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GEISTIGE GRUNDLAGEN
FÜR EINE NEUE WELT?"
Zu Joseph Roths Roman "Hiob"

Teil III: Roths Roman in geistes- und
kulturgeschichtlichen Kontexten
Das Schtetl - Russland - Amerika - Europa

"...meine Welten sind gestorben..."
"Alt bin ich geworden, 
ein paar Welten habe ich zugrunde gehn sehn, 
endlich bin ich klug geworden."
(Mendel Singer in "Hiob", 19301)

"Wir sind die Söhne. Wir haben die Relativität der Nomenklatur und selbst die der Dinge erlebt. 
In einer einzigen Minute, die uns vom Tode trennte, brachen wir mit der ganzen Tradition, mit der Sprache, der Wissenschaft, der Literatur, der Kunst: mit dem ganzen Kulturbewusstsein. 
In einer einzigen Minute wussten wir mehr von der Wahrheit als alle Wahrheitssucher der Welt. 
Wir sind die auferstandenen Toten. 
Wir kommen, mit der ganzen Weisheit des Jenseits beladen, wieder herab zu den ahnungslosen Irdischen. Wir haben die Skepsis der metaphysischen Weisheit."
(In: "Die weißen Städte", 19252 )

 

1. Galizien - Wien oder Wolhynien - New York

Joseph Roth hat einen Roman begonnen, der das Schicksal eines galizischen Wasserträgers im europäischen Westen, in Wien, hätte darstellen sollen; ein ausführliches Fragment liegt vor3. Dem Wasserträger Mendel, der nicht einmal gelernt hat, Geschäfte zu betreiben, zu "handeln", geht es im Westen genauso schlecht wie im Osten, nur auf andere Weise. Trotz der "staatlichen Unterstützung für Flüchtlinge aus dem Osten"4 und der Möglichkeit, bei seinem bereits früher aus Galizien nach Wien emigrierten Sohn, einem Drechsler, zu leben, bleibt er arm. Er erhält "Essen in der Armenküche"5. Der Sohn lebt selber mit seiner Familie in äußerst bedrängten Verhältnissen. Kurz vor dem Ende des Fragments bekommt Mendel die Nachricht, dass seinen Sohn im Weltkrieg eine Granate getroffen hat, so dass ihm ein Bein amputiert werden muss. Mendel - ohnehin "nicht fest in den Lehren des Judentums"6- ist nun "überzeugt von der Nutzlosigkeit aller Gebete"7. Das Fragment endet mit dem Vorhaben Mendels, auf sich allein gestellt "auf die Tour zu gehn", also doch zu handeln, zwar ausgestattet mit einem geliehenen "kleinen Betriebskapital, gegen angemessene Zinsen", jedoch ohne Aussicht auf irgendeinen Erfolg.

In seinem Bericht "Der Ostjude im Westen"8 verallgemeinert Joseph Roth die Erfahrung des galizisch-jüdischen Wasserträgers Mendel in Wien:

"Der Ostjude weiß in seiner Heimat nichts von der sozialen Ungerechtigkeit des Westens; nichts von der Herrschaft des Vorurteils, das die Wege, Handlungen, Sitten und Weltanschauungen des durchschnittlichen Westeuropäers beherrscht; nichts von der Enge des westlichen Horizonts, den Kraftanlagen umsäumen und Fabrikschornsteine durchzacken; nichts von dem Hass, der bereits so stark ist, dass man ihn als daseinserhaltendes (aber lebentötendes) Mittel sorgfältig hütet, wie ein ewiges Feuer, an dem sich der Egoismus jedes Menschen und jedes Landes wärmt."

Wo der Ostjude "Freiheit, die Möglichkeit, zu arbeiten und seine Talente zu entfalten, Gerechtigkeit und autonome Herrschaft des Geistes" erwartet, bietet "der Westen" mit seiner gleißenden Warenwelt nur "eine lügnerische Toilette"9 Sicherlich, "in Westeuropa gibt es einen gesetzlichen Schutz vor Pogromen", und manche Juden aus dem Osten sind im Westen auch reich geworden10, aber die meisten finden lediglich "ein anderes, ein bisschen reformiertes, aber nicht weniger grausames Getto"11.

Warum hat Joseph Roth für seinen Roman, der das Schicksal eines Ostjuden im Westen behandelt, die Handlung dann von Galizien nach Wolhynien und von Wien nach New York verlegt? Warum lässt er Mendel Singer und seine Familie den Weg von Russland nach Amerika gehen? Der Weg von Galizien nach Wien hätte dem eigenen Weg des Autors entsprochen - diese Parallelität wurde durch die Änderung vermieden. Galizien und Wien als Orte der Handlung hätten außerdem bedeutet, dass der Roman in beiden Teilen, trotz des wesentlichen Handlungselements "Emigration in den Westen", im Bereich der gleichen "Welt", der Österreichisch-Ungarischen Donaumonarchie, gespielt hätte - einer "Welt", die bis 1918 nach Roths Auffassung durch das "durchaus natürliche Gesetz eines starken Geistes", den "Geist der alten Monarchie", zusammengehalten werden konnte und in der Lage war, "das Entlegene nahezubringen, das Fremde verwandt werden zu lassen und das scheinbar Auseinanderstrebende zu einigen", so dass "sogar Landschaften, Äcker, Nationen, Rassen, Hütten und Kaffeehäuser verschiedenster Art und verschiedenster Abkunft" zusammengehörten und "ich in Zlotogrod ebenso zu Hause war wie in Sipolje, wie in Wien"12. In den 30er Jahren wird Roth diese "Welt" in den Mittelpunkt u.a. der Romane "Radetzkymarsch" und "Die Kapuzinergruft" stellen. Im "Hiob"-Roman kommt die Funktion einer plural-integrativen Welt, die als solche Internationalität und Heimatlichkeit zu bieten vermag, der Lebenswelt des Schtetl zu. Die Verlegung der Handlung von Galizien nach Wolhynien, also ins zaristische Russland, und von Wien nach Amerika bringt dagegen zwei "Welten" ins Spiel, die zu Beginn des 20. Jahrhunderts kaum entgegengesetzter gedacht werden können. Noch ist Russland das Land "des Gutsbesitzers, der privilegierten Nagaikaschwinger, dieses grotesken Sklavenhaltersystems, der 'patriarchalischen' Prügelmeister" - das Land, von dessen "Ausrottung" durch die Revolution Roth 1926 als Journalist berichtet13. Und "Amerika ist die Ferne. Amerika heißt die Freiheit"14; Amerika bedeutet aber auch - wichtig für die Juden, "das militärfeindlichste Volk der Welt" - die Möglichkeit, vom Militär- bzw. Kriegsdienst verschont zu bleiben, und natürlich die Möglichkeit, nun doch, anders als in der sozialen Unsicherheit Westeuropas, aus ärmlichsten Verhältnissen heraus reich zu werden - "zumindest wohlhabende Kaufleute"15. Insgesamt ist die mit dem Weg von Zuchnow nach New York verbundene Hoffnung wesentlich größer und auch berechtigter als die an die Reise vom Rand ins Zentrum des Habsburgerreiches knüpfbare Hoffnung: "Alle aber sagen ihm [Mendel], dass Amerika ein herrliches Land ist. Ein Jude kann sich nichts Besseres wünschen, als nach Amerika zu gelangen." (H 107)16 Allerdings wird auch die "Fallhöhe" für "Hiobs" Schicksal durch den Weg von Russland nach Amerika größer, denn während für die Juden in Osteuropa "Amerika" das höchste Glück bedeutet, ist "Amerika" für den Autor selber der Inbegriff der - seiner Meinung nach - letztlich tödlichen technisch-industriell dominierten Zivilisation des 20. Jahrhunderts (s.u.) - und das lässt er seinen Protagonisten in Amerika spüren.

 

2. Heimkehr auf ein "großes Schlachtfeld"

Dadurch, dass Roth den "einfachen" Ostjuden Mendel im ersten Teil des Romans "Russland" und im zweiten Teil "Amerika" erleben lässt, schafft er sich die Möglichkeit, die beiden "Welten" ins Spiel zu bringen, um die sich in den 20er Jahren in Europa, besonders ausgeprägt in Deutschland und da vor allem in Berlin, die politische, aber auch die kulturtheoretische Diskussion drehte17. "Im Grund ist, was sich in unserer Gegenwart begibt, ein Wettkampf zweier Weltanschauungen. [...] In dem Kampf um die Zukunft des Menschengeschlechts ist es notwendig, keinen der beiden Pole aus dem Auge zu verlieren. Beide werden den Gang der Kultur bestimmen, beide Strömungen, deren Wirken heute die Fugen des Weltenbaus erschüttert: Moskau und Amerika."18 Joseph Roth sieht seine Gegenwart - dramatischer - als eine Zwischenkriegszeit, die selber eine Zeit des "Kriegs" ist: In Deutschland jedenfalls "ist Krieg", schreibt er 1925 im Vorwort zu den Reiseberichten aus Südfrankreich19, "wir wissen es, wir, die beeideten Sachverständigen der Schlachtfelder, wir haben sofort erkannt, dass wir aus einem kleinen Schlachtfeld in ein großes [ ! ] heimgekehrt sind". Hier "erleben wir stündlich die kleinen Kämpfe und die großen Kriege zwischen Vergangenheit und Zukunft, den klassischen, katholischen, europäischen Einflüssen des Westens ebenso ausgeliefert wie den revolutionären des Ostens und den kapitalistischen Amerikas. Das wird mehr als ein Dreißigjähriger Krieg sein."20 Diese Situation besteht seit dem "Weltuntergang", der sich 1918 abgespielt hat und den Roth "am eigenen Leib erfahren" hat21: "Ehe ich zu leben angefangen hatte, stand mir die ganze Welt offen. Aber als ich zu leben anfing, war die offene Welt verwüstet. Ich selbst vernichtete sie mit Altersgenossen. [...] Nur wir, nur unsere Generation, erlebte das Erdbeben, nachdem sie mit der vollständigen Sicherheit der Erde seit der Geburt gerechnet hatte."22

Seither stimmen die alten "Fahrpläne" nicht mehr, und "die Begriffe, die wir kennen, decken nicht mehr die Dinge". Da der "Untergang" der alten, der alteuropäischen Welt nicht gleichzeitig zum Aufgang einer "neuen Welt" geführt hat, befindet sich Europa in einem Zwischenzustand, in dem sich die Doppelfrage allgemein stellt, die Roth in seinem Aufsatz "Russland geht nach Amerika" speziell für Russland formuliert: "Woher also die geistigen Grundlagen für eine neue Welt nehmen? Was bleibt übrig?"23

Als neue kulturelle Systeme, von denen "geistige Grundlagen" erwartet werden, sind offensichtlich die beiden polaren "Welten" des Kapitalismus und des Kommunismus, "Amerika" und "(Sowjet-)Russland", "Amerikanismus" und "Bolschewismus" auf den Plan getreten. Roth steht hier zunächst einmal eindeutig auf der Seite des neuen Sowjetstaates: Der Kommunismus hat Befreiung von schlimmster Unterdrückung gebracht und verhilft den russischen Bauern, auch den Juden24, zu ihren Menschenrechten. Das hat Roth in Russland beobachtet und in den Berichten "Reise in Russland" (1926/1927) und "Juden auf Wanderschaft" (1927) für die deutschen Leser beschrieben. Aber hat das neue politische System "geistige Grundlagen für eine neue Welt" geschaffen? Das ist die Frage, die ihn besonders interessiert. Die Antwort ist ernüchternd:

"Die Stagnation europäischen geistigen Lebens, die Brutalität politischer Reaktion, die korrupte Atmosphäre, in der das Geld gemacht und ausgegeben wird, die Hypokrisie der Offiziellen, der falsche Glanz der Autoritäten, die Tyrannei der Anciennität: Das zwingt die Freien und die Jungen, von Russland mehr zu erwarten, als die Revolution geben kann." "Wer in den Ländern der westlichen Welt den Blick nach dem Osten erhebt, um den roten Feuerschein einer geistigen Revolution zu betrachten, der muss sich schon die Mühe nehmen, ihn selbst an den Horizont zu malen."25

Denn sachlich ist festzustellen:

"Auf materiellen, politischen und sozialen Gebieten war sie [die Russische Revolution] eine Revolution. Auf geistigem und geistig-moralischem war sie nur quantitativ gewaltiger Fortschritt. Wenn bei uns [in Westeuropa] eine alte und, wie man sagt: müde Kultur durch Girls, Faschismus, flache Romantik pathologisch banal wird, so wird hier [in der Sowjetunion der 20er Jahre] eine eben erst geweckte, brutal kräftige Welt gesund banal. Unserer dekadenten Banalität steht gegenüber die neurussische, frische, rotbackige Banalität."26

 

3. Die Amerikanisierung Russlands

Roth ist der Auffassung, dass der Sozialismus, jedenfalls für die nächsten Jahrzehnte, seinen ursprünglichen Charakter verloren hat, und zwar ausgerechnet durch den negativen Einfluss des anderen politischen Systems, von dem die Grundlegung einer "neuen Welt" erwartet wird - durch den Einfluss "Amerikas". In mehreren Reportagen , z.B. in den Texten "Russland geht nach Amerika" und "Die Stadt geht ins Dorf"27, legt Roth dar, dass in der Sowjetunion der 20er Jahre der in sich "widersprüchliche" Vorgang abläuft, dass "die Revolution [...] gewissermaßssen im Namen des Sozialismus 'kapitalistische Kultur' verbreiten [muss]"28, anders gesagt: dass ausgerechnet "die Theorie, die das Proletariat befreien soll, die die Klassenlosigkeit des Staates, der Menschheit zum Ziele hat, [...] wo sie zum erstenmal angewendet wird, aus allen Menschen kleine Bürger [macht]"29. Für Joseph Roth liegt der Grund für die innere Widersprüchlichkeit des Entwicklungsprozesses in der Sowjetunion nicht in der Idee des Sozialismus selbst, sondern in der Notwendigkeit, in der besonderen Situation Russlands zwei Aufgaben gleichzeitig zu lösen, auf der einen Seite "auf materiellen, politischen und sozialen Gebieten"30 die "Proletarisierung" und "sozialistische Revolutionierung" des Bauern und "auf geistigem Gebiet" eine fundamentale "Urbanisierung des Menschen" zu betreiben31, auf der anderen Seite aber "gleichzeitig" eine frühere, im Westen bereits realisierte Stufe der historischen Entwicklung nachzuholen, nämlich "auf materiellen Gebieten" die "Mechanisierung des Betriebs" und die "Industrialisierung des Feldes" zu erreichen. Diese technische und wirtschaftliche Entwicklung aber zieht nach Roths Meinung Konsequenzen "auf geistigem und geistig-moralischem Gebiet" nach sich, die den ursprünglichen revolutionären Ansatz verbiegen, und zwar aus mehreren Gründen:

- Der Sozialismus hat keine eigenen "geistigen Grundlagen für eine neue Welt" geschaffen, obwohl sein "Prinzip" "in Wirklichkeit ein religiöses ist, weil es an die Güte im Menschen glaubt; ein christliches, weil es ihn erlösen will"32. Aber solche "metaphysischen" Hintergründe lehnt der Sozialismus ab, und diese fehlende Offenheit für "Metaphysisches" macht ihn nach Roths Ansicht unfähig zu einer wirkungsvollen "Veränderung der Welt". So ergibt sich die doppelte Frage: "Woher also geistige Grundlagen für eine neue Welt nehmen? Was bleibt übrig?"33

- "Übriggeblieben" sein könnten "die großen Kulturleistungen Europas" - doch "sie alle sind [für die Sowjetmenschen der 20er Jahre] bürgerlich"34 - oder "die alten Kulturleistungen Russlands: der Mystizismus, die religiöse Kunst, die Poesie, die Slawophilie, die Romantik des Bauerntums, die gesellschaftliche Kultur des Hofes, Turgenjew und Dostojewski" - doch "sie alle sind selbstverständlich reaktionär"35, man hat sie in der Revolution zusammen mit den gesellschaftlichen Schichten, die ihre Träger waren, beseitigt.

- "Übriggeblieben" sein könnte auch das Russland des "Dorfes", der alten bäuerlichen Kultur, die sowohl im "Hiob"-Roman als auch in Roths Reportagen aus der Sowjetunion einen hohen Stellenwert hat:

"Ich kannte die ukrainischen Dörfer aus dem Krieg. Ich sah sie jetzt, nach acht Jahren, wieder. Immer noch liegen sie da wie Kindheitsträume der Welt. Krieg, Hunger, Revolution, Bürgerkrieg, Typhus, Hinrichtungen, Feuer: Sie haben alles überstanden. Im nordfranzösischen Kriegsgebiet riechen heute noch die Bäume nach Brand. Wie stark ist die russische Erde!"36

Nach genau diesem Russland, dieser russischen Erde sehnt sich Mendel Singer in Amerika vor dem Schluss des Romans (H 187):

"Ihre Bäume duften nach Wasser, Harz und Wind, der Geburtenüberschuss in den Dörfern ist noch größer als der - beträchtliche - in den Städten, Brot blüht aus dem Moder der Toten [ ! ], wie früher läuten die Glocken Neugeborene und Bräute ein."37

Ein Russland der unerschöpflichen Lebensfülle, in dem sogar aus dem Tod neues Leben entsteht! Mit einem dreimaligen "Immer-noch" betont Roth die ungebrochene "Dauerhaftigkeit" und "Wärme" des heimatlich geborgenen Wohnens. Mit seiner "Unmittelbarkeit", "Kraft" und "Originalität" scheint der "Mensch vom Lande" sogar in der Lage zu sein, sich der neuen Verbürgerlichungs- und Verflachungstendenzen zu erwehren.38 Aber die historische Tendenz ist dennoch stärker: Im Zuge der Technisierung hat der Traktor den Bauern auch in der Weise "emanzipiert", dass er ihn zum "Landwirt" gemacht39 und ihn damit "von der 'Scholle'", von seinem eigentlichen Lebenselement, von seiner ursprünglichen seelischen und geistigen Identität getrennt hat. Die "Technisierung" führt zur "Urbanisierung" des Landes - und damit in den 20er Jahren unvermeidlich zur "Amerikanisierung".

Insgesamt ist auf diese Weise - nach Roths Auffassung - ein seelisch-geistiges Vakuum entstanden, und man war in Russland nach dem ersten revolutionären Schub, nach dem Erlöschen der "Brandfackeln der Revolution"40, nicht in der Lage, der brutal eindringenden amerikanischen "Seelenlosigkeit" Widerstand entgegenzusetzen, obwohl man doch eigentlich "Amerika" verachtet, "den seelenlosen großen Kapitalismus, das Land, in dem Gold Gott ist"41. In "einer unbewussten Anpassung an das geistige Amerika" hat man zusammen mit dem materiellen "Fortschritt, dem elektrischen Bügeleisen, der Hygiene und der Wasserleitung" auch "das geistige Amerika übernommen. Und das ist die geistige Leere."42 Dieser neuen Form der Bürgerlichkeit, der "frischen, ahnungslosen, gymnastisch-hygienischen rationalen Geistigkeit Amerikas", fehlt zwar in Russland das in Amerika selbstverständliche "metaphysische" Element, "die Hypokrisie [Heuchelei] der protestantischen Sektiererei", aber an deren Stelle ist die "Scheuklappenfrömmigkeit des strengen Kommunismus"43 getreten.

Zwischenfazit: Joseph Roth ist nach Russland gegangen, weil er selber auf der Suche nach "geistigen Grundlagen für eine neue Welt" in Europa ist, und hat dort denselben Amerikanismus gefunden wie im Westen. Mag Westeuropas "politische und soziale Physiognomie" noch so "schauderhaft" sein - Roth findet "die geistige Physiognomie Europas [immer noch] interessanter"44.

Was "Amerika" ist, hat Joseph Roth, der die USA nie besucht hat, dort erfahren, wo sich in seiner Gegenwart "Amerikanisierung" abgespielt hat, wo "Amerika" so "über"die Menschen ganzer Städte oder Länder, einer in Jahrhundertengewachsenen Kultur "gekommen", so "über sie hergefallen" ist (H106), wie es Mendel und Deborah Singer in ihrem Einzelschicksal geschieht - da also, wo ganze Städte oder Länder "nach Amerika gegangen" sind. Das ist in den Jahren nach dem Ersten Weltkrieg eigentlich in allenwesteuropäischen Ländern geschehen, besonders deutlich im Deutschland der Weimarer Republik45.

Roth hat diesen Prozess der "Amerikanisierung" z.B. auch in Parisbeobachtet und mit beißender Ironie beschrieben 46,auf exemplarische Weise aber und aus der Außen-Perspektive des scharfbeobachtenden Journalisten während seiner Russland-Reise.

 

4. Amerikanismus - Religion des Goldes und der Maschine

Aber was ist es, was "Amerika"so schauderhaft, so "seelenlos" und "geistig leer" erscheinen lässt, wie es bei Roth im "Hiob" wie im journalistischen Werk der Fall ist?

Letztlich wohl die amerikanische"Gold = Gott"-Ideologie bzw. die moralisch-emotionale antikapitalistische Einstellung des Autors. Mitentscheidend ist aber noch ein anderer Faktor,der z.B. im Russischen Tagebuch deutlich wird, wo Roth notiert: "Der Amerikanismus,Religion der Maschinen."47 So machen auch in der Reihe der "zivilisatorischen Leistungen", die als "Werk des Kapitalismus" nun in der Sowjetunion nachgeholt werden müssen - "Elektrizität und Demokratie, Radio und Hygiene, Alphabet und Traktor, die ordentliche Gerichtsbarkeit, Zeitung und Kino" - für Roth offensichtlichdie "Traktoren! Traktoren! Traktoren!"48,die "Musik der Maschine"49,und die ihnen zugrundeliegenden geistigen Prinzipien das entscheidende Moment aus. Zwar sieht er sich, z.B. in der berühmt gewordenen Reportage aus einem Neunkirchener Hüttenwerk, in einer Position, die weit entfernt ist von der "Zeit, in der die Maschine nur erst als ein brutaler, menschenverzehrender Mechanismus erschien", und distanziert sich "von den überlieferten Vorstellungen: [die Menschen der Gegenwart seien] 'Sklaven der Maschine'", aber er tut dies mit der Begründung, nun sei "eine Zeit" angebrochen, "in der das Mechanische sich dem Organischen anzunähern beginnt, dieSymbolkraft des 'sausenden Rads' schwächer und eine Art Nervensystemder Maschine erkennbar wird" bzw. "das Menschliche im Mechanischen" hervortritt.50 Roth orientiert sich hier wohl an solchen kulturellen Zeitphänomenen51wie dem von Amerika her über Europa "herfallenden" Film, der in den 20er Jahren das "Nervensystem" des Massenpublikums in Bewegung versetzte, oder dem Jazz, der als "Maschinenmusik" empfunden wurde, als "Abbild der Zeit: Chaos, Maschine, Lärm, höchste Steigerung der Extensität"52, und nicht zuletzt an den großen Revuen, die das Interesse des Massenpublikumsfanden und in denen die "Girls" als "Bewegungsmaschinen", ihre Tänze als "Rhythmus der Großstadt" erlebt wurden53."Den Beinen der Tiller-Girls [einer der damals bekanntesten Revue-Truppe] entsprechen die Hände in der Fabrik."54

Daran denkt wohl auch Joseph Roth, wenn er vom "Menschlichen im Mechanischen", vom "Nervensystem der Maschine" spricht. Dieses "Menschliche", "Organische" in der Maschine ist allerdings nichts Naturgegebenes, sondern "das komplizierte Produkt des menschlichen Geistes, von dem allein es abhängt, ob der Mechanismus ein Freund oder ein Feind des Menschen werde". Da mag dann z.B die Bewegungder "fünf, sechs langsam hin- und zurückschwebenden großen Kräne" im Neunkirchner Hüttenwerk die "Würde", "die 'Weihe der Arbeit'" "symbolisieren"55, aber der wahre Charakter des "Mechanismus", der die Abläufe in dem Hüttenwerk bestimmt, und damit des "Geistes", der den "Mechanismus"regiert, wird dem Autor auf dem großen Werksgelände deutlich:

"Ich weiß nicht,ob es in allen Werken so ist. Hier jedenfalls geht ein Wind wie durch Ruinen. Keine Wände, ihn zu lindern. Der Boden: Schutt, Geröll und Asche.Hellgrauer, zäher Schlamm. [...] Das Tageslicht, obwohl Wände nicht seinen Einbruch hindern, bekommt hier eine ungewohnte Schattierung. Es wird braun und grau. Es saugt Eisensplitterchen und Rauchmoleküle auf wie ein Löschblatt Tinte. [...] Der Raum ist gleichsam nicht eingefangen,er ist zügellos, sich selbst überlassen und seiner eigenen brutalen Willkür, sich rohe, barbarische Formen zu schaffen."56

Auf der einen Seite "brutale" Menschenleere, auf der anderen brutale Unmenschlichkeit:

"Wenn man zehn Jahrelang jeden Tag vor diesem Kessel steht [als Arbeiter vor der Bessemer-Birneim Hüttenwerk], muss das Blut, so denke ich, ein anderes Tempobekommen haben, es rollt nicht mehr, wie von der Natur vorgesehen, durch die Adern, den Körper beherrschen andere Temperaturgesetze, und selbst das Gehirn denkt nach anderen Normen. Ich stelle mir vor, dass die Gedanken dieses Mannes einen jäheren Flug und eine kürzere Dauer haben müssen. Derlei hat die Wissenschaft wahrscheinlich noch nicht ergründet, und es wird infolgedessen von der sozialen Gesetzgebung auch gar nicht in Betracht gezogen."57

Ist dies "das Menschliche im Mechanischen"?

So ist zwar "der Besucheines [solchen Hütten-]Werks nicht trauriger als der eines Spitals zum Beispiel, eines Waisenhauses oder einer Arbeiterkolonie"58 - aber der ist ja jeweils traurig genug. Der "menschliche Geist", der die technischen Abläufe in dem Neunkirchner Hüttenwerk 1927 bestimmt und "von dem allein es abhängt, ob der Mechanismus ein Freund oder ein Feind des Menschen werde", ist für Joseph Roth der "Geist" des Kapitals, denn "die Tendenz der Werkbesitzer ist: Geld zu verdienen, und der Wunsch der Werkarbeiter: ihr Leben zu fristen"59. In ihrem innersten Wesen ist "die Maschine" "das Instrument der Gewinstvergrößerung"60, des Profits.

Die Bilder "Wind wie durch Ruinen" und "Schutt, Geröll und Asche" deuten vielleicht etwas an, was Roth in der Russland-Reportage "Die Stadt geht ins Dorf" (s.o.) deutlicher zum Ausdruck bringt, wenn er davon spricht, dass "der Traktor [...] stärker [ist] als der Mensch - ungefähr wie das Gewehr stärker ist als der Soldat"61."Die Maschine", die moderne Technik, unterjocht den Menschen, weil sie"stärker ist als der Mensch"; aber die Assoziation "Traktor - Gewehr" legt einen härteren Gedanken nahe: die Maschine ist tödlich. Das mag zunächst im übertragenen Sinne zu verstehen sein - die Konzentration auf die "Maschine" tötet das, was traditionellerweise "Geist" genannt wird -, aber das Erlebnis der schrecklichen Materialschlachten des Ersten Weltkriegs hat bei Roth, wie vor allem seine politischen Gedichtezeigen, zu einem Assoziationskomplex geführt, in dem "Gold und Blut und Ekrasit"62 zusammenfließen."Kapital" und "General" (= "Gold und Blut") reimen sich für Roth auch in der Wirklichkeit, und zwischen diesen beiden Instanzen stellt die Produktion von Giftgas-Waffen in der chemischen und der Rüstungs-Industrie die Verbindung her ("Ekrasit": ein Sprengstoff, der Pikrinsäure enthält). So kann auch Amerika, das erst spät in den Ersten Weltkrieg eintritt, zu einem im Krieg "tödlichen Vaterland" werden, wie es im Zweiten Teil des "Hiob"-Romans dargestellt wird. Sogar die Revue-"Girls", diese "ohne Zweifel anmutig gebauten" organischen Maschinen, sind für Roth nichts anderes als "eine Übersetzung des männlichen ernsten Militärexerzierens ins Weibliche", "ihre Spiele sind Kompositionen aus Militarismus und Erotik"."Die wachsende Popularität der 'Girls' in Europa beweist unsere stark fortgeschrittene Amerikanisierung", schreibt der Autor in seiner Reportage "Die 'Girls'"63 - und denkt auch hier an den für ihn wohl notwendigen Zusammmenhang zwischen Technik und Tötung.

Fazit: "Amerika" mit seiner Konsum-Orientierung hat das geistige Vakuum (scheinbar) gefüllt, das in Europa durch die kulturelle Entwurzelung entstanden ist. Anstelle der als solcher empfundenen "geistigen Leere" ist die neue "geistige Leere" entstanden, die sich für tauglich hält, "geistige Grundlagenfür eine neue Welt" zu liefern, die in Wirklichkeit aber mit der "Gold= Gott"-Ideologie eine heuchlerische und letztlich - geistig wie physisch- tödliche Metaphysik weltweit wirksam gemacht hat.

So ist es kein Wunder,wenn auch für Mendel Singer im "Hiob"-Roman Amerika "Krieg" bedeutet und von Anfang an "tödlich" ist. Zwar ist es "ein heller und heißer Tag", an dem die Singers in New York ankommen, und sie fahren in einem "schweren Wagen" durch die Straßen - sanfte, idyllische Erlebnisse sind nicht zu erwarten. Außerdem wird alles Erlebte aus der Perspektive des alten Mendel berichtet, der in seiner Orientierungslosigkeit in der fremden Welt völlig überfordert ist. Aber ähnliche Überforderungen,z.B. auf dem Schiff bei der Überfahrt nach Amerika, hat Mendel bisher ohne die in Amerika auftretenden Vernichtungs-Gefühle überstanden (z.B. H 113, Ende 8. Kap.), und der Erzähler distanziert sich nirgendwo vom New Yorker Empfinden seines Protagonisten, sondern widmet sich diesem über 3 ½ Seiten im Buch mit allen erzählerischen und sprachlichen Mitteln, die ihm zur Verfügung stehen; Vergleiche gehen in Metaphern über und Metaphern in Bericht von Realem. Das heißt: Der Leser darf so empfinden wie Mendel. Und Mendel erlebt (H 116 - 120): "wütende Wucht", "Zertrümmerung für ewige Zeiten", "Erschütterung der Fundamente", "Hitze wie graues schmelzendes Blei", "feuchte, klebrige, schmerzliche Glut", "Verlötung des Gehirns", "im offenen Feuer brennende Füße", dann optisch (H 117, Z. 18 - 24) und akustisch (H117 Z. 25 - H 118 Z. 7) in "wahnsinniger Eile" die mythische 40-jährige Wanderung Israels durch die glühende, tödliche Wüste, im ebenfalls mythischen "feurigen Atem der Hölle". Die Geruchs-Eindrücke - "scharf, trocken und spröde, ranzig und fett, beizend, süßlich, faulig", insgesamt "vermengt" in einem "heißen Brodem" - geben den Ausschlag: "Amerika drang auf ihn [Mendel Singer] ein, Amerika zerbrach ihn, Amerika zerschmetterte ihn." (H 118) "Amerika" ist tödlich,vom ersten Augenblick an, also wesensmäßig.

 

5. "Amerika" im "Hiob"-Roman

Zwar scheint der Beginndes Zweiten Teils des Romans den vernichtenden Charakter "Amerikas" wiederaufzuheben, ja, sogar in (Fast-)Heimatlichkeit zu verwandeln, aber es wird doch auch sofort deutlich, dass Mendel, wenn er an "Amerika" glaubt, nur ein Opfer der amerikanischen "Hypokrisie", der frommen Heuchelei, wird, die Amerika als "das Land Gottes [...], wie einmal Palästina", und New York als "die Stadt der Wunder, wie einmal Jerusalem" (H 123), ausgibt. Während der Erzähler zu Beginn des Zweiten Teils jedoch noch mit leiser Ironie über Mendels Illusionen hinweggeht, überzieht er später - im 11. Kapitel - Mendels vollständig amerikanisierte "Kinder", ihren naiven Glauben an den American Way of Life, mit beißendem Spott: In der "geistigen Leere" ihrer bürgerlichen Ideologie glauben sie, dass "die Armut ein Laster [ist], der Reichtum ein Verdienst,die Tugend der halbe Erfolg, der Glaube an sich selbst ein ganzer, der Tanz hygienisch, Rollschuhlaufen eine Pflicht, Wohltätigkeit eine Kapitalsanlage, Anarchismus ein Verbrechen, Streikende die Feinde der Menschheit, Aufwiegler Verbündete des Teufels, moderne Maschinen Segen des Himmels, Edison das größte Genie" (H 138). Ihre ganze "transzendentale Obdachlosigkeit", ihre metaphysische "Leere", zeigt sich, wenn z.B. "der regelmäßige silberne Schatten eines Scheinwerfers", also einer "Maschine", "verzweifelt am nächtlichen Himmel Gott zu suchen schien"(H140).

Und das Schicksal von Mendels Sohn Schemarjah, der in Amerika "Sam" genannt wird, zeigt endgültig: "Amerika hat uns getötet. Amerika ist [...] ein tödliches Vaterland. Was bei uns Tag war, ist hier Nacht. Was bei uns Leben war, ist hier Tod." (H154) Radikaler kann ein Land, kann eine Kultur nicht abgelehnt werden!

"Russland geht nach Amerika", in der politischen und sozialen Realität der 20-er Jahre.Und Mendel Singer geht mit seiner Familie nach Amerika, im "Hiob"-Roman,in den Jahren vor dem Ersten Weltkrieg. "Russland" (Sowjetrussland) wie Mendel Singer lassen - in Joseph Roths Sicht - die russische "Erde" und die mit ihr verbundene jahrhundertealte Kultur hinter sich, Sowjetrussland, weil es glaubt, sie historisch überholt zu haben, Mendel Singer, weil er sie immer abgelehnt hat. Beide erhoffen sich von "Amerika" die Überwindung von Armut und Not. Beide bringen eine im tiefsten humane Weltanschauung mit, die aber (fast) nur auf dem Papier steht - die eine, weil ihr jegliches "Metaphysische" fehlt, die andere, weil sie umgekehrt keine Verbindungmit der "Erde" hat, so dass die weltverändernde Kraft fehlt (wie dies, nach Roths Auffassung, bei der Katholischen Kirche der Fall ist.64) In dieser Situation wirken die beiden geistlosen "amerikanischen" Prinzipien "Gold" und "Maschine" tödlich.

   

6. Der "europäische Gedanke" - ein "Weltgedanke"?

"Woher also die geistigen Grundlagen für ein neue Welt ["eine neue Weltordnung"65] nehmen? Was bleibt übrig?" Bleiben für einen Westeuropäer nicht immer noch als Alternative übrig "die großen Kulturleistungen Europas, das klassische Altertum, die römische Kirche, die Renaissance und der Humanismus, ein großer Teil der Aufklärung und die ganze christliche Romantik"?66

- Die Antwort heißt "Nein", denn "wir können nicht glauben, dass irgendwo noch die Kontinuität des Friedens vorhanden ist und die große und mächtige Kulturtradition des antiken und mittelalterlichen Europas lebendig"67."In einer einzigen Minute, die uns vom Tode trennte, brachen wir mit der ganzen Tradition, mit der Sprache, der Wissenschaft, der Literatur, der Kunst: mit dem ganzen Kulturbewusstsein." Seither gilt unwiderruflich eine universale "Relativität der Nomenklatur", der Begrifflichkeit, ja, "der Dinge" - ihr entspricht der Skeptizismus als einzig noch in Frage kommende Weltanschauung.68

Aber dieser Skeptizismus ist "die Skepsis der metaphysischen Weisheit":

"In einer einzigen Minute wussten wir mehr von der Wahrheit als alle Wahrheitssucher der Welt. Wir sind die auferstandenen Toten. Wir kommen, mit der ganzen Weisheit des Jenseits beladen, wieder herab zu den ahnungslosen Irdischen."69 -

Die Antwort heißt "Ja", denn es gibt in Europa noch ein "glückliches Land" - das Land der "Weißen Städte", Südfrankreich, wohl insgesamt den Bereich der sog. mediterranen Kultur -, "in dem man wieder träumen kann und glauben lernt an die Mächte der Vergangenheit, von denen wir dachten, sie wären, wie so vieles, ein Irrtum und eine Lüge des Lesebuchs"70. "Als ich dreißig Jahre alt war, durfte ich endlich die weißen Städte sehen, die ich als Knabe geträumt hatte."71 Diese doppelt - historisch und biographisch - rückwärtsgewandte Utopie meint schon 1925 das Erlebnis der "Heimat, stärker als nur ein Vaterland, weit und bunt, dennoch vertraut und Heimat", meint "die kaiser- und königliche Monarchie", wie Roth es dann in dem Roman "Die Kapuzinergruft" seinen Protagonisten und Ich-Erzähler ausdrücken lässt72. Doch was haben z.B . Marseille und das k.-u.-k.-galizische Brody, der Ort von Roths "Kindheit", miteinander zu tun? Beide Orte liegen bzw. lagen "hinterdem Zaun"73, d.h. jenseits der "engen Welt" der europäischen, besonders deutschen, Gegenwart der 20er Jahre, in der alles Individuelle durch allgemeine Begriffe ("Nomenklatur") "unverrückbar fixiert", gefangengesetzt wird, in der also nur "Typus","Gattung", "Geschlecht", "Nation", "Stamm", "Rasse" zählen, jeweils nach der "offiziellen Farbenskala". An der "Welt" "hinter dem Zaun", die er in Südfrankreich wiedergefunden zu haben glaubt, interessiert den Autor nichts "auf materiellen, politischen und sozialen Gebieten", sondern ausschließlich die Geisteshaltung, der Lebensstil, den er mit einem genauen Bild beschreibt:

- "Die Namen flossen immer weit um die Dinge, die Kleider waren lose. [...] Hinter dem Zaun gewann ich mich selbst wieder. Ich gewann die Freiheit, die Hände in den Hosentaschen74, eineGarderobemarke an den Hut geheftet, einen zerbrochenen Regenschirm in der Hand, zwischen Damen und Herren, Straßensängern und Bettlern zu wandeln. Ich sehe in den Straßen und in der Gesellschaft genauso aus wie zu Hause. Ja, ich bin draußen zu Hause. Ich kenne die süße Freiheit, nichts mehr darzustellen als mich selbst."75

Roths Blick richtet sich weit in die Zukunft, auf "das Werden einer ganz neuen Kultur". Mag er in der Gegenwart nur den "Krieg" konkurrierender Nationen, Ideologien und Kulturen beobachten, mag er bereits spüren, wie die "Lawinen [...] langsam heranrollen", um Europa zu zerstören - am fernen Horizont sieht er auch "die neue Kultur, der die Zerstörung vorangeht", er meint, es lasse sich "wissen, fühlen oder nur ahnen", dass

"die nationalen Streitigkeiten im Westen [Amerika ist nicht mitgemeint] ein lärmendes Echo von gestern sind und nur ein Schall von heute; dass im Westen ein europäischer Gedanke geboren ist, der übermorgen oder sehr spät und nicht ohne Leid zu einem Weltgedanken reifen wird"76.

Dieses zugleich kosmopolitische und heimatliche Europa wird den säkularen Umbruchsprozess, der mit dem Ersten Weltkrieg verbunden gewesen ist und den Roth als "Tod" und "Auferstehung" miterlebt hat, nicht rückgängig machen wollen, in ihm wird vielmehr die nun als "geistige Grundlage für eine neue Welt" etablierte absolute Relativität der Namen und Dinge, der Nationen und Kulturen gelten. "Wahrheit" wird nicht mehr im Allgemeinen, sondern im Individuellen bzw. im Pluralen, nicht mehr im Statischen oder gar Ewigen,sondern in der Veränderbarkeit und der Wandlung gesucht werden. "Man wandelt sich jeden Augenblick, drüben, hinter dem Zaun."77 Wenn Roth im Zusammenhang seiner europäischen Utopie immer wieder einmal konkret wird und vom "Geist der alten Monarchie", vom "Katholizismus", von jüdischer Supranationalität spricht, handelt es sich eben nicht um neue alte Ideologien, also um "Zäune", die das lebendige Leben einengen, sondern um historische Metaphern für die zukünftige "Welt" jenseits aller "Zäune". Der Jude, der nirgends zu Hause ist und deshalb überall zu Hause sein kann (sein könnte: so im "Hiob"-Roman), der österreichische Offizier, der "in Zlotogrod ebenso zu Hause war wie in Sipolje, wie in Wien" (im "Radetzkymarsch" und in der "Kapuzinergruft"), der Graf Chojnicki (in der "Kapuzinergruft"), der "nicht etwa aus Gläubigkeit" an der Katholischen Kirche festhält, sondern weil diese die von ihr aufgestellten "Zäune" als Ritus, als schöne "Form" versteht,die "lässig" umspielt werden darf78 - sie alle wissen bereits (Mendel Singer erst sehr spät), "wie es hinter dem Zaun aussieht, der uns umgibt"79, ihre "Kleider waren lose". Als topographische Metapher fungiert in Joseph Roths journalistischem Werk oder den Romanen die südfranzösische Landschaft ebenso wie die unendliche Weite der russischen "Erde". Der russische Bauer Sameschkin, der dem in der Umzäunung seines traditionellen Judentums gefangenen Mendel Singer für einen Abend und eine Nacht zur Lockerheit und zur "Freiheit von Vorurteilen" verhilft (H 93), die Menschen in den "Weißen Städten", die "nicht alles wörtlich nehmen"und ihre Mitmenschen so sein lassen, wie diese sich geben wollen80 - sie haben schon etwas von dem "Weltgedanken" verstanden, mit dem Europa nach Roths Meinung schwanger geht.

   

7. "Schöpferischer Revolutionär" - "schöpferischer Aristokrat"

Das trifft auch auf "den lieben Gott" zu, in jener Reportage über den oberflächlich rationalistischen, "geistlosen" Atheismus in Sowjetrussland, die sich in ihrem zweiten Teil in einen kleinen fiktionalen Text verwandelt. Seit 1918 (oder schon länger) lässt "Gott" die Menschen sein und ist froh, dass man ihn sein lässt, ihn nicht mehr in Anspruch nimmt für das Gute oder Böse, das die Menschen jetzt selber zu verantworten haben. Er geht "jenseits der Zäune" spazieren, ist ein genauer Beobachter, interessiert sich vor allem für "die kleinen Dinge", liest sie auf und erzählt gern anderen, was er beobachtet und aufgelesen hat. Es ist deutlich: er ist ein Journalist, ein "Berichterstatter", ein Geschichtenerzähler, ein Schriftsteller geworden. Anders gesagt: Der Schriftsteller besetzt die Position "Gottes", der seine Aufgabe in der Realisierung einer neuen Einstellung zum menschlichen Leben sieht: vorhandene "Zäune" zu übergehen, sich und andere nicht festzulegen, sich immer wieder zu wandeln, aber immer wieder auch den Boden nicht unter den Füßen zu verlieren, eine bestimmte "Erde" zu betreten und ernst zu nehmen, sich den Gefahren zustellen, die von den Todesmächten "Gold und Maschine", Profit- und Machtgier ausgehen, "Güte" für "die kleinen Dinge" aufzubringen und gerade darin "die ganze Welt" zu sehen - allem eine lebendige "Form" zu geben: Eingrenzungen, die keine "Zäune" sind, "lose Kleider" um die Körper, "Namen, die weit um die Dinge fließen".

Der Schriftsteller befindet sich dann ständig in einer Schwellensituation: In Erinnerung an etwas Bestimmtes, Einzelnes, Nahes, das eine "Form" gefunden hat und dadurch sowohl "Heimat" geworden ist als auch stellvertretend für "die ganze Welt" (H 179), für "alles" (H 39) stehen darf, begibt er sich auf eine neue Reise ins Offene, Weite. Jede neue Loslösung bedeutet eine neue Katastrophe.

Das ist dann ein poetisches Programm, für Autor und Publikum:

"Was ich sage, nimmt man nicht wörtlich. Was ich verschweige, ist gehört worden. Mein Wort ist noch lange kein Bekenntnis. Meine Lüge noch lange keine Charakterlosigkeit. Mein Schweigen ist nicht rätselhaft. Jeder versteht es. Es ist, als zweifelte man an meiner Pünktlichkeit nicht, obwohl meine Uhr falschgeht."81

"Woher also geistige Grundlagenfür eine neue Welt nehmen?" Dem Schriftsteller (bzw. Künstler) kommt eine entscheidende Aufgabe zu, nachdem "der liebe Gott" in seiner früheren Rolle funktionslos geworden ist und selber als neue Rolledie des berichterstattenden Schriftstellers gewählt hat, der in denalltäglichen Betrieb der Welt nicht steuernd eingreifen kann, sich aber dennoch - "ausländisch gekleidet" - ständig einmischt. In einer Übergangszeit hat Joseph Roth seine journalistische und schriftstellerische Tätigkeit wohl im Rahmen eines sozialistischen Internationalismus verstanden, der als solcher die "Zäune" der Klassen und Nationen zu beseitigen versucht. Einerseits die Reise in die "Weißen Städte", andererseits die Reise nach Sowjetrussland hat ihm gezeigt, dass auch dieser russische Sozialismus nur einen "Zaun" unter anderen bedeutet und dass an die Stelle einer bestimmten politischen Festlegung eine letztlich ästhetisch orientierte Konzeption treten muss, die sich auf die Idee der "Individualität" stützt, die nicht in der "Masse" aufgeht82, auf die Idee des "schöpferischen Menschen", der "ein Revolutionär [ist] nicht aus Zwang wie der Proletarier, sondern aus freiem Willen oder aus Berufung" und "immer revolutionär [bleibt]", weil er zur "natürlichen Aristokratie des Geistes" gehört. Zwar ist er auf freie Entfaltung seiner selbst angewiesen - "aber die materielle Freiheit ist nur eine der primärsten Vorbedingungen für seine Existenz".

"Es gibt keine Gesellschaftsform, die der natürlichen Aristokratie des Geistes auf die Dauer die geistige Herrschaft streitig machen könnte. Der schöpferische Aristokrat braucht keinen Titel und keinen Thron. Aber seine Gesetze diktiert ihm die Geschichte und nicht die Zensur."

Der Journalist und Schriftsteller Joseph Roth gibt sich offensichtlich auch nach dem Verlust seines sozialistischen Selbstverständnisses nicht damit zufrieden, dass die Entwicklung der modernen Welt in die zwei Hälften des "geistigen" und des "materiellen" Fortschritts zerfällt, er beansprucht - als "schöpferischer Aristokrat" - die "geistige Herrschaft", die sich aus der genauen Beobachtung der "Geschichte", der kulturellen Tradition wie der geschichtlichen Situation der Gegenwart,ergibt und wieder in diese Gegenwart zurückführt.

Im "Hiob"-Roman wird ein solcher "schöpferischer Aristokrat" beschrieben, seine - den "Augen" ablesbare - Legitimation und seine Wirkung. Mendel Singer - noch nicht wissend, dass es sich um seinen verloren geglaubten Sohn handelt - sieht sich die Fotografie des "jungen Genies" Menuchim Kossak an, den sein Lebensweg aus dem "Zaun" des wolhynischen Schtetl in die Welten der russischen Stadt, des zaristischen Hofs, westeuropäischer Konzertsäle und zuletzt in die amerikanische Welt geführt hat:

"Breit und weiß war die Stirn unter der Schwärze der Haare, wie ein glatter besonnter Stein. Die Augen waren groß und hell. Sie blickten Mendel Singer geradeaus an, er konnte sich nicht mehr von ihnen befreien. Sie machten ihn fröhlich und leicht, so glaubte Mendel. Ihre Klugheit sah er leuchten. Alt waren sie und jung zugleich. Alles wussten sie, die Welt spiegelte sich in ihnen. Es war Mendel Singer, als ob er beim Anblick dieser Augen selbst jünger würde, ein Jüngling wurde er, gar nichts wusste er. Alles musste er von diesen Augen erfahren. Er hat sie schon gesehn, geträumt, als kleiner Junge. Vor Jahren, als er anfing, die Bibel zu lernen, waren es die Augen der Propheten. Männer, zu denen Gott selbst gesprochen hat, haben diese Augen. Alles wissen sie, nichts verraten sie, das Licht ist in ihnen." (H 192 f.)    

  

ANMERKUNGEN

1H 187/161 = "Hiob" S. 187/161; die hier wie für alle "Hiob"-Zitate benutzte Ausgabe ist die TB-Ausgabe Joseph Roth, Hiob, Amsterdam/Köln 1974/1982 = KiWi 6 ("Hiob" in: JRW 5 = Joseph Roth Werke, Fünfter Band: Romane und Erzählungen 1930 - 1936, hrsg. u. mit e. Nachw. v. Fritz Hackert, Köln 1990, dort S. 117/100)
2 JRW 2 = Joseph Roth Werke 2: Das journalistische Werk 1924 - 1928, hrsg. v. Klaus Westermann, Köln 1990, S. 455
3 "Wasserträger Mendel", jetzt in: Joseph Roth Werke 5 = JRW 5, S. 850 - 870
4 JRW 5, 862
5 863
6 864
7 870
8 JaW1 = Joseph Roth, Juden auf Wanderschaft, Amsterdam/Köln 1976/1985 ( = KiWi 81), S. 1; ("Juden auf Wanderschaft" in: JRW 2, S. 827 ff.)
9  JaW 11 f.
10 aaO.
11 aaO.
12 Joseph Roth, Die Kapuzinergruft, KiWi 125, S. 44 f.  ("Die Kapuzinergruft" in: JRW 6/199, S. 225 ff.)
13 J. Roth, Die Stadt geht ins Dorf, JRW 2, 643 ff.
14 JaW 61
15 JaW 62
16H 107
17 Vgl. Werner Link, Der kulturelle Einfluss Amerikas in Europa, in: Funkkolleg Jahrhundertwende, Studienbegleitbrief 7, Tübingen 1989, S. 80 ff.
18 Arthur Holitscher, 1929, aaO.
19 J. Roth, "Die weißen Städte", JRW 2, 451 ff.; hier: 456
20 An dieser Stelle wurde beim Verfassen des Textes 1990 folgende Fußnote eingefügt: »Aus der Perspektive des Jahrs 1990: Wenn es gilt, was mit der "Pariser Charta für ein neues Europa" am 21.11.1990 die KSZE-Staatschefs unterzeichnet haben, dass nämlich damit endlich "in Europa ein neues Zeitalter der Demokratie, des Friedens und der Einheit anbricht", dann lässt sich sagen, dass der von Joseph Roth vorausgesagte "mehr als Dreißigjährige Krieg", von 1925 an gerechnet, 65 Jahre gedauert hat.« Die Beurteilung muss 2006 offensichtlich eine andere sein!
21 JRW2, 455
22 451f.
23 631f.
24 "Das ist ein großes Werk der russischen Revolution", JaW 73 !
25 J. Roth, Russland geht nach Amerika, JRW2, 629
26 630
27 Reportagen XI und XIV der "Reise in Russland", in: JRW 2,  629 ff. und  643 ff.
28 644
29 690
30  630
31 645; z.B. durch Alphabetisierung, s. Mendel Singers Unfähigkeit, russisch zu schreiben, H 89!
32JRW 2, 1017
33 631f.
34 631
35 aaO.
36 645
37 aaO.
38 "Der trockene Geruch des Papiers verliert sich im Ozon des Landes" (!), aaO.
39 644
40 629
41 631
42 aaO.
43 632
44 aaO.
45 S. Anm. 17
46 In dem Bericht "Amerika über Paris"; Roth beschreibt z.B. "einen fürchterlichen Riesensäugling von kolossaler Gesundheit" als Reklamefigur über den Dächern von Paris - "der naive und brutale, sentimantale und eiserne, hundertprozentige und Kinderwagen schiebende Rekordläufer" - "mehr als eine Reklame, es ist ein Symbol, es ist Amerika: Amerika über Paris" (JRW 2, 422).
47 JRW 2, 1018
48 631
49 644
50 J. Roth, Das Werk, veröffentlicht in der von Ernst Glaeser 1929 herausgegebenen Reportagen-Sammlung "FAZIT. Ein Querschnitt durch die deutsche Publizistik"; in: JRW 2, 811 ff.
51 S. Anm. 17
52 Paul Stefan, Jazz?, in: Musikblätter des Anbruch, April 1925, S. 187; zitiert nach: Weimarer Republik, hsg. v. Kunstamt Kreuzberg, 3. Aufl. 1977, S. 830 53 Fritz Giese, Girlkultur, München 1925, S. 34, zitiert nach: Weimarer Republik aaO.
54 Siegfried Kracauer, Das Ornament der Masse, Frankfurt a.M. 1977, S. 54, zitiert nach: Weimarer Republik aaO.
55 JRW 2, 813
56 812 f.
57 814
58 810
59 812
60 644
61 aaO.
62 Gedicht "Die Internationale", JRW 2, 32 f.  und auch "Krupp in Essen" (Gedicht "Gasgranate", JRW 2, 24: "und eine Gasgranate, gestiftet von Krupp in Essen")
63 JRW 2, 393
64 S. Russisches Tagebuch, JRW 2, 1017; vgl. J. Roth, Die Kapuzinergruft, KiWi 125, S. 35 ff.
65 JRW2, 631f.
66 631
67 J. Roth, Die weißen Städte, in: JRW2, 455
68 Vgl. dazu Bernd Hüppauf, Joseph Roth: Hiob. Der Mythos des Skeptikers, in: Im Zeichen Hiobs. Jüdische Schriftsteller und deutsche Literatur im 20. Jahrhundert. Hrsg. v. Günter E. Grimm und Hans-Peter Bayerdörfer, Königstein/Ts. 1985, S. 309-373. Und in: Joseph Roth. Werk und Wirkung. Hrsg. v. Bernd M. Kraske, Bonn 1988, S. 25-51
69 JRW2, 455
70 456
71 451
72 J. Roth, Die Kapuzinergruft, KiWi 125, 45
73 JRW2, 453
74 Auf vielen Fotos aus den 20er Jahren ist Joseph Roth, "die Hände in den Hosentaschen", zu sehen: Heinz Lunzer/Victoria Lunzer-Talos, Joseph Roth. Leben und Werk in Bildern, Köln 1994
75 JRW2, 453
76JaW 14
77 JRW2, 453
78 J. Roth, Die Kapuzinergruft, KiWi 125, 36f.
79 JRW2, 453
80 454
81 aaO.
82 J. Roth, Russland geht nach Amerika, JRW2, 631

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© Dieter Schrey 1991/2006