Die
Behandlung des "Goldnen Topfs" im Deutschunterricht der S II bietet die
Möglichkeit, bei den SchülerInnen
das Bild einer Phase der deutschen Literaturgeschichte und
"Geistesgeschichte" entstehen zu lassen, das repräsentativ ist
für das
Jahrzehnt zwischen 1805 und 1815. Der Akzent liegt auf dem Begriff der
literaturgeschichtlichen Phase, wie ihn Ulrich Gaier in seiner
ausgezeichneten "Kritik des Epochenbegriffs 'Romantik'" im DU-Heft zum
Thema "Romantik" verwendet (Der Deutschunterricht 1987, H.1, S. 52). Im Unterricht sollte nicht eine
globale Unterrichtseinheit "Romantik" erarbeitet werden, die in der
Gefahr steht, den Schülern ein "heterogenes Sammelsurium" (U.
Gaier S. 45) von Frühromantik,
Spätromantik und mehr als 150 Jahren Romantik-Rezeption und v.a.
irrationalistischer Romantik-Tradition anzubieten. Vielmehr gilt es,
exemplarisch vorzugehen:
Wenn sich der/die Lehrende mit den
SchülerInnen in den historischen, in den literarhistorischen
Prozess hineinbegibt, kann er/sie darauf aus sein, das
Spiel zwischen Kontinuität und Diskontinuität im historischen
Prozess zu erarbeiten und dabei in den SchülerInnen einen Sinn
dafür zu entwickeln, daß "wir" uns noch im gleichen
historischen Prozess befinden. Die Schüler können so
erfahren:
- Seit der Aufklärung
geht es immer wieder um die Aufklärung, heute mehr denn
je, um die "unbefriedigte Aufklärung", um ihre Dialektik, ihre
innere Widersprüchlichkeit.
- In der Romantik
geht es zentral um die Aufklärung, um deren Tragweite und um das
durch sie Verdrängte, das heute sog. "Andere der Vernunft" (Natur,
Leib, Unbewusstes, Trieb, Traum, Phantasie usw.).
- Seit der Romantik geht
es immer um das Verhältnis zwischen der Vernunft und ihrem Anderen
und dabei um die Frage nach Dominanz oder Vermittlung oder
Gleichgewicht zwischen beiden Seiten.
Es sollte spannend für Lehrende
und Lernende sein, zu sehen, wie / wieweit / inwiefern "wir" in der
gleichen Geschichte wie E.T.A. Hoffmann stehen -
- mit Hoffmanns und unserer Frage, ob
Phosphorus (griech., = lat. „Luzifer": der "Lichtbringer") nur Luzifer,
der "Zerstörer", ist oder nicht doch auch - wie es im
Atlantis-Mythos in der 3. Vigilie verstanden wird - der Sohn der
lebensspendenden Sonne,
- und mit der Frage, wie jeder der
beiden mit seinem Doppelgänger zurechtkommen kann.
E.T.A. Hoffmann ist - wenn es auf
Etiketten ankäme - Romantiker und Aufklärer, auch
Bürger und Künstler, jeder jeweils der Doppelgänger des
anderen, und er weiß um die Ambivalenz beider Existenzweisen, um
diesen doppelten Dualismus. Darauf also könnte der
literaturdidaktische Akzent liegen: auf der Beschäftigung mit
dieser Phase der Geistes- und Literaturgeschichte, mit der hier zum
erstenmal auftretenden, modernen absoluten Ambivalenz, der zufolge
alles auch sein genaues Gegenteil bedeuten kann (s.
Interpretation).
1.
Biographie Hoffmanns - E.T.A. Hoffmann und Julia Marc
1.1 Zeichnungen E.T.A. Hoffmanns
- z.B. „Die Fantasie erscheint Hoffmann zum
Troste" 1794, in: E.T.A. Hoffmann in Aufzeichnungen seiner Freunde
und Bekannten S. 96 / „Selbstporträt mit ironischen
Charakterisierungen ...", in: Safranski S. 200
1.2 Bamberger Tagebuch: Auszüge
zum Thema „Julia"
- z.B. 1./4./5./18./19./20./26./28./31. Jan.,
3./5./7./8. Febr. 1812, in: E.T.A. Hoffmann, Tagebücher S.
130 ff.
2.
Der zeitgeschichtliche Hintergrund - E.T.A. Hoffmann und Napoleon
(Befreiungskriege - Napoleon in Dresden 1813)
2.1 E.T.A. Hoffmann und Napoleon: Die
Welt als "Hölle" / Napoleon als Dämon / Drache
- Auszug aus Safranski S. 273 ff.
- Bilder (in: E.T.A. Hoffmann - ein
Preuße? S. 58/72)
-
E.T.A. Hoffmann,
"Drei verhängnisvolle
Monate"
- E.T.A. Hoffmann-Karikaturen (in: E.T.A.
Hoffmann - ein Preuße? S. 78 ff.)
- E.T.A. Hoffmann, "Der Dey von Elba in Paris"
(Februar 1815) (in: E.T.A. Hoffmanns Sämtliche Werke Bd. 8 S.
478 ff.)
2.2 Entstehung des GT - Absicht
(Märchen)
- Brief an Kunz 19. Aug. 1613 (E.T.A. Hoffmanns
Briefwechsel Bd. 1 S. 407 ff.)
3.
Ein Märchen in zwei Welten - die bürgerliche und die
phantastische Welt: Der Beginn der Erzählung
3.1 Untertitel / Gattung: "Märchen
/ aus der neuen Zeit"
3.2 Die 1. und 2. Vigilie:
- Wechsel zwischen den Welten (bürgerlich - phantastisch)
- polare Phantastik (utopisch - dämonisch)
- E.T.A. Hoffmanns doppelter Dualismus
- Wechsel der Perspektiven / Erzählerstandpunkt / Wertung?
4.
Das Erzählen von den zwei Welten - Übergänge
4.1 Das Erzählverfahren an den
Übergängen zwischen den beiden Welten (hin und her):
Unmerklichkeit des Übergangs /
Schillern
4.2 Eindeutigkeit und Ambivalenz in der
Zuordnung zu den zwei Welten
versch. Rationalisierungsverfahren der
Bürger: Rausch, Wahnsinn, Krankheit, Traum, Tagtraum, Neigung zur
Poesie
4.3 Anspielungen in zwei Richtungen:
- autobiographisch („Anselmus", blaue Augen, Schwarzes Tor - Linkisches
Paradies, Holunderbaum, -Szenerie, Feuerwerk)
- mythisch (Sündenfall 7mal auf der 1. Seite)
- Spannung zwischen autobiographischen und mythischen Anspielungen
5.
Bürgerlichkeit und Tollpatschigkeit - Anselmus' erster Fall
5.1 Die Bürger in der 1./2.
Vigilie
5.2 Anselmus in der 1./2. Vigilie:
Bejahung der bürgerlichen Existenz, ihrer Normen - Schwierigkeiten
mit der bürgerlichen Existenz (Tollpatschigkeit) /
Verständnis
dieser Diskrepanz
- Phänomenologie der
Tollpatschigkeit
(Kunz-Notiz über den Nukleus der GT-Handlung,
in: E.T.A. Hoffmann in Aufzeichnungen seiner Freunde und Bekannten S.
196)
5.3 Möglichkeit zu einem
Literarischen Rollenspiel (vgl. 10.3):
„Ein Mädchen / ein junger Mann beobachtet bei
einer früheren Gelegenheit den Anselmus im 'Linkeschen Bade'"
(Innerer Monolog)
5.3 Verhältnis Tollpatschigkeit -
Einsamkeit - "kindliches poetisches Gemüt" (1. - 8. Vigilie)
5.4 Erkenntnis der Entwicklung des
Anselmus als Organisationsprinzip der Handlung
6.
Anselmus' innere (Ver-)Wandlungen - die Himmelfahrt
6.1 Das Holunderbaum-Erlebnis
6.2 Von wem geht auf der Handlungsebene
die Initiative aus?
6.3 Die 2./4./6./8./10./12. Vigilie:
Entwicklung auf Archivarius Lindhorst, dann auf Serpentina, dann auf
Atlantis zu:
- Anselmus' Verwandlung als Entwicklung / Steigerung -
demgegenüber Archivarius Lindhorst: keine Entwicklung, sondern
Varianten der Verwandlung
- Wendung nach innen / Bewusstwerdung (der Liebe und des Glaubens, 4.
Vigilie)
- Wendung von Natur zu Kunst/Künstlichkeit (6. Vigilie)
- die bürgerlich-mechanische - die phantastische Seite des
Dichtens (6./8. Vigilie)
- Dichten: Empfangen = Produzieren (6. Vigilie)
7.
Anselmus' Rückverwandlung - der Fall ins Kristall
7.1 Die Welt der Paulmanns - satirische
oder humoristische Behandlung der Bürgerwelt?
7.2 Die Hexe / das Äpfelweib - was
repräsentiert sie?
7.3 Die Katastrophe der
bürgerlichen Welt (9. Vigilie)
7.4 Die 10. Vigilie: Der Fall ins
Kristall
7.5 Der Kampf
7.6 Der Aufbau der Teile I (1. - 3.
Vigilie) und II (4. - 9. Vigilie), Höhe-, Wendepunkte,
Verzögerung
8.
Spiegelungen der mythischen Urszene - der naturphilosophische
Hintergrund
8.1 Vergleich der Szenerie im
Speyer-Brief 1813 („In Dresden wohne ich auf dem Lande!...": Briefe
Bd. 1 S. 407 ff.) - in der Holunderbaum-Szene
8.2 Vergleich der Szenerie im
kosmogonischen Teil des Mythos (3. Vigilie) - in der Holunderbaum-Szene
8.3 Vergleich Anselmus - Leser (Beginn
4. Vigilie)
8.4 Vergleich Erzähler: 12.
Vigilie - Beginn 4. Vigilie
8.5 Die mythische Urszene:
Qual/Depression schlägt schöpferisch um in Sehnsucht
(unbewusste) nach „höherem Sein"
8.6 Der Phosphorus-Mythos als Umkehrung
und Fortsetzung der Urszene I (Tod >>> Leben):
Urszene II (Leben >>> Tod): Das erreichte/geliebte
"höhere Sein" zerstört die vorige Stufe
8.7 Schubert, „Ansichten von der
Nachtseite der Naturwissenschaften" (Auszug: Die deutsche Literatur
Band 5.2, S. 1100 ff.) - romantische / Schellingsche
Naturphilosophie
Schöpferisch-zerstörerischer Prozess in infinitum / Alles
bedeutet sein Gegenteil / Asymmetrie Qual - höheres Sein, Materie
- Geist
8.8 Konsequenzen des Relativismus auf
den Gegensatz bürgerlich - utopisch (Wertung!)
9.
Doppelexistenzen und Doppelgänger - Personenkonstellation
9.1 Die ambivalent-polare
Personenkonstellation
9.2 E.T.A. Hoffmanns „Glaube" am
Beispiel Julia Marc:
- Tagebucheintrag 19.1.1812 („- Ktch [= Julia] - Ktch - Ktch | O
Satanas - Satanas - // Ich glaube, dass irgend etwas
hochpoetisches hinter diesem Daemon spukt, und in so fern wäre
Ktch nur als Maske anzusehn", a.a.O.)
- Brief an Speyer 1820 (E.T.A. Hoffmanns Briefwechsel S. 246 ff.)
9.3 Unverwechselbare
Individualität vs. immer wiederholtes mythisches Geschehen: Trost
oder Wiederholungszwang
10.
Anselmus in Atlantis - ein Fall ins Kristall?
10.1 Wer / was ist Serpentina?
Körperliche Liebe?
10.2 Schreibt Anselmus noch Bücher
(als Dichter)?
10.3 Möglichkeit zu einem
Literarischen Rollenspiel (vgl. 5.3):
Reisebericht eines Zeitreisenden aus Atlantis: "Meine
Begegnung mit Anselmus"
10.4 Vergleich mit E.T.A. Hoffmann,
"Die Bergwerke zu Falun" (in: Die Serapionsbrüder
S. 171 ff.)
Ablegen der irdischen Bürde in Atlantis = Fall in ein anderes
(utopisches) „Kristall"?
10.5 Vergleich mit E.T.A. Hoffmann,
"Einsiedler Serapion" (in: Die Serapionsbrüder S. 17 ff.)
Leben in Atlantis aus bürgerlicher Perspektive: Tod oder Wahnsinn?
10.6 Bedeutet das Leben in Atlantis die
Vermittlung des Gegensatzes von Poesie und bürgerlichem Leben, von
Innen und Außen?
Vergleich mit dem Novalis-Märchen „Hyazinth und Rosenblüte"
11.
Erzähler und Leser als eigentliche Hauptpersonen - E.T.A. Hoffmans
Transzendentalpoesie
11.1 Die 7. Vigilie: Der Leser als
Augenzeuge und Mitspieler: versuchter Durchbruch von der Fiktion zur
außertextlichen Realität
11.2 Die 12. Vigilie:
- Die vier Verwandlungen das Erzählers
- Qual des Erzählers und Trost durch Archivarius Lindhorst als
Zielpunkt des GT
- Der Erzähler und der "Funke" im Leser
11.3 Die 4. Vigilie: Poetik des
leserorientierten serapiontischen Prinzips
11.4 Das Märchen als der goldne
Topf - Spiegelung des „Einklangs aller Wesen"
11.5 Frage nach dem Ziel des
Erzählens:
nicht Vermittlung und dadurch "Seligkeit", sondern momentane
Verwandlungen des individuellen Lesers (Tod <<< >>>
Leben, Qual <<< >>> Trost)
+ romantische Ironie
12.
Zwei Spiegelungen des Mythos - seine politische und moralische
Ambivalenz
12.1 "Der
Dichter und der Komponist"
(entstanden 1813): nationalistische Spiegelung
Auszug, in: E.T.A. Hoffmann, Die
Serapionsbrüder, S. 76 ff.
+ Georg Friedrich Kersting, Theodor Körner, Friesen und Hartmann
auf Vorposten (Galerie der Romantik S. 91. f.)
12.2 Der Brief Albans aus "Der
Magnetiseur" (1813): Dämonie der Macht als Spiegelung des
Mythos
in: E.T.A. Hoffmann, Fantasie- und Nachtstücke
S. 169 ff.
+ Daniel Chodowiecki, Der Magnetiseur, in: Safranski S. 298
13.
E.T.A. Hoffmanns „schöpferische Qual" heute?
Gespräch über Franz
Fühmanns 23. These zu E.T.A. Hoffmann: "tauglich auch heute und
hier":
dazu drei Zitate:
- Fühmanns
Thesen 15 - 22 (Fühmann S. 32 f.)
- E.T.A. Hoffmann, über das Gespenstische der alltäglichen
Welt
- E.T.A. Hoffmann, über die Überbietung alles Phantastischen
aus der "Einbildungskraft" durch die „ungeheure" Realität („Der
Dey von Elba in Paris",
a.a.O.)
14.
Ingeborg Bachmann, „Undine geht" 1961
Serpentina - Undine; Anselmus - Hans;
Atlantis -Einsamkeit / Lichtung usw.
Wünschenswert: Vorausgegangene
Unterrichtseinheit z.B.:
"Deutsche Literatur nach der Französischen Revolution - Klassik
und Frühromantik"
Schiller: Augustenburger Brief / Das
Ideal und das Leben / Über naive und sentimentalische Dichtung
(Auszug) / Horen-Ankündigung
Goethe: Hermann und Dorothea
Wackenroder "Wunderbares
morgenländisches Märchen von
einem nackten Heiligen"
Novalis: Märchen von Hyazinth und Rosenblüte / Naturthematik
in "Lehrlingen" / Märchentheorie-Fragmente / Christenheit oder
Europa (Auszug)
Fr. Schlegel: Rede über die Mythologie (Auszug)
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