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DIETER SCHREY

Christa Wolfs "Kassandra" -
"Suche nach den Wurzeln der Destruktivität"

Vortrag Düsseldorf 27.01./11.02./30.11.2009 (hier: Version 11.02.09)

Gestern (im Februar 2009) habe ich bei Google den Begriff „Kassandra“ eingegeben – ca. 2.530.000 Ergebnisse – beachtlich, aber zu unspezifisch, damit kann man nichts anfangen. Weil mich die Aktualität des Themas interessierte, habe ich es dann mit der Begriffs-Kombination „Kassandra + Finanzkrise“ versucht – die Suche ergab 6.460 Ergebnisse! Zum Beispiel kam ich dadurch einem aktuellen Text aus der „ZEIT“ über „Kassandras Albtraum“ auf die Spur, in dem gegenwärtige Konjunktur-Prognosen thematisiert wurden. Und in einem Artikel der „Süddeutschen Zeitung“ vom 29. Januar 2009 wurde ein New Yorker Wirtschaftsprofessor als „Kassandra“ bezeichnet, weil er schon vor 2 Jahren auf dem Weltwirtschaftsforum die gegenwärtige Finanzkrise präzis vorhergesagt hatte und niemand ihm damals und auch später noch glauben wollte. Heute sagt er – und diese Deutung wird uns nachher auch in Christa Wolfs Erzählung beschäftigen: „Ich bin kein Genie. Ich habe nur richtig hingeschaut“ – getan, was alle hätten tun können und sollen. Offensichtlich ist das Thema „Kassandra“ angesagt, auch im Bereich der Kunst steht es im Augenblick auf der Tagesordnung: In Berlin läuft seit November eine große Kunstausstellung „Kassandra – Visionen des Unheils“.

Interessant - aber die Aktualitätsfrage kann ich in meinem Vortrag nur am Rande streifen, jetzt geht es erst einmal um Christa Wolfs Erzählung „Kassandra“ aus dem Jahr 1983 als Pflichtlektüre der nordrhein-westfälischen Abiturjahrgänge 2009 und 2010. Ich bin um eine Einführung gebeten worden. So ist es notwendig, vorweg kurz die sog. verbindlichen Lehrinhalte zu benennen, die mit dieser Pflichtlektüre in NRW verbunden sind und die ich dementsprechend berücksichtigen werde:

Christa Wolfs „Kassandra“ ist zu behandeln 1.) unter Einbeziehung ihrer Frankfurter Poetik-Vorlesungen von 1982, die ein Jahr später unter dem Titel „Voraussetzungen einer Erzählung: Kassandra“ gleichzeitig mit der Erzählung veröffentlicht worden sind und mit ihr zusammen als das „Kassandra-Projekt“ bezeichnet werden. „Einbeziehung“ der Poetik-Vorlesungen heißt nicht: zusätzliche Lektüre (!), sondern bedeutet wohl faktisch: „Benutzung von Textauszügen, die z.B. Schulbuchverlage zur Verfügung stellen“. (Ich weise hin auf die von mir zusammengestellten Materialien des Schroedel-Verlags zu „Kassandra“, Schülerheft und Lehrerheft.)

Christa Wolfs „Kassandra“ ist 2.) zu behandeln unter Einbeziehung zweier Aspekte: a) der Auseinandersetzung mit dem Mythos und b) der Literatur im geteilten Deutschland. Was mit diesen beiden Aspekten im Einzelnen gemeint ist, das wird – denke ich – aus meinen Ausführungen hervorgehen.

 

1)                 Kassandra und Christa Wolf – 1250 v.Chr.  und 1982 n.Chr.

In den Frankfurter Poetik-Vorlesungen sowie in vielen späteren Interviews hat die Autorin Christa Wolf deutlich gemacht, dass sie im Schicksal der Priesterin-Seherin Kassandra im Troia des 13. Jahrhunderts vor unserer Zeitrechnung sich selbst und ihre Gegenwart der 1980er-Jahre gespiegelt sieht:

- sich selbst als Intellektuelle der DDR, die der staatstragenden Partei angehört, dort zeitweise offizielle politische Ämter bekleidet hat und darüber hinaus als Autorin aufgrund ihres schriftstellerischen Erfolgs eine spezifische Verantwortung für die Gesellschaft ihres Landes empfindet, gespiegelt in der trojanischen Königstochter, die als Apollon-Priesterin und Seherin religiös-ideologische und darin politische Ämter ausübt,

- gespiegelt auch ihre Gegenwart: die Situation in Europa angesichts des atomaren Wettrüstens in Ost und West und der von vielen zu Beginn der 1980er-Jahre ernsthaft befürchteten nuklearen „Selbstzerstörung“ Europas (V 135f.), gespiegelt in den Ereignissen, die zum historischen, jedenfalls in Mythen erzählten Trojanischen Krieg vor 3 000 Jahren geführt haben. So hat die Autorin in ihrem Tagebuch der Jahre 1980-1982, das integraler Bestandteil des „Kassandra“-Projekts ist, notiert: „Nie sei die Gefahr eines Atomkriegs in Europa so groß gewesen wie heute, erklärt das schwedische Institut für Friedensforschung in seinem Jahresbericht. […] Ich aber bin Europäerin. Europa ist gegen einen Atomkrieg nicht zu verteidigen. Es wird nur als Ganzes überleben oder als Ganzes zugrunde gehn […].“ (110f.) „Jetzt muß man nicht mehr »Kassandra« sein: Die meisten beginnen zu spüren, was kommen wird.“ (V 122) „Der Wahnsinn geht mir nachts an die Kehle.“ In dieser Situation erscheint ihr „das vielleicht ganz und gar Aussichtslose vernünftig“, nämlich auf der eigenen Seite, im Osten, „einseitig abzurüsten“ (8. Juli 1980; V 111). Diese Zumutung der Autorin an die eigene Seite – einseitige Abrüstung! – entspricht der Erfahrung ihrer Figur Kassandra im Umgang mit den „Eignen“ (K 80), den Troern, in der Situation des „Vorkriegs“, des Hineinschlitterns in eine irgendwann nicht mehr zurückzunehmende Entwicklung: Von den „Eignen“ hat sie sich nämlich lange Jahre „täuschen“, ideologisch hinters Licht führen lassen, sie seien die Besseren, hätten eine friedlichere Grundhaltung, eine ursprüngliche, letzte Legitimation für ihre Handlungsweise. Erst spät gelangt sie zu der Einsicht, dass der troische Kriegstreiber und Staatssicherheitschef Eumelos den griechischen Brutal-Helden Achill „braucht [...] wie ein alter Schuh den andern“: „Er setzt das voraus, was er erst schaffen muß[te]: Krieg. Ist er soweit gekommen, nimmt er diesen Krieg als das Normale und setzt [dann] voraus[:], aus ihm [aus dem Krieg heraus] führt nur ein Weg, der heißt: der Sieg.“ (K 125) Das ist der Mechanismus der wechselseitig sich hochschaukelnden Aufrüstung bis zum katastrophalen point of no return, in Troia wie bei den Griechen, nach Ansicht von Christa Wolf 1980/83 auch in Ost und West. „Die Motive der archaischen Kämpfer […] schienen mir nicht grundsätzlich verschieden zu sein von denen unserer Raketenvergötterer“, sagt Christa Wolf in einem Vortrag 1998 (in: C.W., Medea. Voraussetzungen zu einem Text. Mythos und Bild, Berlin 1998, S. 14).

„Ich habe dieses Land [die DDR] geliebt [, schreibt sie 1993 {21.03.1993} in einem Brief an Günter Grass]. Daß es am Ende war, wußte ich [...]. Ich habe das in Kassandra beschrieben [...]; ich wartete gespannt, ob sie es wagen würden, die Botschaft der Erzählung zu verstehen, nämlich, daß Troja untergehen muß. [...] Die Leser in der DDR verstanden sie.“ (Peter Böthig, Eine Biographie in Bildern und Texten, München 2004, S. 107f.) Aber auch die Leser in der Bundesrepublik und anderswo bezogen nach dem Erscheinen der „Kassandra“-Erzählung 1983 die gegen das Wettrüsten gerichtete Botschaft deshalb auch auf sich, auf ihren Staat und ihr Gesellschaftssystem, weil sie verstanden:

In der „Kassandra“-Erzählung stehen sich zwei archetypische, modellhafte Gegner gegenüber, beide mit der gleichen heroisch-martialischen, eroberungs-, letztlich todessüchtigen Ideologie „Sieg oder Untergang“ (V 184) – das meint ja der Ruf des Aineias, der Kassandra vor dem Start der Zweiten Schiffsunternehmung so erschreckt: „Hesione oder den Tod!“ ruft Aineias ihr zu (K44), d.h. ‚erfolgreiche Rückeroberung der spartanischen Königin Hesione oder Untergang in Schande’, ‚entweder – oder’. Der Unterschied zwischen den Kriegsgegnern besteht nur darin, dass die auf der einen Seite (die Griechen) diese Devise aus sich heraus, scheinbar wesensmäßig vertreten und ausagieren, mit „Konsequenz“, wie es der vor seinen Landsleuten geflohene griechische Priester Panthoos im Gespräch mit Kassandra ausdrückt (K 38), während sich die Troer auf der anderen Seite auf der Basis ihres Unterlegenheitsgefühls erst im Laufe der Zeit mehr und mehr die siegorientierte heroische Gesinnung einreden und aufprägen lassen: „Wir sollten werden wie der Feind, um ihn zu schlagen.“ (K 38) Aber: „Wer sehen konnte, sah am ersten Tag: Diesen Krieg verlieren wir“ (K 88) – sah dies vor allem nach dem ‚Erstschlag’, dem grässlichen Lustmord des Achill an dem mutigen, schönen „Knaben“ Troilos, Kassandras Bruder. „Mörderlust und Liebeslust in einem Mann? Durfte unter Menschen das geduldet werden?“ (K 89)

 

2)   Achill – archetypische Verkörperungen des Aggressions- und Todestriebs

Wenn wir genauer hinsehen, werden „die Griechen“ vor allem durch die Figur des Achill repräsentiert. Achill – das ist eigentlich, in der mythologischen Tradition, der Sohn des Peleus und der Meeresnymphe Thetis, um ihn und seinen Zorn dreht sich das Ur-Epos der abendländischen Literatur, Homers „Ilias“, und er wird seither in dieser Tradition als größter Held der Griechen, ja, als einmalig größter Held überhaupt gerühmt, und nicht nur als das, sondern auch als liebender, verletzlicher Mensch, dessen martialisches Übermaß dem Übermaß seiner seelischen Verletzungen entspricht:

„Singe den Zorn, o Göttin, des Peleiaden Achilleus“ – so beginnt die „Ilias“.

Ja, und dann, in Christa Wolfs Erzählung: „Achill, das Vieh“ – wie Kassandra ihn dort an immerhin 30 Stellen nennt. Der Halbgott ein tierisches Tier – welche Provokation, eine solche Uminterpretation der klassischen literarischen Figur. Allerdings nimmt Kassandra das Weiterwüten des „schlimmsten Feindes“ Troias (K 150) in Kauf, um zu verhindern, dass ihre Schwester, die sich selbst immer wieder den Männern als begehrenswertes Objekt dargeboten hat, nun endgültig – Lockvogel für Achill – von den Männern als lebendig-totes Objekt behandelt wird, als bloßes Mittel zum Kriegszweck, Opfer der troischen Staatsräson. Eine solche Haltung ist ihr möglich, weil sie – Kassandra – zuvor, nach dem schrecklichen Tod der Amazonenkönigin Penthesilea, in der Zeit bei den Frauen am Skamander-Fluss, gelernt hat, „daß es für die Greuel, die Menschen einander antun, keine Grenzen gibt: daß wir imstande sind, die Eingeweide des andern zu durchwühlen, seine Hirnschale zu knacken, auf der Suche nach dem Gipfelpunkt der Pein. »Wir« sag ich, und von allen Wir, zu denen ich gelangte, bleibt dies dasjenige, das mich am meisten anficht. »Achill das Vieh« sagt sich um so vieles leichter als dies Wir.“ (K 141) „Achill, das Vieh“ müssen/sollen wir offensichtlich ansehen als – archetypische Verkörperung des allgemein menschlichen Aggressions- und Todestriebs, einer tief sitzenden menschlichen Bereitschaft zur Destruktion, ja, zu sadistischem Handeln.

Christa Wolf sucht in ihrer Erzählung nach solchen Ursprungs-Verkörperungen, Ur-Mustern menschlicher „Destruktivität“ (V 135f.): Achill, das Vieh (wie dargestellt); Paris, der ursprünglich naive nette Junge, den man aber aufgrund seiner narzisstischen Unsicherheit bis zu einem gigantomanischen Selbstbewusstsein manipulieren kann; Agamemnon, der an sich schwache Mann einer starken Frau, der diese seine Schwäche durch „ausgesuchte Grausamkeit im Kampf“ kompensiert; Priamos, der eigentlich sympathische König, ebenfalls Mann einer starken Frau, durch sein tief sitzendes Minderwertigkeitsgefühl (er hat Angst vor einem „Gesichtsverlust“ gegenüber den Griechen) ist er blind für die realen Machtverhältnisse und trifft dadurch fatale politische Fehlentscheidungen; Eumelos, ein „fähiger Mann“ aus einfachen Verhältnissen, der sich zum Chef des Staatssicherheitsdienstes hocharbeitet und zum ärgsten Kriegstreiber wird; Aineias – eigentlich, wie es in den Frankfurter Poetik-Vorlesungen heißt, „Zartsinn, gepaart mit Kraft“ (V 59), aber einer, der auch in der Niederlage nicht aufgeben kann und sich im Zweifelsfall für das mit der „Kraft“ Erreichbare gegen den „Zartsinn“, die Liebe zu Kassandra, entscheidet, weil die Fortsetzung des „Zartsinns“ den Untergang bedeuten würde – und stattdessen ist „Überleben“ die Devise. Und Panthoos – eigentlich auf der anderen Seite, der Seite der Opfer –, ein Realist und Pessimist, der zynisch die Theorie für das aggressive Handeln der Helden-Männer liefert, indem er „für jede Handlung oder Unterlassung einen einzigen Grund nur zuließ: Eigenliebe“ (K 15).

Was soll werden, wenn das um sich greift. Die Männer, schwach, zu Siegern hochgeputscht, brauchen, um sich überhaupt noch zu empfinden, uns [die Frauen] als Opfer. Was soll da werden.“ (K 143) Eine ihrerseits über-heroische Antwort auf diese verzweifelte Frage gibt, auf der Seite der Opfer, der Frauen, Penthesilea. Gefragt: „Du willst, daß alles aufhört“, antwortet sie: „Das will ich. Da ich kein andres Mittel kenne, dass die Männer aufhören“: „Todessucht bei einer Frau“, konstatiert Kassandra (K 140f.).

 

3) “Wann hat es angefangen?“ Entfremdungserscheinungen der abendländischen Zivilisation

In den Frankfurter Poetik-Vorlesungen wird klar, dass die Autorin solche Ur-Muster menschlicher Destruktivität aus einem ganz spezifischen Gegenwartsinteresse heraus sucht, dahinter steht ihre kritische Frage nach den Wurzeln der destruktiven Grundstrukturen der modernen, „europäischen und nordamerikanischen“ „Industriegesellschaften“, der „Entfremdungserscheinungen in unserer [abendländischen] Zivilisation“ (Gespräche mit Jacqueline Grenz, C.W., Werke, Bd.8, S. 353f.). Dabei versucht sie nicht, diese in der biologischen oder psychologischen Natur des Menschen aufzufinden, sondern konkret in der Geschichte, allerdings dort nicht irgendwo, an der einen oder anderen Stelle, sondern grundsätzlich, sie versucht dem Problem auf den Grund zu gehen: In den Poetik-Vorlesungen stellt sie die Frage: „Wann hat es angefangen?“ (V 135f.) Diese Frage setzt unausgesprochen die Annahme voraus, dass es einen solchen Anfang überhaupt gegeben hat, sowie, dass davor eine Zeit wirklich existiert hat, die durch nicht-destruktives menschliches Handeln charakterisiert gewesen ist. Das ist zunächst einmal eine historische Hypothese! Mit dieser geht die Autorin dann an die geschichtlichen Dokumente und an historische Darstellungen heran – Homers „Ilias“, Dramen von Aischylos und Euripides, über 100 wissenschaftliche Bücher, die sich mit der frühen Geschichte rund um die Ägäis beschäftigen. Mit der Hypothese ist dann ein gedanklicher Dreischritt verbunden: (1) Wenn sich bei dem Quellenstudium herausstellen sollte, dass es zu Beginn, am Ursprung zwar nicht der gesamten Geschichte, aber in vor- oder frühgeschichtlicher Zeit am Ursprung der sog. abendländischen Geschichte menschenmöglich gewesen ist, nicht aus „Eigenliebe“, nicht-aggressiv-destruktiv zu handeln, und dass (2) diese ur-sprüngliche Möglichkeit später dann durch eine bestimmte – ja, sündenfallähnliche Entwicklung verlorengegangen ist, z.B. in der durch Achill und Agamemnon repräsentierten Zeit, dann müsste es doch auch möglich sein, (3) jetzt oder in naher Zukunft aus der bisherigen, mehr und mehr auf eine Katastrophe zusteuernden Entwicklung „auszusteigen“, indem man sich neu am Ursprung, orientiert, den vor Zeiten gemachten historischen Fehler identifiziert, korrigiert und auf diesem Weg den ursprünglichen Zustand wiederherstellt. Das „war meine Fragestellung der letzten sieben Jahre. Und der letzte, weiteste Schritt zurück in die Frühgeschichte [im Zusammenhang mit „Kassandra“] ermöglicht mir, merkwürdig oder nicht, zugleich ein Vortasten in die Zukunft, um die es ja, wenn ich über Vergangenes erzähle, eigentlich geht.“ (Gespr. m. J. Grenz, a.a.O.).

„Wann [also] hat es angefangen? [...] War dieser Verlauf unausweichlich? Gab es Kreuz- und Wendepunkte, an denen die Menschheit, will sagen: die europäische und nordamerikanische Menschheit, Erfinder und Träger der technischen Zivilisation, andere Entscheidungen hätte treffen können, deren Verlauf nicht selbstzerstörerisch gewesen wäre? War denn, fragen wir uns, mit der Erfindung der ersten Waffen – zur Jagd –, mit ihrer Anwendung gegen um Nahrung rivalisierende Gruppen [...] der Grund für die weitere Entwicklung gelegt? Mit dem Überspringen von Größenverhältnissen [...]? Liegt in der Jagd nach Produkten, immer mehr Produkten, die Wurzel der Destruktivität? Hätte es, für unsere Länder, irgendeine Möglichkeit gegeben, aus diesem Wettlauf auszusteigen, indem wir uns auf andre Werte orientiert hätten?“ (Meteln, Sonntag, 26. April 1981; V 135f.). Wo liegt also der Beginn des selbstzerstörerischen „Wettlaufs“, der zu den von Christa Wolf 1980/83 als katastrophal empfundenen „Entfremdungserscheinungen in unserer Zivilisation“, in den „europäischen und nordamerikanischen Industriegesellschaften“ geführt hat?

Bei der Suche nach der „Wurzel der Destruktivität“ geht es der Autorin um zwei Entwicklungen: Zum einen um die „negative, lebensverstümmelnde Kehrseite“ der technischen Zivilisation, um den „Mythos der Maschine und der enthumanisierenden Gesellschaftsordnung, die er hervorgebracht hat“ (V 120) – in den Frankfurter Poetik-Vorlesungen zu „Kassandra“ zitiert sie so das wenige Jahre zuvor erschienene Buch von Lewis Mumford mit dem Titel „Mythos Maschine“ und beschreibt als Ziel der Industriegesellschaften in Ost und West, auf der Basis der technischen Entwicklung „soviel wie möglich und auf immer schnellere und perfektere Weise zu produzieren“: technologisch-ökonomisch-finanzielle Omnipotenz. Wenn Christa Wolf in einem Interview vor zwei Jahren (DIE ZEIT, 25. Oktober 2007, S. 51) im „Kassandra“-Zusammenhang auf die „Weltkonzerne“ hinweist, „die nur nach den Gesetzen von Macht und steigender Gewinnrate strukturiert sind“, sind wir nicht weit von der gegenwärtigen Krise entfernt. „Die Leere, die dieses rein äußerliche Ziel [schnellstmögliche Steigerung von Produktion, Profit und Konsum – heute spricht man von „Gier“] in der Mitte [der Gesellschaft] erzeugen muß, die Aushöhlung der ehemals mit Sinn erfüllten Ideale, die nur noch als Schemen in verkrusteten Institutionen ein Pseudo-Dasein fristen“ – das alles führt unweigerlich zu letztlich selbstzerstörerischer „Aggressivität“ (Christa Wolfs Medea, a.a.O., S. 14).

Den Ausgangspunkt des anderen Entwicklungsstrangs, der gegenwärtige „Entfremdungserscheinungen“ erklärt, sieht Christa Wolf im geschichtlichen „Übergang matriarchalisch strukturierter, wenig effektiver Gruppen zu patriarchalischen, ökonomisch effektiveren“ (V 135f.). Sie geht von einer historischen Epoche im frühgeschichtlichen Mittelmeerraum aus, in der die Männer die ursprüngliche hervorgehobene Stellung der Frauen usurpierten, sie mehr und mehr in den Hintergrund drängten und unterdrückten. „Daß Frauen zu der Kultur, in der wir leben, über die Jahrtausende hin offiziell und direkt so gut wie nichts beitragen durften, ist nicht nur eine entsetzliche, beschämende und skandalöse Tatsache für Frauen – es ist, genau genommen, diejenige Schwachstelle der Kultur, aus der heraus sie selbstzerstörerisch wird […].“ (V 115)

„Wann hat es angefangen?“ „Es“ – das ist – in der Zusammenschau der beiden genannten Entwicklungen – die selbstzerstörerische Spirale der männlichen technologischen Rationalität, deren Aufgipfelung sich für die Autorin im mörderisch-selbstmörderischen Wettrüsten ihrer Gegenwart zeigt. „Angefangen“ hat es nach Ansicht Christa Wolfs, die sich dabei auf Ergebnisse historischer Forschung bezieht, konkret in den Jahrhunderten vor dem Untergang Troias, der als geschichtliches Faktum angenommen wird. „Zu denken wäre [ in der Zeit Kassandras –] eine allmähliche – auch gewaltsam-rasche – Verschiebung der Moral im Mittelmeerraum: zuungunsten der friedfertigeren, auf Handel bedachten Minoer von Kreta, zugunsten der gewalttätigen, auf Raub angewiesenen achäischen Fürsten: wie Homer sie beschreibt. […] Dies würde Kassandra [in Troia] in die Lage versetzen, sich von einer nicht mehr gültigen Utopie trennen zu müssen und einen realen Lebens-Ort zu finden.“ (V 131) Kassandra würde also an einer historischen „Nahtstelle“ stehen: als „Tochter eines Königshauses, in dem die patrilineare Erbfolge gefestigt scheint, ohne daß deshalb die Königin [… und wir dürfen ergänzen: die Priesterin] schon zur Bedeutungslosigkeit herabgesunken wäre; [eines Königshauses,] in dem […] die alten matriarchalischen Kulte [noch] neben den jungen Kulten der neuen Götter gepflegt werden mögen […]. Eine Kultur vielleicht, die der strikt patriarchalischen der mykenischen Achaier, ihrem strikten Eroberungswillen nicht gewachsen war.“ (V 180 f.)

Sie haben Christa Wolfs Rede im Konjunktiv und in „vielleicht“-Sätzen bemerkt, sie fragt sich, ob sie in solchen Annahmen nicht einem „Wunschdenken“ (V 131) folgt, wenn sie so „etwas wie eine […matriarchalisch bestimmte] Friedensordnung im östlichen Mittelmeer, die von den Achaiern zerstört wurde“, annimmt. Im Unterschied zu Autorinnen wie z.B. der feministischen Wissenschaftlerin Heide Göttner-Abendroth wahrt sie deutliche Zurückhaltung und lehnt es ab, die als historisch angenommenen frühgeschichtlichen matriarchalischen Kulturen zu einem paradiesischen Zustand, einer Real-Utopie zu verklären, die dann wissenschaftlichen Beweischarakter bekommen würde für die Möglichkeit einer künftigen Wiederbelebung entsprechender Gesellschaftsstrukturen, vielmehr weist sie explizit hin auf die Unmöglichkeit und Nicht-Wünschbarkeit eines naiven „Zurück zur Natur“, „zu frühen Menschheitszuständen“ (V 182). Dennoch: Der irgendwo in der Zeit zwischen 1.500 und 1.200 vor unserer Zeitrechnung verortete Kassandra-Mythos könnte als poetischer „Versuch eines Modells“ ohne Beweischarakter dienen, als Versuch, der Gegenwarts-Gesellschaft eine „lebbare Alternative“ (V 122), etwas Authentisches entgegenzusetzen.

 

4)                 Leben: authentisch     entfremdet

Aber worin besteht eine solche in der Zukunft vielleicht „lebbare Alternative“? „Leben“ ist der für Christa Wolf zentrale Begriff. „Zwischen Töten und Sterben [gemeint: zwischen Töten und Getötetwerden] ist ein Drittes: Leben“. (K 141) Nach ihrem totalen seelischen Zusammenbruch – nach der Schändung der Leiche Penthesileas durch Achill und der grässlichen Ermordung des Panthoos durch die Amazonen – bringt Aineias Kassandra zu den Frauen am Skamander, die eine alternative, „matriarchalisch“ orientierte Lebensform erproben. In Gemeinschaft mit diesen Frauen lebt sie in den letzten „zwei Sommern und zwei Wintern“ des Kriegs ein Leben, das sich in jeder Beziehung von ihrem früheren Palast-Leben unterscheidet: Es ist ein Leben in Armut auf der Basis der Selbstversorgung, in „Heiterkeit, die niemals ihren dunklen Untergrund verlor“. (K 157) Die Frauen erfreuen sich an ausgiebigen Gesprächen, am gegenseitigen Erzählen und Deuten der Träume, an gemeinsamem Gesang und vor allem an vielfältiger künstlerischer Betätigung: „Ich lernte Töpfe machen, Tongefäße. Ich erfand ein Muster, mit dem ich sie bemalte, schwarz und rot.“ Im Rahmen dieser Lebensform ist auch die Gleichzeitigkeit der Liebe zu einem Mann und zu einer Frau möglich, zu Aineias, den Kassandra, wie sie sagt, „liebte […] mehr als mein Leben“ (K 156), und zu Myrine, der Gefährtin der Amazonenkönigin Penthesilea, der gegenüber sie sich in der gemeinsamen Zeit bei den Frauen „keiner Zärtlichkeit mehr enthielt“ (K 10). Entsprechend sieht Kassandra in ihren Träumen die Farben Rot und Schwarz nicht mehr als unversöhnliche „Gegner“, sie erkennt darin die Integration von „Rot und Schwarz, Leben und Tod. Sie durchdrangen einander, kämpften nicht miteinander [...]. Andauernd ihre Gestalt verändernd, ergaben sie andauernd neue Muster, die unglaublich schön sein konnten.“ (K 147)

Dieses Bild eines in aller Einfachheit der äußeren Verhältnisse kulturell hochstehenden, friedlichen, heiteren, geglückten menschlichen Zusammenlebens – eine „lebbare Alternative“? Lebbar, also auch: wiederholbar? Oder doch eine U-Topie im Sinne des „Kein Ort. Nirgends“, wie ein früherer Titel Christa Wolfs heißt? Jedenfalls keine Utopie im klassischen, positiven Sinne. Arisbe, die weise Frau am Skamander, spricht von „Zeitenlöchern“, die „es gibt“ (K 147), quasi-utopischen Zeit-Inseln, irrationalen, glückhaften Momenten im Lauf der Geschichte, die sich nicht willentlich herbeiführen, nicht vorhersehen lassen, die man aber „nicht ungenutzt vergehen lassen“ darf. Die Zeit am Skamander sei ein solches Zeitenloch, meint Arisbe. Abgesehen von solchen positiven Unterbrechungen stellt sich für sie die Geschichte jedoch eher als ewige „Wiederkehr des Gleichen“ dar, und zwar als ständige Wiederholung von „Haß“ und „Selbstfremdheit“, wie auch Kassandra im Gespräch mit ihr vermutet.

Dennoch: „Leben“ – richtiges, echtes, ursprüngliches, gemeinsames, integrales – ist der Inbegriff dieser Skamander-Kultur. Nicht weit entfernt vom Ende ihres Erinnerungsmonologs (K 126 f.) versucht Kassandra in philosophisch-poetischen Formulierungen auszudrücken, was mit dem emphatischen Lebensbegriff gemeint sein kann. Diese Spitzenformulierungen, auf die ich gleich ausführlicher eingehen möchte, gehen in ihrem Gedanken- und Redezusammenhang zunächst hervor aus ihrer Auseinandersetzung damit, was „Leben“ ursprünglich in ihrer Biografie bedeutet hat, aus ihrer Auseinandersetzung mit dem Zentralthema ihres Lebens in Troia: mit ihrer „Sehergabe“, die sie „unbedingt“ gewollt hat. In der „Sehergabe“ und im Amt der Priesterin des Staatsgottes Apollon hat sie, eigentlich bis zu ihrer intensiven Begegnung mit den Frauen am Skamander, den Sinn ihres Lebens gesehen. Bereits zu Anfang ihres Monologs (K 6) benennt sie, was sie an einer bestimmten Stelle ihres Lebens dazu getrieben hat, die „Sehergabe“ wie auch das Priesterinnenamt „unbedingt“ anzustreben, nämlich der heftige Wunsch, mit Hilfe dieser Fähigkeiten und Ämter eigene Macht zu besitzen, eine eigene „Waffe“ – sie gebraucht diesen Begriff! –, um so eine unabhängige Position einzunehmen gegenüber der ganzen Palastwelt, gegenüber der völligen Vereinnahmung durch ihre Familie, der mit dieser identischen troischen Regierung, deren Politik und Ideologie, wie sie später sagt: gegenüber der selbstentfremdenden „Übereinstimmung mit den Herrschenden“ (K 76). Das ist aber ein widersprüchlicher Wunsch gewesen, denn er lief darauf hinaus, ausgerechnet die vom offiziellen Staatsgott Apollon verliehene „Sehergabe“ als „Waffe“ ausgerechnet gegenüber den Repräsentanten eben dieses Staates einzusetzen. Das, was dann vor der Abfahrt des Zweiten und des Dritten Schiffs in „Anfällen“ aus ihr herausbricht, gesprochen von einer zwar aus ihrem Inneren kommenden, aber ihr „fremden Stimme“ (K 47f.), ist jedoch nicht das erwartete Machtinstrument, sondern im Gegenteil etwas, das ihr wahnsinnige Angst macht, sodass sie sich selbst vor ihm „in Sicherheit bringen“ muss, wie sie sagt. Später, vor Mykene, kann sie bekennen: „Ich freilich hab allmählich meine Waffen abgelegt, das wars, was an Veränderung mir möglich war.“ (K 6) Und statt von „Sehergabe“ spricht sie dann im Rückblick auf ihre „Anfälle“ von „Erfahrung“ (K 127, bereits K 71) „Erfahrung“, die ihr einen ganz neuen Zugang zur Wirklichkeit und zu den Menschen eröffnet hat, der sich nicht nur von dem ihrer trojanischen Sozialisation unterscheidet, sondern auch von dem, den sie bei den Griechen kennengelernt hat:


5)                
Kassandra und die Griechen – Träume/Visionen und rationales Denken

Nun also diese philosophisch-poetisch genannten Sätze Kassandras, die ihre „Erfahrung“ umschreiben:

„Für die Griechen gibt es nur entweder Wahrheit oder Lüge, richtig oder falsch, Sieg oder Niederlage, Freund oder Feind, Leben oder Tod. Sie denken anders. Was nicht sichtbar, riechbar, hörbar, tastbar ist, ist nicht vorhanden. Es ist das andere, das sie zwischen ihren scharfen Unterscheidungen zerquetschen, das Dritte, das es nach ihrer Meinung überhaupt nicht gibt, das lächelnde Lebendige, das imstande ist, sich immer wieder aus sich selbst hervorzubringen, das Ungetrennte, Geist im Leben, Leben im Geist.“ (K 127)

Kassandra beginnt mit zwei Punkten der Kritik, zum einen: Für die Griechen gebe es nur entweder Wahrheit oder Lüge, Sieg oder Niederlage, Leben oder Tod. Diesem „griechischen“ Denken entsprechend ist jeweils eine Entscheidung zu treffen. Es geht um die kalte, unpersönliche Grundüberzeugung, alles lasse sich definitiv klären – entweder/oder – bzw. es solle/müsse definitiv zur Klärung gebracht werden, und sei es auf Kosten eine Streits. In jedem Fall zählt der Erfolg, denn es gibt ja nur entweder „Sieg oder Niederlage“, Erfolg oder Misserfolg. Woran jedenfalls nicht gedacht ist, das ist eine gleichzeitige Geltung des Entgegengesetzten, das wäre nicht rational.

Ich beziehe noch den zweiten von Kassandra kritisierten „griechischen“ Gedanken mit ein: „Was nicht sichtbar, riechbar, hörbar, tastbar ist, ist nicht vorhanden.“ Hier muss nicht mehr nach dem Entweder-Oder-Prinzip entschieden werden, hier ist die Entscheidung schon immer und grundsätzlich gefallen: Dieser „griechischen“ Überzeugung nach gibt es Realität nur auf der Basis sinnlicher Wahrnehmung, keine letzte oder vorletzte Wahrheit „hinter“ den Dingen und Sachverhalten.

Ich fasse zusammen: Wenn Kassandra auf die beschriebene Weise den „Griechen“ einerseits deren konsequent-rationales Entweder-Oder und andererseits die Ausschließlichkeit ihrer Orientierung am oberflächlich-materiell Vorhandenen vorwirft, redet sie als Sprachrohr der Autorin und meint damit die moderne, zeitgenössische Haltung einer rationalistisch-technologischen, konsequent erfolgsorientierten Weltanschauung – wie es in den Frankfurter Poetik-Vorlesungen heißt: die Tradition des „abendländischen Denkens“, das alles Subjektive ausschließt und sich dadurch „ent-persönlicht“, das mit seinem „strikten, einwegbesessenen Vorgehen“ immer nur einzelne Fakten mit angeblich „gesicherter »Objektivität«“ „herauspräpariert“, dem aber die „Mannigfaltigkeit der Erscheinungen“ gar nicht in den Blick kommen kann und die Erfahrung fehlt, wie „im Grunde, vom Grunde her alles mit allem zusammenhängt“. (V 171/174) Es geht um das, was Philosophiehistoriker mit dem Begriff der „Logos-Zentrierung des abendländischen Denkens“ bezeichnen („Logos“ vereinfachend übersetzt mit „Herrschaft des Prinzips »Rationalität«“).

Wohlgemerkt: Kassandra redet nicht gegen den Logos, gegen Rationalität, allerdings gegen den mit ihm im Allgemeinen verbundenen Ausschließlichkeitsanspruch. Als Mädchen hat sie zum ersten Mal mit Erstaunen feststellen müssen, dass anderen Menschen auch andere Arten der Wirklichkeitserfahrung zur Verfügung stehen, die sie in ihrer engen patriarchalisch geordneten Palastexistenz nicht für möglich halten konnte. Marpessa, die Dienerin, hat sie zum Berg Ida mitgenommen, zum Kybele-Heiligtum, dort tanzen die Frauen und steigern sich schließlich in eine „Ekstase“, „in der sie uns anderen unsichtbare Dinge sahen“. Kassandra ist zunächst entsetzt: „Was ging vor. Wo lebte ich denn. Wie viele Wirklichkeiten gab es denn in Troia noch außer der meinen, die ich doch für die einzige gehalten hatte.“ (K 25) Die „Grenze zwischen Sichtbarem und Unsichtbarem“ verschwimmt, „der Boden, auf dem ich so sicher gegangen war, [ist] erschüttert“. Dass sie selber bereits zuvor in ihrem prophetischen Traum vom Schiff, das den Aineias von der troischen Küste wegführt, und von einem ungeheuren Feuer“ zwischen den „Wegfahrenden“ und den „Daheimgebliebenen“ (K 22f.) – dass sie darin bereits selber die Grenze zwischen Sichtbarem und Unsichtbarem selbst überschritten hat, von einem zum anderen Wirklichkeitsverständnis, ist ihr nach dem Kybele-Erlebnis noch nicht bewusst. Später spricht sie von „andren Wirklichkeiten“, die „die fünf Sinne, auf die wir uns verständigt haben, nicht erfassen“, obwohl sie ständig „in unsre Welt der festen Körper einsickern“ (K 126). Speziell ihr sind sie auf geheimnisvolle Weise zugänglich geworden – „für mich nur spürbar“.

 

6)                 „Einfühlung“ – „den Mythos lesen lernen“

Kassandra scheint so etwas wie eine mystische Sonderbegabung zu haben, die sich in Träumen äußert und in plötzlichen Visionen bzw. Auditionen, die aufgrund ihrer dramatischen körperlichen Begleiterscheinungen von anderen für Äußerungen von „Wahnsinn“ gehalten und inhaltlich abgelehnt werden. Im Grunde genommen handelt es sich aber um nichts anderes als um „die Gabe der Einfühlung“ (K 127), von der Anchises einmal spricht und die er bei den Griechen vermisst. „Es ist das Geheimnis, das mich umklammert und zusammenhält [bekennt Kassandra vor Mykene], mit keinem Menschen habe ich darüber reden können. Hier erst, am äußersten Rand meines Lebens, kann ich es bei mir selber benennen: Da von jedem etwas in mir ist, habe ich zu keinem ganz gehört […].“ (K 6f.) Sie kann z.B. sagen, dass sie „Aineias – nein, nicht nur verstand: erkannte. Als sei ich er“ (K 7) und: „Ich war Hektor“ (als Achill ihn erstach, verstümmelte, um die Burg schleifte) (K 133 f.). Von jedem Menschen, mit dem Kassandra zusammentrifft, hat sie schon immer – aufgrund eines „absoluten Gehörs“ (K 41 f.), einer umfassenden Resonanzfähigkeit – einen Anteil in sich [sagt sie]. In entscheidenden Augenblicken, die nicht vorhersehbar sind, wird dann aus der Vielstimmigkeit dieser Anteilnahmen eine einzige „Stimme“, die eine grundlegende, umstürzende „Erfahrung“ ausspricht, eine Wahrheit jenseits aller berechenbaren Wahrscheinlichkeit, jenseits des Entweder-Oder von Wahrheit und Lüge, jenseits alles „Sichtbaren, Riechbaren, Hörbaren, Tastbaren“: „Wehe, wehe. Laßt das Schiff nicht fort!“ Oder: „Wir sind verloren. Weh, wir sind verloren.“

Die Kehrseite: „Da von jedem etwas in mir ist, habe ich zu keinem ganz gehört“ – die Fähigkeit universaler Einfühlung macht einsam und macht arrogant. „Hochmut“ wirft Kassandra sich selbst mehrfach vor (K 16, 27, 38, 95, 145). Das Wissen um die eigene Einsamkeit und Arroganz wiederum führt dann immer neu zu verstärkten Bemühungen, sich doch der Allgemeinheit anzuschließen, sich doch wieder zu binden, führt zu neuen Abhängigkeiten, aus denen sich zu lösen dann erneut schwerfällt, gerade wegen der gelungenen Einfühlung – ein Teufelskreis, sodass die Frage entsteht, wo das eigene Selbst bleibt.

Wie der troischen Priesterin Kassandra vor 3.000 Jahren, so ergeht es auch nach eigenem Bekunden in den Frankfurter Poetik-Vorlesungen der ostdeutschen Schriftstellerin Christa Wolf im Jahr 1980. Nicht rational begründet will sie nach Griechenland reisen, sondern „unbewußt“ in Bezug auf den Sinn der Reise (V 12f.), und sie landet statt im Flieger durch einen Zufall, also auf irrationalem Weg, im „Zeitenloch“ eines „geschenkten Tags“ in ihrer Berliner Wohnung, liest dort die „Orestie“ des Aischylos, darin den Auftritt der ihren Tod erwartenden Kassandra vor dem Tor von Mykene und zwar offensichtlich mit einer so starken Intensität der „Einfühlung“, dass sie sich gerade „noch zusehen [kann], wie ein panisches Entzücken sich in mir ausbreitete, wie es anstieg und seinen Höhepunkt erreichte, als eine Stimme einsetzte: »Oh! Oh! Ach! / Apollon! Apollon!«. Kassandra. Ich sah sie gleich.“ Eine scheinbar mystische „Erfahrung“ der Autorin: „Der Zauber wirkte sofort. […] Dreitausend Jahre – weggeschmolzen.“ (V 13f.) Das ist die Initialzündung zum Schreiben der Erzählung „Kassandra“!

Das Programm, das sich aufgrund dieser unmittelbaren Begegnung zwischen der Schriftstellerin der 80er Jahre des 20. Jahrhunderts und der 3.000 Jahre ‚jüngeren’ troischen Seherin herauskristallisiert, heißt dann: „den Mythos lesen lernen“ als „Abenteuer eigner Art“. Diese „Kunst“ setzt – Christa Wolfs Darstellung nach – „eine allmähliche eigne Verwandlung“ voraus, eine Bereitschaft zur „Hingabe“ „an einen anderen Inhalt des Begriffs »Wirklichkeit«“. (V 72f.) Dem Mythos ist eine andere Art der Wahrheit eigen als dem Logos, die eine konkurriert aber nicht mit der anderen. Die Wahrheit des Mythos, der Mythen, liegt in den „untilgbaren Bildern“, die „unausschöpfbar [sind] in ihrem Wirklichkeitskern und in ihrer Vieldeutigkeit“ (V 72f.), sie kennen nicht das rationale Entweder-Oder des zu verstehenden oder nicht zu verstehenden Sinns, notwendig ist – Imaginationsfähigkeit, eine vielleicht poetisch zu nennende Sensibilität für archaische, archetypische Bilder und Muster.

So versteht Christa Wolf auch den Kassandra-Mythos, den sie der antiken Überlieferung entnimmt. Sie wandelt ihn zu einer längeren Erzählung um, indem sie ihn (1) historisiert. „Mein Anliegen bei der Kassandra-Figur [schreibt sie am 29. April 1981 in ihr Metelner Tagebuch (V 140)]: Rückführung aus dem Mythos in die (gedachten) sozialen und historischen Koordinaten.“ Die „Kunst“, den Mythos zu lesen, bedeutet dann aber entscheidend, ihn (2) zu „psychologisieren“ (V 131f.), sich in die Figuren tief „einzufühlen“ und sie lebendig werden zu lassen. Die Autorin beruft sich in diesem Zusammenhang in ihren Frankfurter Poetik-Vorlesungen auf den Briefwechsel zwischen dem Altertumsforscher Karl Kerényi und Thomas Mann als Autor des Joseph-Romans. Von der Kombination von Mythos und Psychologie versprechen sich beide, die „»tiefere seelische Realität« hinter dem Mythos“ offenlegen zu können. Da geht es dann (3) um „das Humane“ (V 124 f.) – ich komme gleich darauf zu sprechen.

Ihre Mythos-Konzeption hat Christa Wolf vielleicht am präzisesten in einem Vortrag im Jahr 1997 mit dem Titel „Von Kassandra zu Medea“ (a.a.O. S. 14f.) beschrieben:

„In diesem Sinne, als Modell, das (a) offen genug ist, um eigene Erfahrung aus der Gegenwart aufzunehmen, das (b) einen Abstand ermöglicht, den sonst oft nur die Zeit bringt, (c) dessen Erzählungen fast märchenhaft, sehr reizvoll und doch (d) so wirklichkeitsgesättigt sind, daß wir Heutige uns in den Verhaltensweisen seiner handelnden Personen erkennen können – in diesem Sinne scheint mir der Mythos brauchbar zu sein für den heutigen Erzähler, die heutige Erzählerin. Er kann uns helfen, (e) uns in unserer Zeit neu zu sehen, er hebt Züge hervor, die wir nicht bemerken wollen und (f) enthebt uns der Alltagstrivialität. (g) Er erzwingt auf besondere Weise die Frage nach dem Humanum, um die es ja, glaube ich, bei allem Erzählen geht.“

 

7)                 Das „Humanum“ – das „lächelnde Lebendige“ – „Einfühlung“: Empathie, Liebe, Schmerz

 

Was ist mit diesem „Humanum“ gemeint? „Es ist das andere, das [die Griechen] zwischen ihren scharfen Unterscheidungen zerquetschen, das Dritte, das es nach ihrer Meinung überhaupt nicht gibt, das lächelnde Lebendige […]“. Es ist wohl das, was Anchises meint, wenn er den Griechen die „Gabe der Einfühlung“ anempfiehlt. Ich habe das Wort „Einfühlung“ schon einmal gebraucht als Begriff für die dem Mythos adäquate Erkenntnisfähigkeit. „Einfühlung“ bedeutet aber auch – Empathie: Sympathie für alles Lebendige, „lächelnde“, also heitere Offenheit, aktive Sensibilität für die anderen, friedliche Versöhnungsbereitschaft. Kassandra nennt es auch „das namenlose Weiche, das den Mensch zum Menschen macht“ und spricht von „jener Stelle“ im Körper, „aus der Schmerz, Liebe, Leben, Träume kommen können“ (K 135). Auch der Schmerz also, nicht nur das Lächeln gehört zu dieser humanen Empathie, die das Geheimnis ihrer Identität ausmacht. Ihre Erinnerung an alle die Menschen, die auf die eine oder andere Weise Opfer des Kriegs geworden sind, bedeutet für Kassandra vor Mykene immer wieder eine neue „Schmerzprobe“ (K 8). Andererseits wohnt dem Schmerz eine besondere Souveränität inne, er gilt nicht nur als Erleiden, sondern auch als lebendige Kraft. Schmerz empfinden ist letztlich identisch mit der „Liebe“ zum „Leben“ in einer Welt, in der Entsetzliches geschehen ist und geschieht. So kann sich auch die Autorin fragen: „Besteht ihre [Kassandras] Zeitgenossenschaft [mit mir] in der Art und Weise, wie sie mit Schmerz umgehn lernt? Wäre also der Schmerz – eine besondre Art von Schmerz – der Punkt, über den ich sie mir anverwandle [...]?“ (V 112)

Allerdings kann sich der Empathie-Schmerz auch so sehr steigern, dass er selbstzerstörerisch wirkt. Das zeigt sich bereits bei dem Kind Kassandra. Den Verlust ihres über alles geliebten großen Bruders Aisakos (K 52 f.) verarbeitet sie in „Krämpfen“ und „Träumen“, in „Zucken“ der Glieder, „immer die kalte harte Wand gegen sie [gegen die Glieder], Leben gegen Tod“, sodass über die nächtelang Schreiende gesagt wird, sie sei „von Sinnen“ (K 53 f.). Ähnliches, noch intensiver, wiederholt sich nach dem zweiten „Anfall“ vor der Abfahrt des Dritten Schiffs. Und nach der furchtbaren Schändung der Leiche Penthesileas durch „Achill das Vieh“ läuft Kassandra Gefahr, sich dem Zug der zur Rache bereiten Amazonen anzuschließen, der diese zum U-Topos, „zu keinem Ort, den es auf Erden gibt“, führen wird: zum endgültigen „Wahnsinn“ (K 143). Sie lässt sich anstecken von deren liebes-todes-süchtigem Tanzrhythmus, bereit, „nun, da nichts mehr helfen konnte, alles, auch mich selber aufzugeben und aus der Zeit zu gehn“. „Sollte die Wildnis wieder über uns zusammenschlagen. Sollte das Ungeschiedne, Ungestaltete, der Urgrund, uns verschlingen.“ (K 144)

Was hier als das „Ungeschiedene“ bezeichnet wird, ein ‚ozeanisches’ Gemeinschaftsgefühl, eine quasi-religiös aufgeladene Hingabe an eine totalitäre Macht, den „Urgrund“, würde völligen Selbstverlust bedeuten und ist offensichtlich die Negativ-Formel, das Gegenstück zur Positiv-Formel des „lächelnden Lebendigen“, das Kassandra „das Ungetrennte“ nennt. Wir haben es hier mit einem zentralen Lebensproblem Kassandras zu tun, dem Umkippen vom einen ins andere, von Empathie, Einfühlung, Solidarität, familiärer „Anhänglichkeit“, Verbundenheit in gemeinsamen Grundüberzeugungen zunächst in „Abhängigkeit“ und Verlustangst – „O ja. Ich könnte wohl Auskunft darüber geben, wie Abhängigkeit und Angst entstehen“ (K 45) – und dann mehr und mehr in Selbstfremdheit, Selbstaufgabe, Selbstzerstörung. Das ist z.B. die Geschichte Kassandras, sofern sie mit den Namen „Priamos, Aisakos, Aineias, Paris“ verbunden ist. Diese vier Namen weisen, wie sie sagt, eine „merkwürdige Ähnlichkeit der Spuren“ auf trotz „verschiedenster Erinnerungen“ (K 54): Immer wieder nämlich, im Zusammenhang mit dem geliebten Vater Priamos, dem früh verlorenen Bruder Aisakos, dem spät wiedergefundenen Bruder Paris, dem über alles geliebten, aber immer wieder entbehrten Aineias, geschieht ihr, was sie rückblickend auf Paris bezieht: „Mein ganzes Wesen kam ihm entgegen“, „sehr nah, wieder einmal [!] allzu nah“ geht ihr die Beziehung (K 54f.). Und jedesmal ist der Eros – wie es in dem der Erzählung vorangestellten Motto der Sappho heißt – „bittersüß“: jedesmal – „schon wieder“, „wieder einmal“ – muss sie erleben, wie gerade seine „gliederlösende“, befreiende Kraft und die damit verbundene Hingabe in Abhängigkeiten führen, in Verlustängste und Selbstverlust.

 

8)                 Der „blinde Fleck“ – „das Bild von sich ändern“

 

Das „Dritte“, das die Griechen „zwischen ihren scharfen Unterscheidungen zerquetschen“ [sagt Kassandra], ist das „lächelnde Lebendige“ und sie definiert es als – die Kraft, die Instanz, das Prinzip, „das imstande ist, sich immer wieder aus sich selbst hervorzubringen“. Was meint diese Definition – außer dass hier auf bestimmte matriarchalische Kulte angespielt wird? An zwei anderen Stelle gibt Kassandra eine Antwort, indem sie zum einen definiert, was sie unter „lebendig“ versteht: „Was nenne ich lebendig. Das schwierigste nicht scheuen, das Bild von sich selbst ändern.“ (K 26) Und an einer anderen Stelle definiert sie, was es für sie bedeutet, sich selbst zu sehen, ein Bild von sich zu haben: „Wer lebt, wird sehn.“ (K 43) Das heißt, zusammengenommen: Wer in der Weise „lebendig“ ist, „das Bild von sich zu ändern“, lebenslang oder an einem entscheidenden Wendepunkt des Lebens schonungslos die inneren Widersprüche in sich selbst aufzudecken, „Selbsterforschung“ zu betreiben, bereit auch, den Glauben an die Götter, die Ideologie, die dem Leben bisher Halt verliehen hat, aufzugeben (K 117) – der „wird sehn“: er sieht sich selbst und sieht die Wirklichkeit. Selbsterkenntnis und Wirklichkeitserkenntnis ist ein Vorgang, denn – wie Christa Wolf in einem Interview sagt – „die Wirklichkeit [ist] ja nicht ein Gebilde außerhalb von uns […], sondern ein Prozeß, dem wir unterliegen und den wir zugleich selbst mit hervorbringen“ (Gespräche mit B. Zimmermann/U. Fröhlich, C.W., Werke Bd. 8, S. 370f.) So ist der gesamte Erinnerungsmonolog der Kassandra nichts anderes als der bis zum Ende nicht abgeschlossene, im ersten Teil durchaus chaotisch verlaufende Versuch der kritischen Selbsterforschung und Analyse der troischen Wirklichkeit, des schonungslosen Aufarbeitens der eigenen Biografie. Kassandra muss sich eingestehen: „Ich wollte die Welt nicht, wie sie war, aber hingebungsvoll wollte ich den Göttern dienen, die sie beherrschten: Es war ein Widerspruch in meinem Wunsch. Ich gönnte mir Zeit, ehe ich ihn bemerkte, immer habe ich mir diese Zeiten von Teilblindheit gegönnt. Auf einmal sehend werden – das hätte mich zerstört.“ (K 49) Ein unvoreingenommener Blick hätte die troischen Kriegsvorbereitungen, den „Vorkrieg“, und die eigene Beteiligung daran offenbart. Aber Sehendwerden hätte ein „Erschrecken“ bedeutet. Was geschieht stattdessen? „Ameisengleich gehen wir in jedes Feuer. Jedes Wasser. Jeden Strom von Blut. Nur um nicht sehn zu müssen. Uns.“ (K 52)

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Aber Kassandra verfügt doch über die „Sehergabe“? Es zeigt sich jedoch: Mit ihr vermag sie weder sich selbst noch die umgebende Welt zu durchschauen. „Ich sah nichts. Mit der Sehergabe überfordert, war ich blind. Sah nur, was da war, so gut wie nichts.“ (K 34) Christa Wolf gebraucht immer wieder, gerade auch in ihren Interviews zu „Kassandra“, das Bild vom „blinden Fleck“. „Jeder Mensch erfährt […,] daß er in jedem Stadium seines Lebens einen blinden Fleck hat. Etwas, was er nicht sieht“, weil es ihm zu nahe ist, weil es ihm durch „Sozialisierung und Erziehung“ selbstverständlich geworden ist. „Du meinst“, fragt Kassandra Arisbe, die weise Frau am Skamander, „du meinst, […] der Mensch kann sich selbst nicht sehen?“ Und Arisbes Antwort lautet: „So ist es. Er erträgt es nicht. Er braucht das fremde Abbild“ (K 147) – die Projektion, das fremde, den Menschen von seinem eigentlichen Sein entfremdende Wunsch- und göttliche bzw. ideologische Idealbild. „Und so hat auch eine Gesellschaft oder eine Zivilisation einen blinden Fleck“, ihr kollektives Wunsch- und Idealbild, eben ihre Ideologie, der gegenüber sich kritisch zu verhalten den Anhängern sehr schwer fällt oder gar unmöglich ist („Ein Gespräch über »Kassandra«“, Werke, Bd. 8, S. 341), die Griechen haben ihr stures Entweder-Oder-Prinzip „Sieg oder Untergang“, die Troer die Vorstellung, sie seien dazu ausersehen, „das Goldene Zeitalter wieder herauf[zu]führen“ (K 45) – unsere Welt bis vor kurzem vielleicht die Idee der prinzipiell unbegrenzt möglichen Gewinnsteigerung.

Kassandra braucht mehrere Stufen ihrer Entwicklung bis zu dem Punkt, an dem Selbsterkenntnis und Durchschauen der troischen Wirklichkeit ‚reif‘ sind. Sogar noch, nachdem sie abgerechnet hat mit „Hekabe. Priamos. Panthoos. So viele Namen für Täuschung. Für Zurücksetzung. Verkennung. Wie ich sie haßte. Wie ich es ihnen zeigen wollte“ (K 75) – dennoch verharrt sie noch immer wenn nicht in „Übereinstimmung mit den Herrschenden“, dann in „Anhänglichkeit“ an Troia und die Troer (K 76/65), ihre Landsleute, mit denen sie die Wunsch-Gewissheit teilt „Wir gewinnen“ (K 84) – bis dann am ersten Tag des Kriegs ihr Bruder Troilos von Achill brutal misshandelt und umgebracht wird. Da setzt sie es durch, im troischen Rat gehört zu werden: „Verlangte, diesen Krieg zu endigen, sofort.“ (K 90) Priamos, der Vater, lässt sie hinauswerfen. Erst jetzt sieht Kassandra nicht nur, wie die Dinge stehen, sie handelt zum ersten Mal entsprechend ihrer Einsicht. Ein zweites, ein drittes Mal wendet sie sich an den Vater, den König, der den Krieg noch verhindern könnte. Beim dritten Mal, als es um das Opfer ihrer Schwester Polyxena geht, wird sie nach ihrem dreimaligen „Nein“ nicht nur hinausgeworfen, sondern wegen „Feindbegünstigung“ in einem finsteren Verlies für lange Zeit ‚kaltgestellt‘. Erst hier erlebt sie in „einem Schmerz, der nicht mehr weh tut, weil er alles ist“, den endgültigen „Verlust all dessen, was ich »Vater« nannte“ (K 153) – „Vater“ persönlich, menschlich, politisch, kulturell, weltanschaulich.

Das ist vergleichbar mit der Situation der DDR-Schriftstellerin Christa Wolf in den Jahren nach 1976, nach der Ausbürgerung von Wolf Biermann aus der DDR und den unterschiedlichen Strafmaßnahmen der DDR-Führung gegenüber den ostdeutschen Schriftsteller-Kollegen wie Christa Wolf, die sich dazu in West-Medien unüberhörbar kritisch geäußert haben. Eigentlich hat die Autorin spätestens zu diesem Zeitpunkt ihre ursprüngliche „Übereinstimmung mit den Herrschenden“ und wohl auch den „Glauben“ an die offizielle Ideologie überwunden, aber es bleibt die „Anhänglichkeit“ – ein für sie wichtiges Wort! – gegenüber den Menschen in der DDR, ihren Lesern, zu denen ein lebendiger Kontakt existiert. Sie lässt sich persönlich, nach einem Protestbrief, zum Staatsratsvorsitzenden Erich Honecker einladen, setzt sich dort im Gespräch u.a. für junge Schriftsteller-Kollegen ein. Als sie – dem Verlust ihres „Glaubens“ entsprechend – ihren Wunsch äußert, aus der Partei auszutreten, deren Mitglied sie zu diesem Zeitpunkt noch ist, wird ihr vom Staatsratsvorsitzenden in familiärem Ton gesagt: „Bleib doch, wir wissen ja, es ist eine schwierige Zeit, aber da müssen wir durch.“ (So jedenfalls lässt sich’s in der Wolf-Biografie von Jörg Magenau nachlesen. S. 289 f.) Gedacht hat er sicherlich das Gleiche wie Priamos: „Wer jetzt nicht zu uns hält, arbeitet gegen uns.“ (K 85) Auch Christa Wolf findet, ähnlich Kassandra, kein Gehör beim „Vater“ ihres Staates, allerdings wird sie nicht ins Gefängnis geworfen. – Das mussten damals andere DDR-Oppositionelle erleiden.



9)                
„Lust, zu sehen“: „Neugier  -  Gier nach Erkenntnis  -  Zeuge sein“

 

Zurück zu Kassandra: Eigentlich besitzt sie seit ihrer Kindheit die Voraussetzungen, sich selbst und die Wirklichkeit kritisch zu sehen, und zwar auf der Basis des ihr eigenen, von Anfang an deutlich ausgeprägten Mutes zum Widerstand. Mit „grauenvoller Scham“ (K 21) reagiert sie auf die Erfahrung, im Entjungferungsritus „im Tempelbezirk der Athene“ wie die anderen jungen troischen Frauen zum Sexualobjekt der Männer gemacht zu werden, mit der Selbstverständlichkeit und Unentrinnbarkeit der Tradition. Im lebensentscheidenden Apollon-Traum verweigert sie sich mit großer Sicherheit gegenüber der kultischen Norm der sexuellen Hingabe an den Staatsgott – „das Opfer, das seiner Opfer-Funktion innewird und den Dienst im Ritual verweigert“ (V 190). Die junge Kassandra durchschaut nicht nur instinktiv, was außer ihr in ihrer Zeit niemand sieht – und auch Jahrtausende später kaum gesehen hat –, die Opferrolle der Frau. Sie verfügt darüberhinaus von klein auf über eine „Gier nach Erkenntnis“ (K 76), „Gier, „alles heraus[zu]finden“ (K 56), wenn es drauf ankommt – wie zu dem Zeitpunkt, als sich nach dem Wiederauftauchen des Paris plötzlich ein abgrundtiefes Geheimnis im Zusammenhang mit dessen Geburt andeutet und sie mit großem Eifer durch kritisches Recherchieren die Wahrheit herauszubekommen versucht. Im Grunde ist es „Neugier“, zu sehen, die Fähigkeit und Bereitschaft, „einfach hinzuschauen“, nicht Geniales – denken Sie an den Wirtschaftswissenschaftler zu Anfang –, „Neugier“, durch die Kassandra sich von den anderen unterscheidet, die nicht einmal die Dinge wahrnehmen, die „sich vor ihren Augen abspielen“, wie sie sagt (K 11). Allerdings erfährt auch sie solche Neugier als „gänzlich frei“ und unvoreingenommen erst in der Situation der unausweichlichen Todesdrohung (K 11) und erst dann weiß sie auch, dass die Energie, die sie wohl immer vor Verzweiflung bewahrt und am Leben erhalten hat, die „Lust“ zu sehen gewesen ist: „denn ich zog Lust aus allem, was ich sah – Lust; Hoffnung nicht! – und lebte weiter, um zu sehn“ (K 6).

Also ein lustvolles, neugieriges, aufmerksames Sehen, das sich erst im Lauf der Zeit mühsam gegenüber dem staatlich verordneten, mit ideologischen Erwartungen verbundenen „Sehergabe“-Sehen der offiziellen „Seherin“ durchsetzen kann. „Warum wollte ich [denn überhaupt] die Sehergabe unbedingt?“, fragt Kassandra insgesamt dreimal. Gleich beim ersten Mal nennt sie in der Antwort den tiefsten Grund für ihren Wunsch, auf besondere Weise sehen/erkennen zu wollen, und verrät darin ihre persönlichste Motivation: „Mit meiner Stimme sprechen: das Äußerste. Mehr, andres hab ich nicht gewollt.“ (K 6) Sehen als Voraussetzung des Sprechens. Und dann: „Ich will Zeugin bleiben, auch wenn es keinen einzigen Menschen mehr geben wird, der mir mein Zeugnis abverlangt.“ (K 28) Sehen + Sprechen = „Zeugin sein und Zeugnis ablegen“.

Christa Wolf sagt 1983 in einem Interview zu „Kassandra“: „Immer mehr wurde ich mir [bei der Beschäftigung mit Kassandra] darüber klar, daß mein Hauptantrieb für Schreiben Selbsterforschung ist: Immer dann, wenn ich über mein Verhältnis zu meiner Zeit, zu ihren Strömungen, Institutionen, zu Zeitgenossen, zu mir selbst schreibend etwas herausfand, was ich vorher nicht gewußt hatte oder jedenfalls nicht hatte aussprechen können – immer dann stellte sich jener besondere Zustand der Erregung, jenes Gefühl von Authentizität ein, um dessentwillen ich eigentlich schreibe.“ (Gespräch mit B. Zimmermann/U. Fröhlich, a.a.O., S. 370f.)

Und der zentrale Satz, der in der Frankfurter Arbeitsfassung sogar der erste Satz der Erzählung ist, kann auch so gelesen werden: „Mit meiner Stimme sprechen: das Äußerste.“ Es geht um Autonomie, in eins mit sozialem Tun – mit meiner eigenen, authentischen Stimme an die Öffentlichkeit treten. Christa Wolf bezeichnet in den Frankfurter Vorlesungen Kassandras „innere Geschichte“ als „das Ringen um Autonomie“ (V 149). In ihrer Palastwelt hat Kassandra nie eine echte Chance gehabt, mit ihrer eigenen Stimme zu sprechen, und als sie dreimal in entscheidenden Augenblicken dennoch versucht hat, ihre Verantwortung wahrzunehmen, war da eine „fremde Stimme“ zu hören, die von niemandem, auch nicht von ihr selbst akzeptiert wurde und die sie deshalb in einem äußersten Zustand der „Selbstfremdheit“ unterdrückte. Mit ihrer eigenen Stimme zu sprechen, kann ihr erst gelingen, nachdem sie radikal mit dem Vater und seiner Welt gebrochen und dann – entscheidend! – nicht-entfremdet gelebt hat, bei den Frauen am Skamander-Fluss. „Da, endlich, hatte ich mein »Wir«“ (K 147), Menschen, die sie zu sich selbst kommen lassen, und es ist nicht nebensächlich, dass es Frauen sind. „Das Glück, ich selbst zu werden und dadurch den andern nützlicher – ich hab es noch erlebt.“ (K 16)

Auf das Glück im „Zeitenloch“ am Skamander folgt die Katastrophe, die Zerstörung Troias, der Tod der meisten Menschen, mit denen Kassandra zusammengelebt hat. Auf dem Wagen vor dem mykenischen Löwentor wartet sie auf den sicheren Tod von der Hand der Klytaimnestra. „Mit der Erzählung geh ich in den Tod“ – der erste Satz der Protagonistin und Ich-Erzählerin, im Anschluss an die einleitenden Sätze des außerhalb der Handlung stehenden Erzählers. Der Leser trifft hier auf die Haltung der Autorin Christa Wolf, der „die Schreibmotivation [verfällt]“ (V 122 f.) angesichts der „rasenden Eile“ der Raketenproduktion in Ost und West und die dennoch oder gerade deshalb die Erzählung „Kassandra“ schreibt und in Frankfurt die „Kassandra“-Poetik-Vorlesungen hält. Sehen also, um das Gesehene bis zum letzten Augenblick zu bezeugen, um darüber für andere zu schreiben oder zu ihnen zu sprechen, in aller Öffentlichkeit, und sie dadurch vielleicht doch vor unabsehbaren selbstzerstörerischen Entwicklungen zu warnen, auch und gerade dann noch, wenn das Zeugnis aller Wahrscheinlichkeit nach wirkungslos sein wird – das ist auch die paradoxe Dennoch-Motivation Kassandras, in völliger Einsamkeit und Zukunftslosigkeit vor „dem fremden Volk“ der Mykener zu sprechen (K 6), die gar nicht zuhören oder nichts verstehen können – vielleicht kann aber der Wagenlenker eine Botschaft weitergeben (K 138 f.), von dem hören es andere und noch andere, vielleicht Generationen später ein Dichter, der ein Theaterstück schreibt, das wiederum Generationen später eine Schriftstellerin liest, die plötzlich eine Stimme hört und dann – sieht: „Kassandra. Ich sah sie gleich. Sie, die Gefangene, nahm mich gefangen […]. Der Zauber wirkte sofort.“ (V 13 f.) Ja, und das liest dann ein Leser, eine Leserin, schließlich zwei ganze Abiturjahrgänge in Nordrhein-Westfalen. Wirkt der Zauber Kassandras? Auch 2009, 2010?

 

Der Text entspricht den am 27.01., 11.02.2009 und 30.11.2009  von der Deutsch-Griechischen Gesellschaft Düsseldorf veranstalteten Vorträgen in der vhs Düsseldorf.

Die Textstellen aus Christa Wolf, Kassandra und Christa Wolf, Voraussetzungen einer
Erzählung: Kassandra werden zitiert nach den Ausgaben im Luchterhand Literaturverlag 2000/2004.

K 15 = „Kassandra“ S. 15

V 15 = „Voraussetzungen…“ S. 15


© Dieter Schrey 2009

 

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Ergänzende PowerPoint-Präsentation

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