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|| Stimme 6.1 (Text 6) ||
 


  Die Schwester 

Paula - Paula war immer ein Schaf. Mein ich nicht bös - sie ist meine ältere Schwester, vier Jahre älter, und natürlich hab ich sie geliebt. Aber sie war auch immer ein Schaf, und das hab ich gewußt mit dem Moment, in dem ich sie zum ersten Mal bewußt wahrgenommen hab.
Paula liebte zu leicht. Paula mit ihrem schmalen weißen Gesicht und den milden Zügen und diesen großen weichen Augen, die so kurzsichtig waren, daß sie die Dinge nie genau sah. Alles mußte sie dicht an sich heranlassen, um es überhaupt wahrzunehmen. Oh, was für ein kurzsichtiges Schaf Paula war! Denn in alles, was sie so an sich heranlassen mußte, um es überhaupt wahrzunehmen, verliebte sie sich: Bücher, Babies, Blumen, Männer... Stand ihr gut, das Verliebtsein, als sie jung war... Sie bekam dann diesen Schimmer auf der Haut, und ihre Augen wurden groß wie Tümpel.
Gott, hat mich das immer aufgeregt, daß sie ständig ihre Brillen verlor oder verlegte oder irgendwo vergaß - oder auf den Fußboden vors Bett legte und morgens beim Aufstehen zertrat.- Ich glaub ja, eigentlich wollte sie das so -nichts sehen, blind sein. Paula hätte am liebsten nur durch ihre Hände gelebt, nur gefühlt. Sie hatte Hände wie eine Blinde und faßte immer alles an mit diesen ganz weichen Fingerkuppen. Weiß noch, wie verrückt mich das machte, wenn wir uns stritten und ich wütend wurde und sie versuchte, auf mich einzureden, um mich zu beruhigen. Nur daß sie nicht viel sagte, sondern mir ihre Hand, diese weichen Finger, ganz sanft übers Gesicht zog, daß sich mir die Nackenhaare sträubten. Und dann sagte sie "Anna", so bittend und lieb, und ich war wütend, weil ich sie derart blöd fand, daß es mich reizte, sie weiter zu ärgern, aber ich konnte nicht.
Nein, mich wundert es nicht. Mich wundert es gar nicht.
Nach außen hin, für jemanden, der sie nur flüchtig kannte, war sie völlig unauffällig, eine Hausfrau eben, eine gute Ulmer Hausfrau: brav die Schule abgeschlossen, brav die Lehre gemacht, brav geheiratet, nach angemessener Zeit die Kinder: ein Mädchen, ein Junge, wie's sich gehört. Brav zuhaus geblieben, erzogen, gekocht, gespart, später ein bißchen Volkshochschule, ein bißchen halbtags im Buchladen, ein Opernbesuch, sonntags auf die Schwäbische Alb, Alltag, Wochenende, das erste graue Haar belächelt, vernünftige Schuhe getragen...
Und jetzt staunen alle - mich wundert es nicht, weil ich in Paula immer das Mädchen ohne Brille erkannte, das Mädchen, das tastete.


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