SCHILLER  schiller-tisch schiller-goethe  
       Homepage Dieter Schrey  
line decor
  
line decor
 
 
 
 

 
 

DIETER SCHREY

"HOFFNUNG" - KURZINTERPRETATION

 

Friedrich von Schiller
Hoffnung

Es reden und träumen die Menschen viel
    Von bessern künftigen Tagen,
Nach einem glücklichen goldenen Ziel
    Sieht man sie rennen und jagen.
Die Welt wird alt und wird wieder jung,
Doch der Mensch hofft immer Verbesserung!

Die Hoffnung führt ihn ins Leben ein,
    Sie umflattert den fröhlichen Knaben,
Den Jüngling begeistert ihr Zauberschein,
    Sie wird mit dem Greis nicht begraben,
Denn beschließt er im Grabe den müden Lauf,
Noch am Grabe pflanzt er - die Hoffnung auf.

Es ist kein leerer schmeichelnder Wahn,
    Erzeugt im Gehirne des Toren;
Im Herzen kündet es laut sich an,
    Zu was Besserm sind wir geboren!
Und was die innere Stimme spricht,
Das täuscht die hoffende Seele nicht.

 

Interpretation:

Zwischen den beiden Beispielen der Barock-Lyrik (Gryphius / Hofmannswaldau) und dem  "klassischen" Gedicht Schillers (Erstdruck in den "Horen" 1797) liegen ca. 150 Jahre - der Zeitraum von 5 Generationen. Offensichtlich hat sich geschichtlich-geistesgeschichtlich ungeheuer viel gewandelt, es fehlen mehrere Zwischenglieder.

Wenn man in den ersten vier Versen des Schillerschen Gedichts die Ziele des "Hoffens" einmal außer Acht lässt, scheint der Gedichtanfang auf eine barocke Aussage hinauszulaufen: "Es reden und träumen die Menschen viel" und "rennen und jagen" nach immer neuem diesseitigem Ziel - diese Formeln sind aus der Barock-Literatur bekannt und bezeichnen dort die vanitas des menschlichen Lebens. Gryphius oder Hofmannswaldau würden den Gedankengang konsequent fortsetzen: Gerade darin, dass "der Mensch immer Verbesserung hofft", liegt seine große Selbsttäuschung, sein "Wahn"; so schön die Ziele sein mögen - alle Hoffnungen werden sich als trügerisch erweisen, "streich ab von dir derselben kurzes Prangen". "Was ist die Welt?" Schillers Antwort von 1797 (I5) - die Welt als ständiger Kreislauf - scheint nicht grundsätzlich anders zu sein als die Antwort früherer Jahrhunderte.

Auch die zweite Strophe widerruft nicht die im rhetorischen Grundgestus erkennbare Anknüpfung an die barocke Tradition der Weltverneinung. In den verschiedenen Lebensaltern des einzelnen Menschen wiederholt sich der geschichtliche Kreislauf des immer neuen (weil immer neu frustrierten) "Rennens und Jagens" nach idealen diesseitigen Zielen: Den "Knaben" "umflattert" die Hoffnung - flatternde Wesen bieten aber eher Unsicherheit als Sicherheit; "den Jüngling begeistert ihr Zauberschein" - auf "Zauberschein" kann man sich nicht verlassen; und wenn sogar "der Greis", statt "den müden Lauf" illusionslos-ehrlich zu beschließen, "noch am Grabe" (= eigentlich unbegreiflich) die Hoffnung aufpflanzt", dann bedeutet das ja wohl, dass der Mensch, angesichts der offensichtlichen Vergänglichkeit seiner Existenz, von Schein und Trug genarrt wird.

Jedoch: "Es (wohl nicht, im Anschluss an Str. II, "es", dass nämlich "am Grabe die Hoffnung aufgepflanzt" wird, sondern - entsprechend dem "es" in III,3 - im Vorgriff auf III,4, dass "wir zu was Besserm geboren" sind: das) ist kein leerer schmeichelnder Wahn." Und die Instanz, der diese Botschaft zu verdanken ist, ist nicht das "Gehirn", die Ratio, sondern "das Herz" - seit dem Sturm und Drang der eigentliche Ort des Humanum.

Von der ersten Strophe an redet Schiller von "besseren künftigen Tagen" und von einem "glücklichen goldenen Ziel". Keine Rede von nur "ewigen", letztlich göttlichen Zielsetzungen: Die Gold-Metapher wird nicht relativiert; "Glück" ist identisch mit gelungenem und gelingendem Leben, sein "Anlachen" (Gryphius II,4) wird nicht als betrügerisch empfunden. Nicht in der Ewigkeit, sondern real im Rahmen der Geschichte (in "künftigen Tagen") scheint ein neues Goldenes Zeitalter, ein Paradieses-Zustand der Menschheit möglich zu sein. Und weil das Paradies für den endlichen Menschen nicht auf einen Schlag erreichbar ist, sind in seine Richtung immer neue, sich anhäufende "Verbesserungen", Fortschritte nötig. Es wird deutlich: Schiller spricht von "den Menschen", aber es sind die Menschen seines Jahrhunderts, ausgestattet mit dem neuen Fortschritts-Optimismus des Bürgertums.

Schiller findet in seiner Gegenwart die Menschheit (Str. I) und die einzelnen Menschen (Str. II) hoffend vor. Der Sinn, das Ziel seines Gedichts liegt aber nicht in der Beschreibung von Vorgefundenem, sondern in einer Neufundierung und Neuinterpretation der "Hoffnung", die alltäglich das Leben und Sterben der Menschen bestimmt. Warum betont er so sehr, dass die Hoffnung "kein leerer schmeichelnder Wahn" ist, "erzeugt im Gehirn des Toren"? Es liegt ihm ja fern, die menschliche, diesseitsbezogene Hoffnung gegen ihre traditionell-christliche Verurteilung als Illusion zu verteidigen. Wogegen dann? Wohl gegen die eigene Erfahrung vor allem im Zusammenhang mit der Französischen Revolution, dass sich gerade die höchsten Menschheitshoffnungen, deren Realisierung möglich schien - z.B. die Hoffnungen eines Volkes, "sich in seine heiligen Menschenrechte einzusetzen, und eine politische Freiheit zu erringen" (Schiller, Augustenburger Briefe) - dann doch als trügerisch erwiesen haben, weil "Toren" gemeint haben, von ihren eigenen "Begierden" ausgehen zu können. So setzt Schiller an die Stelle der "gehirnerzeugten" Hoffnung die aus dem "Herzen" stammende, von der "inneren Stimme" verkündete Hoffnung - nicht auf einzelne "Verbesserungen", sondern auf das, "wozu wir geboren" sind und was durch die Wendung "was Bessres" nur unzulänglich benannt ist: eine humane Welt humaner Menschen. Eine solche Hoffnung - auch wenn bis zu ihrer Realisierung noch viel Zeit vergehen wird - wird die "hoffende Seele", die noch immer nicht das Entsetzen über "die brutale Gewalt der Tierheit" (a.a.O.) verkraftet hat, "nicht täuschen".

 


nach oben

Zur Seite "Lyrik - Kurzinterpretationen"


© Dieter Schrey 1993/2006