: "Seitdem die neuen Platten gekommen sind, ist unser Mendel ein
anderer Mensch." (H 183, s.o.) "Eines Tages war der Krieg
wirklich zu Ende" - auch Mendels "Welt"-Krieg gegen den mächtigen
unbarmherzigen Gott. Der Erzähler parallelisiert offenkundig den
Beginn der Nachkriegs-Zeit in der politischen Entwicklung und in
Mendels Leben, "die Heimkehr der Regimenter" von den europäischen
Kriegsschauplätzen und die Ankunft der "neuen Lieder aus Europa" (H
178 f.). "Ein kleiner stiller Friede kam über ihn [Mendel]",
schon bevor er das Menuchim-Lied gehört hat (aaO.).
Hat Mendel seinen Krieg "gegen den
Himmel", gegen "Jehovah" (H 170) nun gewonnen, den "Kampf",
den er stellvertretend für die anderen geführt hat? Oder
kommt der "kleine stille Friede" über ihn, weil er den Kampf
aufgegeben hat? Eine Entweder-Oder-Antwort ist wohl nicht möglich.
Jedenfalls wird nun bis zum Schluss des Romans Mendels "Klein- und
Geringsein", seine "Baufälligkeit" (H 178) immer wieder
betont; er ist mit seinen Kräften am Ende, die
Schicksalsschläge und der Kampf gegen Gott haben ihn eigentlich
vernichtet. Die Rettung, Erlösung durch "Menuchims Lied" nimmt ihn
zum "Glück" (H 208) vom Kriegsschauplatz: Nach dem Ende
des Weltkriegs ist ja auch der Allmacht-Gott, der sich um "die
Koalition zwischen Generälen und Chemie" gekümmert und
"Gasmasken gesegnet" hat, entmachtet40, er kann sich jetzt dem Spazierengehen und der
Beschäftigung mit den "ganz kleinen Sachen" widmen. Gegen einen
solchen Gott sich aufzulehnen, ihn zu bekämpfen, macht keinen Sinn
mehr. In der Nachkriegszeit stellen sich neue Aufgaben, gibt es
vielleicht die Chance zu einer "neuen Welt"...
Mendel Singer erlebt die "geistigen
Grundlagen für eine neue Welt" nur noch passiv, er hat an ihnen
Anteil, sofern sein Sohn, der sie in und mit dem Geist seiner Musik zu
schaffen versucht, "von ihm kommt". Das "Wunder", das im
persönlichen Erscheinen Menuchims liegt, bestätigt nur noch
einmal das "Wunder", das sich bereits durch "Menuchims Lied" vorher
vollzogen hat. Sein 'leibhaftiges' Erscheinen gibt dem jungen Musiker
die Möglichkeit, in einer symbolischen Handlung zu zeigen, worauf
es ankommt: So wie der Vater ihn, den armseligen Krüppel Menuchim,
früher aus der Ecke "hochgehoben" und "auf seine Knie gesetzt" (H
46) und wie er versucht hat, ihn von seinem Elend zu erlösen,
so bemüht sich nun der Sohn um den Vater, "hebt ihn hoch und setzt
ihn auf den Schoß, wie ein Kind":
"Jetzt sitzt Mendel auf dem Schoß
seines Sohnes, lächelt in die Runde, jedem ins Angesicht. Er
flüstert: 'Der Schmerz wird ihn weise machen, die Bitternis mild
und die Krankheit stark.' Deborah hat es gesagt." (H 207)
Diese zugleich weise, milde und starke
Geste des Sohnes drückt einerseits die liebende, erlösende,
das Elend und Unrecht der Welt wiedergutmachende Zuwendung zum Vater
aus, andererseits aber auch das Selbstbewusstsein des Sohnes, der im
Elend des Vaters auch den Untergang der alten Welt erkennt und
weiß, dass eine neue Zeit, auf einer neuen Basis, entstehen muss.
In Menuchim stellt Joseph Roth sich und seine Generation dar: "Wir" -
schreibt er 192541- "wir wussten mehr als die Greise, wir waren die
unglücklichen Enkel, die ihre Großväter auf den
Schoß nahmen [!], um ihnen Geschichten zu erzählen." "Der
Vater, der seinen Sohn verloren hat, weiß von der Zerstörung
weniger als sein toter Sohn. [...] Es ist immer noch ein Unterschied,
ob man etwas am eigenen Leib oder an dem seiner Söhne erlebt hat.
Wir sind die Söhne. [...] In einer einzigen Minute, die uns vom
Tode trennte, brachen wir mit der ganzen Tradition [...]. In einer
einzigen Minute wussten wir mehr von der Wahrheit als alle
Wahrheitssucher der Welt."42
So stellt sich - spätestens - zum
Schluss Menuchim als die Hauptfigur heraus, auf die der Roman
hinausläuft. Allerdings scheint "der Sohn" (mehrmals so im letzten
Kapitel) Joseph Roth 1929/1930 noch skeptischer geworden zu sein als
1925, mehr an der Möglichkeit einer Rettung vor "den Lawinen, die
langsam heranrollen", und einer "neuen Kultur"43 zu zweifeln als fünf Jahre zuvor. Aus
welchem Grunde sonst kann die revolutionäre Veränderung, die
sich in Menuchim abgespielt hat - vom Krüppel zum Genie und zum
exemplarischen Mitmenschen, und der Wechsel im Selbstverständnis
zwischen den Generationen als "Wunder" erscheinen - als etwas, was nur
in messianischem Zusammenhang möglich ist, wie dies Menuchims
wunderbares Erscheinen bei der Seder-Feier zeigt? (H 196 f.44)
Mendel, der Vater, der den messianischen
Sohn später in den Kreis der versammelten Juden hereinlässt,
sitzt, "um zu zeigen, dass er sich für den Geringsten unter den
Anwesenden hielt", "am Ende des Tisches" im Hause der Skowronneks. Dort
gilt seine Sorge eigenartigerweise "dem Gleichgewicht zwischen der
Tischplatte und ihrer künstlichen Verlängerung" durch ein
gehobeltes Brett (H 194) - ein Indiz für die
"künstliche Verlängerung" des Romans? Das messianische
Wunder, das "geistige Grundlagen für eine neue Welt" inszeniert -
"Kunst" oder "künstlich"?
ANMERKUNGEN
1
H 8: "Das Leben verteuerte sich von Jahr zu Jahr. Die Ernten
wurden ärmer und ärmer..."; vgl. - auch stilistisch - Juden
auf Wanderschaft (JaW): KiWi 81, S. 11 ff.: "In schmutzigen
Straßen, in verfallenen Häusern leben die [Ost-]Juden. Der
christliche Nachbar bedroht sie. Der Herr schlägt sie. Der Beamte
lässt sie einsperren. Der Offizier schießt auf sie, ohne
bestraft zu werden. Der Hund verbellt sie, weil sie mit einer Tracht
erscheinen, die Tiere ebenso wie primitive Menschen reizt. "
2
Vgl. auch JaW 13 f.
3
Oda Voss, "Hiob. Roman eines einfachen Mannes" - Joseph Roth und das
Ostjudentum, in: Exil 9, 1989, S. 19 - 41; hier S. 19
4
Vgl. Hiob 1, V. 8 in der Hebräischen Bibel: "es ist seinesgleichen
nicht im Lande"
5
Vgl. Jesaja 52/53: "Schmerz, Hässlichkeit, Krankheit"
6
JaW: JRW 5, S. 889 /KiWi 81, S. 71
7
Zum Golem-Mythos vgl. Gershom Scholem, Die Vorstellung vom Golem in
ihren tellurischen und magischen Beziehungen, in: G.Sch., Zur Kabbala
und ihrer Symbolik, Zürich 1960/6. Aufl. 1989 Frankfurt/Main
[Suhrkamp = stw 13], S. 209 - 259
8
David Bronsen, Joseph Roth. Eine Biographie, Köln 1974, S. 341
9
Gershom Scholem, Drei Typen jüdischer Frömmigkeit (1973). In:
Lust an der Erkenntnis. Jüdische Theologie im 20. Jahrhundert,
München/Zürich 1988, S. 300 ff.; hier (und in den folgenden
Zitaten): S. 308
10
aaO. S. 309
11
Esther Steinmann, Von der Würde des Unscheinbaren. Sinnerfahrung
bei Joseph Roth, Tübingen 1984, S. 23 f.
12
Gershom Scholem (1973), Drei Typen jüdischer Frömmigkeit,
aus: Judaica IV, (©) 1984 Suhrkamp Verlag Frankfurt am Main, in:
Schalom Ben-Chorin/Verena Lenzen (Hg.), Lust an der Erkenntnis:
Jüdische Theologie im 20. Jahrhundert, München/Zürich
1988 (= Serie Piper 879), S. 300 ff.; hier wie in den beiden folgenden
Zitaten S. 312
13
aaO. S. 311 f.
14
"Spräche ich: Finsternis möge mich decken! / so muss die
Nacht auch Licht um mich sein..."
15
Gen 18, 10-15 und 21, 1-7
16
z.B. Gen 4, 1
17
Verbunden mit "Schmerz" sind "Hässlichkeit, Bitterkeit, Krankheit"
die Leidens-Attribute Menuchims (H 19), so dass auch dessen
Leidensgestalt Mendel in diesem Augenblick "einverleibt" wird -
allerdings fehlt Mendel bis zu Mirjams Katastrophe (H 157 ff.)
der "Schmerz" in seiner vollen Intensität.
18
Vgl. J. Roth in seiner stilisierten Biographie in seinem Brief an G.
Kiepenheuer vom 10.6.1930, in: Joseph Roth, Briefe 1911 - 1939, hrsg.
u. eingel. v. Hermann Kesten, Amsterdam/Köln 1970, S. 167 f.: "Als
der Krieg ausbrach [...]. Ich meldete mich endlich freiwillig zum 21.
Jägerbataillon. Ich wollte nicht dritter Klasse fahren, ewig
salutieren, ich wurde ein ehrgeiziger Soldat, kam zu frü ins Feld,
an die Ostfront, ich meldete mich in die Offiziersschule, ich wollte
Offizier werden. Ich wurde Fähnrich. Ich war bis zum Ende des
Krieges an der Front, im Osten. Ich war, streng und ehrgeizig." Vgl.
dazu den Bericht ders Ich-Erzählers in dem Roman "Die
Kapuzinergruft" (1938): "Ich war Fähnrich in der Reserve. Knapp
zwei Jahre vorher hatte ich mein Bataillon, die
Einundzwanziger-Jäger, verlassen. Es schien mir damals, dass der
Krieg durchaus gelegen käme. In dem Augenblick, in dem er nun da
war und unausbleiblich, erkannte ich sofort - und ich glaube, auch alle
meine Freunde dürften es genauso schnell und so plötzlich
erkannt haben-, dass sogar noch ein sinnloser Tod besser sei als ein
sinnloses Leben." (JRW 6, S. 258)
19
Im Roman "Die Kapuzinergruft" (1938) ist von dem "großen Krieg"
die Rede, "den man den 'Weltkrieg' nennt, mit Recht, und zwar nicht
etwa, weil ihn die ganze Welt geführt hatte, sondern weil wir alle
infolge seiner ein Welt, unsere Welt, verloren haben". JRW 5, S. 252
20
"Wir werden nach Amerika fahren. [...] Wir müssen Mirjam
mitnehmen. Ein Unglück schwebt über uns, wenn wir bleiben.
[...] Sie geht mit einem Kosaken." ; vgl. auch H 167.
21
"Ich kannte die ukrainischen Dörfer aus dem Krieg. Ich sah sie
jetzt, nach acht Jahren, wieder. Immer noch liegen sie da wie
Kindheitsträume der Welt. Krieg, Hunger, Revolution,
Bürgerkrieg, Typhus, Hinrichtungen, Feuer: Sie haben alles
überstanden. Im nordfranzösischen Kriegsgebiet riechen heute
noch die Bäume nach Brand. Wie stark ist die russische Erde! Ihre
Bäume duften nach Wasser, Harz und Wind [...]." J. Roth, Die Stadt
geht ins Dorf, in: Frankfurter Zeitung 12.12.1926, JRW 5, S. 645
22
Zur Begrifflichkeit: vgl. J. Roth, Die weißen Städte, JRW 5,
S. 455
23
Gershom Scholem, Drei Typen jüdischer Frömmigkeit (1973). In:
Lust an der Erkenntnis. Jüdische Theologie im 20. Jahrhundert,
München/Zürich 1988, S. 308
24
Mark Warschawsky, "Ojfn Pripetschik brent a Fajerl", in: Hai &
Topsy Frankl (Hg.), Jiddische Lieder. Texte und Noten mit
Begleitakkorden. Mit Illustrationen, © 1981 Fischer Taschenbuch
Verlag Frankfurt am Main ( = fitabu 2960), S. 125 ff.
25
Der Erzähler arbeitet die Parallelität bzw. Antithetik der
beiden Szenen genau heraus.
26
Vgl. JaW: JRW 5, S. 837 / KiWi 81, S. 19: "Denn es ist gewiss nicht der
Sinn der Welt, aus 'Nationen' zu bestehen und aus Vaterländern,
die, selbst, wenn sie wirklich nur ihre kulturelle Eigenart bewahren
wollten, noch immer nicht das Recht hätten, auch nur ein einziges
Menschenleben zu opfern."
27
Vielleicht ist dieser Psychiater als Gegenfigur zu Doktor Soltysiuk
gedacht.
28
David Bronsen, Joseph Roth. Eine Biographie, Köln 1974, S. 329 ff.
29
Bronsen, S. 347
30
Bronsen, S. 389
31
In: Harold Kushner, Wenn guten Menschen Böses widerfährt, New
York 1981/München 1983 = GTB 1089. Kushner stellt die
Theodizee-Frage als Vater eines behinderten Kindes!
32
Schalom Ben-Chorin, Als Gott schwieg. Ein jüdisches Credo, ©
1986, Matthias-Grünewald-Verlag Mainz; S. 37 ff.
33
In dem fiktiven inneren Monolog von Zwi Kolitz, Jossel Rackower spricht
zu Gott, Barbara Just-Dahlmann/Otto Pfaff, Aus allen Ländern der
Erde. Israel - Verheißung, Schicksal und Zukunft, © 1982
Radius-Verlag Stuttgart, S. 38/40. Wieder abgedruckt in: Frankfurter
Allgemeine Magazin 23. April 1993 Heft 686, S. 24 ff./Interview mit dem
Autor aaO. S. 12 ff. Neuerdings in: Zvi Kolitz, Jossel Rakovers Wendung
zu Gott. Zweisprachige Ausgabe, aus dem Jiddischen übertragen,
herausgegeben und kommentiert von Paul Padde, München/Zürich
(Piper) 1996; 1999 als Piper-Taschenbuch 2666, dort S. 50/51)
34
Anspielungen auf Psalm 22, 15-18?
35
Die "Figur Hiobs wird für Nathan [von Gaza, den Propheten des
"Messias" Sabbatai Zwi] von Anfang an zum Prototyp der
Persönlichkeit des Messias": Gershom Scholem, Die jüdische
Mystik in ihren Hauptströmungen, © Rhein-Verlag Zürich
1957/Wiss. Sonderausgabe Suhrkamp Verlag Frankfurt/Main 1967, S.
324/325
36
G. Scholem, Die jüdische Mystik ..., aaO. S. 321
37
JRW 5, S. 630 (ebenso das nächste Zitat)
38 Vgl. "Lebensgefühl
Bodenlosigkeit"
39
JRW 4, S. 391
40
Vgl. "Der liebe Gott in Russland", JRW 5, S. 683
41
In "Die weißen Städte", JRW 5, S. 452
42
aaO. S. 455
43
aaO. S. 456
44
Der in der Seder-Liturgie angerufene "Prophet Eliahu" (H 196)
ist eine messianische Figur: der "Vorläufer" des Messias.
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© Dieter Schrey 1991/2006
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