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|| Stimme 5.2 (Text 10) ||
 


  Der Liebhaber 

Warum war sie nicht frei, warum konnte er nicht einfach zu ihr gehen? Nicht bloß heimlich im Halbdunkel Runden um ihr Haus drehen, um zu sehen, ob Licht in ihrem Zimmer war, ob er ihr nah sein konnte! Nein, klingeln und dann durch die Haustür eingelassen werden - Schön, daß du kommst! - wie jeder andere auch! Aber diese Dinge liebte Paula nicht. Rainer darf nichts erfahren - das war ihre Bedingung. Dieser verknöcherte alte Bücherwurm, dieser Witz von einem Ehemann! Der wußte ja überhaupt nicht, was er an Paula hatte. Welches Juwel da von morgens bis abends nur für ihn da war. Naja, nicht ganz. Schließlich gab es ja auch noch ihn, den Liebhaber. Drei- bis viermal die Woche nachmittags, in ihrer Anfangszeit sogar täglich. Damals war Paula noch Feuer und Flamme gewesen: für ihn, für seine Musik, für ein neues gemeinsames Leben. Mein Mann kennt nur seine Pflichten, hatte sie gesagt. Den Laden, seine Geschäftsfreunde und das, was die Leute sagen. Warum zum Teufel blieb Paula eigentlich bei so einem? War es die gesellschaftliche Stellung, das Geld? Er jedenfalls konnte ihr nichts von alledem bieten. In Spanien würde es besser sein, da hätte er ein regelmäßiges Einkommen, und das tägliche Leben wäre billiger... Aber insgeheim wußte er: materielle Sicherheit gab für sie nicht den Ausschlag. Bloß: Was war es dann? Wenn er nur wußte, wonach sie suchte, was sie wollte! Sie sprach wenig mit ihm - meistens war er es, der redete. Das wurde ihm jetzt erst so richtig bewußt. Auch früher schon. Aber früher hatte sie ihm öfters die Gitarre in den Arm gelegt. Hatte sich neben ihn aufs Bett gesetzt, den Kopf an seiner Schulter, und seiner Musik gelauscht. Manchmal hatte sie mitgesummt. In diesen Momenten hatte er gewußt, daß er sich ein Leben lang nichts anderes wünschen würde.
Aber unmerklich wurde es anders zwischen ihnen: Sie trafen sich nicht mehr täglich, Paulas Besuche wurden kürzer, und von Spanien kein Wort. Angefangen, das war ihm jetzt klar, hatte es mit ihrer Fahrt nach Rußland. Sie hatte ihm ausdrücklich verboten, ihr nachzureisen - das Geld hätte er schon irgendwie aufgetrieben. Hätte er es doch nur getan! In Rußland mußte irgendetwas mit ihr passiert sein. Ein anderer Mann? Sie leugnete hartnäckig. Er war krank vor Eifersucht und durchsuchte ihre Taschen, wann immer sich Gelegenheiten boten. Einmal fand er ein Foto mit einem lächelnden alten Ehepaar und Paula strahlend in der Mitte. Auf der Rückseite stand etwas in kyrillischen Buchstaben. Also das war es - vermutlich hatten die alten Leutchen einen Sohn, der die Aufnahme gemacht hatte.
Sag schon, wie er heißt! hatte er gebrüllt. Viktor? Sergej? Was hat er, das ich nicht habe? Sie hatte ihn nur angesehen durch ihren Augenschleier, wollte sein Haar streicheln. Blind vor Verzweiflung hatte er ihre Hand weggeschlagen, und sie war aus der Wohnung gelaufen wie ein gehetztes Tier.
Und dann war die Sache mit ihrer Schwester Anna passiert - was genau, wußte er nicht. Paula war verstört gewesen. Sie hatte ein bißchen geweint an seiner Brust. Sie hatten nicht mehr viel gesprochen an jenem Nachmittag. Der Schleier hatte sich auf ihre Augen gelegt. Er fand keinen Zugang mehr zu ihr.
Später, als sie ging, wirkte sie gefaßt auf ihn, beinah heiter. Sie hatte mehrmals fast unmerklich mit dem Kopf genickt, so, als ob sie endlich die Lösung gefunden hätte, die Lösung zu einem verzwickten Problem.
Und seitdem hatte er nichts mehr von Paula gehört.
 
 

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