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|| Stimme 1.1 (Text 1) ||
 


Einer, der am Bahnhof herumlungert 

Ein Herr bin ich nicht, aber eine Dame erkenn ich.- Es hat nämlich Zeiten gegeben, in denen ich mit Damen verkehrt habe, auch wenn man es mir jetzt nicht mehr ansieht. Runtergekommen - sicher bin ich runtergekommen, geradezu auf den Hund sozusagen, oder lassen Sie's mich lieber in Englisch ausdrücken, nobler: "I've come down in the world." Es wundert Sie, daß ich Englisch spreche - wundern Sie sich nicht. Ich spreche außerdem fließend Italienisch, gut Französisch, verständlich Spanisch und ein paar Brocken Holländisch. Achja, und Russisch natürlich, ah, Russisch - so gut wie meine Muttersprache!
Ich weiß, man sieht's mir nicht an - steh hier herum am Bahnhof in Ulm - weiß gar nicht mehr, wie ich nach Ulm geraten bin, Provinznest, elendes, aber da bin ich nun. Irgendwo landet man eben. Nettes Interieur, der Bahnhof, die Bahnpolizei ganz menschlich, keine Hunde wie in Frankfurt oder Hamburg. Und die eine Verkäuferin in der Bäckerei da drüben, ja genau, die kleine, runde, blonde - die hat meine inneren Werte erkannt und schiebt mir bisweilen ein Brötchen rüber für Gotteslohn und einen netten Spruch. Nein, ich will mich nicht beklagen - für einen, der abgestürzt ist, geht's mir nicht übel. Die Kumpels sind in Ordnung, wenn auch nicht ganz auf meinem Niveau. Dafür angel ich mir gelegentlich eine FAZ aus dem Müll, oder die ZEIT. Feuilleton les ich gern, aber auch die Heiratsanzeigen. Sollte ich diesen Schritt noch ein drittes Mal wagen, dann nur mit einer, die in der ZEIT eine Anzeige aufgibt. Da kann man sicher sein: die hat Geist und Kultur und ist auch finanziell abgesichert. Nicht unwichtig, der Punkt. Schlückchen gefällig? Guter Tropfen: Médoc. Hab auch einen extra Becher für Gäste: hier. Guter Wein. Gerade in meiner Position muß man darauf achten, was man zu sich nimmt. Klar: Alkoholiker. Eben darum bestehe ich auf einer gewissen Qualität. Schließlich trinkt man mehr als der Normalbürger, nicht? Logisch.
Ich? - Arbeitslos. - Professor für Komparatistik an der Rheinischen Friedrich-Wilhelms-Universität zu Bonn am Rhein. - A.D. sozusagen. Abgeschlossenes Kapitel, das. - Alkohol, ja. Naja, Ulm ist auch ganz nett...
Worauf wollte ich hinaus: ahja, die Dame. Eine Dame erkenne ich immer noch, wenn ich eine sehe. Und im Vertrauen: man sieht sie nicht mehr oft: Damen, echte Damen. Wollen alle Mädchen sein, die Frauen, und zwängen sich in diese gottverdammt engen Jeans oder in zu kurze Röcke, Lederjacken, färben sich das Haar, tragen diese Klumpfußstiefel, reden zuviel.
Dies war eine Dame, sah ich sofort. Wie sie aussah? So groß wie ich, schlank, gute Figur - ja, gute Figur muß ich sagen, konnte sich das Herz dran erfreuen... Ein Kleid in anständiger Länge, was mit Blumen drauf, irgendwie grau und rosa, schöne Beine, die Schuhe etwas zu vernünftig, eben die, die man anzieht, wenn man auf eine längere Reise geht. Die bequemsten im Schuhschrank, so man denn einen besitzt, haha...
Es war heiß, und das Kleid hatte kurze Ärmel. Eine Strickjacke, grau glaube ich, hatte sie sich über den Arm gelegt. Eine Uhr. Perlen an den Ohren, eine Perlenkette. "Eine Dame", hat meine Mama selig immer gesagt, "geht nie fehl in gedeckten Farben und Perlen!"
 

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