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|| Stimme 8 (Text 8) ||
 

  Die Nachbarin 
 
Komisch - wie Paula vorhin an mir vorbeigerannt ist. Nicht mal gegrüßt hat sie mich.
Naja, in letzter Zeit ..., merkwürdig!
Karl - mein Mann - meint, daß sie wohl einen neuen Liebhaber hat. Und dann schaut er mich so drohend an - als ob ich so etwas täte.
Warum geht da drüben niemand ans Telefon? Nervig dieses ewige Geläute.
Ja - Paula, die traut sich schon einiges.
Ihr Mann hat es wirklich nicht leicht mit ihr - dabei ist er eine Seele von einem Mensch. Wenn Paula ihre Launen hat - wie liebevoll er dann für die Kinder sorgt und den Haushalt schmeißt. Nein - sowas hätte ich mir nie erlaubt. Sowas tut man einfach nicht.
Wo Karl bleibt? Es ist schon 11 Uhr. Nicht mal ein Anruf.
Nein - das Auto ist weg. Der Parkplatz leer. Aber...
Die frische Nachtluft tut gut. Hier draußen ist es nicht so stickig wie in der Wohnung. Am liebsten würde ich auf dem Balkon einschlafen.
Ah - drüben geht das Licht aus. Ob Rainer zu Bett geht ? Daß der das kann, wenn Paula nicht da ist. Ich mach mir dann immer Sorgen. Nein, ich schlafe immer erst ein, wenn Karl zu Hause ist.
Und Paula, nein - die hat mich nie verstanden - nie gesehen - nie richtig wahrnehmen wollen.
Schlicht und einfach hat sie mich genannt, als ich ihr einmal sagte, daß sie ihre Kinder nicht so lange alleinlassen soll. Aber sie! - Nein, ihr Buchladen war ihr schon immer wichtig - wichtiger als die Kinder, wichtiger als ihr Haushalt.
Nur ihre Liehaber, die waren ihr noch wichtiger. Und auf mich lächelt sie herab. Bloß weil ich keine Kinder habe, bloß weil ich Karl treu bleibe. Als ob es glückliche Ehen heutzutage nicht mehr gibt.
Gut, zugegeben, Karl hat schon manchmal eine kleine Affäre, ich weiß - wußte es immer, so etwas spürt man ja. Auch wenn ich so tat als ob.
Wie grell sich die Scheinwerfer durch die Nacht fressen. Ein Auto! Das muß Karl sein! Endlich! Am besten, ich schalte von innen das Licht aus. Ja, es ist besser, wenn ich nicht gleich gesehen werde.
Warum steigt er nicht aus? Ist es auch wirklich Karls Auto? Zu dumm, daß das Hoflicht kaputt ist. Warum steigt er nicht aus?
Paula ist auch oft lange im Auto geblieben, wenn sie von einem ihrer Liebhaber heimgebracht wurde. Aber seit sie von Rußland zurück ist, seitdem hat sich etwas geändert.
Nein - große Geschäfte wollte sie dort machen. Lachend sagte sie damals vor dem Gartentor zu mir, daß Rußland ein idealer Boden für den Buchhandel sei. Geglaubt hab ich ihr nie. Für Liebschaften wohl - hab ich bei mir gedacht und zurückgelacht und ihr einen guten Flug und viel Erfolg gewünscht.
Und dann - in der Wohnung, als ich allein war, hab ich geweint. Weil ... ach!
Warum steigt er nicht aus da unten!
Ja und dann, als sie wiederkam... Sie war nicht mehr die gleiche. Natürlich sah sie so aus wie vorher. Gut, ein paar Silberfäden mehr im Haar. Aber das sieht man nicht sofort.
"Aber nein", wieder lachte sie mich an. Wie gut es mir tat.
Wie ich mich doch freute, sie wiederzusehen, nach den Wochen.
"Nein - so großartig waren die Geschäfte nicht. Aber Geld allein ... "
Und ihre Augen strahlten in einer Tiefe, einer Stille. Ja, sie war verändert!
Ob Karl recht hat? "Die spinnt doch, seit sie aus Rußland zurück ist", sagte er. "Ich glaube nicht, daß sie noch ein guter Umgang für dich ist."
Jetzt endlich! Hat auch lange genug gedauert.
Meine Güte - wie der schwankt!
Der ist ja schon wieder betrunken! Und das, obwohl...
Jetzt reicht's mir, jetzt ist's genug! Morgen treff ich mich mit Helge.
 

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