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DIETER SCHREY

"DER PANTHER " - KURZINTERPRETATION

 

Rainer Maria Rilke
Der Panther
Im Jardin des Plantes, Paris

SEIN Blick ist vom Vorübergehn der Stäbe
so müd geworden, daß er nichts mehr hält.
Ihm ist, als ob es tausend Stäbe gäbe
und hinter tausend Stäben keine Welt.

Der weiche Gang geschmeidig starker Schritte,
der sich im allerkleinsten Kreise dreht,
ist wie ein Tanz von Kraft um eine Mitte,
in der betäubt ein großer Wille steht.

Nur manchmal schiebt der Vorhang der Pupille
sich lautlos auf –. Dann geht ein Bild hinein,
geht durch der Glieder angespannte Stille –
und hört im Herzen auf zu sein.

 

Interpretation

Während in C.F. Meyers Dinggedicht "Der römische Brunnen" das (Kultur-)Ding (der römische Brunnen) die ewige Lebensdynamik in klassischer Harmonie zu thematisieren und in Form von Versen zu repräsentieren und abzubilden versucht, wird in Rilkes Dinggedicht die ursprüngliche Vitalität des Natur-"Dings" (des Panthers) nur gebrochen sichtbar (einerseits "Tanz von Kraft", "Mitte", "großer Wille", "Herz", andererseits "müd", "nichts mehr", "wie", "als ob ... keine Welt", "betäubt", "nur manchmal"). Allerdings liegt die "Botschaft" des Gedichts wohl darin, dass die eigentliche Intensität  des Lebens gerade in der nicht mehr klassisch-harmonischen, sondern durch die moderne Welt gestörten Lebenswirklichkeit gefunden und empfunden werden kann. Auch der "betäubte" Wille ist "großer Wille".

Das Gedicht ist in 3 mal 4 Versen um eine imaginäre "Mitte" herum angelegt, die zwischen dem 6. und 7. Vers als Leerstelle und zugleich als "Kraft"-Zentrum gespürt werden soll. Auf diese Weise werden Gedicht und Gegenstand des Gedichts parallelisiert oder gar als identisch gesetzt. Auch das Gedicht - bzw. sein Sprecher, der nicht "ich" sagt, um sich seinem Gegenstand nicht in Distanz gegenüberzustellen und ihn so unerreichbar zu machen - bewegt sich im "weiche(n) Gang geschmeidig starker Schritte" (jambisch, mit Kreuzreim, wechselnd zwischen zwei- und einhebiger Kadenz), Vers für Vers von links nach rechts und wieder zurück, wie der Panther, und dreht sich so "im allerkleinsten Kreise".

Für SchülerInnen ist schwer zu verstehen, dass der "große Wille", um den Panther und Gedicht gleichsam tanzen ("wie ein Tanz"), nicht ein heftiges Habenwollen meint, sondern eine ruhig und stetig, vielleicht ziellos fließende Kraft- und Lebensquelle. Was gemeint ist, mag vielleicht ein Zitat aus einem Brief Rilkes an Ellen Key verdeutlichen (vom 3. April 1903, aus dem Jahr der Entstehung des Gedichts): "O wie ich daran glaube, an das Leben. Dieses Leben, das durch die Jahrtausende dauert, scheinbar ohne Teilnahme, und doch im Gleichgewicht seiner Kräfte voll Bewegung und Wachstum und Wärme. Darum lasten die Städte so auf mir. Darum liebe ich es, barfuß weite Wege zu tun, um kein Sandkorn zu versäumen und meinem Körper in vielen Formen die ganze Welt zu geben zum Gefühl, zum Ereignis, zur Verwandtschaft." (Zitiert nach: V. Zmegac, Geschichte der deutschen Literatur II, S. 330) "Großer Wille" und "Leben" sind offensichtlich eins. Außerdem sind "mein Körper", der sich dem "Willen" entsprechend in Bewegung setzt, und das "in vielen Formen" spielende Leben "verwandt", sodass "die ganze Welt" in mir "zum Gefühl, zum Ereignis" werden kann.

Auf diese Weise stellt sich die wahre Lebensäußerung (der "Tanz von Kraft um eine Mitte") als Austausch von Innenwelt und Außenwelt heraus. Das erklärt, warum in den beiden um die Mittelstrophe gruppierten Strophen vom "Blick" des Panthers (Str. I) und vom "Hineingehen eines Bildes" (Str. III) die Rede ist. Wie auf dem Briefschreiber die modernen Städte "lasten" und ihn am Austausch zwischen Innen und Außen, Außen und Innen hindern, so ist der Blick des Panthers "vom Vorübergehn der Stäbe" seines Gefängnisses "so müd geworden", dass "keine Welt" mehr eindringen kann. Und wie es dem Briefschreiber dennoch möglich ist, seinem Körper "in vielen Formen" die ganze Welt "zum Gefühl" zu geben, so gelingt es manchmal auch, dass "durch der Glieder angespannte Stille" ein Bild der Außenwelt ins Innere des Panthers gelangt, ins "Herz", wo sich der bloße Abbildcharakter verliert und sich Außenwelt in Innenwelt ("Gefühl/Ereignis") verwandelt.

Das Medium, in dem sich dieser Lebensvorgang abspielt, ist nicht ein "lyrisches" Ich, sondern die poetische Sprache. Ihr Gefühls-, Ereignis- und Verwandtschaftscharakter zeigt sich darin, dass sich ihre Bildlichkeit im "Herzen" in Rhythmus ("Tanz"!) und Klang verwandelt (s. die zahlreichen Alliterationen und Assonanzen in kunstvoller Parallelisierung und Gegenüberstellung, z.B. "Blick - müd - ist - hinter" : "Stäbe - hält - gäbe - Welt"; einerseits dreimal "Stäbe" in der ersten Strophe, andererseits die vielen G- und K-Laute in der zweiten Strophe).

 


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© Dieter Schrey 1993/2006