These 1:
Das ganze
schriftstellerische Werk
Joseph Roths, das journalistische Schaffen wie auch die Romane, unter
ihnen der
"Hiob", lässt sich verstehen
- als Auseinandersetzung
mit dem
Schrecken und Schmerz des Ersten Weltkriegs und seiner Folgen, als
Versuch der
Verarbeitung dieses traumatisierenden Erlebens, und
- als kritische
Auseinandersetzung mit
den Bemühungen der Zeitgenossen, ihr Erleben zu
verarbeiten.
These 2:
Im Erleben Roths wie der
ganzen
Generation, die die Erfahrung des Weltkriegs gemeinsam hat, bedeutet er
nicht
nur einen nie dagewesenen Schrecken und
Schmerz, wie
Roth sagt: eine "Zersplitterung der Seele" (II 241), sondern
gleichzeitig auch die Zerstörung aller seit Jahrtausenden zur
Verfügung
stehenden Muster der therapierenden Verarbeitung ebensolcher radikaler Schmerzerfahrungen. Beides zusammen führt
zum Bewusstsein
der absoluten historischen Singularität und Novität des so
entstandenen
Lebensgefühls. Was bleibt, ist die schiere Wahrnehmung des
Schreckens.
These 3:
Der Erste Weltkrieg hat
damit
gewissermaßen demokratisiert, ins Massenbewusstsein der - man
denke an den
Untertitel des Romans - der "einfachen Leute" gehoben, was für die
Intellektuellen seit Nietzsche bereits entschieden ist: das Wissen um
den "Tod
Gottes" und das Ende aller spekulativ-metaphysischen Bemühungen,
damit auch um
das Ende aller teleologischen, zukunftsgewissen
Geschichtsentwürfe, das Wissen
um die Genealogie der Moral aus Nicht-Moral und um den Willen zur Macht
als
letzte - neuartige metaphysische - Gegebenheit.
These 4:
Die im Trommelfeuer der
"Stahlgewitter" (E. Jünger) des Ersten Weltkriegs erfahrene
"industrielle Vernichtung von Menschen" erscheint Zeitgenossen wie
Joseph Roth gleichzeitig auch als konsequenter Höhepunkt des in
der zweiten
Hälfte des 19. Jahrhunderts im Zusammenhang der wirtschaftlichen
und
industriellen Entwicklung rapid fortgeschrittenen Prozesses einer
"Verdinglichung" des Menschen. Diesen Gedanken drückt
Roths politische Lyrik aus dem
Jahr 1924 u.a. mit dem zentralen Reim
"Kapital und General"
immer wieder deutlich aus.
These 5:
Die Schock-Erfahrung
des Krieges wird in der Nachkriegszeit zum "Bewusstseinsmodell" (P.
Sloterdijk) bzw. Unbewusstseins-Modell, mit dem die neuen
entscheidenden
gesellschaftlichen Erfahrungen, aber natürlich auch private
Erfahrungen, emotional
und kognitiv bearbeitet werden. In der Materialschlacht des Artillerie-
und
Grabenkriegs in einem Unterstand auf den Einsatz zu warten, zur
Bewegungslosigkeit und Passivität verdammt, und so der drohenden
grausamen
Vernichtung blind ausgeliefert zu sein - diese Weltkriegs-Erfahrung
des Soldaten fungiert in den 20er Jahren als so etwas wie eine
"Urszene", als Metapher für das, was in den Jahren der Inflation
und
Arbeitslosigkeit und später der Weltwirtschaftskrise vernichtend
über einen
hereinbricht.
These 6:
Mit dem Ersten Weltkrieg
ist endgültig
deutlich geworden, dass die Theodizee-Frage, allgemein
formulierbar als
die Frage nach einem letzten, vordergründig nicht erkennbaren,
nach einem
metaphysischen Sinn des unaushaltbaren
Leidens und
des entsetzlich Bösen in der Welt, als Frage eine
völlig neue
Dringlichkeit erhalten hat, dass sie aber ihre Beantwortbarkeit
ein für
allemal verloren hat, jedenfalls als metaphysische Frage, weil
theologische und
philosophische Metaphysik ihre Funktion verloren haben. Dies
konstatieren, von
unterschiedlichen Ansätzen aus, 1919 der jüdische Philosoph
Hermann Cohen in
seinem Buch "Religion und Vernunft aus den Quellen des Judentums"
(Leipzig 1919/2. Aufl. 1929) und 1920 Max Weber in seinem
systematischen
Hauptwerk "Wirtschaft und Gesellschaft" (ersch.
1922; Köln 1964), dort in dem Kapitel "Das Problem der
Theodizee". Beide Autoren verweisen die Frage nach dem Leid in der Welt
als Frage nach dem Bösen endgültig in den Bereich der Ethik
bzw. einer Theorie
des intersubjektiven Handelns.
These 7:
Da dennoch die Frage
nach einem letzten,
einem unbedingt geltenden Sinn des Leids, gerade wenn es um das
Erleiden letzter
Grausamkeit geht, immer neu zu stellen ist, und zwar nicht mehr nur von
den
Wenigen, sondern von den Millionen, und da vielleicht von wenigen, wohl
aber
kaum von den Millionen das längere Ausbleiben einer befriedigenden
Antwort
ausgehalten wird, sind von nun an Ersatz-Antworten erwünscht:
Ideologie,
Mythen und das ihnen entsprechende politische und private Handeln, als
Versuche einer "Algodizee", die
nach
Peter Sloterdijk seit den 20er Jahren "an die Stelle der Theodizee"
tritt und zu deren "Umkehrung" wird: Wenn es nun nicht mehr darum
gehen kann, eine für das Grauen und Leid verantwortliche
Instanz - Gott
oder gottmenschliche Vernunft - zu rechtfertigen, bleibt als Ausweg
scheinbar
nur noch der Versuch, das pure Grauen und Leid selber entweder, wie bei
Ernst
Jünger, um seiner selbst willen zu rechtfertigen oder in seiner
Zuordnung zu
ideologischen Wertvorstellungen und politischen Zielen, die sich vom
Prinzip
des Willens zur Macht ableiten, einer unreflektierten Triebdynamik,
einer
'Sinnlichkeit', die sich den Massen als 'Sinn' darbietet.
Das können die Texte
Ernst Jüngers und des zum
völkischen Lager gehörenden
Romanschreibers Franz
Schauwecker belegen.
[1]
Es ist aber
interessant, dass auch so unterschiedliche Autoren wie Max Scheler,
Walter
Benjamin und die Autoren des Dada, die allesamt ja nun
wirklich
andere als faschistische bzw. faschistoide Konzeptionen haben, in ihrer
Reaktion auf ihre am Krieg und an den Kriegsfolgen leidende Gegenwart
von der -
als gegeben geltenden - Tatsache angestauter Triebenergien ausgehen,
von
'Sinnlichkeit', die den 'Sinn' definiert. So spricht Scheler 1916,
mitten im
Ersten Weltkrieg, in seiner Schrift "Vom Sinn des Leidens" von dem "lang
verhaltenen Schrei der leidenden Kreatur", die im Krieg "wieder
frei und herb das All durchtönt". Die Dada-Autoren
fordern 1918, in den letzten Monaten des Weltkriegs, "Unruhe statt
Ruhe", "Wut, Wut, Wut - und noch lange kein[en] Sinn" und
"dem Kosmos einen Tritt". Zehn Jahre später, in der Zeit der sog.
"Wiederkehr" des Weltkriegs, antwortet Walter Benjamin auf den
drohenden "Taumel der Vernichtung" durch Nationalismus und Rassismus
mit der Utopie rauschhaft erlebter Kommunikation mit Menschheit und
Natur (der
"Rausch der Zeugung" soll allerdings mit der "Disziplin des
Proletariats" verbunden sein).
These 8:
Entschieden gegen alle
Mythen und
Ersatzbefriedigungs- und alle ideologischen "Algodizee"-Versuche
gerichtet, versteht sich im 20. Jahrhundert die moderne Kunst,
speziell
die Literatur, als eigenständigen, möglicherweise
einzig authentischen
Weg, dem Grauen zu begegnen, natürlich nicht - im Gegenzug zu
wissenschaftlichen oder auch philosophischen Rationalisierungen - als
explizite
Antwort auf die so nicht mehr beantwortbare Theodizee-Frage, auch
nicht, in
Konkurrenz zu nach wie vor unternommenen religiösen Versuchen, als
parareligiöse
Erlösung vom Bösen und Übel, aber doch als
eine - vielleicht nur punktuelle - Lösung vom Bann des erlebten
Grauens.
Angesichts der tief ängstigend in den Blick gekommenen
"Möglichkeit, dass
am Ende alles doch nur nichts sei", wird nicht erst bei Adorno, der das
nach der Erfahrung des Grauens der Shoah auf den Begriff gebracht hat,
die
moderne Kunst als einzige Hindeutung auf "die Möglichkeit des
Möglichen" (Th. W. Adorno, Ästhetische Theorie, Frankfurt
1970, = stw 2 1981, S. 200), einer
Versöhnung im Bereich des
unversöhnlich Nichtigen, Vernichtenden und Vernichteten, gesehen.
Es geht dann
natürlich nicht darum, dass z.B. ein Roman wie Joseph Roths "Hiob"
auf der Handlungs- bzw. Bedeutungsebene die Theodizee-Frage in der
Perspektive
des Protagonisten stellt, sondern um die Frage, ob ein solches
Kunstwerk selber
Theodizee "sein" kann, sich als solche verstehen kann, indem es
"mehr zu sagen scheint, als es ist", dies im Entwurf "seiner
eigenen Transzendenz".
These 9:
Adorno weigert sich
auch dort, wo er den möglichen Übergang zu einer
metaphysischen Ästhetik oder ästhetischen
Metaphysik reflektiert, von der "Negation der Negation" [der Negation
der ausschließlich negativ zu verstehenden Welt der Gegenwart]
zur "Position"
fortzuschreiten,
zum Gedanken eines im Kunstwerk fassbaren Positiven; "sie [die
Kunstwerke] produzieren [zwar] ihre eigene
Transzendenz, sind [aber] nicht deren Schauplatz, und dadurch wieder
sind sie
von Transzendenz geschieden. Deren Ort in den Kunstwerken ist der
Zusammenhang
ihrer Momente" (Th. W. Adorno, Ästhetische Theorie, S. 122)
- deren "Konstellationen" oder "Konfigurationen". (Th. W. Adorno,
Negative Dialektik, Frankfurt 1966, S. 397. Vgl. auch den kurzen
Aufsatz
"Standort des Erzählers im zeitgenössischen Roman", zuerst
in:
Akzente 1954/5, in: Notizen zur Literatur, Frankfurt 1974, = stw 355, S. 41 ff.)
Joseph Roth geht hier -
denke ich, und ich möchte damit ein Ergebnis genauerer
Überlegungen
vorwegnehmen - in seiner Roman-Praxis, im "Hiob" am Ende
der 20er Jahre, einen
Schritt weiter, indem er eine Sprache spricht - er nennt sie
später selber in
einem Interview mit einem französischen Literaturkritiker "musique biblique",
"biblische Musik" - eine Sprache, die jedenfalls traditionellerweise
[um das Adornosche Bild zu gebrauchen] "Schauplatz der Transzendenz"
gewesen ist und nach der Überzeugung vieler Zeitgenossen dies noch
immer ist,
und indem er seinen Roman von der ersten bis zur letzten Seite als
komplexes
Geflecht mythischer, biblischer "Konfigurationen" konzipiert, die in
der Tradition als Gleichnisse für Erlösung und transzendentes
Heil fungiert
haben. Dieses Verfahren bedeutet dann allerdings keinesfalls, dass der
"Hiob" hinter den mit dem Ersten Weltkrieg gegebenen Epochenbruch
zurückfällt und als traditionell-religiöser Roman zu
verstehen wäre. Es
bedeutet eher, dass Roth - in seiner Identifikation mit der Masse der
durch den
Krieg und das Nachkriegsjahrzehnt in ihrer Existenz vernichteten oder
gefährdeten "einfachen Leute", mit deren Ungeduld angesichts des
von
Vergangenheit und Gegenwart ausgehenden Leidensdrucks - der
Mythensehnsucht einen
Schritt entgegengeht und für den Moment der Lektüre
mögliche Erlösung
aufscheinen und erahnen lässt, auf irgendeine Weise
ähnlich der, die
früher einmal geglaubt worden ist.
These 10:
"Theodizee" also als
punktueller ästhetischer Trost; als "theós"
fungiert ein von der Tradition ausgeliehener metaphysischer Glanz, der
nicht in
der Handlung, in den Personen, sondern ausschließlich in der
Sprache und
Bilderwelt des Erzählers seinen Sitz hat. Das ist ein
wichtiger Aspekt
von Roths Poetik - von anderen Aspekten wird noch zu reden sein
, ein Aspekt, der diese Poetik mit der Kunstauffassung von Otto
Dix
(geb. 1891) verbindet. Ich möchte - andeutend - drei
Parallelen
ziehen:
1. Wenn Dix
sich in den 20er Jahren - wie z.B. im Triptychon "Der Krieg" (1932) -
zur Darstellung grausamster, grauenerregender Bildinhalte ausgerechnet
die
Lasurtechnik der altdeutschen Meister 'ausleiht', ist das - denke ich -
die
direkte Parallele zu Roths Verwendung der Sprache der "musique biblique".
2. Dix wählt
das sakrale Genre des "Triptychon". Das ist parallel zu Roths
Entscheidung für das Genre der "Legende" bzw. zu seiner Verwendung
des Titels eines Buchs der Hebräischen Bibel.
3. Dix spielt
äußerst differenziert z.B. auf die "Kreuzigung" im Isenheimer Altar von Matthias Grünewald an
und zitiert
viele andere alte Bildmotive - parallel zu dem unübersehbaren
Geflecht
biblisch-mythologischer Anspielungen im "Hiob"-Roman.
Wahrscheinlich
ließe sich eine ähnliche
Parallele ziehen zu analogen Verfahren in der Musik um 1930, z.B. zu
Paul
Hindemiths Oper und Sinfonie "Mathis der Maler" (1934). (Hindemith
ist 1895 geboren.)
These 11:
Das Erleben des Ersten
Weltkriegs durch
die Zeitgenossen, wie es sich in der Literatur, der Bildenden Kunst und
der
Musik der Weimarer Republik spiegelt, ist - als Bewusstseins- und
Unbewusstseins-Modell
- das Grundmuster, das sich, historisch variiert, in den anderen
Katastrophen
des 20. Jahrhunderts wiederholt - darin liegt seine herausgehobene
mentalitätsgeschichtliche Bedeutung. Der Erfahrung eines immer
wieder neu und
gesteigert als nie dagewesen erlebten
katastrophalen
Schmerzes korrespondiert das schmerzhafte Bewusstsein, dass ein
für allemal das
traumatisierende Geschehen mit den überkommenen Mitteln der
politischen Kultur,
der Moral, der Religion nicht zu verarbeiten ist. Der Zweite Weltkrieg,
Auschwitz, Hiroshima, Archipel Gulag, nach
wie vor
nicht aus der Welt geschaffte nukleare Bedrohung, faktisch gegebene
ökologische
Katastrophe, drohende globale Chaos-Situationen aufgrund ungleicher
Güterverteilung
- die Dramatik hat sich in den Jahrzehnten seit 1917/18 gesteigert.
These 12:
Aufgabe des
Literaturunterrichts, der
sich mit dem Problem-Thema "Theodizee im 20. Jahrhundert, besonders im
epochenspezifischen Kontext der 20er Jahre" und in diesem Zusammenhang
mit
Joseph Roths "Hiob"-Roman beschäftigt,
könnte es sein, an diesem Beispiel die für das 20.
Jahrhundert bestimmend
gewordene, durch den Epochenbruch der Jahre 1914-1918 bedingte
fundamentale
Veränderung der Wirklichkeits-Wahrnehmung und die Genese der
Verarbeitung
dieses Grausamkeits- und Schock-Erlebens zu buchstabieren und zu
reflektieren.
Es spricht einiges
dafür, dass in den
gegenwärtigen westlichen Gesellschaften an die Stelle der
ideologischen Algodizee-Versuche der 20er
und 30er Jahre ein anderes
Verfahren getreten ist, mit den Katastrophen des Jahrhunderts, den
heutigen wie
den vergangenen, umzugehen, das Verfahren nämlich der Analgetisierung,
der Erzeugung von Schmerz- und Empfindungslosigkeit in extremer
Schmerzsituation, und zwar durch die verschiedenen Erscheinungsformen
des
westlichen Konsumismus. Der Unterricht sollte im offenen Gespräch
Lebensgefühl
der Gegenwart und der Weimarer Zeit in einen spannungsvollen
Zusammenhang
bringen.