Georg Trakl
Die schöne Stadt
Alte Plätze sonnig schweigen.
Tief in Blau und Gold versponnen
traumhaft hasten sanfte Nonnen
unter schwüler Buchen Schweigen.
Aus den braun erhellten Kirchen
schaun des Todes reine Bilder,
großer Fürsten schöne Schilder.
Kronen schimmern in den Kirchen.
Rösser tauchen aus dem Brunnen.
Blütenkrallen drohn aus Bäumen.
Knaben spielen wirr von Träumen
abends leise dort am Brunnen
Mädchen stehen an den Toren,
schauen scheu ins farbige Leben.
Ihre feuchten Lippen beben
und sie warten an den Toren.
Zitternd flattern Glockenklänge,
Marschtakt hallt und Wacherufen.
Fremde lauschen auf den Stufen.
Hoch im Blau sind Orgelklänge.
Helle Instrumente singen.
Durch der Gärten Blätterrahmen
schwirrt das Lachen schöner Damen.
Leise junge Mütter singen.
Heimlich haucht an blumigen Fenstern
Duft von Weihrauch, Teer und Flieder.
Silbern flimmern müde Lider
durch die Blumen an den Fenstern.
Interpretation
In den 7 Strophen (jeweils 4 Verse,
umarmender Reim, je 4 Trochäen) kommen sieben Örtlichkeiten
der "schönen Stadt" (Salzburg, die Heimatstadt Trakls?) in den
Blick:
1. Plätze (Buchen),
2. Kirchen,
3. Brunnen (Bäume),
4. Tore,
5. Kirchen-Stufen,
6. Gärten,
7. (Häuser/)Fenster.
Sie werden in den vier Strophen (II/III,
IV, VII), in denen vor allem von Sichtbarem die Rede ist, jeweils im
letzten Takt des 1. und 4. Verses genannt (sodass sich rührende
Reime ergeben). In den Strophen, die von Hörbarem bzw.
Nicht-Hörbarem reden (V/VI,I), sind die Benennungen der
Örtlichkeiten im Stropheninneren versteckt (die rührenden
Reime sind hier dem Schweigen, den Klängen und dem Singen
gewidmet). Es deutet sich ein symmetrischer Gedichtaufbau an:
Die mittlere Strophe wird dadurch
markiert, dass Mädchen "an den Toren" aus der Stadt hinausschauen
("ins farbige Leben") und auf von draußen Kommendes warten,
während alle anderen Vorgänge "innerstädtisch"
sind, in Str. II/III (Kirchen/Brunnen) im visuellen Bereich, in Str.
V/VI (Kirchen/Gärten) im akustischen.
Str. I nimmt eine Sonderstellung ein: sie
beschäftigt sich mit "Schweigen" (der Plätze und Buchen), das
sichtbar ist ("sonnig": Synästhesie!). Zugleich wird, neben Sehen
und Hören, durch die "Schwüle" der Buchen ein weiterer
Wahrnehmungssinn – der Geruchssinn - angesprochen, wie auch in der
letzten Strophe, wo vom "Duft von Weihrauch, Teer und Flieder" die Rede
ist.
Die Sonderstellung der letzten Strophe
ergibt sich auch dadurch, dass hier (hinter den "Blumen an den
Fenstern") irgendwelche (mögliche) Betrachter der Stadtbilder
aufzutreten scheinen, die allerdings mit "silbern flimmernden"
"müden Lidern" diese Rolle nicht ausfüllen können. Im
Übrigen fehlt im Text ein ruhender Betrachter, der die
flüchtig wechselnden Bilder zusammenzuhalten vermöchte. Die
Ordnung der Dinge im Gedicht ist weder in der Orientierung an festen
Gegebenheiten der Außenwelt noch in einem erkennbaren inneren
Fluchtpunkt begründet, sondern lediglich in ihrer poetischen
Anordnung.
Diese poetische Anordnung zeigt nun bei
näherem Hinsehen eine fast völlig aus den Fugen geratene Welt:
- Die Grenzen zwischen Mensch und Welt
verschwimmen, und zwar dadurch, dass einerseits die Personen
depersonalisiert sind ("Marschtakt hallt", "Instrumente singen", die
"Lider flimmern" und die "Lippen beben") und andererseits die Dinge
personalisiert ("des Todes reine Bilder" schauen wie die
Mädchen, Standbild-Rösser "tauchen auf", "Blütenkrallen
drohn", "Instrumente singen" wie die "jungen Mütter", die
Plätze und Buchen "schweigen").
- Ein fester Wertungsstandpunkt existiert
nicht: Auch die Grenzen zwischen den positiv und den negativ
konnotierten, den hellen und den dunklen Charakterisierungen der
Menschen und Dinge verschwimmen ("sonnig - tief", "Blau und Gold",
"braun erhellt", "Tod - rein, groß schön", "scheu - farbig",
"hell, schön, jung - leise", "heimlich - blumig", "Weihrauch, Teer
und Flieder", "silbern - müde"). Auf diese Weise bildet sich ein
in sich widersprüchliches oder aber als indifferent anzusehendes
Geflecht von Merkmalzuschreibungen.
- Die Menschen, von denen die Rede ist,
sind offensichtlich von einer heillosen Unsicherheit und Ruhelosigkeit
getrieben und aus dem Gleis ihrer traditionellen Rollen geworfen. Die
Nonnen, "versponnen" und "traumhaft" durchaus in Übereinstimmung
mit der Tradition, "hasten" nervös vorbei oder hin und her. Die
"Knaben" spielen zwar, wie seit Jahrhunderten üblich, aber "wirr
von Träumen". Mit ihren "bebenden feuchten Lippen" entsprechen die
traditionell "scheuen" Mädchen den hastenden Nonnen und wirren
Knaben, ebenso die "flimmernden Lider" - wessen? Einzig die mit Kirchen
(II/V) und mit Musik (V/VI) zusammenhängenden Vorgänge (v. a.
in VI) nehmen kaum an der allgemeinen Unruhe teil (im "zitternden
Flattern" und im "Schwirren").
- Trakls späteres Thema "Verfall"
scheint nur andeutungsweise in den ersten drei Strophen und in der
letzten Strophe durch (in den Motiven des Traums, des Schweigens, der
Müdigkeit).
- Das, was alle Einzelheiten in der
"schönen Stadt" miteinander verbindet, ist eine schwüle,
bedrohliche, angsterregende Atmosphäre und die
langsam-schwerfällig-schwermütige, auch leicht eintönige
trochäische Musik der Zweisilbenwörter mit ihren
allgegenwärtigen starken Assonanzen und zahlreichen Alliterationen
(z.B. "-onn-", "schw-", "gro- – Kro-", "-aun", "-aben", "-ittern –
-attern").
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© Dieter Schrey 1993/2006
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