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|| Stimme 4.2 (Text 14) ||
 

Die Tochter 

Ja, das Gespräch heute vormittag. Jetzt sitze ich hier in meinem Zimmer und versuche, meine Gedanken zu ordnen. Ich glaube, Papa hat noch gar nicht bemerkt, daß die Reisetasche nicht mehr auf dem Schrank im Schlafzimmer steht. Als ich vorhin von meinem Ferienjob nach Hause kam, fragte er mich bloß, ob ich wüßte, wo denn meine Mutter stecke und er murmelte vor sich hin: "Den ganzen Tag ist sie nicht im Laden aufgetaucht. Ich möchte bloß wissen, was in letzter Zeit mit ihr los ist." Seitdem sitzt er im Wohnzimmer und tritt ab und zu auf die offene Terrasse hinaus. Ich möchte ihn nicht ansehen müssen, wenn er den gleichen Verdacht schöpft wie ich, daß Mama ohne sich zu verabschieden weggefahren ist. Weggefahren oder -gegangen, nur mit einer Reisetasche für das Nötigste. Als ich festgestellt hatte, daß die Tasche fehlte - dieselbe Tasche, die sie bei sich hatte, als sie letzte Woche eine Stippvisite bei Tante Anna machte - war ich ins Bad gegangen: die Zahnbürste war weg, auch die Haarbürste und der Cremetopf, aber seltsamerweise stand der Aufbewahrungsbehälter mit ihren Kontaktlinsen noch auf der Konsole.
Warum, warum nur. Sie hat immer so einen zufriedenen Eindruck gemacht, ich sah in ihr immer die Frau, die alles hat, was sie will, die Berufsleben und Familie optimal vereinigte. Bis vor ein paar Monaten, so ungefähr im Frühjahr fing es an, nach dieser Moskaureise, daß sie immer wieder ihre "Launen" hatte, wie Papa es nannte. Nun gut, ihr Verhältnis zu Papa - also meine Ehe stelle ich mir mal nicht so vor. Ich habe mir schon lange gedacht, eine Frau wie Mama, so voller Sanftheit und Zärtlichkeit sollte doch jemanden haben, der solche Gefühle auch erwidert - vielleicht einen Liebhaber, nicht so einen Mann wie Papa, der bei offiziellen Anlässen gerne den Arm um die Taille seiner Frau legt, aber sich zu Hause lieber seinen Büchern widmet. Vielleicht ist es das, vielleicht ist sie ja durchgebrannt mit irgendeinem Mann, es tut mir eigentlich nicht weh, wenn ich mir
vorstelle, wie Mama Hand in Hand mit einem Mann über ein Feld läuft, einem jungen Mann, der ihr ihre Lebendigkeit zurückgibt...
 

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