Zurück zur Navigationsseite
|| <<< zu vorigen Seite
|| Stimme 7.1 (Text 7) ||
 


  Der ehemalige Lehrer 

"Abfahrt 23.31 Uhr Gleis 1": Aha, gerade noch Zeit für eine Zigarette und ein paar Schritte in der lauen Luft, vor der Enge im Liegewagen. Welche Gerüche mich dort wohl wieder erwarten?
Es sind alles so nette Menschen, wie sie stumm und schläfrig hier herumstehen, aber dann auf Tuchfühlung im engen Abteil!
Schöne dunkle Augen! Doch leer blickt sie mich an, diese Frau, mit den silbernen Strähnchen. Sie schaut in meine Richtung - sollte sie mich kennen?...
Ach, die Paula, Paula, die quirrlige Schülerin. Selbst um diese Zeit trifft man "Ehemalige".
Dieser Blick! Suchend geht er durch mich hindurch in die Ferne. Natürlich, sie ist kurzsichtig. Wieder das alte Rätsel: was sieht sie, was sieht sie nicht? Komma oder Punkt? Diese sich unendlich wiederholende Frage aus der dritten Reihe der Klasse 8 c. Mitten im Unterricht, Paula schien mit offenen Augen zu schlafen, dann unversehens die schrille Stimme: "Komma oder Punkt?"
Einige Male ist mir in dieser Situation die Kreide zerbrochen und zu Boden gefallen. Sie suchte eifrig die Kreidestücke zusammen und ich hatte den Faden verloren. Doch die Bewegung tat ihr offensichtlich gut, denn ihre Augen schauten mich danach immer ganz munter und wißbegierig an.
Und jetzt! So abwesend, so entfernt! Selbst die grellrote Cola-Reklame läßt Paulas Gesicht unbeweglich fahl.
Bei einer Klassenfahrt nach München ins Deutsche Museum erzählte sie sehr stolz von ihrem Vater - Direktor bei einer großen Firma, und der kleinen Schwester, die so schön Klavier spiele und jeden Tag mindestens zwei Stunden fleißig übe, doch für sie sei das ganz schön nervig. Für Paulas Schulleistungen wäre etwas mehr Fleiß auch besser gewesen. Ihre Intelligenz war nicht so ausgeprägt, daß sie sich Faulheit hätte leisten können.
Damals im Deutschen Museum vor einem alten Doppeldecker standen die Mädchen beieinander und kicherten unentwegt und quasselten über Taillenweiten, Miniröcke und heiße Höschen, damals! Paula dagegen stand staunend und sprachlos da. Die großen braunen Augen offen, als wollte sie die ganze große Welt in sich aufnehmen. Vielleicht träumte sie von einer Boeing 747, in der sie als Stewardess um die Welt fliegen würde. Naive Mädchenträume! Doch die Natur der Frau und vor allem die Kinder bringen dann alles wieder ins richtige Gleis. Mädchenträume haben sich wenig verändert, nur träumen sie heute von der Journalistin, von der Bischöfin oder von der Vorstandsvorsitzenden der Deutschen Bank.
Wenn sie nur nicht so traurig schauen würde, die Paula, sie ist doch noch in einem attraktiven Alter. Und in dem geblümelten, luftigen Sommerkleidchen sieht sie ganz frisch und jugendlich aus. Es fehlt nur ein kleines freundliches Lächeln.
 

Wechsel zur nächsten Stimme ( Stimme 8)
oder
Fortsetzung (gleiche Stimme "Der Lehrer" 7.2)