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|| Stimme 4.1 (Text 4) ||


Die Tochter

Es war schon seltsam gewesen mit Mama heute morgen. Sie, die sonst immer peinlichst darauf bedacht war, daß nur auf der Terrasse geraucht wurde, ausgerechnet sie saß heute morgen am Frühstückstisch, ein Bein auf den freien Stuhl neben sich gelegt - sonst auch nicht gerade ihre Art - und zündete sich, wie am Inhalt des Aschenbechers ersichtlich, eben genüßlich die vierte Zigarette an. "Kaffee steht in der Küche", rief sie mir fast fröhlich zu, "und dann setz dich her zu mir, ich muß mit dir reden!"
Etwas erstaunt war ich ja schon über diese ungewohnte Leichtigkeit in ihrer Stimme, nachdem sie die letzten Wochen und Monate so reizbar, verletzlich und manchmal fast schon depressiv gewesen war. Als ich mit dem Kaffee aus der Küche kam, fiel mir auf, daß Mama eine neue Brille aufhatte. Eine modische - helles Metallgestell, kleine ovale Form, die wirklich gut zu ihrer hellen Haut und dem schmalen Gesicht paßte und ihr gleichzeitig irgendwie einen entschlossenen Ausdruck verlieh. In letzter Zeit hatte Mama ja ab und zu mal Brille getragen, ihr Uralt-Kunststoff-Kassengestell, aber eben nur an solchen Tagen, wenn ihre Stimmung auf dem Nullpunkt war und sie es einfach nicht lohnend fand, sich morgens zu schminken oder ihre Kontaktlinsen einzusetzen. Dabei war das Einsetzen ihrer Linsen, solange ich überhaupt zurückdenken kann, immer die erste Handlung des Tages und wahrscheinlich auch die letzte gewesen - naja, Papa kann Brillen nicht leiden.
Ich stellte den Kaffee auf den Tisch, setzte mich auf einen Stuhl und angelte mir eine Scheibe Toastbrot aus dem Brotkorb, schon ziemlich hart und kalt, Mama mußte heute schon früh aufgestanden sein. Halb neugierig, halb gelangweilt fragte ich: "Was gibt's denn?" - In letzter Zeit waren unsere Gespräche ja weder besonders harmonisch noch ergebnisreich verlaufen. "Ich habe nachgedacht, Marianne. Wenn du wirklich erst mal diesen Südamerika-Trip machen willst, dann tu's; laß deinen Studienplatz sausen, und wenn du dann zurückkommst, kannst du dir immer noch überlegen, ob Medizin tatsächlich das richtige für dich ist. Wenn ich da so an Anna denke... Und mach dir über Papa keine Gedanken. Wir wissen beide, daß er sich schrecklich aufregen wird, aber sobald du erst mal weg bist, wird er überall stolz rumerzählen, daß seine Tochter die Courage hat, allein ein Jahr lang Südamerika zu bereisen, und er als aufgeschlossener Vater so etwas sogar unterstütze. Du weißt ja, wie es letztes Jahr bei Markus war. Erst ein Riesenwirbel, weil er das Gymnasium abgebrochen hat, und heute heißt es: wie vernünftig von dem Jungen, erst einmal eine Lehre zu machen. Und wenn ich noch daran denke, wie ich damals geheult und gekämpft habe, so lange, bis er mir zugestanden hat, nach Moskau zu fahren, um mich über die Möglichkeiten eines deutsch-russischen Gemeinschaftsunternehmens in Sachen Buchhandel zu informieren, und später dann sein Geprahle über seine geschäftstüchtige Ehefrau, der es gelungen sei, gewinnversprechende Kontakte in Rußland zu knüpfen" - kurz schien sie weit weg zu sein mit ihren Gedanken, doch plötzlich strahlte sie mich förmlich an, so daß ich fast erschrak - "Also, wie gesagt, Marianne, mach dir keine Sorgen und tu, was du wirklich möchtest!"
Ich saß wahrscheinlich ziemlich lange sprachlos da - dieser plötzliche Sinneswandel nach den wochenlangen Diskussionen - ich glaube, ich starrte abwechselnd auf das quadratische Toastbrot, das unberührt auf meinem Teller lag, und das länglich-schmale Gesicht meiner Mutter, die mir plötzlich so anders, so fremd vorkam. Nichts bleibt in seiner ursprünglichen Form, seltsam, wie sich alles verändert.
Das Klingeln des Telefons schreckte mich schließlich aus meinen Gedanken. Schon wieder einer dieser ominösen Anrufe, bei dem Mama wortlos wieder auflegte. Sie blieb aber gleich im Flur stehen, schlüpfte in ihre bequemen Sandalen, kam noch einmal zu mir zum Tisch zurück und drückte ihre Zigarette aus. "Tschüß, mein Schatz!", und nicht ohne mir, wie bei jedem Abschied, mit ihren zarten Fingern über die Wange zu streichen, ging sie mit beschwingtem Schritt zur Tür hinaus. Ich hatte selbst noch keinen Ton auf ihre Worte von vorhin erwidert, es schien mir jetzt auch, als sei es ihr völlig unwichtig.
 


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