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|| Stimme 5.1 (Text 5) ||


 
  Der Liebhaber 

Etwas war im Busch - darauf hatte er wetten können! Paula hatte ihn schon wieder versetzt. Das zweite Mal in dieser Woche. Und am Telefon, als er hatte wissen wollen, was los war, hatte sie sofort wieder aufgelegt. Kein Wort. Noch nicht mal "Falsch verbunden!" wie sonst.
Das einzige, was er jetzt tun konnte, war warten. Warten, daß Paula anrufen würde. Minutenlang ging er im Zimmer auf und ab. Wie ein Tiger im Käfig, dachte er grimmig. Aber er fühlte sich eher wie ein Hamster im Laufrad. Er setzte sich aufs Bett. Sie wollte ihn doch wohl nicht loswerden? Paula, sein Ein und Alles! Er ließ sich aufs Bett sinken und grub sein Gesicht in das Kissen. Da war er wieder, der Duft ihrer Haut. Wie oft hatte sie neben ihm gelegen, hier, auf diesem Bett! Ich bin viel zu alt für dich, hatte sie zu Anfang gesagt. Aber sie beide wußten, daß das nicht stimmte. In manchem war sie jünger als er, konnte noch staunen wie ein Kind. Er sah Paula vor sich, mit ihren feuchten, sanften Augen. Ich bin blind wie ein Maulwurf, sagte sie, wenn sie ihre Kontaktlinsen herausgenommen hatte. Er liebte sie so. Ihr Blick war dann ein wenig verschleiert, so, als wäre sie weit weg von der Welt da draußen und nur ihm ganz nah. Aber war sie ihm wirklich nahe? Was wußte er schon von ihr! Daß ihr Leben sie anödete. Die übliche Eheroutine. Zwei fast erwachsene Kinder. Vormittägliche Hilfsarbeiten in der Buchhandlung ihres Mannes.
Schon bald hatten sie Pläne gemacht, hier, in diesem Zimmer. Sie träumten davon, gemeinsam wegzugehen, alles stehen und liegen zu lassen - so weit hatte er sie schon mal gehabt. Nach Spanien. Er würde Musik machen, in den Touristenbars spielen - da kannte er jemanden. Und Bücher verkaufen konnte Paula ebensogut an der Costa wie in Deutschland. Vielleicht würden sie sogar zusammen einen kleinen Laden aufmachen. Er hatte das Thema immer mal wieder zur Sprache gebracht, aber Paula war nur noch halbherzig darauf eingegangen. Sie hatte wenig gesagt, hatte ihn nur mit großen Augen angelächelt, während er sprach. Und sie hatte ihm mit ihrer weichen Hand die Wange gestreichelt. Selbstvergessen, wie eine Mutter ihr Kind liebkost. Er war regelrecht verrückt nach ihren Händen, nach ihrer seidigen Haut!

 


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