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|| Stimme 3.2 (Text 11) ||
 


  Der Vater 

"Tiefe innere Krise". Naja, schwierig war sie schon immer.
Schon als Zwei-, Dreijährige rief sie, wenn man sie beim Überqueren der Straße an die Hand nehmen wollte, "Selber, selber!" Dabei hatte sie solche Probleme mit ihren Augen! Welches Theater gab es jedesmal beim Augenarzt!
Natürlich, vielleicht ist man - sind wir, Claudia und ich, in der Erziehung etwas ängstlich gewesen, schließlich war Paula unser erstes Kind. Auch Anna hätten etwas lockerere Zügel sicher gut getan.
Erst seit den 70er Jahren ist man ja in Erziehungsfragen ein bißchen klüger geworden - wann wurde Paula geboren - '52. Und Anna '56.
Ja, die 50er Jahre! Da hatten wir uns um anderes zu kümmern als um Erziehung - das heißt, Claudia hatte Zeit für die Kinder. Und sie hat sich redlich bemüht, aus ihnen brauchbare Menschen zu machen.
Aber eben, das war nicht Paulas Sache: "brauchbar" - das sei bürgerliches Denken, ließ sie uns später wissen. "Selber, selber", das war und blieb ihre Devise. Und paßte '68 ganz gut, als die Studenten von Emanzipation und Gesellschaftsveränderung redeten. Ach, eigentlich waren Claudia und ich doch auf der Seite der jungen Leute. Eine neue Politik, "mehr Demokratie wagen", Willy Brandt... Wir hatten doch unsere Lehren aus der Nazi-Zeit gezogen...
Bis heute. Auch nachdem Claudia vor 5 Jahren gestorben ist. Bis heute.
Alles muß sie überziehen. Wenn ich an die Szene denke, die sie mir bei ihrem letzten Besuch hier in Dortmund vor drei Monaten gemacht hat. Da kommt sie von Ulm nach Dortmund angereist, gut 500 km, ist immerhin einen Tag ganz freundlich zu mir - und plötzlich, aus heiterem Himmel, legt sie los, redet von ihrer "verkorksten Kindheit", ihrer Schwester seien wir schon gar nicht gerecht geworden, es sei ja kein Wunder, daß aus Anna ein derart unangenehmer und impertinenter Mensch geworden sei, meine Einwände und Vorhaltungen, sie solle ihre Schwester gefälligst aus dem Spiel lassen, weist sie barsch zurück, ereifert sich immer mehr, wir hätten ihr überhaupt - überhaupt! - keine Gelegenheit gegeben, "sich selber zu finden", das sagte sie mit schriller Stimme, wir hätten nur von Familie, Verantwortung für andere und Solidarität gesprochen, hätten überhaupt - überhaupt! - nicht verstanden, daß alle diese schönen Dinge nur verwirklichbar seien "auf der Basis gelungener Selbstverwirklichung", so drückte sie sich aus, ich hör' sie noch dozieren.
 

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