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|| Stimme 6.3 (Text 17) ||
 


  Die Schwester 

"Anna", sagte sie zu mir, "ich hab Vertrauen zu dir. Ich kann es nicht kriegen. Ich bin doch zu alt, und es ist nicht Rainers. Und die Kinder sind doch schon groß. Verzeih, Anna, daß ich damit zu dir komme. Aber du bist schließlich Ärztin, und so tüchtig, Anna, und du machst mir doch keine Schwierigkeiten, es ist sonst alles so umständlich, bitte, Anna."
Aber sie bat nicht. Sie nahm sich einfach das Recht, meine Hilfe in Anspruch zu nehmen. Und schaute mich an und hatte wieder diesen Schimmer auf der Haut und diese verräterischen tiefen Augen. Und ihre Hände spielten die ganze Zeit mit meinen, als gehörten meine Finger ihr.
Was ich geantwortet habe? Ich habe Nein gesagt. Ich war plötzlich so voller Haß auf meine Schwester Paula, daß ich es schrie: "Nein!" "Ich erledige das nicht für dich, Paula", hab ich gebrüllt, "ich bring dein Leben nicht in Ordnung. Das hab ich erwartet, daß du von mir verlangst, dich aus dem Chaos zu holen, was du mit deinen Gefühlen veranstaltest. Kümmer dich selbst um die Folgen. Ich weiß, du hast mich immer ein bißchen verachtet, weil ich nicht zu leben verstand wie du. Ich war ja nur die vernünftige, die fleißige Anna, die tüchtige Anna, die alles zu ernst nahm, die nicht genießen konnte. Helfen durfte ich dir, aber das war auch alles. Jetzt sieh zu, wie du allein fertig wirst!"
Paula stand auf, strich mir wie früher, wenn wir stritten, die Hand leicht über die Wange, zog den Mantel über, ging zur Tür, drehte sich um, lächelte, sagte: "Danke, Anna. Lebwohl!" und ging. Paula ist fort? Sie wird auf einer Wiese liegen und an einem Grashalm kauen.
 

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