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"Es kann sein, daß wir am Ende
sind," heißt es 1890, bei Hermann Bahr, dem
Wortführer der jungen Wiener Intellektuellen, "am Tode der
erschöpften Menschheit, und das [was wir in der Gegenwart erleben]
sind nur die letzten Krämpfe. Es kann sein, daß wir am
Anfange sind, an der Geburt einer neuen Menschheit, und das sind nur
die Lawinen des Frühlings." *
In dieser Situation ist es die Grundempfindung des damals
16jährigen Hugo von Hofmannsthal, "daß wir mit dem
Kopf nach abwärts aus einem Luftballon hängen, an den uns nur
ein dünner Faden bindet" **.
Und wo Bahr allgemein von "letzten Krämpfen" spricht,
erkennt Hofmannsthal konkreter eine "nervenbezwingende
Nostalgie", "Sehnsucht nach der Heimat", "zurück zur Kindheit, zum
Vaterland, zum Glaubenkönnen, zum Liebenkönnen, zur
verlorenen Naivetät", und versteht all dies als Versuch einer
"Rückkehr zum Unwiederbringlichen" ***.
* Gotthart Wunberg (Hg.), Die Wiener
Moderne, Stuttgart 1981 (= Reclam 7742)
**/*** H.v. Hofmannsthal in: Hugo von Hofmannsthal, Gesammelte Werke in
zehn Einzelbänden: Reden und Aufsätze I, Frankfurt am Main
1979 (= fitabu 2166), S. 95/118 f.
"Es war am 27. August 1926, um vier
Uhr nachmittags, die Läden waren voll, in den Warenhäusern
drängten sich die Frauen, in den Modesalons drehten sich die
Mannequins, in den Konditoreien plauderten die Nichtstuer, in den
Fabriken sausten die Räder, an den Ufern der Seine lausten sich
die Bettler, im Bois de Boulogne küßten sich die
Liebespaare, in den Gärten fuhren die Kinder Karussell. Es war um
diese Stunde, da stand mein Freund Franz Tunda, 32 Jahre alt, gesund
und frisch, ein junger, starker Mann von allerhand Talenten, auf dem
Platz vor der Madeleine, inmitten der Hauptstadt der Welt und
wußte nicht, was er machen sollte. Er hatte keinen Beruf, keine
Liebe, keine Lust, keine Hoffnung, keinen Ehrgeiz und nicht einmal
Egoismus.
So überflüssig wie er war niemand in der Welt."
So endet Joseph Roths 1927
erschienener Roman "Die Flucht ohne Ende".
Joseph Roth Werke 4. Romane und
Erzählungen 1916 - 1929, hg. v. Fritz Hackert,
Köln [Kiepenheuer & Witsch] 1989, S. 496)
Offensichtlich ist das Empfinden der Heimatlosigkeit (der
"transzendentalen Obdachlosigkeit", Georg Lukacs 1916/1920) bis zum
Ende der 20er Jahre ungeheuer angewachsen - schließlich halten
die jungen Intellektuellen der 1890er Jahre ja noch die "Geburt einer
neuen Menschheit" für möglich: "In Qualen [- meint Hofmannsthal
1891, a.a.O. S. 118 f. -] wird das 'gute Europäertum',
die vaterlandslose Klarheit von morgen errungen; den Geschlechtern von
gestern und heute, zwei Generationen von Schwankenden und Halben, war
der Weg zu rauh." In der nächsten Generation, die zunächst
nun
wirklich nicht das "Schwankende und Halbe" auf ihre Fahnen geschrieben
hat, sondern das "Starke und Ganze", zählt sich Joseph Roth
Ende der 20er Jahre wieder und immer noch zu den "Schwankenden und
Halben". Er, der sich in der ersten Hälfte des Jahrzehnts noch als
sozialistischer Journalist verstanden und betätigt hat (vgl. das
antimilitaristische und antikapitalistische Gedicht "Die
Internationale": "Wir sind die Internationale / aus Gold und Blut und
Ekrasit..." [JRW 2 = Joseph Roth Werke 2: Das journalistische Werk
1924 - 1928, hrsg. v. Klaus Westermann, Köln 1990, S. 32 f.] ),
ist nach einer längeren Reise durch die noch junge Sowjetunion zu
dem Urteil gekommen, die sozialistische Revolution in Rußland
habe letztlich zu nichts anderem als zu einer neuen Variante der
westlichen bürgerlichen Gesellschaft geführt, zu "dem
dumpfen, stillen, schwarzen, dem Tintenterror der Bürokratie", zu
einem spießigen, langweilig-öden Rationalismus. ("Über
die Verbürgerlichung der russischen Revolution?", JRW 2, S. 689).
Was bleibt also?
"Was bleibt", ist für Joseph
Roth damals ein Schwanken zwischen
- Utopie und
- Illusion und
- Wissen um die Illusion
- der Utopie oder Illusion durchaus des
"guten Europäertums, der vaterlandslosen Klarheit", von der
Hofmannsthal gesprochen hat - allerdings stellt sich die Frage, ob es
sich hier noch um die "vaterlandslose Klarheit von morgen"
handelt, oder nur noch um eine von gestern. Jedenfalls werden
vom "Hiob"-Roman an die gestrigen Lebenswelten, zunächst die
engere des ostjüdischen Schtetl und dann die weitere des
habsburgischen Alteuropa, inszeniert ,
- Spiel-Welten für den
"Hotelbürger"
und "Hotelpatrioten" Joseph Roth, angesiedelt eben zwischen Utopie und
Illusion, Bewußtsein des Illusorischen der Utopie und des
Utopischen der Illusion.
Entwurzelung und Fremdheitserfahrung
"Überall fremd und überall
heimisch zu sein, das zählt zu den Grunderfahrungen unserer
Epoche. Ströme freiwilliger und unfreiwilliger Wanderer hat dieses
Jahrhundert erlebt. Diese Entwurzelung, Quell sowohl von Leid als auch
von Freiheitsgefühlen, Kennzeichen vieler Rothscher Helden, ist
mit dem Verlust selbstverständlichen Daseins verbunden, mit dem
Zweifel an der eigenen Identität. [...]
Roth hat diese Fremdheitserfahrung, die
viel mehr ist als elegische Trauer um die verlorene Heimat, in fast
allen seinen Romanen und Erzählungen angeschnitten [...].
Dominieren in der 'neusachlichen'
Schaffensperiode - also in 'April' oder in 'Die Flucht ohne Ende' -
Unbefangenheit und melancholische Ironie und das unbändige und
zugleich doch fatalistische Fremdheitsgefühl des Weltabenteurers,
so schlägt diese stets gebrochene Euphorie seit Anfang der
dreißiger Jahre, also in der späteren Schaffenszeit
('Radetzkymarsch', 'Hiob') und erst recht in den Jahren des Exils ins
Gegenteil um: düster, schwermütig, pathetisch und
religiös überhöht gestaltet Roth jetzt das Schicksal des
in die Moderne getriebenen Menschen."
Wolfgang Müller-Funk, Joseph
Roth. Beck'sche Reihe Autorenbücher, München 1989, S. 22 f.
Bodenlosigkeit
Joseph Roths "Hiob"-Roman
jedenfalls (entstanden 1929, im Todesjahr Hofmannsthals) endet mit der
gleichen Grundempfindung der Bodenlosigkeit, des isolierten Schwebens
und des Schwindels, den der 16-jährige Hofmannsthal in seiner
Luftballon-Metapher 40 Jahre zuvor ausgedrückt hat: Am scheinbaren
oder wirklichen, realutopischen oder illusionären Happy end
angekommen, steigt der alte Mendel Singer in den Lift des Astor Hotels
in New York, vierundvierzigster Broadway, "und sah sich im Spiegel",
"er schloß die Augen, denn er fühlte sich schwindlig werden.
Er war schon gestorben, er schwebte in den Himmel, es nahm kein Ende." (H
210; H 210 = "Hiob" S. 210; die für alle folgenden "Hiob"-Zitate
benutzte Ausgabe ist die TB-Ausgabe Joseph Roth, Hiob,
Amsterdam/Köln 1974/1982 = KiWi 6). Und es ist die Frage, ob
der alte, vom Leben zugrundegerichtete Mendel Singer nicht die
Bodenlosigkeit und den daraus resultierenden Schwindel nur physisch
empfindet oder doch auch - wie z.B. Franz Tunda, der Protagonist der
"Flucht ohne Ende" - kritisch über sich selbst und die Umwelt
Bescheid wissend, also wissend, daß dieser Schwindel ihn vom
Boden der Realität abhebt und ihm dann in den oberen Etagen des
Astor Hotels eine Schöne Neue Welt vorgaukelt, das Pseudoparadies
des American Way of Life. In den Augenblicken, in denen sich
der vom Hiob-Schicksal geschlagene Mendel Singer in ohnmächtiger
Wut die Freiheit herausnimmt, den Inbegriff aller tradierten utopischen
Gehalte, nämlich Gott, "verbrennen" zu wollen, existiert er
sicherlich in einem Zustand "vaterlandsloser Klarheit". Aber wie lange
hält er diesen Zustand der absoluten "Beziehungslosigkeit" durch?
Das Schicksal seiner Tochter Mirjam hat ihn ja gelehrt, daß das
Ausleben einer "vaterlandslos" freien Haltung anarchisch ist und im
Wahnsinn endet. Gibt er sich deshalb doch lieber einer angenehmen
Besinnungslosigkeit hin, wechselnden Ideologien, Mythen und Illusionen?
Trivial-Trost
"Man wird weit gehen müssen,
um Bücher zu finden, in denen ein biblisches Thema so echt und
tief in unsere Gegenwart hineingeholt wird wie in Joseph Roths Hiob.
Hier ist Trost und Wegweisung für jeden, der sich im Angesicht
unserer zerrissenen Welt die Frage nach dem Sinn des Leidens stellt."
(Zitiert nach: Norbert Oellers, Literatur der Überredung -
Überzeugung durch Poesie. Bemerkungen zu Joseph Roths Roman Hiob.
In: Galizien - eine literarische Heimat, hsg.v. S.H. Kaszynski. Poznan
1987, S. 151 ff.; S. 152)
So wird Joseph Roths Roman auf dem
Vorsatzblatt zur ersten deutschen Nachkriegs-Taschenbuchausgabe im
Herder-Verlag 1958 gekennzeichnet, nur knapp 20 Jahre nach seinem
ersten Erscheinen. "Trost und Wegweisung für jeden" - das ist die
Sprache der 50er Jahre. Der Roman wird in diesen beiden Sätzen
fast mit dem biblischen Hiob-Buch selber verwechselt, das wohl wirklich
für Juden und Christen in vielen Generationen - nach den Worten
eines frommen Kommentators - ein "gewaltiges Trostbuch" gewesen sein
mag. Aber: Joseph Roths "Hiob" ein Trostbuch?
Es könnte sein, daß in unseren
Tagen ähnliche Trost- und Wegweisungs-Erwartungen an den Roman
herangetragen werden. Die genaue Analyse wird ergeben, daß der
Roman so nicht verstanden werden kann,
- nicht subjektiv als "Trost",
im Sinne einer Vertröstung auf spätere"Wunder", als wohlige
Wärme des Mitleidens und Mitfreuens im Augenblick der Lektüre
zuhause oder in der Schule, als Verhinderung genauer
Leidens-Analyse und kritischer Aktivität,
- nicht normativ als "Wegweisung",
moralisch "aufbauend", die sprichwörtliche "Geduld Hiobs" und
politische Zurückhaltung anempfehlend, gegen selbstverschuldetes
oder fremdverschuldetes Leid resistent machend, so etwas wie eine
zeitgemäße, literaturgestützte Theodizee anbietend,
- insgesamt nicht als religiöses oder
pseudoreligiöses, den angeblichen oder wirklichen modernen
Sinn-Verlust kompensierendes "Trost- und Wegweisungs"-Angebot,
sondern - was noch genauer dargelegt
werden muß - gerade als Ausdruck der spezifisch modernen
"entwurzelten" Existenz.
Nun könnte es aber sein, daß
heutige Leserinnen und Leser bei der Erstlektüre des
Romans in ihm faktisch "Trost und Wegweisung" erfahren. Die
schriftliche Befragung der Schülerinnen und Schüler eines
Grundkurses über ihre "Hiob"-Lektüre hat das folgende Bild
ergeben (dessen Repräsentativität natürlich zu
überprüfen wäre):
- Von 16 Schülerinnen und
Schülern (S II) haben nach eigenem Bekunden 14 den Roman gern oder
sehr gern gelesen. Nach dem Bestseller-Erfolg des Romans nach 1930 und
dann wieder seit den 50er Jahren wird dieses Befragungsergebnis
niemanden verwundern.
- Eine bedeutende Rolle in der Beurteilung
des Romans spielte bei den Schülerinnen und Schülern die
positive Reaktion auf die Sprache des Erzählers, die als
"einfach", häufig als "flüssig" oder gar als
"mitreißend" empfunden wurde. Viele Schüler zeigten sich von
der "Sensibilität" der Bilder, der
"Situationsbeschreibungen" und der "Personencharakterisierung" tief
beeindruckt; all das führe zum "Mitempfinden".
- Die Lektüre war für die
Schüler spannend, und zwar durch die von Anfang an
aufgeworfene Fragestellung "Was wird aus dem Krüppel Menuchim?
Wird die verheißene, aber völlig unwahrscheinliche Rettung,
das 'Wunder', doch noch geschehen? Wird sich das Schicksal der Familie
Singer noch einmal wenden?"- Diese Fragen, so hieß es, zögen
den Lesenden in den Roman hinein und ließen ihn bis zum
Schluß nicht los. Einige Schülerinnen und Schüler
hatten deshalb fast ohne Unterbrechung von Anfang bis Ende
durchgelesen.
- Das "Wunder"-Happy-end - die
Heilung und Wiederkehr des Sohnes Menuchim zu seinem alten Vater -
wurde nur von drei Schülern als "unlogisch" bzw. "unwirklich"
angesehen; andere wiesen daraufhin, daß die ganze Handlung
konsequent gerade auf diesen glücklichen Schluß hin angelegt
sei.
- Knapp die Hälfte des Kurses
bekannte sich zur "ergreifenden" Wirkung des Romanschlusses.
Einige sprachen von "sentimental", zwei von "kitschig", die eine davon
positiv wertend. Als später vom Lehrer erzählt wurde, der
Autor habe vor der Drucklegung des Romans seinem Schriftsteller-Freund Stefan
Zweig einige Szenen vorgelesen und Zweig sei über das
Wiedererscheinen Menuchims zu Tränen gerührt
gewesen (David Bronsen, Joseph Roth. Eine Biographie, Köln
1974, S. 388), sprachen immerhin zwei Schülerinnen von ihren
Tränen.
Insgesamt also nicht die
Erfahrung von "Wegweisung", aber doch so etwas wie
identifikatorische Hinnahme des "Wunders", freudige Teilnahme am
"Trost" während der Lektüre. Ein Großteil der
Lektüre-Erlebnisse der befragten Schülerinnen und
Schüler läßt sich mit der Rezeption von
Trivialliteratur vergleichen, ja, weitgehend mag es sich faktisch um
Trivial-Rezeption gehandelt haben - Trivial-Rezeption im Sinne eines Selbstgenusses
im Mit-Leiden und Mit-Getröstetsein der
Leser/-innen mit dem Protagonisten. Das festzustellen, darf nicht
heißen, es gleichzeitig negativ zu werten.
Eine solche Trivial-Trost-Funktion
des Romans schließt dann aber eine authentisch religiöse
Trost-Funktion aus.
Begegnung und Auseinandersetzung mit "einem ganz
alltäglichen Juden"
Einige der im Anschluß an die
Lektüre befragten Grundkurs-Schüler haben geschrieben, sie
hätten durch die Roman-Lektüre vieles über das
Judentum gelernt. Zweifellos ermöglicht die Lektüre des
Romans
- eine Begegnung und Auseinandersetzung
zwischen uns und einem "ganz alltäglichen Juden" (H 7),
- genauer: einem "ganz alltäglichen"
Ostjuden und seiner Lebenswelt,
- noch genauer: einem Ostjuden und der
Welt des Ostjudentums, wie sich diese Welt 1930, also wenige Jahre vor
ihrer Zerstörung durch den Holocaust, im Roman eines Autors
spiegelt, der selbst dieser Welt entstammt (allerdings nie jiddisch,
sondern von Anfang an deutsch geschrieben hat).
Zwar spielt die Romanhandlung in der Zeit
zwischen (ca.) 1894 und 1919, nicht in Deutschland, sondern im
russischen Wolhynien und in New York und der Roman gehört in die
Situation am Ausgang der Zwanziger Jahre, im Rahmen der deutschen
Literaturgeschichte in die Reihe der Kleine-Leute-Romane wie Hans
Falladas "Kleiner Mann, was nun" und Irmgard Keuns "Das
kunstseidene Mädchen". Andererseits aber wird implizit
in der Begegnung mit dem "alltäglichen" Ostjudentum des
Protagonisten Mendel Singer der Gedanke an die Vernichtung dieser
"Welt" notwendigerweise mitschwingen:
- Mendel Singers abgrundtiefe Angst vor
der Zerstörung der Existenzbedingungen für die
ostjüdische Lebensweise, die die Romanhandlung über weite
Strecken bestimmt, wirkt für heutige Leser als Antizipation des
späteren Schreckens - im verfremdenden Gewand der Situation in
Wolhynien und New York zwischen 1894 und 1919. Sidney Rosenfelds
Gedankengang ist überzeugend:
"Als Roth 1930 seinen Hiob schrieb,
drei Jahre nur, bevor er von Berlin aus ins Pariser Exil
flüchtete, wollte er Mendel Singer und seinen Sohn Menuchim noch
aus Amerika nach Europa zurückkehren lassen. Er konnte damals
nicht ahnen, was ihnen dort bald widerfahren würde. Inzwischen
aber ist das Schicksal der Millionen Mendel Singers mit ihren
Angehörigen und Gemeinden in das Werk eingegangen, es bildet einen
Teil davon, und so besitzt der Roman heute als Denkmal für eine
zerstörte Welt erhöhte Bedeutung."
Sidney Rosenfeld, "Hiob" und die
Frage deutsch-jüdischer Symbiose, in: Joseph Roths "Hiob" im
Leistungskurs Deutsch, Materialien Deutsch D 72 Landesinstitut für
Erziehung und Unterricht Stuttgart 1991, S. 102
- Joseph Roth hat wie wenige sehr
frühzeitig das kommende Unheil vorausgesehen; bereits vor 1930
[!], dem Jahr der Veröffentlichung des "Hiob"-Romans, hat er "die
nationalsozialistische Bewegung als das Ende der europäischen
Kultur" angesehen und geäußert:
"Wenn das kommt, bedeutet es nicht nur
für Deutschland, sondern für ganz Europa das Verderben."
(Bronsen 420 = David Bronsen, Joseph Roth. Eine Biographie, Köln
1974, S. 420)
Und kurz nach dem Erscheinen des "Hiob"
1930 schreibt er von einer Reise, die ihn durch einige Harz-Städte
geführt hat:
"Ihr wißt ja gar nicht wie
spät es ist. Diese Städte stehen fünf Minuten vor dem
Pogrom." (Bronsen 421)
Offensichtlich fallen die Schatten der
vorausgesehenen Greuel schon auf die Entstehungszeit des Romans. Als
1933 noch viele Intellektuelle gegenüber der möglichen
politischen Entwicklung in Deutschland Illusionen hegen, tritt Roth
bereits im Februar u.a. in einem Brief an Stefan Zweig
solchen Illusionen entgegen:
"Inzwischen wird es Ihnen klar sein,
daß wir großen Katastrophen zutreiben. Abgesehen von den
privaten - unsere literarische und materielle Existenz ist ja
vernichtet - führt das Ganze zum neuen Krieg. Ich gebe keinen
Heller mehr für unser Leben. Es ist gelungen, die Barbarei
regieren zu lassen. Machen Sie sich keine Illusionen. Die Hölle
regiert." (Bronsen 420)
- Die ursprünglich biblische
Hiob-Symbolik, auf die Joseph Roth 1929/1930 in seinem Roman
zurückgegriffen hat, um in einer vor allem auch privaten
verzweifelten Lebenslage - seiner Hilflosigkeit und Verzweiflung
angesichts der zunehmenden Geisteskrankheit seiner Frau - als Jude
sein Leiden zu reflektieren - diese Symbolik hat nach 1945, nach dem
Holocaust, immer wieder als Instrument der kollektiven jüdischen
Selbstvergewisserung in der Situation des noch in der Erinnerung
unausdenkbaren, unaushaltbaren tödlichen Leidens gedient. (Vgl.
die Literaturangaben in: Jürgen Ebach, Stichwort "Hiob/Hiobbuch",
in: Theologische Realenzyklopädie (TRE), Bd. XV, Berlin/New York
1986, S. 360 ff.)
In der Sicht Sidney Rosenfelds kommt
dementsprechend der Beschäftigung mit Joseph Roths "Hiob"
eine große Bedeutung zu:
"Seit Auschwitz können weder
Deutsche noch Juden über ihre nationale und geistige Existenz
nachdenken, ohne sich gleichzeitig der Bedeutung bewußt zu sein,
die das andere Volk in der eigenen Geschichte besitzt. Das grauenvolle
Geschehen, das einen Abgrund zwischen Juden und Deutschen aufriß,
bindet sie nun unlösbar aneinander. In dieser neuen und
bedrückenden Symbiose findet nun Joseph Roths 'Hiob' seinen
Platz." (a.a.O. S. 103)
Vor diesem Hintergrund mag dann die
beschriebene "Trivial-Rezeption" des Romans als problematisch
erscheinen,
- eine Rezeption im Sinne des Mit-Leidens
und Mit-Getröstetseins mit dem Hiob-Schicksal des
ostjüdischen Tora-Lehrers Mendel Singer und seiner Familie
- und die damit verbundene
nostalgisch-wehmütige Betrachtung einer "versunkenen Welt", das
Auskosten ihres als exotisch empfundenen Reizes.
Die Bedenken sind ernstzunehmen, die die
amerikanisch-deutsche und jüdisch-deutsche Schriftstellerin Irene
Dische (geb. 1952 in New York als Tochter jüdisch-deutscher
Emigranten, in Berlin lebend) als genaue kritische
Beobachterin der Situation in Deutschland zu der von ihr festgestellten
Konjunktur des "Juden als Figur" geäußert hat:
"Denn gerade durch Auschwitz wurden
zwar die Juden hier buchstäblich ausgerottet, aber eben nicht der
Jude als Figur. Im Gegenteil, dadurch wurde er in Deutschland erst
recht unausrottbar groß und präsent. Nie war die
jüdische Kultur hier bekannter als jetzt. [...] Manchmal habe ich
allerdings das Gefühl, die Deutschen fühlten sich durch den
Holocaust irgendwie geläutert, so daß sie jetzt wie nach
einer Beichte ihre Absolution genießen."
(Irene Dische im Interview mit Paul Badde, in:
Frankfurter Allgemeine Magazin, 17. Aug. 1990, S. 42)
Was bleibt?
"La musique biblique"
Joseph Roth hat in den 30er Jahren selbst
betont, daß er mit dem "Hiob"-Roman an die Grenze zur
sentimentalen Unterhaltungsliteratur geraten ist. Kurz vor seinem
Tod 1939 meint er sogar, er habe diese Grenze überschritten, das
dargestellte Leid sei "zu schmackhaft und weich" und das Buch "zu
virtuos in seinem Geigenton: Paganini" (Oellers, a.a.O. S. 153).
Aber andererseits hat er eine solche Wirkung wohl von Anfang an
beabsichtigt. Das wird deutlich, wenn er zuerst 1930 von der "Melodie"
des "Hiob" spricht, die "eine andere ist, als die der Neuen
Sachlichkeit, die mich bekannt gemacht hat" (Bronsen 381), und
wenn er 1934 dann - in einem Gespräch mit einem französischen
Literaturkritiker (Bronsen 381) - diese neue "Melodie", auf
die es ihm als Romanschriftsteller nun ankomme, als "la
musique biblique" bezeichnet (a.a.O.). Das ist wohl eine
treffende Formel für die Wirkintention und die faktische Wirkung
des Romans.
Ähnlich beschreibt Joseph Roth die Wirkung des jiddischen
Theaters, wie er sie in der Wiener Leopoldstadt erlebt hat:
"Hinter dem Inhalt, nicht neben ihm,
klang die Melodie. Die Worte und die Begebenheiten lagen in ihr.
Deshalb ahnte man tief hinter ihnen das große Schicksal, dessen
kleiner Teil sie waren. Deshalb erstreckte sich hinter ihnen, weit,
dicht und nebelhaft, eine Welt, von der man wußte, sie wäre
das Trauerspiel, das den Gesang und den Tanz nur vor die Kulissen
geschickt und sich selbst noch nicht verraten hätte. Was hinter
der primitiven jiddischen Bühne stand, war hohe, tragische Kunst
und Rechtfertigung der Bühne." (J.R., Das Moskauer jüdische
Theater, in: JRW 2, S. 676)
Absehend vom Inhalt, von der
erzählten Welt, erwartet der Autor in erster Linie von der
"biblischen Musik", also dem Rhythmus und Klang, dem Vokabular, der
mythologischen Motivik und der Bildlichkeit der (im Deutschen
notwendigerweise an der Luther-Bibel orientierten) Sprache, die
entscheidende Wirkung. Das ist eine ästhetizistische
Konzeption. Die "musique biblique" soll zwar keine an der Bibel
ausgerichtete, theologisch reflektierte explizite Wegweisungs- oder
Verkündigungs-Funktion wahrnehmen, sie soll auch keinen biblischen
Trost spenden. Aber sie ist - durchaus wohlkalkuliert - auf eine
äußerst wirkungsmächtige, weil unbewußt
ablaufende ästhetische "Trost"-Wirkung hin angelegt, auf eine
Wirkung nur knapp jenseits der Trost-Wirkung traditioneller Religion,
deren sprachlicher Mittel sie sich bedient. So entsteht eine "edle"
Trivialliteratur als Religionsersatz.
Auf diese Weise bekommt der Roman die
gleiche Funktion wie im Roman "Menuchims Lied" (H 179 f.).
Auch der Romanautor spielt (spielt!) die Rolle des "großen
Komponisten" und "Genies", die im Roman Menuchim Singer-Kossak innehat
(nicht spielt!) (H 191)
- Menuchim Singer-Kossak, der
Komponist und Produzent jüdischer Volksmusik, deren tröstende
Wirkung auf die leidgeprüften Zuhörer genau kalkuliert ist.
Auch vom "Hiob"-Roman des Autors Joseph Roth ist also -
spielerisch-ironisch, aber auch selbstbewußt - die Rede, wenn es
von Menuchims Lied heißt:
"[...] niemals war ein Lied wie dieses
hier gewesen. Es rann wie ein kleines Wässerchen und murmelte
sachte, wurde groß wie das Meer und rauschte. 'Die ganze
Welt [ ! ] höre ich jetzt', dachte Mendel. Wie ist es
möglich, daß die ganze Welt auf so einer kleinen Platte
eingraviert ist? Als sich eine kleine silberne Flöte einmischte
und von nun an die samtenen Geigen nicht mehr verließ und wie ein
getreuer schmaler Saum umrandete, begann Mendel zum ersten Mal seit
langer Zeit zu weinen." (H 179)
Virtuoser "Geigenton: Paganini"! Und
Trivialrezeption - textintern Mendels Musikrezeption wie textextern
des Lesers vielleicht ebenfalls tränenreiche Romanrezeption. Und
diese Trivialrezeption übernimmt ehemals religiöse
Funktionen: Wo Mendel früher abends "zum dritten Mal" gebetet
hat (H 8), hört er jetzt abends "zum
drittenmal" die Schallplatte (H 179); wo er früher
einmal mit "monotonem", "heißem Gesang" und mit
hämmernden Fäusten zu Gott gerufen hat (H 75
f.), betet er jetzt nicht mehr, sondern singt "mit seiner
heiseren Stimme" und "trommelt[e] mit zagen Fingern" "Menuchims Lied" (H
179).
Die folkloristische Schallplatte
ersetzt Tora und Gebetbuch - und "virtuos" gemachter und fast
unmerklich ironisierter Trivial-Trost die Theodizee. Vielleicht
reagiert ja das Lese-Publikum bei der Lektüre der sechzehn Kapitel
des Romans ähnlich wie die Juden in Skowronneks
Schallplatten-Laden, die zusammen mit Mendel Singer "Menuchims Lied"
hören (H 180):
"Keiner sprach. Alle hörten das
Lied und wiegten im Takt die Köpfe. Und sie hörten es
sechzehnmal [ ! ], bis sie es auswendig konnten."
Auch den Roman liest der Leser
gewissermaßen sechzehnmal - der Roman hat 16
Kapitel!
Wolfgang Müller-Funk zählt bei
der Periodisierung der Werke Roths den "Hiob" zu den in den 30er Jahren
in der Haltung "schwermütiger Düsterkeit" und
"religiöser Überhöhung" (s.o.) geschriebenen
Werken. Der Roman gehört aber wohl doch noch - trotz der
"düsteren" Anteile und trotz der religiösen Motive - in die
Reihe der durch "melancholische Ironie" gekennzeichneten Werke der 20er
Jahre, in deren Kalkül durchaus auch ironisch dargebotene
Trivialität mit einbezogen ist.
Das Interesse für die kleinen Dinge
Was bleibt?
In einem Bericht von seiner Reise
durch die Sowjetunion beschäftigt sich Joseph Roth mit dem
"lieben Gott in Rußland". Der sich atheistisch und
rationalistisch-wissenschaftlich verstehende Sowjetstaat hat Gott
abgeschafft: "'Sagen Sie mir', fragte mich ein Mann, 'wie kann ein
gebildeter Mensch an Gott glauben?'" Der Autor fragt sich selber, was
Gott nun noch zu tun bleibt, und er antwortet: "Er geht spazieren". In
einer symbolischen Landschaft - "ein abendlicher Regenbogen wölbt
sich im Osten" und "die Sonne geht im Westen unter" - geht Gott
spazieren, "unerkannt, ein alter Herr, ausländisch gekleidet". Ihm
begegnet in einer "stillen Straße" einer wie der Autor selber,
ein Journalist, "ein Berichterstatter". Diesem gegenüber erstattet
Gott ungefragt einen Bericht über seine neue Lebensweise: Er hat
sich in Moskau "herumführen" lassen, den Kreml und
"ausgeräumte Kirchen" besichtigt. Dabei hat "Er" ( ! ) sich
nach dem Urteil der Leute, die ihn herumgeführt haben, "sehr
komisch" verhalten: Statt für kirchliche "Baustile" und
"Sarkophage toter Zaren" von Gottes Gnaden hat er sich für ein
"Brotkrümchen" "auf dem Schnurrbart des Führers" und für
"eine grüne, spanische Fliege" interessiert - für das, "was
die Fliege sagt", und statt für "das Mausoleum Lenins" für
"einen verrosteten Nagel" vor dem Eingang - für die Herkunft
dieses Nagels, zuletzt für "ein Loch in einer Schuhsohle" eines in
der Kirche "knienden Mannes" - für den Ort, an dem das Loch
entstanden ist. "Wissen Sie", sagt Gott zu dem "Berichterstatter", dem
alter ego des Autors, "ich habe Mich immer für die ganz
kleinen Sachen interessiert". Die Menschen in Rußland - wie
anderswo - wissen im 20. Jahrhundert, "wie der Blitz entsteht", und
sind stolz darauf,
"aber die kleinen Dinge wissen die
Menschen immer noch nicht, obwohl sie nicht mehr an Mich glauben. Bei
Mir [= "bei Gott"!], Sie werden kaum glauben, wie froh Ich bin, aus
diesem Komplex von Staat, Regierung, Industrie, Politik entlassen zu
sein. Man mutet Mir nicht mehr zu, für die Gesundheit der
Oberhäupter zu sorgen, für die Moral der Kinder, für die
Koalition zwischen Generälen und Chemie. Ich segne keine Gasmasken
[..]. Ich wohne [wie wohl auch der Autor] im 'Savoy', zahle zwanzig
Rubel täglich und lasse Mich verleugnen. Jetzt gehe ich in das
Theater Meyerholds, man gibt dort ein Stück, in dem Ich
gelästert werde. Ich brauche ja nicht mehr zu strafen, Sie glauben
gar nicht, welch ein schöner Abend es wird!" (J.R., Der liebe Gott
in Rußland, Frankfurter Zeitung 20.2. 1927, in: JRW 2, S. 682 f.)
Zum Beispiel im 14. Kapitel des "Hiob" -
wie im "Roman eines einfachen Mannes" insgesamt - wendet der
Erzähler, der "Berichterstatter" des Romans, in der
Beschreibung Mendel Singers die neue "göttliche" Methode an:
Mendels
"alter Kaftan schimmerte grün an
den Schultern, und wie eine winzige Zeichnung der Wirbelsäule
wurde, den ganzen Rücken entlang, die Naht sichtbar. Mendels
Gestalt wurde kleiner und kleiner. [...] In den Taschen trug Mendel
Singer viele Sachen: Päckchen, um die man ihn geschickt hatte,
Zeitungen, verschiedene Werkzeuge, mit denen er die schadhaften
Gegenstände bei Skowronnek reparierte, Knäuel bunter
Bindfäden, Packpapier und Brot. Diese Gewichte beugten den
Rücken Mendels noch tiefer, und weil die rechte Tasche
gewöhnlich schwerer war als die linke, zog sie auch die rechte
Schulter des Alten hinunter. Also ging er schief und gekrümmt
durch die Gasse, ein baufälliger Mensch, die Knie geknickt und mit
schlurfenden Sohlen." (H 177/178)
Offenbar hat auch Mendel Singer,
der Protagonist des Erzählers, mit seinem neuen Interesse
für die vielen kleinen "Sachen" in den Taschen vom "lieben
Gott in Rußland" gelernt...
Nachtrag zu den möglichen Zielen
einer Beschäftigung mit dem Rothschen "Hiob"-Roman im
Literaturunterricht der S II:
Einerseits sollten
die in der Lektüre entstandenen "unmittelbaren" Identifikationen
der Schülerinnen und Schüler mit den Menschen der
ostjüdischen Lebenswelt, sowohl ihre persönliche
Betroffenheit als auch ihr Fremdheitsempfinden, ernstgenommen und
aufgegriffen werden.
Andererseits aber gilt
es, dieses Empfinden und Verstehen historisch einzubetten
(und zum Teil wohl auch zu korrigieren) durch die Erarbeitung des zu
einem adäquaten Verständnis des Romans unabdingbaren
Verstehenshorizonts, nämlich der alltagsweltlich-religiösen
Eigenarten der ostjüdischen Lebenswelt, vor allem der
jahrtausendealten jüdischen, insbesondere der neuzeitlichen ostjüdischen
Leiderfahrung "im Zeichen Hiobs", ihres kollektiven und individuellen
Ausdrucks und ihrer Aufarbeitung in Theologie, Alltagsfrömmigkeit,
Literatur, Kunst und Musik.
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© Dieter Schrey 1991/2006
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