Eduard Mörike
Um Mitternacht
Gelassen stieg die Nacht an Land,
Lehnt träumend an der Berge Wand,
Ihr Auge sieht die goldne Waage nun
Der Zeit in gleichen Schalen stille ruhn;
Und kecker rauschen die Quellen
hervor,
Sie singen der Mutter, der Nacht,
ins Ohr
Vom Tage,
Vom heute gewesenen Tage.
Das uralt alte Schlummerlied,
Sie achtet's nicht, sie ist es müd;
Ihr klingt des Himmels Bläue süßer noch,
Der flücht'gen Stunden gleichgeschwung'nes Joch.
Doch immer behalten die Quellen das
Wort,
Es singen die Wasser im Schlafe noch
fort
Vom Tage,
Vom heute
gewesenen Tage.
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Eduard Mörike. Werke. Erster
Band. Stuttgart 1954. S. 123 f.
© J.G. Cotta'sche
Buchhandlung Nachfolger Stuttgart
Ähnlich wie das inhaltlich z.T.
parallele Mörike-Gedicht
„Gesang zu
Zweien in der Nacht" ist „Um Mitternacht" durch einen zweifachen
Wechsel gekennzeichnet:
Während im „Gesang
zu Zweien in der Nacht" die Sprecher-Rollen wechseln -
vier Strophen:
„Sie - Er - Sie - Er"
- bleibt der Betrachter der Nacht-Szenerie in „Um Mitternacht"
in den vier Halbstrophen der gleiche (= der Sprecher/das sich selbst
nicht erwähnende lyrische Ich). In diesem Gedicht wechselt
vielmehr der Gegenstand der Betrachtung:
„die Nacht - die Quellen - sie (die Nacht) - die
Quellen".
Der Betrachter/Sprecher und entsprechend der Leser/Hörer (bzw.
Darsteller/Zuschauer, s.u.) ist am Geschehen innerlich beteiligt; das
zeigt sich
- einerseits in der Zeit-Regie, v.a. in dem zweimaligen Hinweis auf das
Hic et Nunc: „heute" („stieg"/Präteritum - „lehnt"/Präsens -
„"sieht
... nun" - „heute" - „noch" (2x) - „immer" - „heute"),
- andererseits in den beiden wertenden Komparativen „kecker -
süßer"
- sowie in der beide Verfahren verbindenden Gegenüberstellung „und
kecker - doch immer" (I,5 - II,5, jeweils an zweiter Stelle im Vers).
Ich denke, das Gedicht „Um Mitternacht" bietet eine Gegenüberstellung
von zwei - rhythmisch gespiegelten - Konzepten des Umgangs mit der
vergehenden Zeit:
Die (personifizierten) „Quellen" können nicht davon ablassen, das
„uralt alte Schlummerlied" „vom heute gewesenen Tage" zu singen - das
Lied der Erinnerung also an das unmittelbar vergangene Geschehen, das
sich so schnell nicht, auch „im Schlafe" nicht, beiseite drängen
lässt
(daktylisch). Der Sprecher urteilt zum Schluss sogar, dass die Quellen „immer"
„das Wort behalten" - obwohl sie mit dieser ihrer „Keckheit" gegen die
Taglied-„Müdigkeit" und die völlig anderen Interessen ihrer
„Mutter",
der als kosmische Göttin auftretenden Nacht, verstoßen.
Eine intertextuelle Interpretation
kann die Rede vom „frechen Tag" im „Gesang zu Zweien in der Nacht"
heranziehen, ebenso den Wunsch in einem Sonett Mörikes an Luise
Rau
„Lisch aus, o Tag, lass mich in Nacht genesen!", vielleicht auch zwei
„uralt alte Schlummerlieder" der Tradition, die der Sprecher kennen mag
und die einen Hinweis geben können auf die mögliche Thematik
des
Gesangs der Quellen:
In M. Claudius' Lied „Der Mond ist aufgegangen" ist
die Rede von „des Tages Jammer"
und im ebenso bekannten Abendlied „Hinunter
ist der Sonnen Schein" (N. Herman)
von der Schuld, mit der der Mensch Gott „erzürnet" hat, sowie von
„Schaden, G'fahr und mancher Plag" und - natürlich auch positiv -
von
der Bewahrung vor solcher Gefährdung.
Im
Mörike-Gedicht selber werden diese Inhalte des nächtlichen
Singens
allerdings nicht direkt angesprochen - der Leser/Hörer muss die
Leerstelle selber ausfüllen. Entscheidend für die
Interpretation
scheint es zu sein, dass die um Mitternacht auf-„rauschenden" Wasser
die wunderbare, göttliche Gegenwart der Nacht nicht wahrnehmen,
vielleicht nicht wahrnehmen können, sondern im „Gewesenen"
verharren.
Die mythologisch personifizierte Nacht
(Allegorie wofür?) hat ein völlig anderes Zeitkonzept: was
ihr
täglich-nächtlich neu vorgesungen (vorgejammert?) wird,
beachtet sie
nicht, „sie ist es müd". Sie existiert vielmehr für sich
selbst in
einer Sphäre der Zeitlosigkeit (jambisch mit „männlichen"
Kadenzen). Zwar ist sie auch in den chronologischen Ablauf eingespannt
- sie steigt „um Mitternacht" (oder „stieg" vor Mitternacht, wohl in
der Dämmerung) „an Land"
(d.h. ja wohl: aus dem Meer), erlebt dann aber in dem einzigen
Augenblick „um Mitternacht" („nun") „träumend"-visionär die
„goldne
Waage der Zeit in gleichen Schalen": die tägliche, jahreszeitliche
und endzeitliche Tag-und-Nacht-Gleiche (s.
ausführliche mythologische Belege)
und steht damit im mystischen "Nun" außerhalb der Zeit (sie
„sieht die goldne Waage ... stille ruhn").
In der zweiten Strophe des Gedichts sieht es zunächst so aus, als
habe
die Nacht ihre anfängliche „Gelassenheit" verloren („müd").
Sie kennt
jedoch „süßeren" Gesang als das Singen der im Tagesgeschehen
befangenen
Quellen; auch sie hat Erinnerungen an den Tag, aber an nichts
Belastendes, sondern an leichte, „flüchtge", wohl glückliche
Stunden,
deren einziger Inhalt der dreifache Genuss der „Bläue" des Himmels
(visuell), des „Klingens" dieser Bläue (akustisch) und der
„Süße"
dieses Erlebens ist (olfaktorisch; dreifache Synästhesie). Der
Ablauf
in der Zeit stellt für sie kein Auf und Ab von Freud und Leid dar,
sondern - mit einem Bild aus der Architektur - ein „gleichgeschwungnes
Joch": alle Stunden sind in der Erinnerung der Nacht
'gleichunmittelbar' zum Himmel (mythologisch: ihrem Geliebten?). In
steter Wiederkehr des Gleichen kennen die Stunden
für sie keine Erdenschwere, sind dafür aber eigentlich
inhaltsleer - ein auf
Dauer gestelltes Erleben der Zeitlosigkeit, anders als der eine
mystische Augenblick der stillgestellten Zeit in der ersten Strophe
(man beachte die Opposition der Bilder der „goldnen Waage in gleichen
Schalen" und des „gleichgeschwungnen Jochs"). Aber auch im Klingen der
„flüchtgen Stunden" lehnt die Nacht noch immer „träumend an
der Berge
Wand"!
(Liegt in dem Bild des „Jochs" nicht doch, im Widerspruch zum Adjektiv
„flüchtig", auch das Moment der Last?)
Nachtrag 2006: Renate von
Heydebrand versteht in ihrer gleichzeitig mit meiner Kurzinterpretation
erschienenen (von mir erst später zur Kenntnis genommenen)
sorgfältigen und luziden Interpretation des Gedichts das Joch-Bild
auf andere Weise ("Gewogene Zeit", im Internet abrufbar unter der
Adresse
http://www.mediaculture-online.de/fileadmin/bibliothek/heydebrand_zeit/heydebrand_zeit.pdf
= Reclam UB 17508, S. 43 - 56):
"Das »Joch«, das hier die Anschauung liefert, ist
nämlich eine symmetrisch »gleichgeschwungne«
hölzerne Stange, die man sich auf den Nacken und die Schultern
legte, um auf jeder Seite eine gleichschwere Last, z. B. Wassereimer,
anhängen und dadurch leichter tragen zu können; es hat mit
der »Waage« die ruhige Ausgewogenheit gemeinsam. Die
Vorstellung von Zwang, die manche Interpreten von anderen Kontexten her
mit dem »Joch« verbinden wollen, ist daher abwegig."
Die Interpretation des schwierigen Verses 12 vom Bild der
"gleichgeschwungnen" hölzernen Stange her leuchtet mir ein. Sie
schließt allerdings nicht den Last-Charakter des "Jochs" aus.
Meiner Ansicht nach betont von Heydebrand insgesamt nicht ausreichend
den Last-Charakter des "Tages", von dem die "Quellen" so "keck" und
unaufhörlich singen und von dem Mörikes Gedichte immer wieder
handeln - des "Tages" grundsätzlich (Vers 7 und 15) mit "Jammer",
"Plag" und "Schuld"
(s.o.) sowie konkret des "heute gewesenen Tages"
(Vers 8 und 16). Die Erinnerung an ihn - seiner zu "achten" -
würde nach wie vor schmerzen.
Das "noch" in Vers 11 bezieht sich vom Satzanschluss her - wie mir
scheint, eindeutig - zeitlich in die Vergangenheit gerichtet auf den
"Tag", nicht - wie von Heydebrand es deutet - auf die "noch"
bevorstehenden Stunden der Nacht, bevor der Tag wieder anbricht. Zwar
drängt sich der Tag immer "noch" und wieder als belastend auf,
aber die quälenden, ermüdenden Gesänge der "Quellen"
werden vom "Klang" (Nachklang) des Tag-Himmels und seiner "Bläue"
auf beglückende Weise ("süß") übertönt; das
ist möglich, nachdem/weil die "Nacht" dem Meer entstiegen ist,
"Land" betreten hat und "nun", "an der Berge Wand" lehnend, ihre
genuine Position zwischen "Himmel" und Erde bezogen hat, die den
träumenden Blick in eine - zumindest poetisch - jenseitige,
"himmlische" Dimension ermöglicht und auf
synästhetisch-sinnliche Weise der Erdenschwere enthebt. Die
"Stunden" des Tages erscheinen dann "flüchtig" im Sinne von
"vergänglich", "nichtig", sie sind "gleich" gültig wie
ungültig.
Im Fazit ihrer Interpretation weist von Heydebrand auf das - im Gedicht
nicht explizit auftretende, dennoch selbstverständlich
gegenwärtige - lyrische Ich hin:
"In Um Mitternacht äußert sich ein solches
‘lyrisches Ich’ in der Nacht und in den Quellen; es stellt damit dem
Leser unterschiedliche, werthaltige Erfahrungsweisen der
mitternächtlichen Situation vor Augen. Es ist das lyrische Ich,
das einerseits – mit den Quellen – in rastloser Bewegung sich
verströmt und dem Zeit- und Selbstverlust nur die Erinnerung an
das Vergangene im steten Fluß der Zeit entgegenhalten kann. Es
ist das lyrische Ich, das andererseits – mit der Nacht – in Ruhe
meditiert, der immer gleichen Mahnung ans bewegte Vergangene
»müd« (V.10) ist und jenen glücklichen Zeitpunkt
genießt, in dem die Lasten des Vergangenen wie des Künftigen
‘gleichgewogen’ tragbar werden."
© Dieter Schrey 2006
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