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Eduard Mörike
Fußreise
Am frischgeschnittnen Wanderstab
Wenn ich in der Frühe
So durch Wälder ziehe,
Hügel auf und ab:
Dann, wie's Vögelein im Laube
Singet und sich rührt,
Oder wie die goldne Traube
Wonnegeister spürt
In der ersten Morgensonne:
So fühlt auch mein alter, lieber
Adam Herbst- und Frühlingsfieber,
Gottbeherzte,
Nie verscherzte
Erstlings-Paradieseswonne.
Also bist du nicht so schlimm, o alter
Adam, wie die strengen Lehrer sagen;
Liebst und lobst du immer doch,
Singst und preisest immer noch,
Wie an ewig neuen Schöpfungstagen,
Deinen lieben Schöpfer und Erhalter.
Möcht es dieser geben,
Und mein ganzes Leben
Wär im leichten Wanderschweiße
Eine solche Morgenreise! |
Hugo Wolf schreibt am 20. März 1888
in einem Brief:
"Heute habe ich mein
Meisterstück geliefert. 'Erstes Liebeslied eines Mädchens'
(Ed. Mörike) ist das weitaus Beste, was ich bis jetzt zustande
gebracht. Gegen dieses Lied ist alles Vorhergegangene Kinderspiel
[...]. Das Gedicht ist wahnsinnig, die Musik nicht minder [...]." (Andreas Dorschel, Hugo Wolf, rowohlts monographien/rm 344, Reinbek 1985, 2. Aufl. 1992, S. 71 f.)
Nur einen Tag später, am Tag des
Frühlingsanfangs, also am 21. März 1888, korrigiert sich der
Komponist, in einem Brief an den gleichen Adressaten:
"Ich revoziere, dass das 'Erste
Liebeslied eines Mädchens' mein bestes sei, denn was ich heute
vormittag geschrieben: 'Fußreise' (Ed. Mörike) ist noch
millionenmal besser. Wenn Sie dieses Lied gehört haben, kann Sie
nur noch ein Wunsch beseelen: zu sterben." (Dorschel S. 72)
Natürlich hängt solche
Überschwänglichkeit mit dem Schaffensrausch zusammen, in den
Hugo Wolf durch das immer tiefere Eindringen in die Lyrik Mörikes
in der ersten Hälfte des Jahres 1888 geraten ist, ebenso mit
seinem Bedürfnis, ein übersteigertes Selbstbewusstsein -
Kompensation zahlreicher erlebter Demütigungen - zur Schau zu
stellen. Dennoch ist eine solche Vorstellung - nach dem
Anhören eines Klavierlieds von dem einen Wunsch beseelt zu sein,
zu sterben - verständlich nur vor dem Hintergrund einer
Kunst-Metaphysik, speziell: einer Musik-Metaphysik, wie sie gegen Ende
des 19. Jahrhunderts einem "Tristan"-Enthusiasten wie Hugo Wolf im Sinn
liegen konnte. 1881, nach einer intensiven Schopenhauer-Lektüre -
den "Tristan"-Klavierauszug kannte er buchstäblich auswendig -,
schreibt Wolf an seine Eltern:
"Beim Ausklingen einer reinen
Harmonie ist es mir, als regten sich die Schwingen der Seele in der
Vibration der Tonwellen, und wie sie sich immer mehr verlieren und
endlich gar nicht mehr erklingen und sich in die Unendlichkeit verirren
- so bleibe ich, der Körper, welcher der elende Klavierkasten,
wohl scheinbar am Leben, aber das belebende Prinzip, die Seele, ist
gleich den verklungenen Harmonien entwichen und hat sich in dem All
verloren [...]. Mein Leben wird mir nur dadurch, dass es mir
vergönnt ist, das höchste, süßeste Gefühl,
das des gänzlichen Aufgehens im Weltenraum, in Tönen zu
empfinden, erträglich [...]." Und Wolf spricht von dem
Glücksgefühl, "der Wonnen der gänzlichen
Auflösung [...] schon bei Lebzeiten teilhaftig zu werden (wenn der
Körper auch inbegriffen ist, nennt man es: Tod)". (Dorschel
S. 28)
Nach dem Anhören des
Hugo-Wolf-Liedes "Fußreise" nur noch von dem Wunsch "beseelt" zu
sein, zu sterben, würde also bedeuten: "Bei Lebzeiten" bereits,
mitten in einem unerträglichen Leben, von aller Qual erlöst
zu sein, antizipativ befreit zu sein aus aller Verstrickung in die -
von Schopenhauer so genannte - "Welt als Wille", in die Welt der
Individuation, der je individuellen Zwecke und zweckentsprechenden
rastlosen Aktivitäten, die Welt des unabschließbaren
Kreislaufs zwischen Bedürfnissen, deren Befriedigung und wieder
neuen Bedürfnissen - die Welt des Leidens. Befreiung ist
möglich, sofern Musik die vollkommene, erlebbare Gegenwart des
"Willens", als des Wesens der Welt, in der Welt
darstellt - die beseligende Teilhabe daran, dass dieser "Wille", der
alles Innerweltliche auf Zwecke und Leidenszwänge ausrichtet,
für sich selber keinen Zweck hat. Musik zu erleben bedeutet damit
so etwas wie im 'Herzen des Hurrican' zu sein: vollkommene Ruhe mitten
im Tosen, oder: die vollkommene Ruhe des Tosens selber. An sich haben,
neben der Musik, auch die anderen Künste keinen Zweck, so dass
ihnen eine Entlastungs- und Befreiungsfunktion zukommen kann. Aber ihre
Zeichensysteme bleiben im allgemeinen dennoch der vorhandenen Welt
verhaftet; nur die genuin unbestimmte, kaum fassbare, aber unendlich
ausdrucksstarke Semantik von Melodie, Harmonie und Rhythmus und das
damit verbundene "unaussprechlich Innige" der Musik besitzt die
nötige Weltfremdheit, Weltabgeschiedenheit 'media in vita'.
Aber hat nicht vielmehr "Reclams
Liedführer" recht, der schlicht in der "Fußreise" "das
Morgenlied des rüstig ausschreitenden Wanderers" sieht bzw.
hört, "der sich der Sonne des jungen Tages freut und das Lob des
Schöpfers singt"? Diese "Interpretation" entspricht
jedenfalls nicht dem Mörikeschen Gedicht (s.u.). Das Lied
jedoch könnte durch sie möglicherweise
treffend charakterisiert sein. Denn dass es da ums
Wandern geht, ist nicht zu überhören - und auf dem Notenbild nicht zu übersehen.
Das fast regelmäßige Ab und Auf der Melodie soll offenkundig
ein realistisches Bild der "Fußreise" "Hügel auf und ab"
geben. Die 25 Silben des Liedtextes werden von der Singstimme in einem
fast durchgängig in Viertelnoten verlaufenden Marschtakt
skandiert, der - entsprechend der dem Lied voranstehenden
Tempovorschrift - "ziemlich bewegt" verlaufen kann, weil für einen
Takt, also für 4 Viertel, jeweils ein einziger Akkord, eine und
dieselbe harmonische Funktion gilt. Mit vorsichtigen Schritten beginnt
die Melodie-Wanderung, um im zweiten Teil der ersten
Strophe dann mutigere Sprünge zu wagen.
Auffällig ist auch -
und wird noch auffälliger im weiteren Verlauf des Liedes - das
häufige Auf-der-Stelle-Treten der Melodie über mehrere
Viertel hinweg. Nicht genug der mimetischen Bezüge: Bei
näherem Hinhören und Hinschauen zeigt sich in der Musik wie
im Text, dass der Wanderer einen "Wanderstab" braucht: die Oberstimme
des Klaviers muss nämlich die Singstimme zunächst Ton
für Ton im Terz- oder Sextabstand begleiten. Erst auf dem Wort
"so", mit dem Mörike die vorweggestellte Angabe "Am
frischgeschnittnen Wanderstab" aufgreift, befinden sich Singstimme und
Begleitung, Wanderer und Wanderstab auf gleicher Höhe. Dass das
Zwischenspiel des Klaviers zwischen erster und zweiter Strophe das Vorspiel
eine Oktave höher wiederholt, lässt sich ebenfalls in das
Bild der Hügel-Wanderung einbauen, und natürlich ebenfalls die
Veränderung, die das Klavier-Zwischenspiel
zwischen der zweiten und der dritten Strophe durchführt: dort wird
der in der romantischen Musik heimische Vogel-Topos zitiert - samt der
Dissonanz der kleinen Sekunde, die dazugehört (Schumann, Vogel als Prophet). Ja, und
schließlich dürfen im Zusammenhang der musikalischen Mimesis
Wolfs nicht die zwei parallelen Passagen am Ende der zweiten und der
dritten Liedstrophe unerwähnt bleiben, in denen Sänger und
Klavier - und Publikum - zuerst die Wonnegefühle der "goldnen
Traube" und dann die "Erstlings-Paradieseswonne" des "alten, lieben
Adam" mitempfinden können: Zum ersten Mal im Lied werden an dieser
Stelle die 3 Akkorde der Tonart D-Dur, mit denen der Komponist die
ersten 22 Takte des Liedes ausschließlich bestritten hat,
verlassen, in einer kurzen Modulation bewegt sich die Harmonik
über fis-moll in die von Hugo Wolf häufig als Ausdruck
strahlend-feierlicher Hochstimmung benutzte Tonart A-Dur, die Melodie
steigert sich bis zum hohen e hinauf und endet nach zwei
ausdrucksstarken weiten Sprüngen abwärts-aufwärts und
nach einem gedehnt ausgekosteten Vorhalt eine Quinte über der
Grundtonart. Die beiden Ligaturen auf "Para-die-ses-won-ne"
verstärken den expressiven Charakter dieser Passage.
In solchen Beobachtungen erscheint Musik
als textabhängiges Medium der Illustration von Situationen und
Begebenheiten und der Expression der dazugehörigen Gefühle,
"Stimmungen". Eine Interpretation, die sich derart auf
die Inhalts-, ja, "Handlungs"-Ebene beschränken würde,
sähe Musik nicht als eigenständiges Zeichensystem mit eigenen
Aussage- und Wirkmöglichkeiten und würde außerdem
subjektiven Deutungen Tür und Tor öffnen. Die
Musikwissenschaft der letzten Jahrzehnte hat demgegenüber ein
Analyse-Instrumentarium entwickelt, das die "dispositionellen Anteile
einer Komposition, ihre 'Ordnung'", in den Vordergrund rückt und
"gesicherte Ergebnisse" zu bieten vermag. (Ich beziehe mich auf den
1992 in der "edition text + kritik" erschienenen "Musik-Konzepte"-Band
über Hugo Wolf und dort auf den Aufsatz des Musikwissenschaftlers
Sebastian Urmoneit über Hugo Wolfs Vertonung von Mignons
"Sehnsuchtslied", dort S. 37 ff.) Das hat allerdings zu einer
Entfernung von den Analyse-Verfahren der Wissenschaften
geführt, die sich mit den anderen Künsten beschäftigen:
"Die
Musikwissenschaft verfügt bis heute kaum über Methoden der
Analyse, die es ermöglichen, eine Komposition als Dokument der
Kunstgeschichte zu beschreiben. [...] In dem Streit der Lehren [...]
obsiegten die Vertreter einer vorwiegend an der Grammatik der
Komposition interessierten und orientierten, also einer auf formellen
und normativen Anschauungsweisen beruhenden Musikwissenschaft. [...]
Hinterlassen hat die Analyseliteratur damit aber nur die Beliebigkeit
leerer Konstruktionen eines 'Systems abgelöster Zeichen, bar
jeglicher Intention'." (S. 37; zuletzt ein Adorno-Zitat)
Heute versucht die Musikwissenschaft in
Analogie z.B. zur Literaturwissenschaft eine "Musikhermeneutik" zu
entwickeln, die die grammatischen bzw. syntaktischen Elemente einer
Komposition in ihrem Wechselverhältnis mit den semantischen, in
weiteren kulturellen Zusammenhängen stehenden Elementen sieht und
darstellt.
Schauen wir also bei der "Fußreise"
noch einmal genauer hin, begeben wir uns
in die Werkstatt des Liedkomponisten Wolf.
Da ist für den Komponisten des
Mörikeschen Gedichts "Fußreise" zunächst die Frage
"Strophenlied oder durchkomponiertes Lied". Die Entscheidung fällt
nicht leicht, weil die 3 Strophen
so ungleich lang sind:
14 Verse hat die erste, 6 die zweite und
4 die dritte Strophe. Bei näherem
Hinsehen zeigt sich allerdings, dass die erste, lange Strophe aus 3
Einheiten besteht: 4 Verse mit umschließendem Reim abba, 5 Verse
mit Kreuzreim c d c d + e, wobei dieser Reim e die Klammer zur
nächsten Fünfer-Gruppe mit dem Paarreim f f g g - und eben
wieder e - bildet. Die sich anbietende Lösung, diese erste, lange Gedicht-Strophe
in drei Lied-Strophen aufzuteilen, bringt Probleme mit sich,
aber Wolf entscheidet sich dennoch für eine solche Lösung. Zu diesem
Zweck nimmt er die ersten 4 Verse, konzipiert sie nach dem Form-Muster
der klassischen, 4 mal 2 Takte umfassenden Periode als
Modell-Liedstrophe und variiert das Modell dann für die zweite und
dritte, später auch für die Schlussstrophe.
Die wichtigste Konsequenz dieser Transformierung der
langen Gedicht-Strophe in drei
kürzere Lied-Strophen besteht darin, dass die
"wenn-dann"- und die "wie-so"-Korrelation des Textes in den Hintergrund
treten und dass dadurch - statt eines über 14 Verse sich
schrittweise entwickelnden komplexen Gedankens, statt eines
einzigen Satzes aus konditionalem Nebensatz, doppeltem Naturvergleich
und theologischer Reflexion im Hauptsatz - das Lied Hugo Wolfs sich in
seinen ersten drei Strophen darbietet als eine Folge von drei durch
Klavier-Zwischenspiele voneinander getrennten, durch die Gemeinsamkeit
des musikalischen Materials parallelisierten Bildern, Impressionen.
1. Impression: das Wandern am Wanderstab
durch Wälder und über Hügel
2. Impression: das Singen des
Vögleins und das Reifen der Traube
3. Impression: das Wonnegefühl
"meines" alten, lieben Adam.
Dass Hugo Wolf den dadurch bedingten
Verlust der protestantisch-theologischen Dimension der Strophe (s.u.)
verschmerzen kann, wird deutlich, wenn er über die beiden von
Mörike singulär als zweitaktige Verse gesetzten Zeilen
"Gottbeherzte, / Nie verscherzte" ("Paradieseswonne") mit schlichten 8
Vierteln hinweggeht, die im ersten der beiden Takte sogar auf dem
gleichen Ton verlaufen.
So stellt sich die Frage: Wenn die drei
Bilder oder Impressionen einerseits ihren ursprünglichen
syntaktischen, damit aber auch semantischen Zusammenhang verloren
haben, andererseits aber von Liedstrophe zu Liedstrophe auf neue Weise
zusammmengehalten werden durch das gleiche oder fast gleiche
musikalische Material: Worin liegt dann im Bereich der musikalischen
Semantik dieser Zusammenhang, welcher Sinn ergibt sich
aus der Entfaltung des musikalischen Materials? Und natürlich: In
welchem Verhältnis steht dieser Sinn der Komposition zu dem des
Gedichts?
Ich frage, indem ich einen wichtigen
Begriff Wolfs verwende, nach dem musikalischen "Einfall" des Liedes,
also nach der kompositorischen Keimzelle - und werde diesen Begriff
kurz erläutern. Der Begriff des "Einfalls" nimmt eine zentrale
Stelle in der Musikästhetik der Wagnerianer ein; er hängt
zusammen mit dem anderen fundamentalen Begriff der "musikalischen
Erfahrung". Das musikgeschichtlich Revolutionäre im
Selbstverständnis Wagners, Liszts und Wolfs liegt in ihrer
Überzeugung - ich zitiere den Musikwissenschaftler Carl Dahlhaus:
"Was
musikalisch zulässig und
unzulässig sei, sollte nicht mehr [wie seit Jahrhunderten
selbstverständlich] eine Regel entscheiden, sondern einzig die
'innere Erfahrung' des Komponisten, die z.B. ungewöhnliche Akkorde
und Akkordverbindungen auch dann als sinnvoll zu erkennen vermag, wenn
sie sich [...] den Kategorien der Musiktheorie entziehen."
(Carl Dahlhaus, Wagners Stellung in der Musikgeschichte, in: Ulrich Müller/Peter Wapnewski (Hrsg.), Richard-Wagner-Handbuch, Stuttgart [Kröner] 1986, S. 84)
Noch Beethoven ist davon überzeugt,
die im 17. Jahrhundert entwickelten Regeln des Generalbasses seien
unumstößlich. Für "strenge Lehrer" der
klassisch-romantischen Musiktradition ist der berühmte
Tristan-Akkord, mit dem Wagners Oper eröffnet wird, nicht
akzeptabel, sie mögen ihn mit Mühe noch identifizieren
können, z.B. als einen - ich versuch's - "Vorhalt zu einem alterierten Septakkord
der Doppeldominante, der sich in einen Septakkord der Dominante
auflöst" - für ihr eigenes Komponieren werden sie solche
'Verrenkungen' aber als systemsprengend ablehnen, sich mit einem
Weniger an "Einfall" begnügen, dafür umso mehr Sorgfalt auf
die kompositorisch-technische Ausarbeitung ihres 'bescheideneren'
Einfalls verwenden. Genau das aber wirft Hugo Wolf dem großen
Johannes Brahms vor:
"Die Kunst,
ohne Einfälle zu
komponieren, hat entschieden in Brahms ihren würdigsten Vertreter
gefunden. Ganz wie der liebe Gott versteht auch Herr Brahms sich auf
das Kunststück, aus nichts etwas zu machen." Was dabei
herauskommt, ist "schauderhafte Monotonie", "schmaler
Melodienhäcksel", sind "verkrüppelte Rhythmen" und
"dürre Harmonien", insgesamt: Musik "auf dem Gefrierpunkt der
Phantasie und Empfindung", bloße Form ohne poetischen Inhalt.
(Dorschel S. 55)
Und darum ginge es in der Musik: um ein
"poetisches", allgemeiner: ein emotionales Formmotiv, das den
Komponisten von außen her "motiviert". Jedenfalls lässt es
sich in außermusikalischer Sprache ausdrücken oder ist bereits
- wie bei Gedichten oder Opernlibretti - in außermusikalischer
Sprache ausgedrückt. Es wäre nun aber falsch anzunehmen, mit
der Forderung einer poetischen Kompositionsidee versetze sich der Lied-
oder Opern-Komponist in eine nur noch nachvollziehende Rolle, sein Lied
oder seine Oper illustriere nachträglich das eigentlich
und ursprünglich schon im Text Ausgedrückte. Nach Wolfs wie
Wagners an Schopenhauer orientiertem Verständnis verhält es
sich genau umgekehrt: Texte, und seien es Dichtungen, können nur
von der Welt als bloßer "Erscheinung" reden, während Musik
in der Lage ist, "das innerste Wesen der Welt" zu "offenbaren".
Der
Komponist "spricht die tiefste Weisheit aus, in einer Sprache die seine
Vernunft nicht versteht: wie eine magnetische Somnambüle
Aufschlüsse gibt über Dinge, von denen sie wachend keinen
Begriff hat" (Arthur Schopenhauer, Vorlesung über Die gesammte
Philosophie, Dritter Theil. Metaphysik des Schönen 1820, hgg. u.
eingel. v. Volker Spierling, München [Serie Piper 415] 1985, S.
220).
Der Lied- oder Opernkomponist muss sich zwar zunächst
"stofflich" tief in die "Gefühle" und "Willensregungen, welche den
Kern einer Begebenheit ausmachen" (z.B. also des Wanderns "Hügel
auf und ab"), hineinversetzen - wenn er es dann aber zustandebringt,
"die innerste Seele" der Begebenheit musikalisch auszudrücken,
dann geschieht dies "aus der unmittelbaren Erkenntniß
des Wesens der Welt, seiner Vernunft unbewußt". Identifizierbare
Analogien zwischen den beiden Welten, also auch zwischen Text und Musik
- ja! Aber keinesfalls darf die Musik die Welt der "Erscheinungen"
"nachbilden" - "mahlende Musik", urteilt Schopenhauer, wäre "ganz
verwerflich". (Schopenhauer 1985, S. 223)
"Hugo
Wolfs gesamtes Denken kreiste um
die Idee 'der innigen Verschmelzung von Poesie und Musik'." (Dorschel
1985, S. 57/Wolf-Zitat)
Auch für die Vertonung von
Mörikes
"Fußreise" bedeutet dies:
Die Vertonung bringt das Gedicht erst
zu sich selber, zu seinem eigentlichen, jedenfalls zu seinem
eigentlichen emotionalen Wesenskern.
Worin bestünde dieser - in Wolfs
Konzeption? Konkret gefragt: Was ist denn nun der musikalische
"Einfall" dieses Liedes?
Betrachten wir zunächst noch einmal
die erste, die Modell-Strophe des
Liedes:
Harmonik: Von den 8
Takten der ganzen Periode verlaufen 5 schlicht auf der Tonika (D-dur:
T. 5, 6, 7, 10, 12), 2 Takte
auf der Dominante (A-dur: T. 8, 11), 1 Takt auf der Subdominante
(G-dur: T. 9). Ausflüge in
entferntere harmonische Bereiche fehlen völlig. Das heißt:
Einfacher geht's kaum. Ende des 19. Jahrhunderts, erst recht in den
Mörike-Liedern Hugo Wolfs, der die klassisch-romantische Harmonik
bis an ihre äußersten Grenzen vorantreibt, fast
singulär!
Melodik und Rhythmik: Wir
haben schon gesehen, wie die Melodik mimetisch vorgeht. Sie hält
sich dabei streng innerhalb des Oktavraums auf. Einerseits orientiert
sich der Rhythmus sehr sensibel an der nicht nur inhaltlich, sondern
auch rhythmisch plastischen Sprache Mörikes ("Am |
frísch-ge-schnìtt-nen | Wán-der-stàb" /
"sooo - durch | Wä´lder ziehe"). Andererseits sollen die
melodischen Einfälle offenkundig ungekünstelt,
volkstümlich-einfach, volksliedhaft wirken - wie z.B. die
vierfache Tonwiederholung im Viervierteltakt ("frisch-ge-schnitt-nen").
Volkstümlich zu schreiben, ist Wolf immer wieder ein
selbstverständliches Anliegen, darin fühlt er sich gerade
auch Mörike verbunden. Allerdings: "Von einem ernst zu nehmenden Komponisten
verlangte Wolf, 'bei aller Volkstümlichkeit den vornehmen Herrn zu
markieren, bald durch eine harmonische Abweichung, bald durch einen
Kontrapunkt' den Volkston diskret in die Konstruktion einzuschmelzen."
(Dorschel S. 68/Wolf-Zitat)
Auf das, was er im "Fußreise"-Lied
unter "Kontrapunkt" versteht, die rhythmisch-markante ostinate
Bassfigur, komme ich noch zurück. Die leichte, den Klang
färbende "harmonische Abweichung" (z.B. in der Klavierbegleitung
in Takt 1 die Dissonanz e - d auf dem ersten Viertel, in Takt 8 -
ebenfalls auf dem ersten Viertel - das dissonante Cis) ist nun aber
genau das Verfahren, mit dem ausgerechnet Brahms seine
Volkslieder bearbeitet. Und eben darauf scheint es Hugo Wolf in der
ersten Strophe seines "Fußreise"-Liedes anzulegen: die Brahmssche
Art der Volkslied-Bearbeitung ein Stück weit zu übernehmen -
um sich im weiteren Verlauf des Liedes dann von diesem Beispiel des
"strengen Lehrers" umso deutlicher distanzieren zu können. Die
"strengen Lehrer" - das sind für Wolf konkret die das
zeitgenössische Wiener Musikleben bestimmenden Größen,
Dirigenten, Intendanten, Komponisten (unter ihnen Brahms), Sänger,
Musikkritiker, die ihn nicht akzeptieren, sein Genie nicht erkennen,
nicht erkennen wollen, die ihm keine Chance geben, sich seinen
Fähigkeiten und seinem Selbstbewusstsein entsprechend zu
entfalten. So urteilt Brahms nach dem Erscheinen der Mörike-Lieder
Wolfs: "Ja, wenn man sich um die Musik nicht kümmert,
ist das Deklamieren eines Gedichtes sehr leicht." (Dorschel
S. 138)
An diese "strengen Lehrer" kann Hugo
Wolf offenkundig nur höhnisch lachend denken (Takt 48): In
der vierten Liedstrophe verschlägt
der Gedanke an diese "Lehrer" dem Sänger sogar die Sprache (pdf-Grafik: Phrasen III/IV), er
muss für zwei Takte Atem holen, das Klavier übernimmt seinen
Part und bietet in einer höheren Tonlage das höhnische Echo
(Takt 49/50).
"Also bist du nicht so schlimm, o alter
Adam" - ich denke, die Idee, dass er selber, sein ihm
angeborenes, mühsam gegen Widerstände behauptetes, an der
Realität sicherlich immer wieder scheiterndes Genie "schlimm" sein
könne, ist Hugo Wolf einigermaßen fremd. Wenn ich da recht
habe, bedeutet bei ihm dieser Mörike-Satz: "Also steht
es mit dir nicht so schlimm, o alter Adam",
nicht so schlimm nämlich, "wie die strengen Lehrer
sagen". Sich selber in einer solchen Situation das unverzichtbare
Selbstwertgefühl zuzureden, das vermag Hugo Wolf nicht (oder nicht
mehr) auf der Basis einer pantheistisch angehauchten theologia
naturalis (wie Mörike, s.u.), sondern auf der Basis seiner "metaphysica
musicalis", der äußeren Erfahrung des prinzipiellen
Leidcharakters der Welt und der "inneren Erfahrung" der Erlösung
von diesem Leid durch die und in der Musik. "Mein alter Adam", das kann
dann auch "ich, der Körper", dieser "elende Klavierkasten",
sein, der "scheinbar am Leben" ist und dem aufgeholfen werden muss und
aufgeholfen werden kann, weil ja in ihm "das belebende Prinzip, die
Seele" steckt, die es zu erlösen gilt.
Wie es um ihn, den "alten Adam", in einer
Welt voller Leid bestellt ist, das zeigt genauer die vierte Strophe des
Liedes, deren musikalisches Material sich in allen Parametern - bis auf
die ostinate Bassfigur - von der 1.-3. und der 5. Strophe
unterscheidet. Eben noch (Takt 41) hat das Klavier mit einem
Sforzato-Quintsextakkord trotziges Selbstbewusstsein vorgeführt,
da wird plötzlich das Tempo zurückgenommen (più
tranquillo), das stolze A-Dur, mit dem die dritte Strophe geendet hat,
verwandelt sich durch die Hinzufügung der Septime im Bass in die
D-Dur-Dominante, doch diese Wendung erweist sich sogleich als
Trugschluss, denn im nächsten Takt erscheint nicht, wie es nach
den normalen Regeln der Harmonielehre zu erwarten wäre, die D-Dur-Tonika,
sondern - nach einem emotionsgeladenen Vorhalt - die Dominante von
e-moll, und damit ist nun für 11 Takte der feste Boden der
klassischen Tonalität verlassen, die Harmonik scheint jeglichen
Halt verloren zu haben, sie springt, fast Takt für Takt wechselnd,
orientierungslos von D-Dur zu Akkorden in e-moll, dann in a-, d-, e-,
h-, a-, fis-moll. Kein Takt ohne irgendeine Form eines auf
Spannungslösung, Erlösung drängenden Septimenakkords.
Viermal mündet in den 2-taktigen Phrasen der Melodiebogen in einen
expressiven, Hochspannung erzeugenden Vorhalt, den das Klavier in der
Terz verdoppelt, zweimal klagend, dann - nach der Unterbrechung durch
die Verhöhnung der "strengen Lehrer" - in fast opernhaft
pathetischer Haltung, die durchaus die Essenz des Mörikeschen
"immer doch" und "immer noch" wiedergibt. Insgesamt also 6 Phrasen: der
Klage, des Hohns und des Pathos ("Pathos" auch wörtlich genommen).
Diese 6 (3 x 2) Moll-Phrasen in 12 Takten
machen den Vordersatz der 4. Liedstrophe aus. Jede von ihnen weist mit
Halbschlüssen oder Trugschlüssen über sich hinaus,
strebt einem unbekannten Ziel entgegen. Das Ziel liegt, wie sich dann
herausstellt, im 9-taktigen Nachsatz, der durch die sich ohne Zäsur
anschließenden ersten drei Takte des Klavier-Nachspiels (bis Takt
66) auf 12 Takte (+ Tonika in Takt 67/68/69) gedehnt wird. Der Nachsatz
setzt an die Stelle der schwankenden Moll-Tonalität die eine,
stabile, mystisch-feierliche Dur-Tonart Fis-Dur, führt die
Singstimme in einem langen großartigen Aufstieg - zunächst
in einem Septimsprung, dann, nach einer bedeutungsvollen Atempause, in
kleinen chromatischen Schritten - eine Oktave hinauf und findet in 2
Takten über zwei ausdrucksstarke Vorhalte zur Fis-Dur-Tonika
zurück, um "sich" schließlich verträumt in dem
Klavier-Zwischenspiel "zu verlieren", das eine Motiv des
Klavierparts aus Takt 59 ff. mehrfach wiederholend. Mythologisch
ausgedrückt: 6 Erden- und Leidenstagen des "alten Adam" steht der eine,
strahlende, sich in die Ewigkeit dehnende siebente
"Schöpfungs"-Tag als Tag des erlösten Adam gegenüber -
nicht christlich als Tag des "Schöpfers und Erhalters", denn die 6
Leid-Tage und der eine Erlösungs-Tag sind als simultan zu denken,
nicht, wie es der an das zeitliche Nacheinander gebundene musikalische
Ablauf nahelegen könnte, als sukzessiv. Metaphysisch
ausgedrückt: Leid und Erlösung sind im Erlebnis der das Wesen
der Welt offenbarenden Musik zwei Pole auf der gleichen Achse.1
Diese Aussage macht Hugo Wolfs
"Fußreise" bereits im ersten Takt deutlich. Schon der erste
Akkord (s. Abbildung oben), der Zweiklang e - d nach dem D-Dur-Auftakt, exponiert, aufs
äußerste verknappt, eine fundamentale musikalische
Polarität, nämlich die von Tonika und Dominantseptakkord, die
durch die Gleichzeitigkeit ihres Erklingens als Dissonanz spürbar
gemacht wird. Diese in sich dissonante, polare Gleichzeitigkeit
bestimmt das ganze Lied, ja, sie macht den "Einfall" dieser
Komposition aus. Dass es sich hier wirklich um die musikalische
Grundidee handelt, zeigt sich in der Bassfigur, die die Töne d und
e um die Achse des Tones a herum schwingen lässt und dadurch
einmal die Tonika, auf dem ersten Taktteil, und dann die Dominante,
auftaktig auf dem zweiten und dritten Taktteil, anspielt. Zugleich
schlägt die rechte Klavierhand den kompletten Dominantseptakkord
selber - in einer Umkehrungsform - über dem nachklingenden,
jedenfalls noch mitgehörten tiefen d zweifach an. Diese
Wendung wiederholt sich, einmal identisch, weitere vier Mal
in verkürzter Form, bis nach solchem zwanghaften
Auf-der-Stelle-Treten, In-der-Dissonanz-Verharrenwollen oder
Mit-der-erlösenden-Tonika-nicht-Anfangenkönnen die
"Fußreise" doch beginnt.
Der anfangs zitierte Auszug aus Hugo
Wolfs Brief an seine Eltern enthält, denke ich, einen Schlüssel
für das Verständnis dieser in der dissonanten
Gleichzeitigkeit von Tonika und Dominante + Septime erklingenden
Polarität. Es handelt sich wohl um das Spannungsfeld zwischen
-
dem durch die Tonika repräsentierten Anfang, der immer schon, wenn
das Stück begonnen hat, vorbei ist, im Verlauf immer wieder
herbeizitiert werden kann, ohne Dauer, am Schluss jedenfalls
wiederkehrt, den Hörer vielleicht ein kurzes Achtel lang
befriedigt, aber, bevor er endgültig fassbar würde, sich
schon wieder - wie Wolf schreibt - "im All verliert",
-
und dem durch den Dominantseptakkord repräsentierten Erleiden des
eigenen Begehrens, Wartenmüssens auf das Ende, die
Erfüllung des Sehnens, das gleichzeitig aber auch Erlebnis eines
äußersten Wonnegefühls ist, da es sich unmittelbar vor
dem Ziel weiß - und dieses Ziel dann ja auch vielleicht erreicht,
aber für wie lange?!
Ich denke nun:
Was in der Bassfigur des ersten Taktes
auf engstem Raum beisammen ist, wird von Wolf in der Form des ganzen
Liedes im Großen entfaltet, und zwar in der Großform des
Liedes als Polarität zwischen den in äußerster
harmonischer Schlichtheit und volkstümlicher Melodik komponierten
Außenstrophen 1, 2, 3 und 5 und der 4. Strophe mit
ihrer fast in Tristan-Bereiche vorstoßenden Septimen-Harmonik und
ihrer expressiven Melodik. (Alle 5 Strophen sind auch jede in sich noch
einmal polar strukturiert.)
Der dargestellten Polarität im
Harmonischen entspricht eine vergleichbare Polarität im
Rhythmischen: Vom ersten Takt des Liedes bis zu seinem vorletzten, dem
83. Takt wird das Lied in seinem Charakter entscheidend bestimmt durch
die sich stets gleichbleibende - ostinate - Rhythmik des Klavierbasses,
die zum ersten Mal in der soeben harmonisch interpretierten Bassfigur
des ersten Klaviervorspiel-Taktes auftritt (s.o.). Kontrapunktisch zu den
regelmäßigen marsch- oder wanderrhythmischen Bewegungen der
Singstimme gibt es hier eher hektische, vergebliche Sprungversuche hinauf auf
eine höhere Ebene, 83mal ein immer neuer Anlauf aus der Tiefe, ein
hochgestecktes Ziel zu erreichen, ruckartig - das zeigen die
Sechzehntelpausen, die den Ablauf hemmen - und dann: ein Fall ins
Nichts, eine - im Verhältnis zu den kurzen
Sechzehntel-Unterbrechungen lange - Pause: ein Achtel + ein
Viertel lang, ein Fall ins Nichts oder das Eintreten
von Ruhe, Stille, jedenfalls gleichzeitig: eine Erholungspause für
den nächsten - sisyphusartigen? - Versuch. Aber diese Pause ist
gewissermaßen "älter" als der heftige Aufbruch und Absprung,
die Ruhe "älter" als die Bewegung - denn die Bassfigur hat ja mit
der Auftakt-Viertelpause vor dem ersten Takt begonnen.
Und die letzte Strophe? In
monoton-nervösem Gang hastet die Singstimme dahin, missachtet
kopflos die durch das Gedicht vorgegebene Verseinteilung und die Reime,
so dass Prosa entsteht, überspielt völlig auch die bisher im
Lied gesetzten musikalischen Zäsuren, leiert achtlos die im
Gedicht-Text wohl als Gebet verstandene Bitte an "diesen", den
göttlichen "Schöpfer und Erhalter", herunter, akzentuiert
stattdessen nach dreitaktigem Crescendo mit einem Forte die Einzigkeit
des mit einer "Morgenreise" verglichenen Lebens ("eine solche
Morgenreise"), erzeugt zusammen mit der in chromatischen, schmerzhaften
Sechstparallelen sich bewegenden rechten Klavierhand einen Takt lang
(Takt 73) eine kurze, quälende Kontraktion der Stimmen dort, wo es
um "mein ganzes Leben" geht; dieser 'Systole' folgt im parallelen Takt
des Nachsatzes (Takt 77) spiegelbildlich - auf den Text "Morgenreise" -
die 'Diastole', nicht triumphierend, sondern im Decrescendo und kurzen
Ritardando verhalten, in der Klavierbegleitung über die jetzt
nicht-chromatischen Sechstparallelen mit nachtwandlerischer Sicherheit
auf den durch einen Vorhalt zusätzlich akzentuierten
'schmerzhaft-schönen' Dominantseptakkord zusteuernd.
Im Nachspiel kann das Klavier gar nicht
aufhören mit der quälenden Tonika-Septakkord-Dissonanz und
den vergeblichen rhythmischen Versuchen, ein imaginäres Ziel zu
verfolgen - in der zweiten Hälfte des Taktes 83 erreicht die
zwanghaft wiederholte Bewegung endlich das Ziel der D-Dur-Tonika, nur 3
Taktschläge müssen ausreichen, um die heftige Bewegung -
"ritardando" und "diminuendo" bis hin zum Pianissimo - zur Ruhe zu
bringen, der Schlussakkord klingt für den Notenwert eines
flüchtigen Achtels auf, die Außenstimmen sind 'diastolisch'
in eine Vier-Oktaven-Distanz auseinandergetrieben, bevor die Bewegung
sich - in Achtelpause, Viertelpause, halbe Pause - in Nichts, "ins
All", "in die Unendlichkeit" - wie Hugo Wolf sagen könnte- "auflöst".
* Vortrag (+ Erläuterungen am Klavier) auf der Tagung der Deutsch-Fachleiter an baden-württembergischen Seminaren (Gymn.)
Febr.1995 Staatl. Akademie Comburg
(Der Verf. - Germanist - ist für musikwissenschaftliche Kritik dankbar.)
© Dieter Schrey 1995/2006
1 Mörike bezieht sich explizit auf die jüdisch-christliche Mythologie von
Schöpfung - Paradies - Sündenfall und versteht dabei seine Interpretation
der christlichen Vorstellungen - wie er in einem Brief an seinen Freund
Mährlen am 20.9.1828 schreibt - als
eine neue, die orthodoxe Tradition umstoßende "norma fidei" (den
Hinweis auf diese Briefäußerung verdanke ich meinem Kollegen
Günter Graf), wenn er nämlich behauptet: Der paradiesische Urzustand des Menschen
("Erstlings-Paradieseswonne") ist "nie", also auch nicht durch den sog.
Sündenfall, "verscherzt" worden, ja - noch fundamentaler -
letztlich auch die göttlichen "Schöpfungstage" haben bis
heute nicht aufgehört, sondern erneuern sich ewig. Allerdings muss
er im Gedicht diese frohe Kunde sogleich relativieren, denn die Welt
heute ist ja nur so " wie an ewig neuen Schöpfungstagen",
d.h. als ob es diese Schöpfungs- und
Paradieses-Seligkeit ewig geben würde, und die
"Erstlings-Paradieseswonne" ist gleichzeitig auch ein "Herbst- und
Frühlings fieber": krank oder kränkelnd. Und ob
schließlich, entsprechend der Grundidee des Gedichts, die leichte
"Fuß- oder Morgenreise" "am frischgeschnittnen Wanderstab" als
Bild für das "ganze Leben" taugt, wird in der letzten Strophe
durch den zwischen Potentialis und Irrealis schwankenden Konjunktiv
("wär") völlig offengelassen.
Insgesamt, Mörike in seinem Gedicht: Selbstverteidigung in
angefochtener Situation, Versuche einer Selbstbestätigung durch
einen doppelten Rückbezug, einerseits auf die eigene
Natürlichkeit und Kreatürlichkeit und damit das
Eingebundensein in den großen Zusammenhang der Natur,
andererseits auf eine unorthodoxe Frömmigkeits- und
Theologie-Tradition, die die menschliche Kreatürlichkeit positiv
interpretiert - das Gedicht als eine sehr zaghafte Utopie vor dem
Hintergrund fundamentaler Unsicherheit und Hilflosigkeit des Ich ("am
... Wanderstab"), ohne Verzweiflung, aber in einem ambivalenten
Schwebezustand. Dem steht Hugo Wolfs radikal negativere Sicht der
eigenen Kreatürlichkeit sowohl als auch der Möglichkeiten
für "mein ganzes Leben" gegenüber - andererseits ein
enthusiastisches Gefühl des eigenen Erlöstseins im Erlebnis
der Musik selber.
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