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Statt
eines Mottos: Frankfurter Rundschau, Dienstag, 29. September 1992, S.
1:
"Ekel"
brachte Preisnachlaß [...] Die Anwesenheit behinderter
Urlaubsgäste in einem
Hotel-Speisesaal rechtfertigt nach Ansicht des Amtsgerichtes Flensburg,
dass
anderen Urlaubern der Reisepreis gemindert wird. Es gab der Klage eines
Ehepaares
statt, das mit zwei kleinen Kindern im Herbst vergangenen Jahres in der
Türkei
zwei Wochen Urlaub gemacht hatte. Im Speisesaal, in dem die Familie
aß, wurde
während einer dieser Wochen auch eine Gruppe von zehn
schwerbehinderten
Rollstuhlfahrern verköstigt. Der "unausweichliche Anblick" der
Behinderten
und der von ihnen "verursachte Ekel" habe die Kläger ständig
an die
"Möglichkeiten menschlichen Leides" erinnert, heißt es in
der
Urteilsbegründung. Dies gehöre nicht zu einem "typischerweise
erwarteten
Urlaubsverlauf" (Az: 63 C 265/92).
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1928, zehn Jahre nach dem
Ende des Ersten Weltkriegs, schreibt Walter Benjamin (in:
Einbahnstraße, Frankfurt am Main 1955/1985, S. 126):
"In den
Vernichtungsnächten des letzten Krieges erschütterte den
Gliederbau der
Menschheit ein Gefühl, das dem Glück der Epileptiker
gleichsah."
"Glücksgefühl
der Epileptiker"? Der Philosoph Peter Sloterdijk kennzeichnet den
epochalen
Wandel im Bewusstsein und Lebensgefühl der Kriegsgeneration des
Ersten
Weltkriegs:
"In den Überlebenden
des Weltkrieges kamen seine Toten nicht zur Ruhe. Ein
Qualitätswandel des
Sterbens hatte ihr Bewusstsein berührt: allein die Westfront des
Jahres 1916
[...] 'forderte' über eine Million Tote. Zum ersten Mal in der
menschlichen
Geschichte war ein Tatbestand erfüllt, den ein Ausdruck der
heutigen
amerikanischen Nuklearstrategie mit mega-corpse (Großleiche,
gleich einer
Million Getöteter) bezeichnet. Mit der Artillerie- und
Grabenkriegtaktitk verwandelte
sich der Schlachtentod aus einem Tod in der Bewegung [...] in einen
Stellungstod.
Im Trommelfeuer der 'Stahlgewitter' (E. Jünger) entstand ein
zufälliger
Flächentod - ein statistisches und fatalistisches Verhältnis
des Kämpfers zur
Granate, die ihn entweder verfehlt oder in Materie verwandelt." (In:
"Kritik der zynischen Vernunft", Frankfurt 1983, = st 1099, S. 755
f.)
Das
diesen traumatisierenden Erfahrungen entsprechende Lebens- und
Vernichtungsgefühl,
sagt Walter Benjamin, sei vergleichbar dem "Glücksgefühl der
Epileptiker"?
Ein paar Sätze aus einem neueren "Lehrbuch der
Psychiatrie/Psychotherapie" (Dörner/Plog) über "Epileptische
Anfallsleiden" machen unmittelbar deutlich, was Benjamin meint:
"Für den
Anfallskranken gilt insbesondere, dass er in einer Landschaft ohne
Boden lebt.
[...] über kürzere oder längere Zeit [kann er sich]
einreden, er habe dieselbe
Bodensicherheit wie alle anderen. Dafür lebt er in der
ständigen Erwartung, dass
schon der nächste Schritt im Anfall brutal und unvorhersehbar ihm
den Boden
unter den Füßen wegreißt, ihm die eingebildete
Sicherheit nimmt. Er hat sein
Leben also in einer buchstäblich fundamentalen Verunsicherung zu
leben - und
alle Mitspieler [in] seiner Landschaft ebenfalls." (Klaus
Dörner/Ursula
Plog, Irren ist menschlich. Lehrbuch der Psychiatrie/Psychotherapie,
Völlig
neubearb. Ausg., 4. Aufl., Bonn 1987, S. 396f.)
Mit
"Glücksgefühl" meint Benjamin wohl Symptome einer bestimmten
Form der
Epilepsie, nämlich das "Aura" genannte Vorempfinden vor dem
Anfall:
"Der Patient kann
[...] szenisch halluzinieren, oft mit Elementen [...] aus dem sexuellen
oder
religiösen Erleben. Oft scheint sich Verdrängtes zu
äußern, ein Sich-Verlieren
in die Sehnsucht nach Bedürfnisbefriedigung, eine Ahnung, die
Gewissheit will,
ein Hinsteuern auf eine Wandlungskrise, für die der eigentliche
Anfall mit
Aufhebung des Bewusstseins Scheitern oder Erlösung bedeuten kann."
Religiöse "Wiedergeburts"-Erlebnisse und Erfahrungen "einer
anderen Welt" sind in diesem Zusammenhang nicht selten.
(Dörner/Plog S.
401)
Epilepsie,
auf deutsch 'Fallsucht' - als Metapher des Lebensgefühls einer
Epoche: In einer
Landschaft ohne Boden leben, den Abgrund immer unter den
Füßen, vor den Füßen,
solches Grauen verbunden mit einer leise ziehenden Sehnsucht zum
Abgrund hin,
zur Selbstaufgabe, zu religiös getöntem Sich-Verlieren im
Nichts. Walter
Benjamin redet an der zitierten Stelle in dem Buch
"Einbahnstraße"
von den "Vernichtungsnächten" des Krieges; aber die Zeitgenossen
haben immer wieder betont: diese Erschütterung im "Gliederbau der
Menschheit" bestimmte weithin auch die 20er Jahre. So charakterisiert
Joseph Roth 1925 in einem Feuilleton für die "Frankfurter Zeitung"
den epochalen Wandel im Bewusstsein und Lebensgefühl derer, die
den
"Weltuntergang" überlebt haben (Joseph Roth Werke 2, Das
journalistische Werk 1924-1928, hg. u. mit e. Nachwort v. Klaus
Westermann,
Köln/Amsterdam 1990, S. 455): "Nur wir, nur unsere Generation,
erlebte das
Erdbeben, nachdem sie mit der vollständigen Sicherheit der Erde
seit der Geburt
gerechnet hatte." "Als ich zu leben anfing, war die offene Welt
verwüstet. Ich selbst vernichtete sie mit Altersgenossen." (S.
451f.)
"Seitdem glaube ich nicht, dass wir, Fahrpläne in der Hand, in
einen Zug
steigen können. [...] Die Fahrpläne stimmen nicht [mehr ...].
Innerhalb einer
Sekunde ist jedes Ding durch tausend Gesichter verwandelt, entstellt,
unkenntlich
geworden." (S. 452) "Wir sind die Söhne. Wir haben die
Relativität
der Nomenklatur [also aller tradierten, funktionierenden Begriffe] und
selbst
die der Dinge erlebt. In einer einzigen Minute, die uns vom Tode
trennte,
brachen wir mit der ganzen Tradition, mit der Sprache, der
Wissenschaft, der
Literatur, der Kunst: mit dem ganzen Kulturbewusstsein." (S. 455) Roth
benennt das neue Lebensgefühl als das von "auferstandenen Toten":
"Wir sind die auferstandenen Toten." (S. 455) Die mit "uns"
und durch "uns" gestorbenen "Welten", Lebenswelten, bleiben
auch als "auferstandene" "tot"; "Auferstehung"
feiern sie nur in Texten oder Bildern - in Literatur und Kunst. Da gilt
dann
allerdings: "In einer einzigen Minute [der, die uns vom Tode trennte]
wussten
wir mehr von der Wahrheit als alle Wahrheitssucher der Welt. [...] Wir
kommen,
mit der ganzen Weisheit des Jenseits beladen, wieder herab zu den
ahnungslosen
Irdischen. Wir haben die Skepsis der metaphysischen Weisheit." (S. 455)
Sowohl
als Journalist wie auch als Romanautor widmet Roth seine Arbeit den
"ahnungslosen
Irdischen", ihrer 'Fall-Sucht', an der er - wie sie - teilhat. Er
schreibt
für sie und über sie. So z.B. in einer der Reportagen von
seiner Reise durch
Galizien 1924 unter dem Titel "Die Krüppel". Es geht um das
Begräbnis
eines Kriegsinvaliden in Lemberg. Der demonstrative Selbstmord dieses
Kriegsinvaliden hatte für internationales Aufsehen gesorgt:
"[...] es war ein
Kondukt, wie man ihn nirgends zu sehen bekommt, und die polnischen
Juden waren
die Repräsentanten aller Kriegskrüppel der Welt, der
internationalen
Kriegskrüppelnation, deren gemeinsames Merkmal es ist, dass man
ihnen
verschiedene Merkmale weggeschossen hat, und die man unfehlbar daran
erkennt, dass
man sie nicht erkennen kann". (JRW 2, S. 290) Am Schluss des Zuges
"kam ein großes Lastauto, von dem ein solcher Schrecken ausging,
dass man
sein Rattern nicht hörte, denn stärker als das Hörbare
wurde das Gesehene
[...]." "Ganz hinten [auf dem Lastwagen] saß die Elite des
schrecklichsten Schreckens, ein Mann, dessen Hals lang war wie eine
auseinandergezogene
Harmonika, lang und faltig, und dessen Kopf bei jeder stärkeren
Bewegung des Wagens
hintenüberfiel [...]. Ganz lose saß der Kopf, ein schwerer
Kürbis an dünner
Kette aus welken Hautlappen." (S. 291)
Ziemlich
genau fünf Jahre später, Ende des Jahres 1929, beschreibt
Roth noch einmal
einen solchen "Krüppel": keinen Kriegskrüppel und doch den
Repräsentanten, das "Symbol", der Kriegsgeneration:
"Sein großer
Schädel hing schwer wie ein Kürbis an seinem dünnen
Hals. Seine breite Stirn
fächelte und furchte sich kreuz und quer, wie ein zerknittertes
Pergament.
Seine Beine waren gekrümmt und ohne Leben wie zwei hölzerne
Bögen. Seine dürren
Ärmchen zappelten und zuckten." (Joseph Roth Werke 5, Romane und
Erzählungen 1930-1936, hg. u. mit e. Nachwort v. Fritz Hackert,
Köln/Amsterdam
1990, S. 6; in der Taschenbuch-Ausgabe KiWi6, S. 11)
Das
ist Menuchim, der seit seiner Geburt, jedenfalls seit seinem 13.
Lebensmonat
epileptische Sohn des wolhynischen Juden Mendel Singer, im Roman
"Hiob". Das Hiobs-Schicksal des Vaters Mendel Singer besteht - im
Zweiten Teil des Romans - darin, dass er innerhalb kurzer Zeit, in
einer Kette
von "Schlägen", seine gesamte Familie verliert, und zwar durch
unmittelbare und mittelbare Einwirkung des Ersten Weltkriegs. Er, der
mittlerweile nicht mehr wie im Ersten Teil des Romans in der russischen
Ukraine, sondern, nach der Emigration, in New York lebt, erhält
zuerst die
Nachricht, dass sein ältester Sohn als russischer Soldat in
Russland
verschollen ist, dann die Nachricht, dass der zweite Sohn als
amerikanischer Soldat
in Frankreich gefallen ist, vor allem diese zweite Hiobs-Botschaft
bringt die
Mutter der Söhne, Deborah, um, und eine Woche später bricht
bei der Tochter,
Mirjam, eine Geisteskrankheit, wohl Schizophrenie, aus. Der Vater,
"Hiob"-Mendel Singer, überlebt - und, wie sich am Schluss der
Romanhandlung herausstellt, die andere Hiob-Figur des Romans, der
krüppelhafte,
epileptische Sohn, der schwerkrank in Russland zurückgelassen
worden ist und
dann zehn Jahre später, nach der vom Erzähler lange
verheimlichten Heilung in
einer Petersburger Klinik, als inzwischen berühmter Komponist und
Kapellmeister
in New York auftaucht. Menuchim, der seine künstlerische
Legitimation und
Motivation von seinem Schicksal als "auferstandener Toter" herleitet,
ist durch die "Bitterkeit" und den "Schmerz" seiner
zwanzigjährigen
Existenz als epileptischer Krüppel "weise" geworden, im
Unterschied
zu seinen Altersgenossen, die als körperliche oder seelische
Kriegs-Krüppel
oder beides den "Weltuntergang" einfach nur überlebt haben; er
weiß, dass
es nun darum geht, in den Zerstörten, den in einer "Landschaft
ohne
Boden" Lebenden, den "ahnungslos" Fall-Süchtigen, ihre
Menschenwürde zu entdecken und sie ihnen wiederzugeben, ihre
Schicksale zu erzählen
und dabei in Musik zu verwandeln. Der Komponist Menuchim Singer ist so
der
Repräsentant des Autors im Roman.
Epilepsie
also als Epochen-Metapher des Jahrzehnts nach dem Ersten Weltkrieg.
Joseph
Roths Roman "Hiob" - mit dem Untertitel "Roman eines einfachen
Mannes" -, geschrieben 1929/30, erschienen 1930, als literarische
Realisierung dieser Metapher.
Im
Roman
-
die Hiob-Figur des epileptischen
"Krüppels" Menuchim als expliziter Träger der Metapher,
-
die beiden Brüder und die Schwester
als direkte und indirekte Kriegsopfer, die aber schon als junge, ins
20. Jh.
geworfene Ostjuden von Kind an dem Schicksal der Bodenlosigkeit und der
Ahnungslosigkeit darüber ausgesetzt sind,
-
der Vater als die Hiob-Figur, die
sich am Schluss plötzlich allen Katastrophen des "Weltuntergangs"
auf
einmal, dem Untergang aller "Welten" des alten Europa und des neuen
Amerika, ausgesetzt sieht und an der der Autor ein Exempel statuiert,
was es
heißt, ohne Boden unter den Füßen nicht sterben zu
können, sondern leben zu
müssen.
Diesen
Zusammenhängen im Einzelnen literaturgeschichtlich und
interpretatorisch nachzugehen,
wäre sicherlich ein lohnendes Unterfangen. Heute kann es nur darum
gehen, sie
im Rahmen der Thematik des Plenums III "Rezeption von Literatur im 20.
Jahrhundert" zu betrachten. Die skizzierten geschichtlichen und
literaturgeschichtlichen Zusammenhänge haben mich im
vorvergangenen Schuljahr
motiviert, in einem Grundkurs Deutsch eines Stuttgarter Gymnasiums
Joseph Roths
"Hiob"-Roman zu behandeln.
Meine
Fragen vor Beginn der Unterrichtseinheit lauteten (u.a.):
1.
Welches Lebensgefühl bestimmt die
Annäherung der Schülerinnen und Schüler zu Beginn der
90er Jahre des 20. Jh.s an
Roths Protagonisten Mendel Singer, an dessen mit ihnen - den
Schülerinnen und
Schülern - gleichaltrige Söhne und Tochter und an den
körperlich und geistig
behinderten Sohn, den "Epileptiker", den "Krüppel"
Menuchim?
2.
Wie gehen die Schüler/-innen um mit
Roths für den Roman konstitutiven Engagement für die Kleinen
und Unbedeutenden,
die Zerstörten und Orientierungslosen?
3.
Wie antworten sie auf Roths und seines
Hiobs Leiden am "Weltuntergang", 1929/30, noch elf Jahre nach 1918?
Einen solchen "Weltuntergang" haben die Schüler/-innen nicht
erlebt;
andererseits ist ihnen sehr wohl bewusst, dass sie in einer Zeit
rapiden
Wandels, wenn nicht katastrophaler Entwicklungen leben.
4.
Die jungen Menschen in dem Roman von
1930 (außer dem "Krüppel") gehen alle zugrunde; jede der
ihnen in
ihrer Gegenwart angebotenen Lebensformen und Lebenswelten erweist sich
als
zerstörerisch. Roth blickt zurück auf den Untergang der
traditionellen religiös-
oder philosophisch-metaphysischen Weltbilder und ihrer Entsprechungen
in der
politischen Wirklichkeit - wie empfinden die jungen Menschen zwei
Generationen
später, nun nach dem Untergang oder doch der Entzauberung der
modernen
Großideologien, die Lebenswelten ihrer Gegenwart und Zukunft?
5.
Roth sucht, wie er in einer seiner Reportagen
aus der Sowjetunion der 20er Jahre schreibt, "geistige Grundlagen
für eine
neue Welt". Und die Schüler/-innen heute? Und die Lehrer/-innen?
Selbstverständlich
wäre es ein Fehler, diese Fragen in dieser Form, abstrakt und
explizit, an die
Schülerinnen und Schüler während oder nach ihrer
Lektüre des Romans
heranzutragen. Sinnvolle Antworten sind auf indirektem Wege zu
erhalten. So
habe ich das Verfahren des schriftlichen Literarischen
Rollenspiels benutzt, das seit mehr als einem Jahrzehnt in der
Literaturdidaktik
erprobt und reflektiert worden ist - ich verweise in diesem
Zusammenhang auf
die Diskussion der letzten Jahre zum Thema "Produktionsorientierter
Literaturunterricht". Das Verfahren aktiviert in den Schülerinnen
und
Schülern ein Verstehenspotential, das mehrere mentale Ebenen,
rationale wie
emotionale, erfasst, es nimmt sie als Autoren eigener Texte ernst und
es
vermittelt im Unterricht die Möglichkeit, wesentliche Ergebnisse
ihrer Arbeit
den Schülerinnen und Schülern in geeigneter Form zur Kenntnis
zu geben und
darüber ein intensives Gespräch zu initiieren.
Die
Schüler-Texte, die meiner Darstellung zugrundeliegen, beziehen
sich auf eine
fiktive Situation, die in die Handlung des Zweiten Kapitels des
Rothschen
"Hiob"-Romans hineinpasst (S. 31 Mitte in der Taschenbuch-Ausgabe
KiWi6) und die den Schülerinnen und Schülern des
Deutsch-Grundkurses in der
folgenden Aufgabenstellung zum 'Literarischen Rollenspiel' vorgegeben
worden
ist:
Nehmen Sie an: Irgendwann
1905/1906 (vgl. KiWi6, S. 32
Mitte!), noch bevor an die Brüder Schemarjah und Jonas Singer die
Aufforderung
herantritt, dass sie "zu den Soldaten sollten" (S. 31), unterhalten
sich die Brüder und ihre Schwester Mirjam über ihren einige
Jahre jüngeren
Bruder, den geistig und körperlich schwer behinderten Menuchim.
-
Erfinden Sie ein
Gespräch "Schemarjah - Jonas" oder "Schemarjah - Mirjam"
oder "Mirjam - Jonas" oder aller drei Geschwister! Schreiben Sie
einen Dialog, eventuell mit szenischer/erzählender Einbettung.
-
Gehen Sie dabei
von sich selbst, Ihrem eigenen Empfinden und Urteil aus!
-
Versuchen Sie
andererseits auch, möglichst vieles, was Sie im Roman zur
Situation der
ostjüdischen Familie Singer in den Jahren ca. 1894 - 1906
erfahren, zu
berücksichtigen!
Diese
Aufgabenstellung kann die Schülerinnen und Schüler in der
konkreten
Unterrichtssituation zu Beginn oder unmittelbar nach ihrer Lektüre
von Joseph
Roths Roman dazu bewegen, sich über die Ausgangssituation des
Romans - die
konkrete Problemlage der ostjüdischen Familie Singer in ihrem
wolhynischen
Schtetl zu Beginn des 20. Jahrhunderts - differenziert klarzuwerden.
Die
Relevanz und Fruchtbarkeit der gewählten fiktiven
Gesprächssituation liegt
darin, dass in der heillosen, als unheilbar angesehenen Krankheit des
"Krüppels" Menuchim das ganze Elend dieser Familie gebündelt
erscheint; die Einstellung der einzelnen Familienmitglieder diesem
extremen
Leiden gegenüber wird später jeweils über ihr eigenes
Lebensschicksal
entscheiden. Ohne dass es ihnen bewusst ist, steht jedes von ihnen vor
der Alternative,
entweder - früher oder später - vor dem Elend in Gestalt des
Epileptikers zu
fliehen oder aber darauf zu setzen, dass "der Schmerz [im Elend] weise
macht, die Hässlichkeit gütig, die Bitternis milde und die
Krankheit
stark", wie es in der Prophezeiung des Wunderrabbi heißt (KiWi6,
S. 19),
den die Mutter des epileptischen Krüppels in ihrer Not aufsucht.
Entscheidend
ist nun, dass sich die Schülerinnen und Schüler im Schreiben
des Dialogs der
Geschwister implizit mit der Frage nach ihrer eigenen möglichen
Haltung dem
epileptischen "Krüppel" Menuchim gegenüber auseinandersetzen,
grundsätzlicher: mit ihrer Frage nach ihrer Haltung dem in dem
Epileptiker
persongewordenen Unglück, dem Unrettbaren, Unheilbaren schlechthin
gegenüber,
vor dem die alltäglichen Verhaltensmuster im allgemeinen versagen:
-
Als Leser des Romans werden die
Schülerinnen und Schüler bei der Erst-Lektüre vor allem
Mitleid empfinden -
mitgerissen von den empathischen Bemühungen des Erzählers,
die Armseligkeit des
behinderten Kindes darzustellen. So werden sie z.B. das - wie es im
Roman heißt
- ernsthaft "Mörderische" in der "Zärtlichkeit" der
Schwester Mirjam ihrem kleinen Bruder gegenüber, "mit der sie sein
aschgraues verknittertes Angesicht streichelte" (KiWi6, S. 23), einfach
missbilligen
oder es verharmlosen bzw. gar nicht wahrhaben wollen - letzteres ein
häufig
festzustellendes Resultat der Erst-Lektüre an dieser Stelle der
Roman-Handlung,
sogar noch an der Stelle der Handlung, wo die drei Geschwister den
"Krüppel" ernsthaft umzubringen versuchen, indem sie ihn in einem
Wasserbottich ersäufen - was ihnen nicht gelingt (S. 23f.).
-
Als analytisch Interpretierende
werden die Schülerinnen und Schüler, gelenkt von
Lehrer-Fragen, das Paradoxon
der "mörderischen Zärtlichkeit" zitierend auf den Begriff
bringen,
diesem Analyse-Ergebnis aber wahrscheinlich fremd, ohne echten
Empathie-Versuch
gegenüberstehen.
-
Als Verfasser eines Literarischen
Rollenspiels dagegen, das ihnen die Perspektive der Geschwister des
"Krüppels" ernsthaft zumutet, werden sie veranlasst, sich auf das
"Spiel" in dem ganzen Raum zwischen geschwisterlicher Zärtlichkeit
und ebenfalls geschwisterlicher Mordbereitschaft einzulassen,
allgemeiner: auf
das Spiel situationsabhängiger Motivationen, unterschiedlicher,
auch widersprüchlicher
Empfindungen und konfligierender Normen; sie werden Lösungen
erproben und den Lesern
anbieten. Die Form des Dialogs enthebt sie dabei dem Zwang, sich auf
eine
bestimmte Lösung festzulegen; in die gleiche Richtung wirkt die in
der
Aufgabenstellung offen angelegte Dialog-Situation, die keinen Abschluss
des
Gesprächs, keine Handlungs-Entscheidung erzwingt.
Selbstverständlich
gibt es auch in einem solchen Literarischen Rollenspiel nicht die
Garantie
dafür, dass wirklich so etwas wie Empathie einerseits und
fiktives, gleichzeitig
ernsthaftes Erproben eigener Möglichkeiten andererseits
stattfindet, aber das
Verfahren bietet doch wohl die Möglichkeit dazu.
So
lässt sich dann eine Beziehung zwischen den zwei Mentalitäten
von 1991 und 1930
herstellen
-
psychische Distanz oder Nähe zwischen
zwei Denk-, Empfindungs- und
Verhaltensstilen
und -mustern und
-
historische Kontinuität und
Diskontinuität zwischen ihnen.
Der
Schüler Patrick erzählt (Text 1):
Sie saß auf der
alten
hölzernen Bank vor dem Haus, als er kam. "Grüß dich,
Mirjam." [...]
"Oh Schemarjah, gut dass du kommst. Menuchim hat schon wieder einen
Anfall
gehabt. Jonas ist gerade bei ihm." [...] Kreischende und grunzende
Laute
drangen durch die Holzwände nach draußen. "Dann liegt es
also wieder an
uns, den Kleinen zu versorgen? Warum sind wir so gestraft? Warum muss
sich
unsere Familie mit einem solchen Elend herumschlagen? Mama kümmert
sich nur
noch um diese kleine Missbildung!" "Beruhige dich, Schemarjah",
sagte seine Schwester. "Auch das größte Unglück geht
einmal vorbei."
[...]
Jonas [kam heraus und]
setzte den Kleinen grob zu Boden. Sofort fing Menuchim an, wie ein Affe
auf
allen Vieren über die Wiese zu krabbeln. Da und dort ging die
Wiese in Matsch
über. Das schien ihm zu gefallen [...]. "Hoffentlich verschluckt
er einen
Stein und erstickt daran! Dann wären wir alle ein großes
Problem los. Sein
Leben taugt doch sowieso nichts. Er stört uns alle nur." Jonas'
Augen
funkelten. Mirjam fuhr auf: "Uns alle? Seit Jahren bin doch ich immer
diejenige, die seinetwegen zum Gespött der Leute geworden ist! Ihr
habt ihn
liegengelassen, und ich musste ihn dann auflesen." "Dafür wurden
wir
vom Vater seinetwegen unschuldig geschlagen. [...] Und dich hat er
immer nur
liebkost!" "Ich bin auch ein Mädchen!" "Eben deshalb musst
du dich auch um Menuchim kümmern [...]."
Die
Leidens-Existenz des epileptischen Bruders löst unter den
Geschwistern brutal
darwinistische Überlegungen und eine fast totale Desolidarisierung
("ich,
nicht ihr"/"dich, nicht uns") und Egozentrik aus. Nachdem sich
Menuchim an einem im Schlamm gefundenen dicken Stein entgegen den
Hoffnungen
der drei Geschwister nicht verschluckt hat, meint Schemarjah zu seinen
beiden
Geschwistern:
"Ich glaube, er ist
unsterblich. Jedenfalls hat er eine gewisse Fähigkeit, die ihn vor
dem Tod
schützt." Schemarjah starrte den Bottich an, in dem sich das
Regenwasser
gesammelt hatte. [...] "Es hilft nichts, wir haben diese Last und
müssen
mit ihr zurechtkommen, auch wenn sie wie ein Unglück über uns
hängt",
meinte er. "Ich finde, sein Leben ist vergeudete Zeit", entgegnete
Jonas. "Wo Jonas Recht hat, hat er Recht, findest du das nicht auch,
Schemi?" "Mirjam, ja", lenkte Schemarjah ein, "es heißt
zwar: Jedes Lebewesen hat ein Recht auf Leben. Aber das kann wirklich
nur gelten,
solange es mich nicht stört. Und in diesem Fall stört es
mich." Und er
warf Menuchim einen weiteren Stein hin. [...]"
Magischer
Aberglaube ("Ich glaube, Menuchim ist unsterblich") und
"hilf"-lose Unterwerfung unter das Schicksal. Und zuletzt bei allen
Geschwistern die faschistische Theorie des unwerten ("vergeudeten"
bzw. "störenden") Lebens und kaum verhüllter Mordwunsch. Und
Mirjam
benutzt die Zärtlichkeit für ihren Bruder Schemarjah -
"Schemi" sagt
sie - nur dazu, ihn zum Beiseiteschieben auch seiner letzten Bedenken
zu
überreden. Das gemeinsame Wir-Gefühl mit "Schemi" wiederum
dient ihr
dazu, den anderen Bruder (Jonas) auszuschließen, indem sie von
ihm, obwohl er anwesend
ist, in der 3. Person spricht. Bei Schemarjah fällt der dem
Mordversuch nachträglich
hinzugefügte explizite, mit seinem "Zwar-aber" scheinrationale
Legitimierungsversuch auf, dem Bedürfnis entsprechend, wenigstens
formal den
Anschein einer moralischen Argumentation zu erwecken.
Sechs
der siebzehn Schülerinnen und Schüler des Grundkurses haben
als Literarisches
Rollenspiel einen Dialog der Geschwister Jonas, Schemarjah und Mirjam
geschrieben,
in dem alle jeweils am Gespräch beteiligten Geschwister einen im
engeren Sinne
moralischen Standpunkt gegenüber dem "Krüppel" Menuchim
strikt vermeiden.
Außerdem fehlt in den fünf Texten derselben
Schülerinnen und Schüler - und nur
hier - jeder Versuch eines der Dialogteilnehmer, "Gott" ins Spiel zu
bringen, obwohl der Protagonist, der ostjüdische Toralehrer Mendel
Singer,
häufig genug an seinen Gott denkt und von ihm redet. Als
normgebende Instanz
tritt in diesen sechs Schüler-Texten nur die Familie auf, als Norm
gilt die Forderung
der Familiensolidarität - die aber von den Heranwachsenden als
unzumutbare Belastung
und abzuschüttelnder Zwang empfunden wird. Faktisch existierende,
nicht erst
moralisch zu begründende geschwisterliche Zuneigung zu dem
behinderten Bruder
wird überhaupt nicht dargestellt. Die entscheidende Triebfeder des
Handelns ist
das individuelle Selbstverwirklichungsstreben, das aber nicht als etwas
Originäres, Authentisches gezeigt wird, sondern als Notwendigkeit,
sich gegen
vorhandene leidige Widerstände durchzusetzen. Es wird weniger
unter dem Aspekt
der Individualität als unter dem der Macht gesehen. Dazu
gehört auch die Äußerung
von Angst - vor dem "Krüppel" (!), falls dieser nämlich
wirklich die
mysteriöse Eigenart haben sollte, dass er 'nicht umzubringen' ist,
wie es nach
dem Mordversuch im Wasserbottich scheint, dass er also über eine
Kraft oder
Macht verfügt, gegen die sich die Gesunden nicht durchsetzen
können. Die
pointierteste Formulierung in diesem Zusammenhang - in einer
Äußerung Mirjams -
dreht auf paradoxe Weise den Spieß sogar um: Gerade die Starken
und Gesunden
können sich nicht entfalten und durchsetzen, sondern ausgerechnet
Menuchim,
denn (Textauszug/Äußerung 2/Julien)
Menuchim bildet das
Zentrum der Familie! Er verwirklicht sich durch sein blödsinniges
Gelaber, und
wir bleiben am Rand sitzen, weil wir normal sind!
Derselbe
Schüler ist andererseits der einzige, in dessen Text eines der
drei Geschwister
nun doch zaghaft den Gedanken der Selbstverwirklichung als etwas
Großes
darzustellen versucht (Textauszug 3/Julien):
Schemarjah dachte nach
und schaute dabei irgendwie ins Unendliche.
Mirjam: Kommt in dir nicht manchmal die Lust nach absoluter Freiheit
auf?
Schemarjah: Was ist das schon - absolute Freiheit?
Mirjam: Ja eben, das, was uns fehlt, was wir im Hause Mendels
vermissen.
Ihr Haar war schon nass geworden und hing ihr strähnig über
die Stirn. Sie war
plötzlich verwandelt, ihr Gesicht spiegelte eine neue Erleuchtung.
Diesen
sechs Schüler-Arbeiten stehen elf andere gegenüber: Elf
Schülerinnen und
Schüler haben einen kontrovers geführten Dialog geschrieben,
in dem auf der
einen Seite zumeist Schemarjah die Interessen des behinderten Bruders
zu
vertreten versucht und auf der anderen Seite Jonas (oder Mirjam) die
eigenen.
Auch diese Schüler stellen (eben mit den Worten Mirjams oder
Jonas') das
Empfinden einer eigentlich unaushaltbaren Belastung der ganzen Familie
und
besonders der Geschwister durch den "Krüppel" dar (TA 4/Markus):
Mirjam: Menuchim
ruiniert unser ganzes Familienleben. Ich kann einfach kein Mitleid mehr
mit ihm
aufbringen. Überhaupt könnte ich nie eine geschwisterliche
Beziehung zu ihm
entwickeln wie mit dir, Schemarjah! Wenn ich daran denke, dass ich den
Jungen,
in den ich damals verliebt war, nicht als Freund bekam, weil Menuchim
immer bei
mir war... Nein, mir ist egal, ob Menuchim wieder gesund wird. Ich lebe
mein
eigenes Leben.
Oder
(TA 5/Jean-Baptiste):
Jonas: Ich muss Menuchim
nicht etwa als eine Last, sondern als eine Bedrohung für mich und
unsere
Familie ansehen! Wie viele Jahre sind schon vergangen, und Menuchim hat
bisher
nichts anderes getan, als uns das knappe und kostbare Essen
wegzufressen.
Nichts, aber auch gar nichts hat er mir bisher genützt! Aber ich
habe Stunden
meines Lebens für ihn opfern müssen! Ich bin nicht
länger bereit, ein so großes
Opfer zu bringen!
Ebenso
werden "Hass", "Abscheu" und "Ekel" dem
Behinderten gegenüber geäußert, z.B. im Textauszug
6/Steffen:
Angst, mich Menuchim zu
nähern, als ob er mit seiner Krankheit mich hätte anstecken
können.
Häufig
ist jedoch von diesen Gefühlen als mittlerweile überwundenen
die Rede. So wird
die zur Romanhandlung gehörende Bottich-Szene des Mordversuchs an
Menuchim
mehrfach erwähnt und jeweils rückblickend bedauert.
Wünsche, Menuchim möge
sterben, oder gar Mordabsichten kommen hier nicht vor, höchstens
eine Überlegung
wie die folgende (TA 7/Markus):
Mirjam: Ich glaube
sowieso nicht daran, dass Menuchim lange leben wird. Schemarjah, hast
du einmal
gehört, wie schnell er atmet und wie laut er dabei stöhnt?
Die
Jonas- und Mirjam-Äußerungen in den Rollenspielen dieser elf
Schülerinnen und
Schüler laufen letztlich darauf hinaus, dass die Geschwister sich
künftig nicht
mehr um Menuchim kümmern wollen und dies am ehesten durch
räumliche Entfernung
von ihm realisieren möchten: in vier Texten spielt Jonas den
Gedanken durch, dass
er ja Soldat werden will und sich dann einfach nicht mehr um den
kranken Bruder
zuhause kümmern kann. Das entspricht der Idee der
Selbstverwirklichung, wie sie
in diesen Texten gesehen wird, und zwar eher unter dem Aspekt der
Individualität, einer konkreten Entscheidung für einen
bestimmten, persönlichen
Lebensstil als unter dem Aspekt der Macht, des
Sich-Durchsetzen-Müssens und der
damit möglicherweise verbundenen Beseitigung der Schwächeren.
So sagt Jonas in
der Sicht Henriettes (Äußerung TA 8):
Ich will Soldaten,
Pferde, viel zu trinken und schöne Mädchen!
in
der Sicht Petras (Äußerung TA 9):
Mädchen, Wein,
geregelte
Arbeit - das wär's!
In
der Gruppe der elf kontrovers geführten Rollenspiel-Dialoge misst
die Figur,
die die Partei Menuchims ergreift (neunmal Schemarjah), jeweils der
moralischen
Argumentation großes Gewicht bei. Die entscheidenden
Grundgedanken sind
eigentlich überall die Ideen der Gleichheit aller Menschen und des
allgemeinmenschlichen, ja, alle Lebewesen umfassenden Rechts auf Leben:
(TA
10/Angelika)
Nicht nur der verdient
zu leben, der dem Leben gewachsen, also stark genug dafür ist.
Auch die
Schwächeren haben auf der Welt was zu suchen!
(TA
11/Steffen):
Menuchim ist aus dem
gleichen Fleisch und Blut wie du, Jonas!
In
einem Schüler-Text wird sehr konkret die Goldene Regel angewandt
(TA
12/Markus):
Hast du eigentlich schon
einmal darüber nachgedacht, Mirjam, dass auch dich so ein
Schicksal ereilen
könnte? Was würdest du dann sagen, wenn sich niemand mehr um
dich kümmern
würde, wenn dich deine Geschwister schäbig behandeln
würden, wie wir es immer
wieder mit Menuchim getan haben?
Einige
Schülerinnen und Schüler koppeln in den Äußerungen
Schemarjahs philosophische
und theologische Gedankengänge, wobei allerdings das theologische
Element eher
in der Verwendung festliegender Formeln ("Mensch als Krone der
Schöpfung",
"Menschen als Kreaturen Gottes") zu liegen scheint:
(TA
13/Markus):
Jedes, auch das kleinste
Lebewesen, hat seine Daseinsberechtigung. Warum sollte also nicht auch
Menuchim, ein Mensch, die Krone der Schöpfung, leben dürfen?!
(TA
14/Henriette):
Menuchim ist ein
Lebewesen wie ich auch eins bin, eine Kreatur Gottes wie du und ich,
und hat
genauso ein Recht auf Leben.
Neben
solchen Begründungen moralischen Handelns auf der Stufe einer
postkonventionellen,
universalen Moral (L. Kohlberg/J. Habermas) wird auch "Liebe zum
Bruder" als Motivation des Handelns zweimal erwähnt.
Als
Konsequenz aus den grundsätzlichen Erwägungen ergeben sich in
mehreren Texten
für "Schemarjah" verschiedene Verpflichtungen: die Verpflichtung
zu
Hilfe und Schutz z.B. in TA 15/Markus:
Schemarjah: Geschwister
helfen sich gegenseitig!
oder
in TA 16/Markus II:
Ich will Menuchim
beschützen, wenn Vater und Mutter einmal nicht mehr leben werden.
Ich will ihn
stets in meiner Nähe haben, egal, was auch passiert,
oder
es ergibt sich die Verpflichtung zur Wiedergutmachung (TA 17/Angelika):
Fragst du dich nicht
auch, Jonas, ob nicht auch wir für Menuchims geistige Krankheit
ein wenig
mitverantwortlich sind? Müssen wir ihm jetzt dann nicht umso eher
helfen?!
in
TA 18/Steffen die Bereitschaft zur liebevollen Zuwendung:
Mir ist klargeworden:
Nur durch Liebe und Zuneigung können wir Menuchim helfen, nur so
können wir ihm
das Leben ein wenig erleichtern,
oder
gar die Bereitschaft zum Opfer, in TA 19/Jean-Baptiste:
Opfer muss jeder im Leben
bringen, der eine größere, der andere kleinere,
ja,
sogar die Bereitschaft zum stellvertretenden Leiden kommt vor (in einem
Schüler-Text, in TA 20/Markus):
Hattest du, Mirjam, nie
das Bedürfnis, ihm zu helfen, indem du einen Teil seiner Krankheit
auf dich
nahmst?
In
der Sicht von Markus glaubt Schemarjah (TA 21):
Menuchim kann eine
Bereicherung für unser Leben sein, weil wir durch ihn lernen
können, die Welt
mit anderen Augen, mit den Augen eines Krüppels, zu sehen.
Dieser
Schemarjah versucht in dem Leiden eines körperlich und geistig
Behinderten
nicht nur für die einfühlsamen Helfer, sondern darüber
hinaus auch für den
Behinderten selbst einen Gewinn zu erkennen (TA 22/Markus):
Vielleicht kann
Menuchims Krankheit ihm eine Hilfe sein, Dinge, an denen wir einfach so
vorbeigehen, viel intensiver wahrzunehmen. Vielleicht lebt er viel
intensiver
als wir! Ich habe gehört, dass Menschen, die ihr Leben wirklich
richtig und
intensiv gelebt haben, früh sterben.
Auch
in anderen Rollenspiel-Texten versucht sich Schemarjah in seinen
geistig behinderten
Bruder hineinzuversetzen, sich vorzustellen, ob er (TA 23/Chloé)
nicht doch empfindet wie
wir, dies aber nur nicht ausdrücken kann,
oder
ob er (TA 24/Petra)
zwar in einer unbewussten
inneren Welt lebt, es darin aber nicht vielleicht gut ist für ihn.
Er kann
nicht reden, nicht gehen, eigentlich kann er kaum etwas, aber manchmal
sieht er
glücklich aus, so zufrieden. Anders als wir braucht er ja vor
nichts Angst zu
haben und niemanden zu beneiden. Er weiß nicht, was er
versäumt.
Die
zuletzt referierten Überlegungen zeigen, dass die
Schülerinnen und Schüler versucht
haben, sich auch der Frage nach dem möglichen Sinn des
menschlichen Leidens zu
stellen: Solche Überlegungen finden sich allerdings selten. Die
Schülerinnen
und Schüler mögen gespürt haben, dass hier die
Sensibilität, die sich als
Bemühung um Empathie versteht, vor lauter gutem Willen droht, in
so etwas wie
Leidensverschleierung und -beschwichtigung umzuschlagen.
Die
meisten Schülerinnen und Schüler beziehen "Gott" in die
Gedankengänge
ihrer Rollenspiel-Figuren ein, um die Frage nach dem Sinn von Menuchims
Leiden
zu beantworten, die Frage jedenfalls zu stellen. In vier Texten wird
die
Theodizee-Frage ausdrücklich aufgeworfen, aber nicht beantwortet
(TA 25/Henriette):
Schemarjah: Warum
lässt
Gott das zu?
(TA
26/Giulio):
Schemarjah: Wieso
ließ
der liebe Gott Menuchim als Krüppel auf die Welt kommen, wieso,
was haben wir
getan?
Jonas: Ich weiß es nicht.
(TA
27/Markus):
Mirjam: Warum wird
Menuchim von Gott mit so vielen Krankheiten beladen, und warum
schützt er ihn
dann nachher so, dass er nicht sterben kann?
(TA
28/Petra):
Jonas: Wenn Gott schon
aus Menuchim einen weisen Mann machen möchte, wie es der Rabbi
vorhergesagt
hat, warum hat Gott dann zu diesem Zweck so viel Leid über ihn und
unsere
Familie gebracht?
In
vier weiteren Texten findet sich das formelhafte Reden von "Gottes
Strafe". Solche vereinzelten Äußerungen stellen aber wohl
den Versuch dar,
den ostjüdischen Hintergrund des Romans zu berücksichtigen,
und entsprechen
nicht unbedingt dem eigenen Denken der Schülerinnen und
Schüler. Der Gedanke, dass
der 'Sinn' des Leidens eines Menschen in seiner Straf-Funktion für
Verfehlungen
anderer Menschen, z.B. der Eltern, liegen könnte, ist jungen
Menschen von heute
weitgehend fremd.
Eine
Schülerin hat den Dialog zwischen Schemarjah und Jonas in einer
kurzen Passage
ihres Textes als eine echte Auseinandersetzung über religiöse
Fragen ausformuliert
und bezieht sich dabei auf die beiden klassischen Antworten auf die
Theodizee-Frage
(Leiden als 'Prüfung' und Leiden als 'Strafe') (TA
29/Chloé):
Schemarjah: Wir
müssen
für Menuchim sorgen und dürfen ihn nicht im Stich lassen.
Diese schwere Pflicht
ist uns von Gott auferlegt worden. Gott möchte uns prüfen, ob
wir bereit sind,
ihm Gehorsam entgegenzubringen, und nicht in Versuchung geraten,
Menuchim zu
hassen.
Jonas: Welches Schicksal
lädst du mir da auf, Schemarjah? Du urteilst über mein Leben,
als wäre es
deines. Von Gott [als Prüfung?] auferlegtes Schicksal gibt es
für mich nicht.
Gott ist nicht mein Vater, und Gott kann mich auch nicht dafür
strafen, dass
ich Menuchim nicht als Last mein ganzes Leben lang mit mir herumtragen
will!
Die
beiden Standpunkte sind so unversöhnlich, dass ein
Vermittlungsversuch dann
erst gar nicht unternommen wird. Wo in Jonas' Äußerung in
der Sicht Chloés die
Geste Gott gegenüber eher antiautoritär wirkt (in der
Zurückweisung Gottes als
eines strafenden Vaters), soll die gegen Gott gerichtete
Äußerung Jonas' in der
Sicht Angelikas (TA 30) eher distanziert-gleichgültig wirken:
Jonas: Mirjam, meine
liebe Schwester, wie kann man denn immer alles mit Gott in Verbindung
bringen?!
Du bist genau wie unser Vater. Jeden Abend betet er für unseren
Bruder, dass er
bald gesund werde. Aber wie kann er denn wissen, dass Gott das
Schicksal auf
Menuchim gelegt hat? Also, ich frage mich wirklich, warum unser Vater
damals
diesen russischen Doktor abgelehnt hat, der Menuchim heilen wollte. Man
kann
doch nicht ewig nur auf die Kraft Gottes vertrauen!
Ich
versuche, das Ergebnis der Rollenspiel-Analyse zusammenfassend zu
charakterisieren:
1.)
Auffallend ist der dargestellte, relativ
klar erkennbare Unterschied zwischen den sechs eher am
Selbstbehauptungs-Wunsch
orientierten Ansätzen und den elf Versuchen, in der
unerträglich erscheinenden
Notsituation der Familie vielleicht doch noch irgendetwas 'Gutes' zu
sehen,
einen Sinn zumindest zu erfragen, vor allem aber das Gute durch
verantwortungsbewusstes
Handeln herzustellen, und zwar gegen den Widerstand zumindest eines
Familienmitglieds.
2.)
Bloßer Fatalismus oder Ergebung in
"Gottes Willen" gehört weder zu dem Konzept der sechs noch zu dem
der
elf Texte (die Ausnahme: Patricks Text); Handeln ist überall
angesagt, entweder
nach draußen gerichtet, von der Familie weg, oder im Kreis der
Familie
bleibend.
3.)
Es werden keine Zweifel daran geäußert,
dass
sich in der als Alternative zur Familien-Enge vorgestellten
Außenwelt dem
Selbstverwirklichungsstreben Hindernisse in den Weg stellen
könnten.
4.)
Das Niveau des moralischen Engagements,
das v.a. Schemarjah zugeschrieben wird, für das im Roman - im
Verhalten der
Geschwister ihrem behinderten Bruder gegenüber - kaum
Anhaltspunkte zu finden
sind, ist beachtlich hoch, stellenweise fast 'zu schön, um wahr zu
sein'.
5.)
Es mag sein, dass die in der
Aufgabenstellung geforderte Dialogform der Gedankenführung und der
offengelassene Ausgang des Gesprächs es verhindert haben, dass der
"Schemarjah" der Schülerinnen und Schüler in sich selber, in
einer
Person also den Konflikt zwischen dem auch im Roman deutlich
herausgearbeiteten
Emanzipationswunsch auf der einen Seite und dem in den Rollenspielen
betonten
altruistischen Engagement auf der anderen Seite auszutragen versucht.
6.)
In sieben der elf kontrovers geführten
Dialoge stehen die beiden Positionen, auf zwei Sprecher verteilt,
unvermittelt
nebeneinander; vier dieser elf Dialoge zeigen deutlich den Versuch der
Harmonisierung beider Positionen, so dass eher eine Unterhaltung als
ein
Streitgespräch stattfindet. Auch in den sechs Dialogen, in denen
ethische
Erwägungen weitgehend ausgespart sind, bekommt das Gespräch
bloßen
Unterhaltungs-Charakter, da sich die Gesprächsteilnehmer im
Grundsätzlichen -
im Ärger über Menuchim als Störfaktor in ihrer
Entwicklung - ziemlich einig
sind.
7.)
Religiöse Überlegungen spielen in zwei
Dritteln der Dialoge eine Rolle, wirken aber meist eher formelhaft, am
Roman-Text orientiert. Auch hier, genauer: in der Theodizee-Frage,
stehen im
einen oder anderen Fall konträre Standpunkte unvermittelt
nebeneinander.
Liebe
Kolleginnen und Kollegen, ich habe damals den Schülern und
Schülerinnen eine
ähnliche Zusammenstellung einzelner Textauszüge aus den
Rollenspielen vorgelegt,
wie Sie sie in der Hand haben, allerdings noch kaum thematisch
geordnet,
natürlich ganz ohne die Überschriften A - H (A/TA 1
"Egozentrik",
B/TA 2-7 "Selbstverwirklichung - Solidarität", C/TA 8-9
"Hedonismus", D/TA 10-14 "Universale Moral", E/TA 15-20
"Moralische Verpflichtungen", F/TA 21-24 "Empathie", G/TA
25-27 "Theodizee-Frage", H/TA 28-29 "Antireligiöse
Emotion"), v.a. anonym, sodass im Unterrichtsgespräch die Frage
nach
individuellen Versionen und Ideen nicht aufkommen konnte, sondern das
Augenmerk
einerseits auf das ganze Spektrum der Rollenpiel-Äußerungen
des Kurses und
deren Deutung und andererseits auf den Roman selber und seine Deutung
gerichtet
werden konnte. [Die von mir den Textauszügen beigefügten
Namen sind fiktiv,
geben aber ein Bild der internationalen Zusammensetzung des Kurses.]
Die erste
Frage lautete:
Wer
sind Schemarjah, Jonas und Mirjam, wie sie sich in Texten einer Gruppe
von
Schülerinnen und Schülern eines GK Deutsch in den 90er Jahren
des 20. Jahrhunderts,
mit den Erfahrungen, Fragestellungen und Lebensentwürfen unserer
Zeit,
spiegeln? Was macht sie zu Menschen des Jahres 1930 (oder gar 1905),
was zu
Menschen von 1990/91? Drei Spielregeln für das Gespräch waren
einzuhalten:
a)
Gesprochen wird immer über fiktive Personen und ihre Haltungen.
b) Es geht immer um Verstehen.
c) In diesem Rahmen sind auch persönliche Wertungen von Haltungen
und Einstellungen
der fiktiven Personen im Gespräch sinnvoll.
Über
den faktischen, von mir nicht festgehaltenen Ablauf der Gespräche
habe ich
hier nicht zu berichten.
Die
zweite Frage lautete: Welche 'Antwort' auf das Gesamt-Spektrum der
Rollenspiel-Ergebnisse
gibt 'der Roman selber' - der Roman, wie er sich einer eingehenderen
Interpretation
erschließt? Dazu kann ich mich äußern: Obwohl die
Schülerinnen und Schüler zum
Zeitpunkt der Entstehung ihrer Dialog-Texte im allgemeinen wohl bereits
den
ganzen Roman gelesen haben, hat keine und keiner von ihnen versucht,
das Thema
der 'Selbstverwirklichung durch Distanzierung von der familiären,
heimatlichen
Welt' so zu behandeln, wie es im Roman im Schicksal der drei
Geschwister des
Krüppels Menuchim realisiert wird, nämlich als Geschichte
einer völligen und
dann nicht zu verkraftenden Entwurzelung einerseits und des Scheiterns
der
Selbstfindung in den Welten, in denen diese stattfinden soll,
andererseits.
(Das mag auch an der Aufgabenstellung gelegen haben, die eine
Konzentration auf
die im Blickpunkt stehende konkrete Problemsituation mit dem
krüppelhaften
Bruder erforderte.) Während die Schülerinnen und Schüler
die Loslösung von
zuhause und von der dazu gehörenden "Welt" als etwas darstellen,
was
geschehen oder auch nicht geschehen kann und vom Wollen des einzelnen
abhängig
ist, zeigt Joseph Roth den Bruch mit der in Familie und Gesellschaft
historisch
überkommenen Tradition, den Verlust jeglicher
selbstverständlich scheinenden
Normorientierung und Realitätseinschätzung als etwas
unvermeidlich Notwendiges,
als etwas, was in der Welt der Moderne immer schon geschehen ist. Mag
das
tradierte, jahrhundertealte System der alltäglichen Lebensregelung
in der Um-
und Außenwelt als Gerüst, das alle einzelnen
Lebensäußerungen zusammenhält,
noch existieren und funktionieren - im Innern des einzelnen hat es
längst seine
Orientierungs- und Steuerungsfunktion verloren, und nichts ist an seine
Stelle
getreten. Eine der beeindruckendsten Szenen im Roman schildert, wie
sich der
Mutter Menuchims und seiner Geschwister, Deborah, die so inständig
eine
Erlösung vom Leiden der Familie ersehnt, in mystischem Erleben
nicht der erlösende
Gott der Väter, sondern das Nichts offenbart (KiWi6, S. 24 ff.).
In einer
solchen Situation bedeutet es schon viel, wenn da überhaupt ein
'Selbst'
existiert, das sich seiner bewusst wird, die eigenen Möglichkeiten
und Wünsche
verwirklichen will und sich deshalb neuen, unbekannten Welten
gegenüber öffnet.
Das ist bei den drei gesunden Geschwistern des Menuchim der Fall - aber
es
stellt sich dann heraus: Als Schemarjah, Jonas und Mirjam versuchen
(von Kap.
VI an), ihre Identität in der Landschaft der sie umgebenden
fremden "Welten"
(KiWi6, S. 161), der in der Moderne relevanten Gesellschaftsformen, zu
finden,
scheitern sie radikal, weil diese modernen Welten letztlich
zerstörerisch sind,
die russische für Jonas, die amerikanische für Schemarjah,
die russische und
die amerikanische für Mirjam - und zerstörerisch für die
weitgehend oder ganz
ihrer traditionalen ostjüdischen Welt verbunden bleibenden Eltern.
Als
zerstörerisch erweist sich die an sich notwendige, nicht zu
verhindernde Abkehr
der jungen Menschen von der seit Jahrhunderten erprobten Orientierung
und
Steuerung, als zerstörerisch erweist sich ebenso die Haltung des
starren
Festhaltens am Prinzip der alten Welt, von dem Mendel Singers Verhalten
bis zu
seiner Apostasie vom Gott seiner Väter (KiWi6, S. 161 ff.)
geprägt ist. Das
Prinzip aller gegenwärtig möglichen Welten, der diesseitigen
und der geglaubten
jenseitigen, läuft im Roman auf einen brutal-darwinistischen
"Willen zur
Macht" hinaus. Sowohl der menschliche Machtwille, der sich im
Nationalismus der kriegführenden "Vaterländer"
ausdrückt, als auch
der göttlich-absolute Machtwille (bzw. der Glaube an diesen)
wirken
zerstörerisch. Das erfährt als erster der epileptische
"Krüppel"
Menuchim, den zunächst Gott und dann der Reihe nach alle
Mitglieder seiner
Familie im Stich lassen. Der Krüppel passt in kein "Vaterland". Er
ist international. Ein internationaler Skandal.
Leben in
einer "Landschaft ohne Boden". Das gilt für alle Hauptpersonen des
Romans,
zuletzt auch und ganz extrem für den alten Mendel Singer. Die
Rollenspiel-Beiträge der Schülerinnen und Schüler
jedoch, sowohl diejenigen,
die einer mehr oder weniger deutlichen Bereitschaft zum humanen
Engagement
verpflichtet sind, als auch die Äußerungen der
Loslösung von der traditionalen
Welt und des Selbstverwirklichungsstrebens - liegt ihnen allen nicht
ein im
Grunde tiefes Vertrauen zugrunde, das Vertrauen, dass die sich in der
Gegenwart
anbietenden Lebenswelten wirklich Chancen zur Realisierung des eigenen
Selbst
bieten - Chancen, die den eigenen Anlagen, Bedürfnissen und
Interessen
entsprechen und neue Solidaritätsbeziehungen eröffnen, auf
die das vereinzelte
Ich angewiesen ist? Sehen sich die Schülerinnen und Schüler
am Anfang der 90er
Jahre, die sich der Übereinstimmung zwischen den Roman-Figuren und
den
parallelen Figuren in ihren Rollenspiel-Texten bewusst werden - sehen
sie sich
nicht, durch eine eingehende Beschäftigung mit dem Rothschen
Roman, in einem
naiven Realitätsvertrauen und einer fraglosen Zukunftsoffenheit in
Frage
gestellt? Wie berechtigt ist heute das Vertrauen in die "Welten", die
Lebenschancen anbieten? Vor allem aber: Welches sind die Kriterien, mit
denen
die gängigen Weltentwürfe und Zukunftsangebote zu beurteilen
sind? Die
Roman-Behandlung im Unterricht auf der Basis des vorgestellten
Literarischen
Rollenspiels vermag in diesem Zusammenhang vielleicht kritisch zu
machen und -
bei genauem Hinsehen - taugliche Kriterien zu liefern. Mit der Figur
des - wie
es heißt - "mächtigen Krüppels" Menuchim, dieses
anderen
"Hiob", stellt Joseph Roth jedenfalls nicht nur Fragen, er stellt
auch Antworten zur Diskussion.
Eine
ausführlichere, veränderte Fassung findet sich in LEHREN UND
LERNEN Juni 1991 17. Jg./H. 6, Neckar-Verlag Villingen-Schwenningen
1991, S. 66 ff.
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