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|| Stimme 2.3 (Text 16) ||
 


  Der Russe 

Endlich Freiheit... "Ich weiß schon", sagte Irina, als ich mich auf diese Geschäftsreise nach Deutschland meldete, ja als ich mich vordrängte und Petja dabei eine Abfuhr erteilte. Vielleicht wußte sie wirklich. Briefe von Paula waren nur an Irina gekommen, spärlich, wir wissen ja, wie die Post läuft. Aber was Irina alles nicht weiß, was nun zu meinem eigenen Leben geworden ist, ganz unabhängig von ihr (aber denke ich dabei nicht immerzu auch an Irina?), das sind die beiden Tage, an denen ich mit Paula durch Moskau zog. Ich konnte ihr ja wirklich helfen, einige unserer großen Buchhandlungen zeigen, es gibt ja auch schon private, "Zwemmer's bookshop" in lateinischen Lettern, Paula wollte sich einfach informieren, warum nicht auch hier ein deutsch-russisches "Joint-venture". Aber wie sie das alles machte! Hat sie nicht ganz auf ihre Weise Moskau erkundet? In die dunklen Hauseingänge ging sie hinein, tastete sich an den Wänden mit dem abgefallenen Putz entlang. Nein, sie wartete keineswegs darauf, daß ich sie
in jeden Winkel begleitete - sie schützte vor den Mafia-Gesichtern, die ich schon an jeder Ecke auf sie zukommen sah. Nichts ist ihr passiert. Nichts wäre ihr passiert auch ohne mich. Aber nun doch mit mir - was ist in ihr geschehen, als wir am Ufer der Moskwa standen, unser beider Blick auf den Kreml, wie ein Touristenpärchen standen wir da und hatten noch einen ganzen langen Tag vor uns. Erst am Bahnsteig, vor der Abfahrt ihres Zuges nach Petersburg - was hat sie mir da gesagt? "Nicht von des Gedankens Blässe angekränkelt - Du lebst es alles ganz - Ganz bist du da - Du bist in deinen Händen, wenn du mich berührst - Und wenn du nur neben mir stehst, weiß ich, daß die Welt ein Singen ist, ein großer voller Gesang."
Schnell fahren diese Züge in Deutschland. Und so leicht. Ein Gefühl von Fliegen. Schon bin ich nicht mehr da. Fort ihr Gesicht. Ihre Hände, ihre wunderbaren Hände mit den weichen Fingerkuppen. Dieser Ulmer Bahnhof. Beim Abschied plötzlich der sonderbare Mensch mit seiner Médoc-Flasche. Hat sich einfach vor sie hingestellt. Und da hat sie ihren Blick fortgenommen von mir, sie hat sich nach dieser blauen Tasche gebückt, die wie ein nun gar nicht mehr wichtiges Mitbringsel auf dem Bahnsteig stand, hat sie über die Schulter gehängt, mit der rechten Hand, die linke war ganz frei, und sie strich sich langsam, sehr langsam über den Nasenrücken und den Mund.
Frankfurt, vielleicht in drei Stunden. Gegen Morgen wird das Flugzeug abfliegen. Heim. Zu dem geduldigen Warten vor den Läden, wo es billige Butter gibt. Die Müdigkeit. Unsere große Geduld. Mein Land, mein armes, weites, herrliches Land.
 

 
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