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DIETER SCHREY

"DIE FURT " - KURZINTERPRETATION

 

Heinz Piontek
Die Furt

Schlinggewächs legt sich um Wade und Knie,
Dort ist die seichteste Stelle.
Wolken im Wasser, wie nahe sind sie!
Zögernder lispelt die Welle.

Waten und spähen - die Strömung bespült
Höher hinauf mir den Schenkel.
Nie hab ich so meinen Herzschlag gefühlt.
Sirrendes Mückengeplänkel.

Kaulquappenrudel zerstieben erschreckt,
Grundgeröll unter den Zehen.
Wie hier die Luft nach Verwesendem schmeckt!
Flutlichter kommen und gehen.

Endlose Furt, durch die Fährnis gelegt -
Werd ich das Ufer gewinnen?
Strauchelnd und zaudernd, vom Springfisch erregt
Such ich der Angst zu entrinnen.

In: Heinz Piontek, Die Rauchfahne, Esslingen 1952
© Anton Hirner


Interpretation

Drei Strophen lang bietet dieses Gedicht (1952) genaue Beobachtungen des Sprechers beim Durchwaten einer Furt. Er ist so konzentriert auf sein Vorhaben ("Dort ist die seichteste Stelle", "Waten und spähen") und auf seine äußeren Empfindungen, dass er zunächst gar nicht "ich" sagt, sondern im Beobachten und Wahrnehmen aufgeht. Wasserwelt und Körper berühren sich ("Schlinggewächs - Wade und Knie"). Dass das Gedicht von der ersten Silbe an ("Schlinggewächs") auf die erst im letzten Vers benannte "Angst" zuläuft, ist zunächst nicht zu ahnen, im Gegenteil, "Wolken im Wasser" und die "zögernder lispelnde Welle" machen - optisch und akustisch - einen harmlosen Eindruck.

Auch in der zweiten Strophe wird anfangs die Berührung zwischen Wasser und Körper ("Strömung - Schenkel") genau beschrieben, aber das "Höher-hinauf" lässt die Beobachtung des Wassers zur Selbstbeobachtung werden ("mir"). Diese Selbstbeobachtung wendet sich im dritten Vers sogar unvermittelt ganz nach innen und bezieht außerdem die weit ausholende Erinnerung des jetzt "ich" Sagenden mit ein: "Nie hab ich so meinen Herzschlag gefühlt". Der Leser ist über diese plötzliche Emotionalität - Angst? - erstaunt. Wird dann auch das "sirrende Mückengeplänkel" in der Luft als unangenehm oder gar bedrohlich empfunden?

In der zweiten Strophe wird deutlich, wie die beiden wichtigsten Formmerkmale des Gedichts, der Zeilenstil und die Daktylen, zu verstehen sind: als Ausdruck einer inneren Unruhe, die die Wahrnehmung nervös von Bild zu Bild springen und den "Herzschlag" in den gar nicht tänzerisch wirkenden Daktylen aus seiner normalen alternierenden Form geraten, gewissermaßen "stolpern" lässt.

Zunächst erregt dann in Strophe III der Sprecher seinerseits Angst und "Erschrecken" in der Wasserwelt (III,1). Die Wahrnehmung "Grundgeröll unter den Füßen" setzt die Reihe der Berührungswahrnehmungen fort (I,1 / II,1/2). Wirkt "Grundgeröll" bedrohlich? Jedenfalls lässt die Wahrnehmung des "Verwesungs-Geschmacks" (!) das Pendel der Gefühle weit in Richtung "Angst" ausschlagen ("Wie" + Ausrufezeichen, vgl. I,3).

Und in Strophe IV stellt sich plötzlich heraus, dass diese sensiblen Wahrnehmungen angstauslösender Berührungen zwischen Natur und Natur (Wasser und Körper) nur metaphorisch gemeint sind. Zwar ist auch in dieser Strophe nur von Naturwahrnehmungen und dadurch ausgelösten Empfindungen die Rede, aber es ist klar: in der Natur gibt es keine "endlose Furt, durch die Fährnis gelegt" - also soll "Die Furt" (Titel!) wohl ein Bild für das existenzialistisch verstandene menschliche Dasein sein: Endloses Unterwegssein, "Angst", "Straucheln" (Scheitern), "Zaudern" und Einsamkeit des Ich bestimmen Leben und Lebensgefühl. Der Widerspruch zwischen der Behauptung der Endlosigkeit der Furt und der in der Frage (IV,2) vorausgesetzten Möglichkeit, dass "das Ufer" letztlich doch zu erreichen ist, wird nicht aufgelöst. Was ist mit "Ufer" gemeint? Ein Zustand dauernder Angstlosigkeit (IV,2/4)? Wie, wann und wo?


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© Dieter Schrey 1993/2006