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DIETER SCHREY

"SENSIBLE WEGE " - KURZINTERPRETATION

 

Reiner Kunze
Sensible Wege

((Der Text des Gedichts wird hier eingefügt, nachdem die Copyright-Situation geklärt ist.))

In: Reiner Kunze, Sensible Wege. 48 Gedichte und ein Zyklus, Reinbek bei Hamburg 1969, S. 51



Interpretation

Zwischen die Pole "sensibel" und "versiegen" (1./6. Vers) sind eine prinzipielle Feststellung ("ist", I,1/2), ein allgemeines Verbot ("darf kein/e", I,2-4) und eine Befürchtungsäußerung ("könnten", II,1-3) eingespannt. Es geht um den Schutz der "Quellen" (2./5. Vers) und - davon abgeleitet - um den Schutz der "bäume" und "wurzeln", die "die erde über den quellen" zusammenhalten und vor Erosion bewahren. Strophe III verstärkt noch diesen Anschein einer ökologischen Intention: auf Feststellung, Verbot und Befürchtung, die im Grundsätzlichen geblieben sind, folgt eine auf die Wirklichkeit bezogene Feststellung, die gleichzeitig ein Ausruf, eine Klage ist ("wie viele ... werden"): Das begründet Verbotene und Befürchtete ist eingetreten. Erst der letzte Vers (= Str. "in uns") mit der überraschenden Pointe bestätigt die Berechtigung der Vermutung, die der Leser wohl seit dem ersten Wort "Sensibel") nicht aufgegeben hat, dass nämlich nicht (oder nicht nur?) von Ökologie die Rede ist, sondern vom Umgang mit Menschen, einem "sensiblen" Umgang mit "sensiblen Menschen".

Die "in uns" gefällten Bäume? Vielleicht das, was in uns langsam gewachsen ist, unsere Identität, unsere Eigenart, unser Eigensinn und deren Verletzung. Die gerodeten Wurzeln "in uns"? Vielleicht unsere Herkunft, unsere Tradition, unsere Geschichte und deren Zerstörung. Und "die quellen"? Das, was lebendig fließen kann, wenn sich die einzelnen "bäume" aus ihren "wurzeln" frei entfalten und in ihrer gemeinsamen "erde" ein Netz von Beziehungen aufbauen können, die das Leben ausmachen?

Und wer ist es, der die Bäume fällt und die Wurzeln rodet? Die beiden Sätze in Strophe III / IV sind passivisch formuliert. So werden die Täter versteckt - wohl, damit sie der Leser selbsttätig sucht. Sind wir’s selbst, die "in uns" die Bäume und Wurzeln zerstören? Wäre das Gedicht also mit der Wendung "durch uns" fortzusetzen? Wer ist es, welche gesellschaftlichen Instanzen sind es, die 1969, ob in der damaligen DDR oder der damaligen Bundesrepublik, oder 1989 oder in den Jahren "unseres" neuen Jahrhunderts hier und dort "unsere" geschichtliche (positive wie negative) Verwurzelung vernichten und "unser" Miteinanderwachsen verhindern?

Und die "sensiblen Wege" des Titels, von denen im Gedicht selber überhaupt nicht die Rede ist? Sind das die Wege des Umgangs miteinander, die möglich und nötig sind, wenn die wachsenden "bäume" berücksichtigt werden? Das könnten dann keine geraden, sondern nur krumme, gewundene Wege sein. Sind vielleicht "sensible" Gedichte solche Wege?

Eines ist sicherlich und fraglos wichtig: dass das Gedicht von Reiner Kunze, im Unterschied zu dem Gedicht "Die Furt" von Heinz Piontek, nicht mit Ich-Sagen, sondern mit Wir-Sagen ("uns") aufhört.


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© Dieter Schrey 1993/2006