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Zur Interpretation E.T.A. Hoffmann, Der goldne Topf

Zu:

Ernst Theodor Amadeus Hoffmann (1814)
Der goldne Topf. Ein Märchen aus der neuen Zeit
Vierzehn Bausteine zu einer
literaturgeschichtlich akzentuierten Unterrichtseinheit
in der Sekundarstufe II


Die Konzeption der Unterrichtseinheit entspricht der Interpretation unter der Adresse
http://home.bn-ulm.de/schrey/literatur/hoffmann/goldtopf.html .

Die Behandlung des "Goldnen Topfs" im Deutschunterricht der S II bietet die Möglichkeit, bei den SchülerInnen das Bild einer Phase der deutschen Literaturgeschichte und "Geistesgeschichte" entstehen zu lassen, das repräsentativ ist für das Jahrzehnt zwischen 1805 und 1815. Der Akzent liegt auf dem Begriff der literaturgeschichtlichen Phase, wie ihn Ulrich Gaier in seiner ausgezeichneten "Kritik des Epochenbegriffs 'Romantik'" im DU-Heft zum Thema "Romantik" verwendet (Der Deutschunterricht 1987, H.1, S. 52). Im Unterricht sollte nicht eine globale Unterrichtseinheit "Romantik" erarbeitet werden, die in der Gefahr steht, den Schülern ein "heterogenes Sammelsurium" (U. Gaier S. 45) von Frühromantik, Spätromantik und mehr als 150 Jahren Romantik-Rezeption und v.a. irrationalistischer Romantik-Tradition anzubieten. Vielmehr gilt es, exemplarisch vorzugehen:

Wenn sich der/die Lehrende mit den SchülerInnen in den historischen, in den literarhistorischen Prozess hineinbegibt, kann er/sie darauf aus sein, das Spiel zwischen Kontinuität und Diskontinuität im historischen Prozess zu erarbeiten und dabei in den SchülerInnen einen Sinn dafür zu entwickeln, daß "wir" uns noch im gleichen historischen Prozess befinden. Die Schüler können so erfahren:

  • Seit der Aufklärung geht es immer wieder um die Aufklärung, heute mehr denn je, um die "unbefriedigte Aufklärung", um ihre Dialektik, ihre innere Widersprüchlichkeit.

  • In der Romantik geht es zentral um die Aufklärung, um deren Tragweite und um das durch sie Verdrängte, das heute sog. "Andere der Vernunft" (Natur, Leib, Unbewusstes, Trieb, Traum, Phantasie usw.). 

  • Seit der Romantik geht es immer um das Verhältnis zwischen der Vernunft und ihrem Anderen und dabei um die Frage nach Dominanz oder Vermittlung oder Gleichgewicht zwischen beiden Seiten.
Es sollte spannend für Lehrende und Lernende sein, zu sehen, wie / wieweit / inwiefern "wir" in der gleichen Geschichte wie E.T.A. Hoffmann stehen -
  • mit Hoffmanns und unserer Frage, ob Phosphorus (griech., = lat. „Luzifer": der "Lichtbringer") nur Luzifer, der "Zerstörer", ist oder nicht doch auch  - wie es im Atlantis-Mythos in der 3. Vigilie verstanden wird - der Sohn der lebensspendenden Sonne, 

  • und mit der Frage, wie jeder der beiden mit seinem Doppelgänger zurechtkommen kann.
E.T.A. Hoffmann ist - wenn es auf Etiketten ankäme -  Romantiker und Aufklärer, auch Bürger und Künstler, jeder jeweils der Doppelgänger des anderen, und er weiß um die Ambivalenz beider Existenzweisen, um diesen doppelten Dualismus. Darauf also könnte der literaturdidaktische Akzent liegen: auf der Beschäftigung mit dieser Phase der Geistes- und Literaturgeschichte, mit der hier zum erstenmal auftretenden, modernen absoluten Ambivalenz, der zufolge alles auch sein genaues Gegenteil bedeuten kann (s. Interpretation).

1.
Biographie Hoffmanns - E.T.A. Hoffmann und Julia Marc

1.1 Zeichnungen E.T.A. Hoffmanns
- z.B. „Die Fantasie erscheint Hoffmann zum Troste" 1794, in: E.T.A. Hoffmann in Aufzeichnungen seiner Freunde und Bekannten S. 96 / „Selbstporträt mit ironischen Charakterisierungen ...", in: Safranski S. 200

1.2 Bamberger Tagebuch: Auszüge zum Thema „Julia"
- z.B. 1./4./5./18./19./20./26./28./31. Jan., 3./5./7./8. Febr. 1812, in: E.T.A. Hoffmann, Tagebücher S. 130 ff.

2.
Der zeitgeschichtliche Hintergrund - E.T.A. Hoffmann und Napoleon
(Befreiungskriege - Napoleon in Dresden 1813)

2.1 E.T.A. Hoffmann und Napoleon: Die Welt als "Hölle" / Napoleon als Dämon / Drache
- Auszug aus  Safranski S. 273 ff.
- Bilder (in: E.T.A. Hoffmann - ein Preuße? S. 58/72)
- E.T.A. Hoffmann, "Drei verhängnisvolle Monate"
- E.T.A. Hoffmann-Karikaturen (in: E.T.A. Hoffmann - ein Preuße? S. 78 ff.)
- E.T.A. Hoffmann, "Der Dey von Elba in Paris" (Februar 1815) (in: E.T.A. Hoffmanns Sämtliche Werke Bd. 8 S. 478 ff.)

2.2 Entstehung des GT - Absicht (Märchen)
- Brief an Kunz 19. Aug. 1613 (E.T.A. Hoffmanns Briefwechsel Bd. 1 S. 407 ff.)
 

3.
Ein Märchen in zwei Welten - die bürgerliche und die phantastische Welt: Der Beginn der Erzählung

3.1 Untertitel / Gattung: "Märchen / aus der neuen Zeit"

3.2 Die 1. und 2. Vigilie:
- Wechsel zwischen den Welten (bürgerlich - phantastisch)
- polare Phantastik (utopisch - dämonisch)
- E.T.A. Hoffmanns doppelter Dualismus
- Wechsel der Perspektiven / Erzählerstandpunkt / Wertung?
 

4.
Das Erzählen von den zwei Welten - Übergänge

4.1 Das Erzählverfahren an den Übergängen zwischen den beiden Welten (hin und her):
      Unmerklichkeit des Übergangs / Schillern

4.2 Eindeutigkeit und Ambivalenz in der Zuordnung zu den zwei Welten
      versch. Rationalisierungsverfahren der Bürger: Rausch, Wahnsinn, Krankheit, Traum, Tagtraum, Neigung zur Poesie

4.3 Anspielungen in zwei Richtungen:
- autobiographisch („Anselmus", blaue Augen, Schwarzes Tor - Linkisches Paradies, Holunderbaum, -Szenerie, Feuerwerk)
- mythisch (Sündenfall 7mal auf der 1. Seite)
- Spannung zwischen autobiographischen und mythischen Anspielungen
 

5.
Bürgerlichkeit und Tollpatschigkeit - Anselmus' erster Fall

5.1 Die Bürger in der 1./2. Vigilie

5.2 Anselmus in der 1./2. Vigilie:
Bejahung der bürgerlichen Existenz, ihrer Normen - Schwierigkeiten mit der bürgerlichen Existenz (Tollpatschigkeit) / Verständnis dieser Diskrepanz

- Phänomenologie der Tollpatschigkeit
(Kunz-Notiz über den Nukleus der GT-Handlung, in: E.T.A. Hoffmann in Aufzeichnungen seiner Freunde und Bekannten S. 196)

5.3 Möglichkeit zu einem Literarischen Rollenspiel (vgl. 10.3):
„Ein Mädchen / ein junger Mann beobachtet bei einer früheren Gelegenheit den Anselmus im 'Linkeschen Bade'" (Innerer Monolog)

5.3 Verhältnis Tollpatschigkeit - Einsamkeit - "kindliches poetisches Gemüt" (1. - 8. Vigilie)

5.4 Erkenntnis der Entwicklung des Anselmus als Organisationsprinzip der Handlung
 

6.
Anselmus' innere (Ver-)Wandlungen - die Himmelfahrt

6.1 Das Holunderbaum-Erlebnis

6.2 Von wem geht auf der Handlungsebene die Initiative aus?

6.3 Die 2./4./6./8./10./12. Vigilie: Entwicklung auf Archivarius Lindhorst, dann auf Serpentina, dann auf Atlantis zu:
- Anselmus' Verwandlung als Entwicklung / Steigerung - demgegenüber Archivarius Lindhorst: keine Entwicklung, sondern Varianten der Verwandlung
- Wendung nach innen / Bewusstwerdung (der Liebe und des Glaubens, 4. Vigilie)
- Wendung von Natur zu Kunst/Künstlichkeit (6. Vigilie)
- die bürgerlich-mechanische - die phantastische Seite des Dichtens (6./8. Vigilie)
- Dichten: Empfangen = Produzieren (6. Vigilie)
 

7.
Anselmus' Rückverwandlung - der Fall ins Kristall

7.1 Die Welt der Paulmanns - satirische oder humoristische Behandlung der Bürgerwelt?

7.2 Die Hexe / das Äpfelweib - was repräsentiert sie?

7.3 Die Katastrophe der bürgerlichen Welt (9. Vigilie)

7.4 Die 10. Vigilie: Der Fall ins Kristall

7.5 Der Kampf

7.6 Der Aufbau der Teile I (1. - 3. Vigilie) und II (4. - 9. Vigilie), Höhe-, Wendepunkte, Verzögerung
 

8.
Spiegelungen der mythischen Urszene - der naturphilosophische Hintergrund

8.1 Vergleich der Szenerie im Speyer-Brief 1813 („In Dresden wohne ich auf dem Lande!...": Briefe Bd. 1 S. 407 ff.) - in der Holunderbaum-Szene

8.2 Vergleich der Szenerie im kosmogonischen Teil des Mythos (3. Vigilie) - in der Holunderbaum-Szene

8.3 Vergleich Anselmus - Leser (Beginn 4. Vigilie)

8.4 Vergleich Erzähler: 12. Vigilie - Beginn 4. Vigilie

8.5 Die mythische Urszene: Qual/Depression schlägt schöpferisch um in Sehnsucht (unbewusste) nach „höherem Sein"

8.6 Der Phosphorus-Mythos als Umkehrung und Fortsetzung der Urszene I (Tod >>> Leben):
Urszene II (Leben >>> Tod): Das erreichte/geliebte "höhere Sein" zerstört die vorige Stufe

8.7 Schubert, „Ansichten von der Nachtseite der Naturwissenschaften" (Auszug: Die deutsche Literatur Band 5.2, S. 1100 ff.) - romantische / Schellingsche Naturphilosophie
Schöpferisch-zerstörerischer Prozess in infinitum / Alles bedeutet sein Gegenteil / Asymmetrie Qual - höheres Sein, Materie - Geist

8.8 Konsequenzen des Relativismus auf den Gegensatz bürgerlich - utopisch (Wertung!)
 

9.
Doppelexistenzen und Doppelgänger - Personenkonstellation

9.1 Die ambivalent-polare Personenkonstellation

9.2 E.T.A. Hoffmanns „Glaube" am Beispiel Julia Marc:
- Tagebucheintrag 19.1.1812 („- Ktch [= Julia] - Ktch - Ktch | O Satanas - Satanas - // Ich glaube, dass irgend etwas hochpoetisches hinter diesem Daemon spukt, und in so fern wäre Ktch nur als Maske anzusehn", a.a.O.)
- Brief an Speyer 1820 (E.T.A. Hoffmanns Briefwechsel S. 246 ff.)

9.3 Unverwechselbare Individualität vs. immer wiederholtes mythisches Geschehen: Trost oder Wiederholungszwang
 

10.
Anselmus in Atlantis - ein Fall ins Kristall?

10.1 Wer / was ist Serpentina? Körperliche Liebe?

10.2 Schreibt Anselmus noch Bücher (als Dichter)?

10.3 Möglichkeit zu einem Literarischen Rollenspiel (vgl. 5.3):
Reisebericht eines Zeitreisenden aus Atlantis: "Meine Begegnung mit Anselmus"

10.4 Vergleich mit E.T.A. Hoffmann, "Die Bergwerke zu Falun" (in: Die Serapionsbrüder S. 171 ff.)
Ablegen der irdischen Bürde in Atlantis = Fall in ein anderes (utopisches) „Kristall"?

10.5 Vergleich mit E.T.A. Hoffmann, "Einsiedler Serapion" (in: Die Serapionsbrüder S. 17 ff.)
Leben in Atlantis aus bürgerlicher Perspektive: Tod oder Wahnsinn?

10.6 Bedeutet das Leben in Atlantis die Vermittlung des Gegensatzes von Poesie und bürgerlichem Leben, von Innen und Außen?
Vergleich mit dem Novalis-Märchen „Hyazinth und Rosenblüte"
 

11.
Erzähler und Leser als eigentliche Hauptpersonen - E.T.A. Hoffmans Transzendentalpoesie

11.1 Die 7. Vigilie: Der Leser als Augenzeuge und Mitspieler: versuchter Durchbruch von der Fiktion zur außertextlichen Realität

11.2 Die 12. Vigilie:
- Die vier Verwandlungen das Erzählers
- Qual des Erzählers und Trost durch Archivarius Lindhorst als Zielpunkt des GT
- Der Erzähler und der "Funke" im Leser

11.3 Die 4. Vigilie: Poetik des leserorientierten serapiontischen Prinzips

11.4 Das Märchen als der goldne Topf - Spiegelung des „Einklangs aller Wesen"

11.5 Frage nach dem Ziel des Erzählens:
nicht Vermittlung und dadurch "Seligkeit", sondern momentane Verwandlungen des individuellen Lesers (Tod <<< >>> Leben, Qual <<< >>> Trost)
+ romantische Ironie
 

12.
Zwei Spiegelungen des Mythos - seine politische und moralische Ambivalenz

12.1 "Der Dichter und der Komponist" (entstanden 1813): nationalistische Spiegelung
Auszug, in: E.T.A. Hoffmann, Die Serapionsbrüder, S. 76 ff.
+ Georg Friedrich Kersting, Theodor Körner, Friesen und Hartmann auf Vorposten (Galerie der Romantik S. 91. f.)

12.2 Der Brief Albans aus "Der Magnetiseur" (1813): Dämonie der Macht als Spiegelung des Mythos
in: E.T.A. Hoffmann, Fantasie- und Nachtstücke S. 169 ff.
+ Daniel Chodowiecki, Der Magnetiseur, in: Safranski S. 298
 

13.
E.T.A. Hoffmanns „schöpferische Qual" heute?

Gespräch über Franz Fühmanns 23. These zu E.T.A. Hoffmann: "tauglich auch heute und hier":
dazu drei Zitate:
- Fühmanns Thesen 15 - 22 (Fühmann S. 32 f.)
- E.T.A. Hoffmann, über das Gespenstische der alltäglichen Welt
- E.T.A. Hoffmann, über die Überbietung alles Phantastischen aus der "Einbildungskraft" durch die „ungeheure" Realität („Der Dey von Elba in Paris",
  a.a.O.)
 

14.
Ingeborg Bachmann, „Undine geht" 1961

Serpentina - Undine; Anselmus - Hans; Atlantis -Einsamkeit / Lichtung usw.


Wünschenswert: Vorausgegangene Unterrichtseinheit z.B.:
"Deutsche Literatur nach der Französischen Revolution - Klassik und Frühromantik"

Schiller: Augustenburger Brief / Das Ideal und das Leben / Über naive und sentimentalische Dichtung (Auszug) / Horen-Ankündigung
Goethe: Hermann und Dorothea
Wackenroder "Wunderbares morgenländisches Märchen von einem nackten Heiligen"
Novalis: Märchen von Hyazinth und Rosenblüte / Naturthematik in "Lehrlingen" / Märchentheorie-Fragmente / Christenheit oder Europa (Auszug)
Fr. Schlegel: Rede über die Mythologie (Auszug)


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