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|| Stimme 2.2 (Text 9) ||


 
  Der Russe 

Wie gut, daß der Zug jetzt anfährt. Für das Geld für diesen Liegewagenplatz hätte ich bei uns dreimal von Moskau nach Petersburg fahren können, im besten Zweierabteil, 10 Dollar zusätzlich für den Schaffner. Ach, immer diese Vergleiche! Muß ich denn ständig nebeneinanderstellen: hier - dort. Irina hier, meine Welt - und dort - das Fremde, das mich fasziniert.
Irina, eigentlich ist sie an allem schuld. Sie hat ja die Fremde angeschleppt, einfach mit ins Haus gebracht, und sie haben sich gleich beim Vornamen genannt: Dies ist Paula, hat sie gesagt, und sie war stolz, daß das Deutsch ihr so gut über die Lippen ging. Diese zwei Frauen! Sofort hab ich gedacht, daß es Schwestern sein könnten, oder nein: Mutter und Tochter. Irina, mein Täubchen, mein liebes altgewordenes Täubchen, mit deinen graumelierten Federn, mit deinen Schwungfedern, die immer noch einen weiten Flug tun können, mit deinem Gurren. Doch, ich komme, ich komme wieder, und ich werde mit dir anstehen in der langen Schlange für die billige Butter, weil du es immer noch nicht gelernt hast, wie diese westlichen Großtuer die Dollars springen zu lassen. Heimlich habe ich die Scheine aufeinandergelegt, damit ich bei meiner Geschäftsreise ins Valuta-Land diesen Abstecher machen konnte, hierher, zu Paula. Und alles hab ich dir verschwiegen.
So freimütig hat Irina sie angeschleppt, damals im Mai. Sie standen plötzlich beide in der Küche. Fast schon wie Freundinnen, dachte ich, denn einen fremden Besucher läßt man doch nicht auf den kleinen Küchenhocker sitzen, und ausgerechnet auf den wackligen, an dem ich immer wieder das Bein anleimen muß. Sie hat sich bestimmt ganz ungemütlich gefühlt, so dachte ich, aber die beiden lachten, und Irina probierte mit Wonne ihr Schuldeutsch aus. Ich sitze da, inmitten des Bratkartoffelgeruchs, schaue von einer zur anderen. Also die Deutschen hab ich mir schon anders vorgestellt. Plötzlich eine leibhaftig im Haus, auf dem Küchenhocker, und Irina schiebt ihr schon von meinen übriggebliebenen Kartoffeln von der Pfanne herunter. Dann erfahre ich, wie sie sich kennengelernt haben. Paula erzählt und Irina schaut sie dabei vergnügt an. Vielleicht ist Paula gar nicht immer so eine lustige Frau, habe ich gedacht, vielleicht ist da viel Schwermut hinter ihren Augen. Wie sie das nun sagt, sie sei durch die Straßen Moskaus gelaufen, fast ziellos, auf dem Weg nach irgendeiner Metro-Station, und wie sie die Leute angeschaut habe, immerzu, und keiner hätte zurückgeschaut, niemand, kein einziger Mensch, sie sei fast verhungert nach einem warmen Blick, überall diese zugeschlossenen Gesichter. Und dann das Ereignis in der Metro. Eine Frau ihr gegenüber auf den langen Sitzreihen, direkt vis-à-vis, eine ältere Frau, und die hatte Zöpfchen, kleine Zöpfchen rechts und links abstehend, und dazu das graue Haar.
Du lieber Gott, Irina hat ja manchmal diese Marotte, wie oft hat mich das schon geärgert, aber für diese fremde Frau muß das wie ein Aufleuchten gewesen sein. Als sie es nun in der Küche erzählt, hab ich gemerkt, wie schnell sich ihr Blick verwandeln kann. Ihr Gesicht ist ganz in dem, was sie tut. Sie nimmt die Brille ab und wischt sich über die Augen, ja ich seh das ganz deutlich noch vor mir, sie wischt sich die Lachtränen ab und sagt dann: An der nächsten Station hat sich ein Mann in den Gang zwischen uns gestellt, der verdeckte mir mein Gegenüber. Aber ich war schon fast süchtig nach ihrem Gesicht, da hab ich mich zur Seite gebeugt, ob ich es vielleicht so sehen konnte - und da guckt sie mir doch genau von der Seite entgegen. Ist das nicht symptomatisch für beide? Die zwei Schwestern. Die Russin, die - wie Paula sagt - keine echte Russin ist, und die Deutsche, anders als die, die ich bisher von den TV-Sendungen kenne. Wer trennt sich schon so leichthin von seiner Dollar-Mentalität und setzt sich auf einen wackeligen russischen Küchenhocker. Wie zwei Schwestern. Aber nein, eben nicht. War es nicht schon hier, daß es mir durchs Herz fuhr, daß die Unruhe in meinen Blick kam. Dies Ziehen, dies verlockende Ziehen plötzlich in mir: Da! Jetzt! Ich stand neben dem Gasherd (Irina läßt die Flamme ja immer brennen, weil sie zu wenig Streichhölzer im Haus hat), und plötzlich wurde mir heiß und ich ging zum offenen Fenster. Da war der Schritt getan. Über Irinas grauem Haar hinweg blickte ich auf die, die in unser Leben eingebrochen war. Sah ich sie überhaupt? Alle meine Sehnsucht, alle meine in den ganzen unendlich langen Jahren des Eingeschlossenseins zurückgehaltene Sehnsucht strömte in mir zusammen. Ich spürte genau, wie sie aus dem Magen hochkroch und sich mir dorthin legte, wo ich das kleine Kreuz trug, ich spürte nur noch Hitze in der Küche, welch enges Loch, welch lächerlich winziger Raum, Luft, oh wo ist Luft! Wie hatte man uns zusammengepreßt in diesem Land, siebeneinhalb Quadratmeter Lebensraum für eine lebendige Person, wie hatte man uns vorgegaukelt, wir seien die herrlichste bestausgestattete Nation auf der Welt. Und nun durchbricht da plötzlich eine junge Frau diese Schranke, sitzt freimütig mitten in einer russischen Fünfquadratmeterküche und blickt mich an. "Ich habe noch nie mit einer Ausländerin gesprochen, ich meine, so privat", sage ich ganz leise. Da schaut sie mich an. Fast denke ich, sie sieht mich gar nicht. Aber in ihren dunklen Augen tut sich für mich ein weiter Raum auf, führen Straßen, seh ich Flugzeuge am Himmel ihre Streifen ziehen, gleißen Sonnenstrahlen, gleißt und funkelt eine Welt, eine Welt der unendlichen Weite, ist Freiheit. Endlich hinaus in die Freiheit...

 
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