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|| Stimme 1.2 (Text 18) ||
 


  Der, der herumlungert 

Sag ja - war eine Dame, die Frau am Bahnsteig 1. Das Haar: dicht, dunkel, eine paar helle Strähnen, wohl grau. Sehr gekämmt. Nur die Augen, die waren gar nicht damenhaft. Konnte man gar nicht hingucken, vor lauter Angst reinzufallen, so tief waren die. Und guckten auch nicht weg. Eigentlich hat eine Dame wegzugucken, wenn so ein Typ auftaucht wie ich und sie anstarrt. Ich hab sie nämlich angestarrt, weil sie fast schön war und ich wissen wollte warum. Und sie hat die Augen nicht abgewendet, sondern mich angesehen, nein, nicht angesehen. Sie hat ihre Augen auf mir ruhen lassen. Hat mich irgendwie geehrt... Später sagte ich mir: wird wohl kurzsichtig gewesen sein, die Dame. Merkte dann auch, daß sie durch mich hindurch auf den Zug sah, der gerade abfuhr, Richtung Frankfurt.
Und dann tat sie noch etwas, was Damen gewöhnlich nicht tun: sie sagte plötzlich, unbefangen und laut, so laut, daß mehrere Leute sich umdrehten: "Lebwohl, Liebster!" Dabei war weit und breit kein Liebster zu sehen. Eine Sekunde lang dachte ich ehrlich, sie meint mich. Weil ich doch sicher der einzige da war, der Russisch verstand. Und das war das Komische: sie sagte es auf Russisch, mit deutschem Akzent. Und dann lachte sie noch ziemlich laut.
Und dann nahm sie ihre Reisetasche, die eigentlich zu klein war für die Reise, die ihre Schuhe vorhatten anzutreten, und ging die Treppe hinunter zu den anderen Gleisen. Ich blieb stehen und sah sie drüben an Gleis 2 wieder auftauchen: erst der fein gekämmte Kopf, Blumenkleid, schöne Beine, vernünftige Schuhe. Und dann stand sie da und starrte über die Gleise herüber, bis ein Zug sich dazwischenschob. Und als der wieder fuhr, war sie weg.
Ich hab noch eine Weile da gestanden, wie angenagelt. Und geträumt. Dann einen Médoc. - Mann... hatte die Augen!

 

Ende
 
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